21.01.1991

„Diebstahl zahlt sich aus“

Der Quedlinburger Stiftsschatz kehrt heim. Was ein US-Soldat 1945 aus einem deutschen Depot stahl, ist teils auf dunklen Kunstmarkt-Kanälen, teils durch kriminalistische Recherchen zurückgewonnen. Aber die allgemeine Freude darüber hat einen unguten Beigeschmack: Die Erben des Diebes und ihre Handlanger profitieren.
Als die amerikanischen Truppen 1944 in Frankreich landeten und ins Zentrum des Deutschen Reichs vorstießen, war Joe Thomas Meador, 28jähriger Oberleutnant vom 87. Artillerie-Bataillon, immer ganz vorn dabei.
Doch sein Augenmerk galt keineswegs nur dem Feind - der studierte Kunstgeschichtler sammelte für eigene Rechnung historische Wertgegenstände, wo er sie gerade fand.
Kriegsgefährten erinnern sich, wie Kamerad Meador einmal in der Normandie einen Altar abschmückte, gelegentlich Ölgemälde mit dem Jagdmesser aus dem Rahmen schnitt und im Stoffsack verpackte oder wie er in der beschlagnahmten Biarritzer Villa der Marquise von Saint Carlos per gestohlenem Schlüssel ans Silber und Porzellan ging.
Vorgesetzte rügten Meador ("kümmert sich zu oft um Angelegenheiten nichtmilitärischer Natur") und brachten ihn wegen seiner Beutezüge sogar vors Kriegsgericht.
Doch daheim in Whitewright (Texas) freuten sie sich an Joes Paketen aus Germany, die in Packpapier herrliche Werte übermittelten. Begeistert feierte Mutter Meador, Kennerin wie ihr Sohn, eine Zustellung vom 2. August 1945, die in das Kaff an der Oklahoma-Grenze förmlich den "Geist des Mittelalters" brächte. Offenbar aus Vorsorge gegen unbefugte Feldpost-Leser umschrieb sie die Sendung als "box with bibles".
Der Geist, den Mabel Meador verspürte, spukt jetzt, bald elf Jahre nach dem Tod des Sohnes, irritierend in aller Öffentlichkeit. Denn was der GI da paketweise nach Hause schickte, stellte gängige Soldatenbeute weit in den Schatten. Während der allerletzten Kriegsphase war Meador in Quedlinburg an einen Bergstollen geraten, der einen Feindeshort von außergewöhnlichem künstlerischen, historischen und auch materiellen Wert barg: den dort ausgelagerten Schatz der einstigen Stiftskirche am Ort.
Etwa die Hälfte davon, nach Rang und hypothetischem Marktpreis, hat - laut Schätzung des Berliner Museumsmannes Dietrich Kötzsche - Meador seinerzeit abgeschleppt. Nun ist die dramatische Rückgewinnung des größten Beute-Anteils zu feiern.
Seit letzter Woche ist das nach seinem Schreiber benannte karolingische "Samuhel-Evangeliar" in der Münchner Staatsbibliothek ausgestellt (und in einem Katalog des Prestel-Verlags publiziert). Ein zweites Evangelienbuch ("Evangelistar") von 1513 liegt im Depot des Berliner Kunstgewerbemuseums. Acht weitere mittelalterliche Kostbarkeiten wie ein Reliquienkasten, der angeblich auf den 936 in Quedlinburg begrabenen König Heinrich I. zurückgeht, ein elfenbeinerner Prunkkamm sowie kunstvolle Reliquienbehältnisse aus Bergkristall warten in Dallas in Museumsgewahrsam auf baldige Heimkehr.
Die beiden Bücher waren im letzten Jahr in Deutschland angelangt. Daß nun auch der Rest folgen wird, ist das Ergebnis eines Vergleichs zwischen den Erben Meadors mit der deutschen Kulturstiftung der Länder (KSL) und dem Bundesinnenministerium. Insgesamt hat die deutsche Seite annähernd drei Millionen Dollar Lösegeld für den Rückkauf des Schatzes aufgebracht.
Voraufgegangen war ein "mannigfaltiger Krimi" (KSL-Generalsekretär Klaus Maurice) mit jahrelangem Gezerr zwischen Gaunern, Helfershelfern, Anwälten und Kunsthändlern. So bot die Beschaffung zugleich ein schräges Lehrstück.
