17.06.1991

„Die Revolution frißt ihre Söhne“

Schauplatz Gazastreifen: Die acht vermummten Jugendlichen kamen am späten Nachmittag. Die Gesichter unter den gewürfelten Kopftüchern verhüllt, mit Knüppeln, Äxten und Schwertern bewaffnet, zogen sie vom Flüchtlingslager Nusseirat zum Stammsitz der Familie Mahdi, einer der wohlhabendsten palästinensischen Grundbesitzer-Clans im Gazastreifen.
Sie erkundigten sich nach dem Sohn des Hauses. Mohammed, so die bedrohliche Mitteilung, sollte als Kollaborateur der israelischen Besatzungsmacht zur Rechenschaft gezogen werden.
Der Beschuldigte war auf den Besuch vorbereitet. Mit Hilfe von rund 50 Anhängern seiner Großfamilie verjagte er die jugendlichen Häscher. Doch wenig später kehrten die Intifada-Aktivisten mit hundertfacher Verstärkung aus dem Lager zurück. Die Mahdi-Anhänger eröffneten das Feuer, schossen mit Maschinenpistolen in die vorrückende Menge von Männern, Frauen und Kindern - 24 Menschen wurden verletzt, eine Handgranate tötete den 16jährigen Hussein Abu-Jussif.
Die Schießerei steigerte sich, so ein Augenzeuge über die Auseinandersetzung, "zu einem wahren Bürgerkrieg": Ein aufgebrachter Mob von mehr als 10 000 Palästinensern stürmte aus den Slums in die umliegenden Anwesen der Familie Mahdi, plünderte und verwüstete die Wohnungen; neun Häuser und ein Auto wurden mit Molotowcocktails in Brand gesteckt.
"Die Familie kam mit dem Leben davon", berichtet Ibrahim Atif Sakari in der verkohlten Villa seines Bruders, "jetzt hat sie sich aus Furcht vor weiteren Racheakten versteckt."
Schauplatz Westjordanland: Omar Masruidsch, 20, glaubte sich sicher, als er Anfang des Monats im Zentrum von Nablus unterwegs war. Die Stadt gilt als Hochburg der Fatah, der stärksten Fraktion innerhalb der PLO. Im Gassengewirr der Kasbah war der junge Intifada-Führer israelischen Patrouillen schon oft entkommen.
Doch nicht die Besatzungsarmee, sondern die Fatah-Rivalen von der islamischen Widerstandsbewegung Hamas wurden Masruidsch zum Verhängnis. Killer der Fundamentalisten lauerten ihm im Zentrum von Nablus auf und schossen ihm in den Rücken - Masruidsch hatte als kommandierender Politkader der Fatah den Anhängern der religiösen Eiferer verboten, in der Kasbah von Nablus Tonbandkassetten mit Suren aus dem Koran zu verteilen.
Masruidsch, an der Wirbelsäule schwer verletzt, wurde rasch in das Anglikanische Krankenhaus von Nablus geschafft. Aber selbst in der Klinik war er vor seinen Verfolgern nicht sicher: Das fünfköpfige moslemische Mordkommando drang in den Operationssaal ein, die Ärzte mußten hilflos mit ansehen, wie die Hamas-Henker auf den wehrlosen Patienten einstachen.
In den besetzten Palästinensergebieten herrscht eine lähmende, schreckliche Angst - nicht vor den Razzien der israelischen Armee, sondern vor den maskierten Exekutionskommandos der Intifada-Aktivisten. Halbwüchsige Vorkämpfer des palästinensischen Aufstands morden nach eigenem Gutdünken. Nicht nur mit Dieben und Drogendealern, sondern auch mit angeblichen Spionen, Spielern und Prostituierten machen sie kurzen Prozeß: Mindestens 425 Palästinenser wurden bisher durch Landsleute hingerichtet.
Hinter den Aktionen der jugendlichen Todesschwadronen, die vorgeben, für Recht und Moral einzutreten, verbirgt sich oft grausame, willkürliche Selbstjustiz. Die Verfolgung von "Kollaborateuren" ist häufig nicht mehr als persönliche Vendetta. "Die Revolution beginnt, die eigenen Söhne zu fressen", urteilt Adnan el-Damiri, ein Fatah-Aktivist, der acht Jahre in israelischen Gefängnissen eingekerkert war, über die fortschreitende Anarchie.
Der Krieg der Steine, der den israelisch-palästinensischen Konflikt im Dezember 1987 schlagartig zum spektakulärsten aller internationalen Krisenherde machte, ist erlahmt, geknebelt von politischer Repression und wirtschaftlicher Not.
