19.08.1991

LeichtathletikBis zum Erbrechen

Die WM-Vorbereitung zeigte die Probleme der ersten gesamtdeutschen Mannschaft auf: Der Typ des ehemaligen DDR-Athleten hat keine Zukunft.
Artig spricht Heike Drechsler in jedes Mikrofon, das ihr hingehalten wird. Ab und zu blickt die Weitsprung-Europameisterin, wie um Verzeihung bittend, zu ihrem Schwiegervater, den jedes weitere Interview nervt: "Mit was für Scheiß-Fragen die ihr Geld verdienen." Schließlich drängt er die brave Sportlerin zum Ausgang - die Familie will zurück nach Jena.
Erkennbar mißmutig spult dagegen Katrin Krabbe ihre Antworten herunter: Sie habe "hart trainiert", wolle bei der Weltmeisterschaft in Tokio auch im Einzelrennen eine Medaille holen. Dann ein kurzer Wink - die Sprinterin aus Neubrandenburg und ihr Anhang beenden die Audienz.
Die Beine weit von sich gestreckt und lässig an einem Colabecher nippend, erzählt derweil Heike Henkel von ihrer siebten Deutschen Meisterschaft. Belustigt rechnet sie an den Fingern nach, zum wievielten Mal sie gerade über zwei Meter gesprungen ist. So entspannt, als hocke sie in der Kneipe, redet die Leverkusenerin über Rekorde, Medaillen und ihren Kampf gegen Doping.
Die drei blonden Athletinnen werden, wie bei den Deutschen Meisterschaften vor drei Wochen in Hannover, von den Funktionären des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gern als die neuen Vorzeigesportler im vereinten Deutschland präsentiert.
Sie garantieren - anders als die Männer - für die am Freitag in Tokio beginnenden Weltmeisterschaften nicht nur Goldmedaillen. Sie symbolisieren nach Meinung der Verbandsführer auch ein "hundertprozentiges Vereinigungskonzept", so DLV-Präsident Helmut Meyer, das "selbst in Bonn" gelobt werde.
Auf den ersten Blick sieht es wie eine Neuauflage des "Fräuleinwunders" (Bild) aus, das den westdeutschen Leichtathletinnen bei den Olympischen Spielen 1972 in München vier Goldmedaillen bescherte.
Das deutsche Team ist dank Drechsler und Krabbe aus dem Osten und Henkel aus dem Westen so stark wie nie, die attraktiven Sportlerinnen lassen zudem jene muskelbepackten Kampfmaschinen vergessen, die jahrelang das Erscheinungsbild der Leichtathletik trübten. Doch gerade die drei Hauptdarsteller der ersten gesamtdeutschen Mannschaft bei einem Großereignis beweisen, daß von einem "harmonischen Zusammenwachsen" keine Rede sein kann. Heike Drechsler, Katrin Krabbe und Heike Henkel personifizieren vielmehr jene drei Athletenblöcke, in die das DLV-Aufgebot zerfällt.
Heike Drechsler, 26, ist die typische Vertreterin des alten Medaillen-Wunderlandes DDR. Katrin Krabbe, 21, steht für den Nachwuchs aus der Vereinigungs-Generation, der seit dem Mauerfall die Ernte des einstigen DDR-Drills einfährt.
Heike Henkel, 27, schließlich verkörpert jenen Wessi-Athleten, der sich ohne Unterstützung der Funktionäre nach oben gekämpft hat. Weil sie "so egoistisch" sei und "alles selbst in die Hand genommen" habe, so die Hochspringerin, sei sie trotz vieler Rückschläge in die Weltspitze aufgerückt.
Anders als bei Heike Henkel war Heike Drechslers Laufbahn im strengen Kommandosystem des DDR-Sports von dem Augenblick an fremdbestimmt, als Talentsucher ihr Sprungvermögen entdeckten. Das zwölfjährige Kind wurde von der SG Wismut Gera zum Sportclub Motor Jena abgeordnet, absolvierte die Kinder- und Jugendsportschule, eine Ausbildung als Feinmechanikerin und begann schließlich ein Studium als Unterstufenlehrerin.
Als Gegenleistung versprach das Mitglied der FDJ, durch gute Ergebnisse "das sportliche Ansehen unserer Republik weiter zu stärken". Die weit springende Genossin stufte ihre Leistung fürs _(* Nach ihrem Sieg bei der ) _(Europameisterschaft in Split. ) Vaterland "ähnlich der eines Soldaten der NVA" ein.
Als sich Heike Drechsler vor fünf Jahren in die Volkskammer abordnen ließ, lobte Cheftrainer Werner Trelenberg seine Musterschülerin als typisches "Kind unserer Republik". Vor allem aber war Heike Drechsler Opfer eines skrupellosen Leistungssystems.
Schon mit 17 Jahren wurde sie ins Anabolikaprogramm aufgenommen, exakt bestimmten Trainer und Ärzte ihren Jahreskonsum des DDR-üblichen Anabolikums Oral-Turinabol. Drechsler begann mit 650 Milligramm pro Jahr und steigerte die Dosis kontinuierlich auf fast 1000 Milligramm im Jahr 1985, als sie in Dresden Weltrekord sprang.
Nur einmal funktionierte die Kader-Athletin nicht so, wie es die Funktionäre von ihr verlangten. Nach den Olympischen Spielen 1988 legte sie, inzwischen mit einem Fußballtorwart verheiratet, gegen den Willen der staatlichen Medaillenzähler ein Babyjahr ein.