Schlecht schneidet dabei der etablierte Kunsthandel ab, der offenbar wenig Hemmungen hat, sich mit Diebesbeute einzulassen. Und für den eventuellen Rückgewinn anderer seit Kriegsende verschollener deutscher Kunstschätze könnte die Angelegenheit ein böses, teures Omen bedeuten.
Dreigroschenoper am Kunstmarkt: Trotz des halbseidenen Ausgangs - Millionen aus Steuergeld fließen den unrechtmäßigen Inhabern zu - schien am Ende alles unter einem Hut. Die Transaktion bereicherte eine pokerstarke Erbengemeinschaft, beschäftigte Anwaltskanzleien lukrativ, bescherte Zwischenhändlern fette Rendite und machte selbst noch die abgezockten deutschen Vergleichspartner stolz. Maurice: "Wir haben einen großen Fisch geangelt!"
Dabei hat keineswegs die Stiftung allein den Schatz gerettet; ein entscheidender Anteil kommt vielmehr dem Münchner Juristen und Historiker Willi Korte zu: Nachdem Oberleutnant Meadors Erben die beiden kostbaren Bücher unter Verstoß gegen amerikanisches Strafrecht wohl längst in die Schweiz geschafft und damit begonnen hatten, sie über Mittelsmänner zu vermarkten, entdeckte Korte am 7. Mai letzten Jahres in einer Bank in Whitewright den Rest des Schatzes.
Damit war das Diebeslager geortet und auch der kriminelle Hintergrund der schweizerischen Geschäftsanbahnungen rekonstruierbar. Korte schlug Alarm. Die Spur nach Texas hatte ihm ein New Yorker Antiquar gewiesen.
Mit einer eilig eingeholten Vollmacht der Quedlinburger Kirchenverwaltung und in der Zuversicht, es werde schon jemand die Kosten tragen, stoppte der Fahnder den weiteren Schatz-Transfer. Anwälte und Gerichte bekamen reichlich zu tun.
Korte legte, zusammen mit dem New York Times-Redakteur William Honan, den er alarmiert hatte, bizarre Vorgeschichten und Hintergründe bloß.
John Meador, so zeigte sich beispielsweise, hatte unbemerkt von seiner Umgebung eine Zweitwohnung in Dallas unterhalten, wo er den Anblick der Kunstgegenstände und heimliche Freuden des Lebens genoß. Bekannte aus der örtlichen Schwulenszene, die das Apartment oft frequentierten, berichteten von den liebevoll zur Schau gestellten Altertümern des kunstsinnigen Hausherrn. Gelegentlich gingen auch Exemplare der Sammlung an Freunde.
Ein Bergkristall-Reliquiar in Form einer Bischofsmütze kam gleich zweimal abhanden. Einem jungen Freund, der es hatte mitgehen lassen, konnte _(* Mit Foto des ) _(Samuhel-Evangeliar-Einbands. ) Meador die Kostbarkeit "nach akribischer Recherche in der Stricherszene von Dallas" (Korte) wieder abjagen. Doch während er krebskrank im Pflegeheim lag, verschwand das Gefäß von neuem aus dem Apartment und tauchte nicht wieder auf. Auch ein aufklappbares Kruzifix, das Zeugen bei Meador gesehen haben wollen, fehlt bis heute.
Mit dem stillen Vergnügen an den Preziosen war es vorbei, als nach Meadors Tod die verschuldeten Erben, Schwester Jane Cook und Bruder Jack Meador, die Hand auf die Sammlung legten. Bald begannen sie den Markt zu testen - behutsam; denn der Erblasser hatte in seinem letzten Willen jeden Hinweis auf den Kunstschatz vermieden. Und die Erben hatten verabsäumt, diesen bei den Finanzbehörden zu deklarieren.
John Collins, Kunstexperte in Dallas, bekam die besten Stücke aus dem Schatz 1983 als mutmaßlich erster Außenstehender zu Gesicht. Bruder und Schwester "knallten" ihm die Handschriften auf den Tisch "wie alte Telefonbücher", entsetzt sich Collins: "Ich mußte die erst mal ermahnen."
Auf den Hinweis, die Bücher seien sicherlich ihre zwei Millionen wert, aber offensichtlich aus europäischem Besitz und mithin ohne Eigentumsnachweis praktisch unverkäuflich, sagt Collins, "sahen sie mich nur wortlos an".
