18.02.1991

„Wasserstoffbombe des Islam“

Der Landräuber Saddam Hussein stilisierte sich zum moslemischen Gotteskrieger - und fand damit weithin Glauben. Denn die arabisch-moslemische Welt hat die schwere Kränkung nicht überwunden, die sie durch Verwestlichung und die Gründung des Staates Israel erlitt. Sie hoffte auf Revanche, und sei es durch Saddam.
Für jeden Weg gibt es eine Abkürzung, und die nächste Abkürzung des Weges zum Paradies ist der Glaubenskrieg um Gottes willen.
Für die Moslems beginnt der große Betrug des Abendlandes am Orient mit dem 2. Oktober des Jahres 1187.
Damals kapitulierten die Kreuzritter im himmlischen Jerusalem nach nur 88 Jahren christlicher Herrschaft vor dem Moslem Saladin, dem "Sultan von Syrien und Ägypten".
Saladin hatte geschworen, den Verteidigern das gleiche Blutbad zu bereiten, das die Christen nach der Eroberung der Stadt im Jahre 1099 unter Moslems und Juden angerichtet hatten. Doch als die belagerten Kreuzfahrer mit Terror drohten - sie würden die moslemischen Heiligtümer in Schutt und Asche legen -, gewährte der Sieger freien Abzug gegen Geld: zehn Golddinar pro Mann, fünf pro Frau, zwei pro Kind.
Aber mit dem Inkasso klappte es nicht, vor allem, weil Saladins Beamte Quittungen gegen Bakschisch an Christen ausgaben, die aus der Stadt entwichen, ohne Lösegeld gezahlt zu haben. Statt der erwarteten halben Million Dinar brachte Jerusalem dem Eroberer nur 100 000 ein.
Mit dem als gerechtigkeitsliebend gepriesenen mittelalterlichen Saladin pflegte sich der irakische Tyrann Saddam Hussein schon zu vergleichen, als er sich noch nicht in seinen Existenzkampf mit der Völkergemeinschaft verstrickt hatte.
Seit dem 2. August 1990 aber, als er den arabischen Nachbarn Kuweit überfiel, versuchte er, seinem Gewaltakt die Dimension einer geschichtlichen Revanche zu geben: Rache für alles Ungemach, das dem Orient im Verständnis vieler Orientalen seit dem Betrug an Saladin von seiten des Okzidents widerfahren ist.
Je brutaler der amerikanische Luftkrieg die irakische Infrastruktur zerschlug, je mehr Bilder von verstümmelten irakischen Zivilopfern durch die Weltpresse gingen, um so schriller stilisierte sich Saddam Hussein zum Kämpfer für den rechten Glauben.
Vergangene Woche waren seine religiös durchsetzten Tiraden kaum noch zu überbieten: Durch "das Wunder seines Widerstands" habe das irakische Volk "die Existenz Allahs bewiesen", tönte Saddam, und "in den Augen Gottes" habe der Irak bereits gesiegt.
War das der neueste Werbegag eines virtuosen PR-Talents oder der fromme Wahn eines in die Ecke gedrängten Desperados?
Mochten US-Präsident George Bush und sein französischer Kriegspartner Francois Mitterrand auch wiederholt beschwören: "Dies ist kein Krieg gegen den Islam" - die Strafexpedition gegen den Landräuber Saddam Hussein kochte in den Augen von Millionen Menschen der Dritten, vor allem der nahöstlichen Welt zum ersten Nord-Süd-Konflikt hoch und vollzog sich zugleich vor dem Hintergrund des fast 1400 Jahre alten Kampfes zwischen Christentum und Islam.
"Kein anderer historischer, religiöser, politischer Konflikt ist so alt, so hartnäckig und so existentiell wie dieser zwischen den beiden großen Offenbarungsreligionen und ihrem Weltmissionierungsauftrag", befand vorige Woche die FAZ.
Und im deutschen Fernsehen erklärte der marokkanische Völkerrechtler, Futurologe und Uno-Berater Mahdi el-Mandschura: "Dies ist ein Krieg der Kulturen, ein Krieg zwischen Nord und Süd, ein . . . Krieg der Umverteilung."
