19.08.1991

SüdafrikaBlut an den Händen

Radikale Weiße rufen zum „Dritten Freiheitskrieg“ auf: Sie fühlen sich von Präsident de Klerks Reformen bedroht.
Etliche Weinbrand hatten Eugene Terre Blanche in Fahrt gebracht. Wütend, großspurig wie immer, knallte er eine Patrone auf den Tresen. "Die ist für Frederik Willem de Klerk", tönte der Führer der Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) in einer Bar im Westtransvaal-Städtchen Ventersdorp.
Dort waren am Tag zuvor bei Kämpfen zwischen weißen Rechtsradikalen und der Polizei drei Menschen gestorben und Dutzende zum Teil schwer verletzt worden. Seine Zeche, berichteten Augenzeugen, brauchte der Buren-Ultra nicht zu zahlen.
Die Morddrohung gegen den Staatspräsidenten bestreitet Terre Blanche inzwischen. Gleichwohl ist sie symptomatisch für die Erregung, die Südafrikas radikale Weiße gepackt hat.
Jahrzehntelang herrschte die Afrikaans sprechende Minderheit mit eiserner Hand über die schwarze Bevölkerungsmehrheit. Dann kündigte de Klerk bei der Parlamentseröffnung im Februar letzten Jahres mit wenigen Sätzen - in Englisch zudem - das Ende der Apartheid an. Für viele Buren war das ein Schock, den sie noch immer nicht verkraftet haben.
Lange gab es im gewalttätigen Kap-Staat ein ehernes Gesetz: Weiße schießen nicht auf Weiße. Das letzte Mal hatten Anfang der zwanziger Jahre Ordnungshüter bei Demonstrationen von Minenarbeitern ein Blutbad unter ihren burischen Brüdern angerichtet.
Doch am vorletzten Freitag, als die AWB eine Kundgebung des Präsidenten stürmen wollte, schossen Buren wieder auf Buren, die Angreifer mit Revolvern und Elefantenbüchsen, die Sicherheitskräfte mit Schrotflinten und Tränengasgeschossen. Nun entzweit der in Ventersdorp aufgeflammte "Broedertwis" (Bruderzwist) die Minderheit an der Macht. Finanzminister Barend du Plessis und Terre Blanche beschuldigten einander im Fernsehen, "Burenblut an den Händen" zu haben.
So aufgebracht sind die burischen Eiferer, daß sie am liebsten - nach zwei Aufständen gegen die Briten Ende des vorigen Jahrhunderts - einen "Dritten Freiheitskrieg" beginnen möchten. Ihre Truppen stehen schon bereit. Nachdem Mitte der siebziger Jahre die Apartheidszügel erstmals ein wenig gelockert worden waren, kam es zu Abspaltungen im bis dahin monolithischen Burenblock. Inzwischen bereiten sich etwa 70 Gruppen und Grüppchen von Apartheidsfanatikern auf den Endkampf vor.
Die "Schlacht von Ventersdorp", so spekuliert Südafrikas Presse, kam de Klerk nicht einmal ungelegen. Nun kann der Präsident seine Rolle als moderater Mittler wiederaufnehmen, die gefährdet schien, als herauskam, daß die Regierung Schmiergelder an die Zulu-Bewegung Inkatha gezahlt hatte. Damit sollten die Zulus zu Gewaltakten gegen Nelson Mandelas Freiheitsbewegung African National Congress (ANC) aufgestachelt werden.
Daß die Sicherheitskräfte nun auf Weiße schossen, mag de Klerks beschädigte Glaubwürdigkeit bei manchen Schwarzen reparieren. Deren ungeduldige Forderungen nach schnelleren Reformen kann der Präsident zugleich mit dem Hinweis auf die rechten Widersacher abblocken.
Das unausweichliche Ende der Rassentrennung schürt beim einstigen Herrenvolk Zukunftsängste. Ihre Identitätskrise ist deutlicher ausgeprägt als bei den Englisch sprechenden Weißen, die meist liberaler sind. Anglo-Südafrikaner können sich notfalls leicht absetzen: Zehntausende sind in den letzten Jahren emigriert.