Der einstige "real existierende Star im Sozialismus der DDR" (Sport, Zürich) startete erst nach der Wende ein Comeback. Schnell mutierte die frühere Parteigängerin zur Großverdienerin im einst verteufelten Profi-Zirkus.
Sponsoren wie Subaru und Puma bezahlen nun die Produktion von Weltklasseleistungen nach alten Rezepten - nur hat die Jenaer Familienidylle die Rolle des Staates übernommen: Schwiegervater Erich fungiert als Trainer, Schwiegermutter Irene kümmert sich um Sohn Tony, und Ehemann Andreas führt das neue Sportgeschäft im Stadtzentrum.
Doch solche Wendekarrieren sind selten. Außer Speerwurf-Olympiasiegerin Petra Felke und Diskus-Weltmeisterin Martina Hellmann sind kaum noch langjährige "Botschafter im Trainingsanzug" (Erich Honecker) im deutschen WM-Kader. Altgediente Leistungsträger wie Silke Möller, die Titelverteidigerin über 100 und 200 Meter, haben sich nicht mehr für Tokio qualifiziert - andere ehemalige DDR-Stars wie die Olympia-Zweite Gloria Siebert laufen nur noch hinterher.
Spätestens nach den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona wird der idealtypische DDR-Athlet ganz aus den Stadien verschwunden sein. Viele Topathleten wie die 800-Meter-Weltklasse-Läuferinnen Sigrun Grau-Wodars und Christine Wachtel haben ihren Rücktritt schon angekündigt.
Die Stelle der "Leichtathletik-Königin" (Bild) ist inzwischen durch Katrin Krabbe besetzt. Leistungsmäßig durch die DDR-Experten auf große Taten vorbereitet, schöpft die Sprinterin nun den finanziellen Rahm ab. Mit den Zuwendungen des Sportausrüsters Nike, Werbeverträgen mit Mode- und Kosmetikherstellern und Startgagen bis 25 000 Mark wurde der Vereinigungs-Star zur bestbezahlten deutschen Leichtathletin.
Von den Medien zum "Nationalsymbol" (Wall Street Journal) des neuen Deutschland hochgejubelt, gefiel sich die junge Mercedes-Fahrerin anfangs in der Rolle des Glamourgirls. Heute sieht sie häufig ihre "Leistung in den Schmutz gezogen".
Katrin Krabbe mag nicht wahrhaben, daß ihre nachlassende Beliebtheit auch mit den Dopingverdächtigungen zusammenhängt, denen sie seit Monaten ausgesetzt ist. Die Abhängigkeit von ihrem Trainer, Thomas Springstein, 33, blockiert jegliche Einsicht in den Sinn der neuen Dopingkontrollen.
Denn gerade beim Thema Doping zeigt sich die kompromißlose Art des Dompteurs Springstein. Unverhohlen macht der als Bundestrainer übernommene Mecklenburger den DLV dafür verantwortlich, daß seine Schützlinge nicht noch erfolgreicher sind: "Die Konkurrenz läuft schneller, weil sie nicht so streng kontrolliert wird."
In entlarvender Offenheit betont der stets diabolisch dreinschauende Springstein, daß ihn "nichts außer dem Erfolg" interessiere. Um Medaillen zu gewinnen, müsse man, so der erfolgsüchtige Jung-Trainer, notfalls "bis zum Erbrechen" trainieren. Gehorsam lassen sich Krabbe und die 400-Meter-Läuferin Grit Breuer vor Kraftschlitten spannen, die sie so lange zu ziehen haben, "bis das Grüne aus den Augen tritt".
Springsteins Kaderschule in Neubrandenburg nach alter DDR-Art ("Ich will Medaillen sehen") taugt nicht als Modell für die Zukunft. Auch die jüngeren Sportler in der ehemaligen DDR lassen sich nicht mehr unbegrenzt verbiegen. So überlegte sich die 400-Meter-Juniorenweltmeisterin Anke Wöhlk, was in diesen Zeiten sicherer sei, "Sport oder Beruf?" Sie ging zur Deutschen Bank.
Nur selbstbewußte Leichtathleten, glaubt Harald Schmid, der Ex-Europameister über 400-Meter Hürden, hätten künftig Chancen im Stadion. Die jungen Talente müßten "große Risikobereitschaft" mitbringen und bereit sein, "alles auf eine Karte zu setzen".
Weil viele Athleten aus den neuen Bundesländern dies nie gelernt haben, geht das Niveau rapide zurück. Talente wie Kathrin Neimke, Olympia-Zweite 1988 im Kugelstoßen, oder die Diskus-Weltrekordlerin Gabriele Reinsch wurden schwächer, als das umfassende Betreuungssystem wegfiel. Hoffnungsvolle Athleten wie 400-Meter-Läufer Rico Lieder, 19, aus Chemnitz oder Dreispringer Jörg Frieß, 22, aus Berlin stagnieren, nachdem sie sich plötzlich auch um eine Berufsausbildung kümmern müssen. "Es würde mich nicht wundern", sagt Aktivensprecher Heinz Weis, "wenn 1992 der Ausverkauf der deutschen Leichtathletik stattfindet."
Als Leistungsträger bleiben dann die etwas flippigen Selfmade-Typen wie der Olympia-Zweite Dieter Baumann und Weitsprung-Europameister Dietmar Haaf übrig, die den Sport nicht "ganz so ernst nehmen".
Als Heike Henkel vor zwei Wochen in Monte Carlo deutschen Rekord sprang, fand sie dies weniger erwähnenswert. Die Design-Studentin vom Rhein war eher beeindruckt von Monacos Fürstensohn Prinz Albert: Der sei auf dem abendlichen Bankett "so locker" gewesen. o
* Nach ihrem Sieg bei der Europameisterschaft in Split.

DER SPIEGEL 34/1991
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