Westliche Rationalität mochte sich gegen eine solche Interpretation sträuben. Schließlich standen 28 Staaten, darunter 4 arabische, in der Kriegskoalition gegen den arabischen Hitler. Unzweifelhaft auch hatte der Araber Saddam Hussein zuallererst sein eigenes Land und die arabische Welt in eine bis vor kurzem kaum vorstellbare Krise gestürzt: *___Seine Scud-Raketen feuerte Saddam gleichermaßen auf den ____Judenstaat Israel und den Moslemstaat Saudi-Arabien, ____die Schutzmacht der heiligen islamischen Stätten Mekka ____und Medina, deren Herrscher ohne Saddams Aggression ____niemals US-Soldaten und -Soldatinnen in ihr ____abgeschottetes Land geholt hätten. *___Die Salven seiner Verwünschungen trafen die Vormacht ____des Westens, die Vereinigten Staaten, ebenso wie den ____volkreichsten Araberstaat, Ägypten, dessen Bürger der ____Iraker ermunterte, ihren Staatschef Husni Mubarak ____umzubringen; Syriens Regierungsblatt El-Thaura lud die ____Iraker ein, mit Saddam Hussein genauso zu verfahren.
Doch seltsam, während ursprünglich nur PLO-Chef Jassir Arafat dem Iraker zugejubelt hatte, machte ihn das Ausharren im amerikanischen Bombenhagel für die Welt zwischen Dakar und Jakarta zum panarabischen, ja panislamischen Idol. Nur sechs Tage lang hatten 1967 die Heere vierer Araberstaaten den Israelis widerstanden - jetzt schien der Irak, allein gegen die Supermacht USA, erst in der fünften Kriegswoche zu wanken.
In den vergangenen Jahrzehnten hatte Israels Luftwaffe bei Gelegenheit schon Bomben auf Bagdad, Damaskus, Beirut, Amman, Kairo und gar Tunis geworfen. Nun fielen arabische Raketen auf Tel Aviv - da jubelten die Jordanier, wenn sie die Projektile nächtens am Himmel gen Israel fliegen sahen.
In Marokko, 4000 Kilometer westlich vom Irak, konnte Autokrat Hassan II., immerhin Abkömmling des Propheten, den Taumel der Saddam-Begeisterung seiner Untertanen nur noch mit Mühe steuern. Im Jemen protestierten islamische Gelehrte gegen "den brutalen zionistisch-christlichen Angriff" auf den Irak. In Jordanien erklärte die extremistische Moslembruderschaft, seit kurzem in der Regierung: "Die Brüder im rechtgläubigen Irak sehen sich vom achten Kreuzzug bedroht."
Und für eine tunesische Uni-Dozentin geriet der Golfkrieg gar zur eschatologischen Tat: "Endlich hat die arabische Welt einen David, der die jahrhundertealte Schmach abwaschen wird." Saddam Hussein ein David? Der Diktator gebietet über die fünftstärkste Armee und eines der potentiell reichsten Ölländer der Welt - aber er verpulverte seine Menschen und Milliarden im achtjährigen Krieg gegen das Moslemland Iran. Und im Inneren erstickte sein Überwachungsstaat jede Regung von Freiheit oder Kreativität.
Saddam Hussein ein frommer Moslem? Der Boß der laizistischen "Revolutionären Partei der Arabischen Wiedergeburt" (Baath) ließ Moslembrüder ebenso brutal verfolgen wie alle anderen Gruppen der Gesellschaft, setzte Giftgas gegen moslemische Iraner wie christliche und moslemische Kurden ein und entdeckte sein Herz für die Religion erst, als ihn sein Expansionsdrang in die Klemme brachte.
Wenn dennoch immer mehr Araber und Moslems einen Tyrannen, den sie zuvor kaum schätzten, zum Protagonisten eines Kultur- und Religionskrieges zwischen Orient und Okzident erhoben, mußte ihre Verwirrung tiefere Ursachen haben als nur Solidarität mit dem Underdog unter der amerikanischen Feuerwalze. "Saddam Hussein", urteilt der französische Politologe Gilles Kepel, "ist der Katalysator sehr realer Probleme, selbst wenn er sie auf falsche Art ausdrückt."
Den wundersamen Aufstieg des untergangssüchtigen Hasardeurs Saddam erklärte Hans Magnus Enzensberger als Folge "einer lang anhaltenden kollektiven Kränkung, die das Selbstwertgefühl von Millionen bis auf den Grund zersetzt". Und der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun sah "den Schlüssel von all dem in der Demütigung der Araber, deren Tiefe und Gewicht Westler schwer abschätzen können".