Von hier an läßt sich aus gerichtlichen Befragungen und aus Dokumenten, die Korte im Verein mit Anwälten ans Licht zerrte, eine dubiose Kunstmarkt-Szenerie rekonstruieren, ein Ritual von diskreten Fühlungnahmen und Verkaufsgesprächen unter Vorbehalt.
1986 legte sich die Whitewrighter Bank ins Zeug, bei der die Meadors Kredit aufgenommen und Quedlinburger Schätze als Sicherheit hinterlegt hatten. An der Zahlungsfähigkeit seiner Kunden interessiert, kontaktierte der Bankpräsident das New Yorker Antiquariat H. P. Kraus, den internationalen Branchenführer: Zwecks Begutachtung und eventueller Vermarktung übersandte er Dias der beiden "Bibeln".
Ein Experte von der Pierpont Morgan Library in New York wurde eingeschaltet, ein Anfangsverdacht auf Diebesgut verdichtete sich rasch, aber die Sache endete ergebnislos. Die Originale waren im texanischen Safe geblieben.
Ende des Jahres ließ Kraus-Geschäftsführer Roland Folter im Londoner Auktionshaus Sotheby''s dessen Handschriftenkenner Christopher de Hamel die Samuhel-Dias sehen. Zufälliger Zeuge: der deutsche Antiquar Heribert Tenschert.
De Hamel vergewisserte sich gleich, woher das Buch stammte, spekulierte aber noch lange danach, über Geschäfte, die damit zu machen wären: "Wir möchten die Handschrift von allen Quedlinburger Ansprüchen befreit und mit einem internationalen Paß ausgestattet." Dann könnte sie zehn Millionen Pfund bringen, geheim verkauft hingegen nur eine Million. Dem Erwerber wäre in diesem Fall zu raten, "sehr teuren Rechtsbeistand" zu nehmen oder aber das Wertstück zum Nutzen später Nachfahren für 100 Jahre wegzuschließen.
Auch bei der Sotheby''s-Konkurrenz Christie''s, die im August 1987 von einem Anwalt wegen eines "vermutlich sehr wertvollen Manuskripts" im Besitz eines "Klienten in Austin" eingeschaltet wurde, konnte der anrüchige Hintergrund nicht lange fraglich sein.
Nur hatte der Jurist ja von Beginn an auf "vollständiger Vertraulichkeit" bestanden und sogar einen Vertrag mit ausdrücklichen "Nondisclosure Agreements" vorgelegt, die über alle Gespräche hinaus Gültigkeit behalten sollten. Und so artig er sich immer wieder für Christie''s-Dienste bedankte, so hartnäckig wies er auf Diskretion als Verhandlungsbasis hin.
Bei Christie''s kamen, für 6,1 Millionen Dollar versichert, auch beide Bücher tatsächlich auf den Tisch. Als Gutachter wurde ein emeritierter Princeton-Professor zugezogen - Vertraulichkeit natürlich immer vorausgesetzt.
Er befragte die Fachliteratur, informierte sich später auch bei einer Münchner Kollegin, daß die Handschriften tatsächlich in Quedlinburg gestohlen waren, und besprach bei Christie''s die Notwendigkeit, die anonymen Bücher-Besitzer zu einer "Rückführung zu ermutigen". Die wollte auch der Anwalt seinen Klienten empfehlen, erfuhr aber, sie sähen "keinen Grund für hastige Entscheidungen". Die Wertstücke wurden wieder abgeholt.
Dafür bot im Herbst 1988 der Londoner Antiquar Samuel Fogg das Samuhel-Evangeliar bei der - nicht zuständigen - Stiftung Preußischer Kulturbesitz für acht Millionen Dollar an. Das davon benachrichtigte DDR-Kulturministerium zeigte sich desinteressiert.
Im Frühjahr 1990 dann, als beim Verdealen des Schatzes an die Kulturstiftung der Länder die heiße Phase begann, taten sich vier Hauptakteure hervor: *___John Torigian, Rechtsanwalt aus Houston, der die ____Quedlinburger Handschriften ____im Erbenauftrag verschiedenen Interessenten ____präsentierte, darunter den als Mittelsmänner ____eingeschalteten *___Paul-Louis Couailhac, Kunsthändler aus Paris, der nach ____Einschätzung von KSL-Sekretär Maurice als ____"Trittbrettfahrer" das Evangeliar erst für 15, dann für ____9 Millionen Dollar an die Stiftung verkaufen wollte, *___Jacques Quentin, Kunsthändler aus Genf und Schweizer ____Depothalter der Aktion, der für zehnprozentige ____Provision 5 Millionen Dollar zu erzielen versprach, ____sowie *___Heribert Tenschert, Antiquar im niederbayerischen ____Rotthalmünster, der schließlich den Verkauf des ____Evangeliars an die Stiftung realisierte.