Doch über zweieinhalb Millionen "Afrikaner", wie sich die Buren selbst nennen, können kaum nach Holland, Deutschland oder Frankreich zurückkehren, woher sie seit Mitte des 17. Jahrhunderts eingewandert waren - in ihrem Selbstverständnis sind sie der einzige weiße Stamm Afrikas. Ihr Überleben auf dem Kontinent hängt von der Aussöhnung mit der schwarzen Bevölkerungsmehrheit ab, wie de Klerk mahnt.
Wie tief die Kluft zwischen schwarzen und weißen Afrikanern immer noch ist, offenbart ihr jeweiliges Geschichtsverständnis. Für die einen ist Südafrikas Vergangenheit eine endlose Kette von Ausbeutung, Unterdrückung und Enteignung durch landgierige weiße Eroberer. Erzbischof und Nobelpreisträger Desmond Tutu sagt spöttisch: "Sie befahlen uns, kniet nieder und betet. Als wir die Augen wieder aufmachten, hatten sie uns alles weggenommen."
Die weiße Minderheit lernt dagegen in den Schulen bis heute die Heldensaga von strenggläubigen Pionieren, die das Licht der europäischen Zivilisation in einen der finstersten Winkel Afrikas trugen. Die Vision eines "demokratischen Südafrika, das frei ist von Unterdrückung" (de Klerk), muß ihnen wie ein Alptraum erscheinen.
Vor allen Dingen in den ländlichen Regionen wollen viele von dieser Zukunft nichts wissen; dort bleibt vorerst alles beim alten. Bewaffnet mit umgehängten Colts und Sjamboks, Ruten aus Hartgummi, marschieren weiße Ultras in die neuerdings allen Rassen zugänglichen Schwimmbäder, verprügeln nichtweiße Badegäste und sogar Kinder. Auf Afrikaans brüllen sie wüste Verwünschungen gegen die "Kaffernhorden".
In diesen Gebieten darf noch kein Schwarzer aus dem Township in eine weiße Nachbarschaft umziehen, auch wenn die neuen Gesetze dies erlauben. Wer trotzdem wagt, auf seine wiedergewonnenen Rechte zu pochen, wird nächstens mit Steinen und Brandbomben beworfen.
Bei der Suche nach Terroristen aus dem burischen Radikalenmilieu versagt der Law-and-order-Staat Südafrika. Fast ausschließlich Buren besetzen die höheren Ränge der Sicherheitskräfte; sie verhelfen den neuen Gesetzen - wenn überhaupt - nur zögerlich zum Durchbruch.
Die Rassisten mit ihren Bärten im Stil der Voortrekker erfreuen sich regen Zulaufs. Sie rekrutieren ihren Nachwuchs vornehmlich unter verarmten Weißen. In vielen Städten haben sie Suppenküchen organisiert, vor denen sich Schlangen von arbeitslosen Weißen bilden: Eisenbahner und Bergleute, deren einst sichere Jobs zunehmend von Nichtweißen eingenommen werden. Zur warmen Mahlzeit wird Politpropaganda aufgetischt: Wer, so sollen sie sich fragen, sei wohl an ihrem Unglück schuld?
Den bedrohlichen Konflikten in Südafrika wollen die Kirchen nun eine "Nationale Friedensinitiative" entgegensetzen. Mitte vergangener Woche erklärten sich die wichtigsten politischen Parteien zur Teilnahme bereit, einschließlich der Schwarzenorganisationen Inkatha und ANC.
Nur Terre Blanches Weerstandsbeweging, jedem Dialog zutiefst abgeneigt, zögert noch. Am Prozeß der nationalen Aussöhnung will sie sich allenfalls "unter Umständen" beteiligen.
Das gilt auch für eine Allparteien-Konferenz, die für Mitte September vorgesehen ist und den Frieden besiegeln soll.

DER SPIEGEL 34/1991
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