Vordergründig trägt diese Demütigung den Namen Israel. Seit seiner Gründung 1948, vor allem aber seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 ist Israel für die arabische Welt der tagtägliche Beweis ihres eigenen Versagens.
Während aber die meisten Araber bisher glaubten, das "zionistische Gebilde" sei doch noch aus der Welt zu schaffen, wenn nur die USA es nicht schützten, sahen sie nun unvermittelt drei der militärisch stärksten Araberstaaten mit dem Israel-Protektor USA in einer Linie gegen den Araber Saddam - keine Aussicht mehr, mit Israel schnell fertig zu werden.
Die neuerliche Demütigung stellt sich der arabisch-islamischen Welt als vorläufig letztes Glied in einer Kette von Kulturschocks dar, die ihr die Begegnung mit dem christlichen Westen nach eigenem Verständnis zufügte. Dabei war die aggressive Inbrunst der mohammedanischen Glaubenslehre von Anfang an auf die Unterwerfung der Ungläubigen gerichtet - gewaltsame Weltmission hatte der Prophet seinen Anhängern gleich an etlichen Stellen des Koran verordnet.
Dem Christentum des damaligen Oströmischen Reiches trat eine Religion von unerhörter innerer Schlagkraft entgegen, die trotz mancher Ähnlichkeiten keine Mysterien, keine Sakramente, keine Opfer, keinen Dialog zwischen Gott und Mensch, vor allem keine Erlösung im christlichen Sinn kennt, sondern nur die absolute Unterwerfung des Menschen unter Allahs Allmacht.
Dieser monumentale Gottesbegriff macht Mohammeds Religion dem Christentum in den Augen des Orientalisten Rudolf Strothmann "so wesensfremd, daß der Islam als religiöses Erlebnis (den Christen) nicht näher steht als etwa der Buddhismus". Und der Ethnologe Joseph Henninger erklärt damit "die unüberbrückbare Kluft" zwischen den beiden Weltreligionen "von Anfang an".
Die totale Unterwerfung des Menschen unter Mohammeds allgewaltigen Gott führt dazu, daß dem Islam auch heute noch die vielfältigen Begriffspaare abendländischer Bipolarität, etwa Weltlich-Geistlich, Wissen-Glauben, Kultur-Religion, Staat-Kirche, Individuum-Gemeinschaft, nicht geläufig sind, ja als Irrlehre gelten. Kein Gebiet des Lebens - sei es Politik oder Recht, Wissenschaft oder Kunst - ist von der Religion ausgespart, jedes ist ihr unterworfen.
Die geballte Macht dieses Glaubens, mehr noch als die Stärke der arabischen Reiterheere, gab der islamischen Welt-Eroberung ihre atemberaubende Dynamik. Kurz nach 632, als der Prophet stirbt, ist die Arabische Halbinsel erstmals in ihrer Geschichte vereint, politisch wie auch religiös, in einem islamischen Gottesstaat.
Wenige Jahre später fallen die Metropolen des christlichen Ostens, Damaskus und Jerusalem, in die Hände der Eroberer, schon um 750 erreichen die Moslemkrieger Spanien im Westen und Indien im Osten. 1353 erzwingen die Türken, die inzwischen die Araber als Führer der islamischen Völker abgelöst haben, den Übergang von Kleinasien nach Europa.
1453 fällt, für die damalige Welt kaum faßbar, Konstantinopel, die einst mächtige Hauptstadt des Oströmischen Reiches. So groß war der Schock im Abendland, daß die russische Kirche zum letzten Widerstand aufrief: "Zwei Rom sind gestürzt, aber das dritte (Moskau) steht, und ein viertes wird es nicht geben."
1529, als die Heere unter dem grünen Banner des Propheten erstmals vor Wien auftauchten, war die politische wie die religiöse Einheit des großarabischen Reichs freilich längst dahin. Sunniten und Schiiten bekämpften einander, Amtssitz der Propheten-Nachfolger, der Kalifen, wurde erst Damaskus, dann Bagdad, dann Kairo, dann Cordoba, dann Konstantinopel; zeitweilig amtierten mehrere Kalifen gleichzeitig. Die moslemische Sekte der Ismaeliten nahm einmal gar Mecka ein und entführte den heiligen Schwarzen Stein.