Zwar entzauberte der Aufstand die Vorstellung von Israel als wohlmeinender Besatzungsmacht. Die Bilder von prügelnden Soldaten, die mit Schlagstöcken, Tränengas und Gummigeschossen gegen Kinder und Frauen vorgingen, weckten weltweit Mitgefühl für den palästinensischen David.
Zudem schuf die Kampagne zivilen Ungehorsams erstmals das Gefühl einer palästinensischen Identität: Arabische Polizisten und Angestellte der israelischen Zivilverwaltung quittierten ihren Dienst; Bewohner der besetzten Gebiete boykottierten israelische Produkte; Dörfer, Flüchtlingslager und Stadtteile erklärten sich zu "befreiten Gebieten" und hißten die verbotene PLO-Flagge.
Doch heute, dreieinhalb Jahre nach Beginn der Intifada, sind Begeisterung und Elan des Widerstandskampfes dahin. Seit mit der Niederlage von Saddam Husseins Irak gegen die Amerikaner auch die Hoffnung auf eine rasche Lösung "von außen" zerbrochen ist, herrscht tiefe Niedergeschlagenheit. "Unterm Strich", resümiert ein palästinensischer Wirtschaftswissenschaftler ernüchtert, "haben uns Intifada und die Unterstützung des Irak im Golfkrieg nur Armut und Arbeitslosigkeit beschert."
Als Folge der Depression brechen auch verschüttete politische Gegensätze unter den Palästinensern wieder auf. Nationalisten und religiöse Organisationen - untereinander selbst wieder vielfältig in konkurrierende politische Fraktionen gespalten - kämpfen um Einfluß und Terrain. Vor allem die PLO und die islamische Widerstandsbewegung Hamas versuchen, einander die angestammten Machtbastionen streitig zu machen. Und schließlich wird der politische Grabenkrieg oft genug auch noch von persönlichen Feindschaften und Familienfehden überlagert.
Die blutigen Zwischenfälle in Gaza und der Mordanschlag von Nablus belegen, daß der palästinensische Aufstand zum Bruderkrieg unter dem Kommando von kriminellen Bandenführern degenerieren könnte. "Aus der Intifada", kommentierte das israelische Nachrichtenmagazin Jerusalem Report, "wurde die ,Intrafada''."
Sicher, Krieg in den eigenen Reihen hatte es schon immer gegeben. Während der ersten vier Monate des Aufstands richtete sich fast ein Fünftel aller 730 Attacken (einschließlich Bombenattentaten, Molotowcocktails, Brandstiftungen und Messerstechereien) nicht gegen die israelischen Besatzer, sondern gegen "Agenten Israels".
Damals galten diese Übergriffe aber als einzelne Entgleisungen übereifriger "Stoßtrupps". Die "Volkskomitees", die in den Dörfern und Städten die Intifada koordinierten, überwachten auch die Aktionen der "Schabab", der jugendlichen Krieger. Erst nachdem die palästinensischen Polizeibeamten als Zeichen der Solidarität mit der Intifada aus dem israelischen Dienst ausschieden, übernahmen die Straßenkämpfer die Aufgabe, selbst für Recht und Ordnung zu sorgen.
Damit entglitten die jugendlichen Intifada-Aktivisten zunehmend der Kontrolle ihrer politischen Ziehväter. Und seit die "Volkskomitees" durch Israels Militärbehörden verboten sind, herrscht _(* Vor dem Foto des getöteten Sohnes im ) _(Palästinenserlager Nusseirat. ) in den Städten des Westjordanlands und des Gazastreifens das Diktat der 14- bis 18jährigen und ihrer nur wenig älteren Anführer. Sie bilden den harten Kern der Intifada, operieren oft weitgehend unabhängig von den PLO-Senioren in Tunis und fordern auch von der lokalen Parteiprominenz in den besetzten Gebieten mehr Mitsprache.
Die Untergrundkämpfer mit Phantasienamen wie "Rote Adler", "Schwarze Panther", "Volksarmee" oder "Revolutionäre Sicherheitsgruppen" überwachen die konsequente Einhaltung der Streiks, treiben Steuern ein und verfolgen Kriminelle. Vergangene Woche erst ließen die Schabab auf dem Markt von Nablus öffentlich einen Dieb auspeitschen.
Solche Demonstrationen ihrer Macht sollen den Eindruck von Recht und Gesetzmäßigkeit erwecken. Tatsächlich beweist die Serie von Entführungen und Ermordungen angeblicher Kollaborateure, daß es nicht mehr nur um die Beseitigung von Spitzeln und Spionen geht, sondern vor allem um interne Machtkämpfe.
"Mindestens 60 Prozent aller als israelische Informanten getöteten Palästinenser sind unschuldige Opfer", meint Suheir Dibi, ein Journalist aus Nablus. "Die meisten der maskierten Jugendlichen sind ungebildete Teenager, einige können kaum lesen und schreiben, und sie sind ständig unter Druck - die können doch nicht vernünftig denken."