Am 22. März bot Couailhac dem Stiftungssekretär Maurice das Evangeliar für 9 Millionen Dollar an. Am gleichen Tag offerierte Torigian dem Bayern die Handschrift zum Ankauf auf Raten. Er wollte insgesamt 2,5 Millionen Dollar, zahlbar in Tranchen von 125 000, von 1,125 Millionen und 1,250 Millionen Dollar. Während die KSL ihre generelle Ankaufsbereitschaft signalisierte, legten die beiden noch einmal eine halbe Million drauf.
Die somit auf 3 Millionen Dollar erhöhte und am 23. März denn auch zwischen Tenschert und Torigian im Münchner Hotel Königshof fixierte Vereinbarung sollte freilich keineswegs den Verkäufern ein Aufgeld bringen. Denn am gleichen Tag einigten sich Tenschert und Torigian auf eine vertrauliche Zusatzklausel, derzufolge Tenschert "für meine Tätigkeit als Zwischenhändler" 500 000 Dollar Provision abzweigen durfte.
Der Sinn dieser verdeckten Aufsplittung ist nachträglich leicht zu begreifen. Im April schloß Tenschert mit der Kulturstiftung einen Kaufvertrag zwecks Übereignung der Handschrift für drei Millionen Dollar. Besonderheit dieser Abmachung: Der Händler sollte "auf einen Gewinn oder eine Provision bei der Abwicklung des Geschäftes" vollständig verzichten, "also selbstlos" weiterverkaufen und das der KSL durch Vorlage seines Vertrages beweisen. Schon am 23. März hatte Maurice ihm dergleichen schriftlich avisiert. _(* Mit Rest-Schatz. )
Im Gegenzug versprach die Stiftung vertraglich, für den anscheinend so altruistischen Partner Reklame zu machen - indem bei öffentlichen Erklärungen, etwa auch "Verlautbarungen der Regierung, Herr Tenschert ebenfalls in der geschilderten Weise erwähnt wird".
Dem möglichen Vorwurf des Betrugsversuchs tritt Tenschert nun mit der seltsamen Erklärung entgegen, die ausbedungene Spanne habe ihn nur für den Fall sichern sollen, daß der Verkauf an die Stiftung nicht zustande gekommen wäre. Wieso Torigian dann mit weniger Geld zufrieden gewesen wäre, wieso aber ein Gewinnverzicht Tenscherts nicht der KSL zugute kam, ist schwer nachvollziehbar.
Nach Abschluß mit der Stiftung will Tenschert seinen Vertragszusatz sofort zerrissen haben, und daß bei Torigian eine Kopie davon auftauchte, damit habe er keinesfalls gerechnet. Die 500 000 Dollar sind ihm jedenfalls nicht zugeflossen, schon weil das Geschäft mit dem Amerikaner auf halbem Wege zum Stillstand kam: Die letzte Rate von 1,25 Millionen Dollar wurde nicht mehr an Torigian ausbezahlt.
Wegen der vertragswidrigen Geheimklausel grollt Maurice, nachträglich ins Bild gesetzt, dem Mittelsmann nur matt: "Ich hätte ihm einen bösen Brief geschrieben."
Nur die ersten beiden Raten, insgesamt 1,75 Millionen, waren nach Texas geschickt worden. Dann war durch Kortes Recherchen der Stiftschatz als Hehlerware enttarnt, und die deutsche Seite stoppte mit Tenscherts Hilfe die Restzahlung an Torigian. Der kassierte dann allerdings doch noch ein zweites Mal: Tenschert erstattete der Stiftung die eigentlich eingesparten 1,25 Millionen nicht voll zurück. Ein Differenzbetrag von knapp 125 000 Dollar ging an Torigian - für das separat abgelieferte Evangelistar von 1513.
Nach geglücktem Verkauf des Samuhel-Evangeliars hatte Tenschert nämlich auch die andere Handschrift der Kulturstiftung angeboten - für zunächst 500 000 Mark. Maurice sei "Feuer und Flamme" gewesen, berichtet der Händler. Der Generalsekretär hingegen bestreitet jegliche Kaufabsicht an der mittlerweile als dubiose Kriegsbeute ausgewiesenen Handschrift.