Vom 7. bis zum 10. Jahrhundert hatte die islamische Welt eine unvergleichliche Blütezeit erlebt, die sie kulturell und zivilisatorisch weit über das mittelalterliche Abendland erhob. Bagdad galt als ebenso reich wie Konstantinopel, etliche literarische Arbeiten der Griechen blieben dem Abendland nur durch arabische Übersetzungen erhalten. Die Moslems konnten auch noch die Invasionen der Kreuzfahrer abwehren - dann jedoch kam der verhängnisvolle, bis heute nicht aufgeholte Rückschlag.
"Um 1300 war aller schöpferischer Geist, alles wissenschaftliche Forscherstreben im mohammedanischen Osten fast ausgelöscht", schreibt der britische Historiker George E. Kirk. Einerseits breiteten sich Aberglaube und Mystik aus, andererseits aber hielt die rechtgläubige Theologie die Menschen wie in einem eisernen Käfig gefangen.
Gefesselt durch ihren Glauben, verpaßte die islamische Welt den Beginn der Moderne im Westen, erlebte weder Humanismus noch Aufklärung, weder Naturrecht noch Rationalismus, noch die Säkularisierung des Lebens. Um 1600 hatte auch das Osmanische Reich seine Glanzzeit bereits hinter sich, obschon die Türken 1683 noch ein letztes Mal bis Wien vordrangen. Und zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren von der einst großartigen islamischen Zivilisation des Nahen Ostens laut Historiker Kirk "nur noch Ruinen" übrig, im Bildungswesen zählten nur noch Theologie und Jurisprudenz. Im Mief des korrupten Osmanenreiches wurde der hoffnungslos zurückgebliebene Orient nun leichte Beute des modernen europäischen Gedankenguts.
Eine Verwestlichung in Wissenszweigen, Verhaltensnormen und Organisationstechniken, die allesamt ihrer Kultur fremd waren, erfaßte vor allem die Eliten der orientalischen Länder. Sie griff an die Wurzeln ihrer islamischen Lebensordnung.
Unter dem Druck der Briten und Franzosen und schließlich auch der Deutschen mühten sich die Sultane in Konstantinopel, ihr morsches System durch Reformen von oben zu modernisieren, nicht nur in Anatolien, sondern auch in den arabischen Reichsteilen.
Die Vertreter der alten Elite der Korangelehrten wurden aus ihren Stellungen gedrängt, Schulen und Gymnasien nach westlichem Muster gegründet. "Jede Verwestlichung von Gewicht fraß um sich, sobald sie eingeführt war, und machte weitere Umformungen notwendig", so analysiert Arnold Hottinger, einer der besten deutschsprachigen Nahost-Experten, die Entwicklung.
Das osmanische Handelsgesetzbuch von 1850 war dem französischen Code de commerce nachgebildet, das Strafgesetzbuch von 1858 dem napoleonischen Code penal.
Ein deutscher Generalstabsoffizier, der spätere Generalfeldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz-Pascha, modernisierte vor dem Ersten Weltkrieg jene türkische Armee, die einst der Schrecken des Abendlandes gewesen war. Der legendäre Brite Thomas Edward Lawrence führte die Araber zum Aufstand gegen Türken und Deutsche.
Ein türkischer Offizier schließlich, Adept des Deutschen von der Goltz, Kemal Atatürk, wurde der größte Kulturrevolutionär der moslemischen Welt: Er laizisierte die islamische Theokratie Türkei. Noch als Staatschef zog er mit einer Schultafel über Land, um seine Untertanen zu lehren, die lateinische Schrift statt der arabischen des Propheten zu benutzen. 1924 wurde das Kalifat per Parlamentsbeschluß abgeschafft, der Prophet also seines Nachfolgers beraubt.
Das traumatische Erlebnis der Zerstörung fast aller überkommenen Wertvorstellungen und Institutionen durch den plötzlichen Einbruch der technischen Zivilisation und des Liberalismus hat in den Augen des Tübinger Islamwissenschaftlers Heinz Halm "in der Geschichte der europäischen Völker keine Parallele". Und für Hottinger ist letztlich die Verwestlichung die Ursache aller folgenden Widersprüche, Unsicherheiten und Fehlentwicklungen im Orient, kurz für "das Labyrinth, in dem die Araber sich befinden".