Professor Jussif Abu Samra urteilt noch härter. "Aus Jugendlichen, die mit 15, 16 Jahren fünf oder sechs Menschen umbringen", so der Psychologe an der Universität Bir Zeit, "werden größtenteils Faschisten werden."
Lange wagte niemand aus der politischen oder intellektuellen Oberschicht der Palästinenser, die selbstherrliche Diktatur der jugendlichen Intifada-Aktivisten zu kritisieren - aus Angst, womöglich selbst der Kollaboration bezichtigt zu werden.
"Der normale Bürger ist jedesmal zu Tode erschrocken, wenn er abends ein Klopfen an der Haustür hört", beschreibt das Ostjerusalemer Blatt El-Fadschr die bedrückende Stimmung, "und die Furcht wird noch größer, wenn er dann noch feststellt, daß es sich nicht um einen Soldaten handelt, sondern um einen maskierten Mann, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, bewaffnet mit einer Axt oder einem Schwert, der seinen ,Gastgeber'' auffordert, daß dessen Sohn oder Tochter mal für fünf oder zehn Minuten mitkommen solle."
"Am nächsten Morgen", so schildert die PLO-nahe Tageszeitung das grausige Geschehen, "hören wir im Israelischen Radio oder Fernsehen dann, daß eine entstellte Leiche aufgefunden wurde." Und ironisch fährt El-Fadschr fort: "Dann folgen die Flugblätter, die die Ermordung rechtfertigen, die sagen, daß ein Urteil des Volkes ergangen sei, zuvor habe die betreffende Person ihre Zusammenarbeit mit dem Feind gestanden."
Lynchjustiz und Kriminalisierung der Intifada blieben lange ein Tabu, selbst noch in der ersten Hälfte dieses Jahres, als die Zahl der von Palästinensern hingerichteten Landsleute die Zahl der von der israelischen Armee getöteten übertraf. "Wir hielten den Mund, während die Krankheit sich täglich mehr in unserem Körper ausbreitete", so ein palästinensischer Journalist über die selbstverordnete Zensur, "wir flüsterten, aber wagten nicht, laut darüber zu reden."
Erst der Fatah-Aktivist Adnan el-Damiri brach das Schweigen. Der ehemalige Studentenführer, der schon vor über 15 Jahren mit israelisch-arabischen Diskussionsrunden Aufsehen erregte, prangerte in einem eindringlichen Zeitungsartikel die dramatisch ansteigende Zahl von Exekutionen an. "Der Traum der Intifada", so seine Schlußfolgerung, "wird damit zum Alptraum." _(* Vor dem zerstörten Haus seines ) _(Bruders. )
Mit der Veröffentlichung des Beitrags setzte Damiri eine heftige Debatte in Gang. Unerhört bislang: Vergangene Woche forderten prominente palästinensische Persönlichkeiten im Ostjerusalemer Hakawati-Theater erstmals vor laufenden Fernsehkameras, daß die Herrschaft der Straße ein Ende haben müsse.
Die akademische Podiumsdiskussion, angekündigt zum Reizthema "Intifada - Realität und Erwartungen", verkündete damit fast eine politische Sensation: "Das könnte", orakelte ein israelischer Experte, "für den politischen Kampf eine neue, friedfertigere Form der Auseinandersetzung bedeuten - und das Ende der Intifada."
Doch noch läßt die Welle der Gewalt nicht merklich nach, obwohl die "Vereinte Nationale Führung" der Intifada in einem Flugblatt ein "Verbot der Vermummung" und ein Ende von "Entführungen, Verhören und Tötungen" forderte. Trotz eindringlicher Appelle - die Ostjerusalemer Nachrichtenagentur Pal-Fax beschwor gar die "Heiligkeit palästinensischen Blutes" - hat sich an der mörderischen Praxis der Intifada-Kommandos bislang nichts geändert. Bis vergangenen Freitag wurden weitere sieben Palästinenser hingerichtet.
"Exekutionsbefehle", mahnte PLO-Chef Jassir Arafat in einer Botschaft an seine Landsleute, "dürfen nur in den höchsten palästinensischen Entscheidungsgremien erteilt werden, andernfalls werden wir in ein Labyrinth stürzen, von dem nur Gott weiß, wohin es führt."
Ein Kommentator von El-Fadschr ging mit seiner Warnung noch weiter. "Es könnte uns ergehen wie Robespierre in der Französischen Revolution", schrieb er, "der die Guillotine berühmt machte und schließlich unter ihr seinen Kopf lassen mußte."
* Vor dem Foto des getöteten Sohnes im Palästinenserlager Nusseirat. * Vor dem zerstörten Haus seines Bruders.

DER SPIEGEL 25/1991
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