18.03.1991

KinoFremd in der Fremde

„I Hired a Contract Killer“. Spielfilm von Aki Kaurismäki. Finnland 1990. 80 Minuten; Farbe.
Die Finnen, sagt Aki Kaurismäki, sind neben den Argentiniern das einzige Volk, das eine existentielle Beziehung zum Tango hat. In übermütiger Stimmung behauptet er sogar, der Tango sei finnischen Ursprungs und durch einen Seemann nach Südamerika gebracht worden. Ohne einen Tango, die Stimme der Sehnsucht und des Trennungsschmerzes, geht es in Kaurismäkis Filmen nicht, obwohl es doch dort (wenn nicht gerade die "Leningrad Cowboys" aufspielen) nur spärlich und scheinbar zufällig Musik gibt, weil eben irgendwo ein Radio oder eine Musikbox dudelt. Sie erzählt um so mehr. Auch in London, in dem imaginären London, wo Kaurismäkis erster nichtfinnischer Film spielt, erklingt in einem Schicksalsaugenblick ein finnischer Tango. Was muß, das muß.
Man kann sein Leben ändern. Zum Beispiel, indem man sich umzubringen versucht. Wenn der Haken hält, an dem man den Strick festgemacht hat, um sich aufzuhängen, oder wenn nicht in dem Augenblick, wo man den Kopf in den Gasbackofen steckt, die Gewerkschaft der Gaswerksarbeiter einen Streik ausruft, klappt die Sache. Kaurismäkis Held, da er der Pechvogel schlechthin ist, hat auch damit beide Male Pech. Er verzweifelt an sich, hebt seine Ersparnisse ab und tut, was der Filmtitel ankündigt: Er gibt in einer Ganoven-Kaschemme seine Ermordung in Auftrag.
Dann sitzt er in seiner trüben Mansarde und wartet und wartet, und als ihm die Zeit lang wird, heftet er beim Weggehen an die Haustür eine Nachricht für den Killer, er sei im Pub gegenüber zu finden. Daß er ein Pechvogel ist, bestätigt sich darin, daß sein Killer ein noch größerer Pechvogel ist, ein noch verzweifelterer Versager: Er verpatzt seinen Job und begeht Selbstmord.
Wieder beginnt ein Kaurismäki-Film, lakonisch Bild an Bild reihend, mit der Bestandsaufnahme einer eintönigen Existenz. Der unscheinbare Franzose mit dem unscheinbaren Namen Henri Boulanger sitzt in einem muffigen Großraumbüro in London, hakt Akten ab und befördert sie weiter, mümmelt einsam an einem Plastiktisch das Kantinenfutter, fährt mit der U-Bahn heim, sitzt vor seinem Abendbrot, gießt zwei welke Topfblumen - und wäre er nicht die Niete vom Dienst, so ginge das immer so weiter. Jean-Pierre Leaud, der wild gestikulierende, selbstberauscht redselige Truffaut- und Godard-Held, spielt diesen Fremden in der Fremde: Kaurismäki hat ihm seine Suada genommen, nun ist Leaud, scheu, schmal, fast stumm und sehr anrührend, eine komische Kafka-Figur, ein Enkel Buster Keatons.
Man kann sein Leben ändern, indem man sich einen Mörder bestellt. Es ist, als wäre die Welt nicht mehr dieselbe, Henri merkt das sofort, als er das Pub gegenüber betritt: Er bestellt einen Whisky und noch einen, er steckt sich eine Zigarette an und noch eine, er blüht auf, er kommt mit einer Blumenverkäuferin ins Gespräch (der weizenblonden Margi Clarke), und schon ist das Leben das Abenteuer, das es nie war, die Liebe, die Flucht vor dem Tod. Während er seinem Blumenmädchen rasch einen Blumenstrauß kauft, schlägt sie in der Wohnung den endlich erschienenen Killer k.o. - mit der Vase, für die der Strauß bestimmt war. Bald wird Henri selber steckbrieflich als Killer verfolgt, aber Margi hat schon Fahrkarten besorgt und ginge mit ihm bis ans Ende der Welt, mit der Begründung: "Die Arbeiterklasse hat kein Vaterland." Die Logik dieser Geschichte ist ihr Aberwitz.
Wie es Schwarzweiß-Filme gibt, so ist dies ein Blaurot-Film. Die Räume, in denen er spielt, sind gnadenlos in stumpfen Blau- und Rottönen gestrichen, und gegen diese Blaurot-Welt hebt sich Henris Glück namens Margi durch eine unglaublich blaue Bluse oder einen irrsinnig roten Frotteemantel ab: Erinnerung an die triumphale Farbglut der Filme von Michael Powell, dem diese gewidmet ist. Was Kaurismäki an Stilisierung durch Farbe und Musik wagt, hat Wirkung, weil es nicht Künstlichkeit, sondern pure Banalität schafft. Außer den Menschen und den Himmeln gibt es in diesem Film nichts Schönes zu sehen, und manchmal ist es, als würde die Kamera selber für einen Moment die Augen schließen.
Der Grat zwischen Sentimentalität und Groteske, auf dem sich Kaurismäki bewegt, wird schmaler, seit er nicht mehr in Finnland filmt; der Wunsch nach Reinheit, der sich in seiner Kunst der Aussparungen und einfachsten Zeichen verbirgt, könnte in der Fremde zur fixen Idee werden. Aber noch einmal ist ihm das Kunststück gelungen, daß seine Tango-Traurigkeit erlösend komisch wirkt.
Urs Jenny
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 12/1991
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