Noch während des Ersten Weltkrieges versetzten die Westmächte dem moslemischen Selbstbewußtsein zwei neue Schläge: 1916 vereinbarten Briten und Franzosen, die osmanische Beute nicht etwa den für sie kämpfenden Arabern zu überlassen, sondern unter sich aufzuteilen: der Irak und Palästina für England, Syrien und der Libanon für Frankreich. Und die beiden Kolonialmächte versuchten gar, das entsprechende Abkommen vor den Arabern verborgen zu halten.
Am 2. November 1917 erklärte Englands Premierminister Lord Balfour dann, "die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" fördern zu wollen - obschon die Bevölkerung Palästinas damals zu 90 Prozent aus Moslems und Christen bestand. Was Wunder, daß die Araber sich verraten fühlten.
1947 schließlich konnten sie nicht verhindern, daß die Uno-Vollversammlung Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat teilte - die Juden jubelten, die Araber empfanden den Akt als Tiefpunkt ihrer Erniedrigung.
Palästina gab der arabisch-moslemischen Welt die Chance einer großen politischen Identifikation, die den Palästinensern freilich außer Lippenbekenntnissen und Geldspenden nichts eintrug. Sie waren Opfer der israelischen Geschichtsfälschung geworden, nach der sie zu Hunderttausenden ihr Land freiwillig verlassen hätten, während in Wahrheit jüdischer Terror sie vertrieb. Nun gaukelten ihnen die eigenen Brüder auch noch vier Jahrzehnte lang vor, arabische Armeen würden sie triumphal in ihre Heimat zurückführen.
Doch keiner der nachkolonialen Araber-Führer war dazu in der Lage - weder der große Gamal Abd el-Nasser noch der supergroße Muammar el-Gaddafi. Nicht vereint und schon gar nicht getrennt, weder physisch noch psychisch wurden 150 Millionen Araber und eine Milliarde Moslems mit 3,5 Millionen Israelis fertig.
Und ihren vom Kolonialismus befreiten Staaten moderne Wirtschafts- und Herrschaftssysteme zu geben, schafften sie auch nicht. Meist etablierten sie Einparteien-Despotien, die freier Entwicklung keinerlei Raum ließen. Statt ihr Geld und ihre Energie zur Entschärfung des sozialen Sprengstoffs der in die Städte strömenden Massen einzusetzen, leisteten sie sich Prestigebauten und waffenstarrende Armeen.
Das alles konnte in den Augen vieler Araber nicht mit rechten Dingen zugehen, war nur mit einer Verschwörung der nichtmoslemischen, vor allem westlichen Umwelt erklärbar. Der Westen faszinierte, weckte aber gleichzeitig schwere Minderwertigkeitsgefühle. Eine der dramatischsten Folgen dieses Syndroms war "die Unfähigkeit, die Realität unvoreingenommen wahrzunehmen", schreibt der Göttinger Soziologe Bassam Tibi.
Dem Verschwörungsdenken entspringt eine oft blindwütige Dämonologie: Kritiker aus den eigenen Reihen, die versuchen, objektiv zu analysieren, müssen, wie könnte es anders sein, im Dienst der Feinde stehen. Denn "Fehler und Fehlwahrnehmungen darf es in einer dermaßen konstruierten Welt" laut Tibi nicht geben. Das Kollektiv kennt nur Freund oder Feind.
Eine radikale, Westler oft grotesk anmutende Rhetorik ist die *GESCHICHTE-3 *
Folge. Überall lauern "Verräter", "Kreuzzügler" oder "Gehilfen des Zionismus". Die Sprache dient nicht mehr der Mitteilung von Erkenntnissen oder Erfahrungen, sondern lediglich dem Zweck, die eigene begrenzte Weltsicht gegenüber den Anfeindungen von außen abzusichern.
Für die Erz- und Erbübel der arabischen Völker - Streitsucht, Uneinigkeit, Schlendrian, Korruption - ist danach in der Frühzeit ausschließlich die Despotie der Osmanen verantwortlich, seither der Westen, vor allem die USA. 1979, als fanatische Moslems den schweren Frevel begingen, die Große Moschee in Mekka zu besetzen, brannten andere Moslems strafweise die US-Botschaft im pakistanischen Islamabad nieder - obwohl Amerika an den Vorfällen in Mekka nicht die geringste Schuld trug.
