18.02.1991

HormoneSteinzeit im Kopf

Das Hormon, das Wehen auslöst, steuert auch das Sexverhalten: Es macht gierig und, nachher, friedlich.
Die Experimente bereiten den Wissenschaftlern wie ihren Versuchstieren lebhaftes Vergnügen: Nach einer Spritze ins flauschige Fell verwandeln sich zuvor müde Kaninchenböcke augenblicklich in liebestolle Rammler, die sich wie elektrisiert über die verdutzten Weibchen hermachen.
Auch Karnickelweibchen geraten nach der Injektion in einen Sexualrausch: Hektisch hoppelnd präsentieren sie den Männchen ihr Hinterteil - artgemäßer Appell an die Stallgenossen, schleunigst zur Kopulation aufzureiten.
Oxytocin heißt der belebende Wirkstoff, der nicht nur bei Kaninchen, sondern bei allen Säugetieren Frühlingsgefühle hervorrufen kann. Wenn die Hormonsubstanz im Kreislauf zirkuliert, fühlt sich auch der Homo sapiens tierisch wohl: Sein sexueller Tatendrang regt sich, freudig sucht er die Nähe zum anderen Geschlecht.
Entdeckt worden ist der Hormonstoff aus dem Zwischenhirn, der von der Hypophyse gespeichert und ins Blut geträufelt wird, schon 1903; sein chemischer Aufbau, eine Kombination aus neun Aminosäuren, konnte 1950 entschlüsselt werden. Seither dient künstlich hergestelltes Oxytocin vor allem als Mittel zur Weheninduktion; in den USA etwa wird jede zweite Geburt damit eingeleitet.
Erst in den letzten Jahren erkannten die Forscher, daß der biochemische Geburtshelfer nicht nur Wehen in Gang bringen kann: Das "Gehirnhormon" Oxytocin, so zeigten Experimente, verursacht auf subtile Weise eine Fülle von Gemütsbewegungen, die den gesamten Organismus und, obendrein, bei Tieren und Menschen das Sozialverhalten beeinflussen.
Primaten zum Beispiel verspüren unter Oxytocin-Einfluß ein unbezwingliches Bedürfnis nach Hautkontakt; sie rücken zusammen und bilden eine behagliche Schmusegruppe. Feldmäuse, Ratten oder Schafe kümmern sich, nach einer Extradosis Oxytocin, mit gesteigerter Hingabe um ihre Jungen; den Muttertieren schießt die Milch in die Zitzen, die Väter necken den Nachwuchs und jagen Störenfriede grimmig davon.
Wird den Tieren ein Mittel injiziert, das den Oxytocin-Spiegel senkt, so erlischt das vorbildliche Sozialverhalten. Rattenmännchen etwa, die soeben noch eifrig mit dem Nestbau beschäftigt waren, gehen gleichgültig ihrer Wege; überkommt sie der Hunger, vergreifen sie sich kaltschnäuzig an den eigenen Jungen.
Das chemisch unscheinbare Oxytocin, meint die amerikanische Zoologie-Professorin Sue Carter, sei "im Hinblick auf die Evolution ein altes, uraltes Hormon"; es habe, indem es Hautkontakte förderte, schon in grauer Vorzeit "die Entwicklung von Sozialbeziehungen" in Gang gesetzt. Für den Anatomen Gustav F. Jirikowski aus La Jolla in Kalifornien ist Oxytocin eine erste sichtbare "Brücke zwischen Physiologie und Verhalten" - gleichsam ein Band zwischen Körper und Seele, aber auch zwischen den Lebewesen.
Ein Aphrodisiakum, das Lendenlahmen auf die Sprünge hilft, ist das Steinzeit-Hormon nach Ansicht der Fachleute nicht. Zwar quittieren Affen einen Oxytocin-Schuß häufig mit einer stolzen Erektion; auch Mäuse beiderlei Geschlechts werden scharf, wenn der Hormonschub sie durchflutet.
Doch Oxytocin, so erklären die Forscher, diene im Geschlechtsleben wie auch beim Geburtsvorgang nur als Helfer, der längst vorbereitete Aktionen schließlich in die Tat umsetze. So löst das Hormon, etwa bei Mäusen und Ratten, nur in der Paarungszeit sexuellen Hochbetrieb aus; bei manchen Tieren, meist notorischen Einzelgängern oder Asozialen, bleibt die Substanz überhaupt ohne Wirkung.
Das hat mit dem Kopf zu tun: Oxytocin übt seinen Einfluß, wie die Forscher ermittelt haben, über das Gehirn aus; dort finden sich - im Riech- und Sehzentrum, aber auch in der Steuerzentrale für den Eisprung und das endokrine System - besondere Rezeptoren, an denen die Oxytocin-Moleküle andocken können. Tiere, die über nur wenige dieser Hormonstecker im Gehirn verfügen, erweisen sich als immun gegen die sozialfreundliche Hormonwirkung - selbst eine Überdosis Oxytocin vermag sie nicht umzustimmen: Sie bleiben distanziert und einsam.
Auch der Geschlechtstrieb kann deshalb diese Singles zu keinem geselligen Verhalten bewegen. Beim Orgasmus, so haben die Experten ermittelt, rauscht eine wahre Oxytocin-Flutwelle durch die Blutkanäle; sie sorgt, nach dem Absturz vom Lustgipfel, für eine entspannte und friedliche Stimmung, die soziale Bindungen fester knüpft.
Diesen Hilfsdienst leistet das Hormon schon bei der Geburt. Die beim Geburtsvorgang beobachtete natürliche Oxytocin-Schwemme erzeugt bei Mensch und Tier ein dauerhaftes Gefühl der Verbundenheit mit dem Neugeborenen, das später so intensiv nicht mehr entstehen kann.
Mutterschafe, die gleich nach der Geburt von ihren Neugeborenen getrennt werden, lehnen schon nach wenigen Stunden die eigenen Lämmer als Fremdtiere ab. Doch schon fast erloschene Muttergefühle flackern wieder auf, wenn die Oxytocin-Produktion in den Schafsköpfen angekurbelt wird.
Bauern in Neuseeland und Australien kennen einen Trick, mit dem das gelingt: Sie stimulieren sanft das Geschlechtsteil der Tiere - nach fünf Minuten Sexmassage ist auch die Mutterliebe wieder erwacht. o

DER SPIEGEL 8/1991
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