Schließlich ging das Stück dann aber doch an die KSL: Unter konspirativen Umständen erhielt Maurice es auf dem Genfer Flughafen "von einem Herrn im Tweedjacket" (Maurice) zugesteckt.
Wie zur Demonstration, daß ehrbare Standhaftigkeit sich auszahlt, rühmte Maurice, die Auslieferung sei kostenfrei erfolgt. Folgerichtig unterblieb jeglicher KSL-Protest, als die Anbieterseite sich ihre großherzige Geste hinterher stillschweigend per Verrechnung mit 125 000 Dollar vergüten ließ.
Professionelle Skrupel aus der Branche machten in Berlin kaum Eindruck. Einen Schweizer Antiquar, der den Handel mit dem immer heißeren Schatz getadelt hatte ("Wir wundern uns"), beschied die Stiftung mit dem verlegenen Hinweis auf "Ausnahmesituationen", in denen nur "die Zahlung eines ,Finderlohns'' außerhalb des Rechtsweges das dauernde Verschwinden in private Kanäle verhindern kann".
Das Zurücknehmen der Quedlinburger Gegenstände in anonyme Schließfächer war freilich zu dem Zeitpunkt nicht mehr so einfach. Immerhin hatten sich die Mittelsmänner durch ihr Angebot offenbart. Zudem: Im Mai waren durch Schatzsucher Willi Korte die bis dahin verborgenen Auftraggeber der Quedlinburger Verkaufsaktion aufgespürt und der kriminelle Hintergrund des bevorstehenden Deals enthüllt worden.
Und der zähe Verlauf der Sondierungen schwächte die Position der Meador-Erben, zumal ihnen das FBI und die Steuerfahndung wegen des falsch deklarierten Erbes und des strafbaren Kulturexports auf der Spur waren. Auch lag beim Distriktgericht in Dallas seit Juni eine Klage, die Preziosen an die Quedlinburger Stiftskirche herauszugeben. Damit entfiel für die deutschen Stellen der Zeitdruck, das Spiel der Erben war von Rechts wegen eigentlich verloren.
Weil das aber doch nicht hundertprozentig zu garantieren war und auch noch viel Zeit und Geld gekostet hätte, entschlossen die Deutschen sich, lieber von der gesparten Rate für das Evangeliar ein gut Teil draufzuzahlen - nach Angaben von US-Juristen eine Dollar-Million, laut Maurice "weniger". Dafür versprechen die Meadors die Herausgabe der acht Stücke in Dallas und Hilfe (aber wie?) bei der Suche nach den noch fehlenden.
Das "große Vergnügen", mit dem Schatzrückführer Maurice vor dem Verhandlungssaal das Resultat verkündete, ist nur bedingt nachvollziehbar. Eher erschloß sich schon, daß die Meador-Geschwister Jack und Jane am gleichen Ort bekundeten, nun seien sie "happy".
Mit langem Gesicht begleitet dagegen Historiker Korte die Siegesfeiern nach dem Schlußakt von London. Korte, der zwar den amtlichen Rückbeschaffern die Show gestohlen, ihnen aber auch die Chance geboten hat, 1,25 Millionen Dollar einzusparen, wartet noch auf den zugesagten Ersatz seiner Auslagen. Der Münchner erbittert: "Man erbe gestohlene Ware und stelle sich nur lange genug stur - dann fließt Geld aus Bonn."
Maurice seinerseits erhofft sich von der Lösegeldzahlung eine "Köder"-Wirkung: Er fände es "phantastisch", wenn daraufhin noch vermißte Museumsgüter wie der legendäre "Schatz des Priamos" angeboten würden. Entscheiden könne man - "Jeder Fall ist anders" - dann immer noch.
Weniger euphorisch als die gelinkten Kulturträger in Deutschland sehen amerikanische Branchenkenner den "anrüchigen Vergleich" (The New York Times).
"Diebstahl zahlt sich aus", kritisiert Robert T. Buck, Direktor des Brooklyn Museum, und beschwört spöttisch eine zeitgemäße Nutzanwendung für jeden GI: "Drüben im Irak gibt''s eine Menge Kunst zu holen."
* Mit Foto des Samuhel-Evangeliar-Einbands. * Mit Rest-Schatz.

DER SPIEGEL 4/1991
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