Die riesige islamische Völkerfamilie von Mauretanien bis Indonesien kann gar nicht einheitlich sein, also auch nicht einheitlich handeln, ist vielmehr vielfältig und natürlicherweise auch zerrissen - doch mangels Selbstkritik mag dieses kaum jemand eingestehen. Die verbissen aufrechterhaltene Fata Morgana von der angeblichen Einheit der arabischen Nation und der moslemischen Gemeinschaft macht die Uneinigkeit dann so unerträglich, daß sie den glühenden Wunsch weckt, nur ein großer Führer könne das ungerechte Schicksal noch wenden.
Eine solche Lichtgestalt, der berühmte "Mahdi" Mohammed Ahmed Ibn el-Sajjid, führte seine Glaubenskrieger 1885 im Sudan zum Sieg über die britisch-ägyptischen Kolonialtruppen und eroberte die Hauptstadt Khartum. Erst Jahre später konnte Londons Empire-Stratege Lord Kitchener an der Spitze einer überlegenen Armee mit dem Erben des kriegerischen Mystikers fertig werden.
In den Niederungen der Wirklichkeit sahen Millionen der von Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst gequälten moslemischen Massen nur einen Ausweg, der von der Verwestlichung nicht versperrt war, der vor den Risiken der modernen Welt schützen würde und zugleich unter Gläubigen unbestritten ist: Rückkehr zur Strenge der frühislamischen Zeit, zu den ehrwürdigen Fundamenten des Propheten.
So trat in den siebziger Jahren vor dem Hintergrund des Versagens der eigenen Herrscher und der angeblichen Verschwörung des Westens der islamische Fundamentalismus seinen Siegeszug durch die moslemische Welt an: *___1979 verdrängte der Ajatollah Chomeini im Iran den ____modernistischen Despoten Schah Resa Pahlewi von der ____Macht. *___1981 ermordeten Moslem-Fanatiker den ägyptischen ____Staatschef Anwar el-Sadat wegen seines ____Friedensschlusses mit Israel. *___1988 führte Pakistans frommer Staatsgeneral Sia ul-Haq ____die Scharia, das islamische Recht, als weltliches ____Gesetz ein; im Strafrecht hatte es bereits seit 1977 ____gegolten. *___1990 siegten, im laizistischen Algerien, moslemische ____Integristen erstmals bei Kommunalwahlen, machten ____fundamentalistische "Hamas"-Guerrilleros in der ____Intifada der PLO zunehmend Konkurrenz im Kampf gegen ____Israel. *___1991 eroberten sich Anhänger der radikalen ____Moslembruderschaft sieben Sitze in der Regierung ____Jordaniens.
"La Revanche de Dieu" ("Die Rache Gottes") heißt das neueste Buch von Kepel über die "Rückeroberung der Welt" durch den Glauben (allerdings nicht nur der Moslems, sondern auch fundamentalistischer Christen und Juden).
Doch nur ein rationaler Islam wäre fähig, sich fortzuentwickeln, Anregungen der Außenwelt aufzunehmen und sich mit ihr zu verständigen. Rationale Berührungspunkte zwischen westlicher und islamischer Theologie hatte es im Hoch-Islam durchaus gegeben - der Fundamentalismus mit seinem unversöhnlichen Freund-Feind-Denken schließt sie aus.
Da sich die revolutionären Kräfte in den nahöstlichen Staaten nun nicht mehr zum abgewirtschafteten Sozialismus a la Nasser, sondern zum Islam bekannten, mußten ihnen die Regime laut Hottinger "einen nichtrevolutionären Islam entgegenstellen", so daß sie alle "merklich orthodoxer" wurden.
Kritik an der islamischen Renaissance wird durch die Totalität der Religion verhindert, ja zum Sakrileg - begrenzte Wahrnehmung der Wirklichkeit als kulturelles Gebot für das gesamte Kollektiv.
So erklärt sich der geringe Widerspruch, den der Ajatollah Chomeini unter Moslems fand, als er den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie wegen seiner "Satanischen Verse" zum Tode verurteilte - Gedankenfreiheit ist ebenso wie jedes andere individuelle Menschenrecht unislamisch.
Und so erklärt sich auch, daß der irakische Tyrann Saddam Hussein trotz seines schlechten Rufs durchaus Beifall fand, als er sein Gewaltregime nach der Annexion des Bruderstaats Kuweit zur "Festung des Glaubens" erklärte. "Noch vor 20 Jahren", urteilte Frankreichs Monde, "wäre eine so grobschlächtige Vereinnahmung des Islam durch Saddam undenkbar gewesen."
Nun aber forderte etwa Algeriens Integristenführer Abbasi el-Madani vor 60 000 pro-irakischen Demonstranten in den Straßen Algiers "Sieg für den Islam und die Moslems"; gelobte die tunesische Gewerkschaft UGTT: "Wir geben unser Blut für das irakische Volk"; rief der Mufti von Jerusalem, eine der höchsten moslemischen Autoritäten, "alle Moslems zum Heiligen Krieg gegen die USA" auf.
Jetzt hören die Saudis in ihrer bis vor kurzem noch total abgekapselten Theokratie Tag und Nacht aus dem irakischen Rundfunk: _____" O ihr Araber in Mekka und Riad, wo bleibt euer Stolz? " _____" Eure Herrscher haben eure Häuser in Hurenhäuser " _____" verwandelt. Dort gehen die ungläubigen Christen und Juden " _____" ein und aus. Und aus diesem islamischen heiligen Land, " _____" dem Land des Propheten Mohammed, kommen die Flugzeuge und " _____" bombardieren den Irak. In der ganzen arabischen " _____" Geschichte hat es noch keinen Herrscher gegeben, der sich " _____" mit Juden und Christen verbunden hat gegen ein " _____" Moslembrudervolk, wie es jetzt eure Herrscher tun. Tretet " _____" sie mit Füßen, schlitzt ihnen die Bäuche auf und begrabt " _____" die ungläubigen Christen und Juden im Wüstensand der " _____" Arabischen Halbinsel. "
Einig ist sich die arabisch-islamische Welt in ihrem Bekenntnis zu dem vorgeblichen Gotteskrieger Saddam freilich nicht. In Mekka bestritt eine andere Islam-Autorität, Abdullah Omar Nasif, Generalsekretär der Moslemischen Weltliga, dem irakischen Aggressor das Recht, zur Verteidigung seines Raubes den Heiligen Krieg für sich in Anspruch zu nehmen - moslemische Würdenträger pflegen sich, dank der engen Verbindung zwischen Staat und Religion durch Mohammed, staatlichen Willensakten selten zu verweigern.
Dschihads, Heilige Kriege, haben Moslems Hunderte proklamiert und geführt, auch unter Moslems, obschon sie sich laut Koran ausschließlich gegen Ungläubige richten dürfen. Berühmtestes Beispiel: Im Ersten Weltkrieg erklärte der Sultan (und Kalif) der mit dem Deutschen Reich verbündeten Türkei den Westmächten den Dschihad, der mit den Briten verbündete Scherif Hussein von Mekka aber den Deutschen.
Daß Westler den bigotten Gotteskrieger Saddam als orientalischen Hitler einstufen, tut ihm angesichts der unter Arabern immer noch verbreiteten Hitler-Verehrung kaum Abbruch. Aber: Ein Dschihad-Kämpfer muß laut Tradition seinen Lohn ausschließlich im Jenseits suchen - und das hat bislang noch nicht einmal der so jählings fromm gewordene Saddam von sich behauptet.
Doch so stark der Dschihad-Begriff auch schillert, so himmelschreiend das Institut mißbraucht wurde - der Bombenhagel der Supermacht USA gegen den kleinen Irak könnte auch einen besiegten Saddam noch zum islamischen Helden mit legendärem Ruf erheben und einen militärischen Sieg der US-geführten Kriegskoalition zum politischen Debakel machen. Unversöhnlicher Haß auf den Westen könnte bei einer Neuordnung der Nachkriegszeit jede Faszination durch den Westen ersetzen.
Daß Araber durch Anforderung der westlichen Armeen an diesem Sieg über Araber beteiligt wären, dürfte die Wahrnehmung vieler Moslems kaum beeinflussen: Allein die USA sowie die alten Kolonialmächte England und Frankreich hätten die Zerstörung eines arabischen Staates verursacht; Saudis und Kuweiter schrumpfen zu Gehilfen bei der Verschwörung, den arabischen David zu Fall zu bringen.
Dann wäre der Heilige Krieg des unheiligen Saladin-Nachfolgers Saddam doch noch, wie der Franzose Kepel fürchtet, die politische "Wasserstoffbombe des Islam" gewesen. o

DER SPIEGEL 8/1991
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DER SPIEGEL 8/1991
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