22.07.1991

WeinLieblicher Essig

Über zwei Millionen Liter rheinlandpfälzischer Wein wurden umetikettiert, mit DDR-Wein gepanscht und illegal in Ostdeutschland verhökert.
Herbert Bermeitinger, Regierungssprecher in Rheinland-Pfalz, war sichtlich erstaunt. Im Leipziger Hotel "Merkur" genoß der ausgewiesene Weinkenner das erste Mal "so richtig einen DDR-Tropfen". Doch dann kamen ihm Zweifel. "Bei einer Blindprobe", resümierte er später, "hätte ich auf einen Pfälzer Riesling getippt."
Da könnte er recht haben. Seit der Währungsunion im Juli 1990 hat sich der äußerst trockene und stark säurehaltige DDR-Wein auf wundersame Weise vermehrt. Das knappe Gut, gerade mal 2,7 Millionen Liter 1989 (Bundesrepublik: 1,4 Milliarden Liter) von den rund 660 Hektar Anbaufläche an Saale, Unstrut und im Elbtal bei Meißen, ist plötzlich fast überall zu haben.
Fachleute wie der Vorsitzende des Bundesverbandes der Weinkommissionäre, Hans Jung, wundern sich schon länger über das reichhaltige Angebot. Als Jung im Frühjahr vergangenen Jahres in Thüringen "Weine zu normalen Marktpreisen" aus den Altbundesländern anbot, so berichtete er verärgert, winkten seine Geschäftspartner jedesmal ab. Jung: "Da waren andere wohl viel billiger."
Mit der Vermutung lag Jung wohl richtig. Wegen des Verdachts, daß rund 2,75 Millionen Liter Wein, sogenannte Übermengen des Jahrgangs 1989, aus Rheinland-Pfalz illegal in die damalige DDR verschoben wurden, ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach gegen fünf Personen. Reibach bei dem Geschäft: wahrscheinlich mehrere Millionen Mark.
Die Ermittler vermuten, daß der liebliche Riesling aus Rheinland-Pfalz mit sauren Rebensäften aus den Ost-Ländern vermischt und als Original DDR-Wein verhökert worden ist.
Bei drei Weinkellereien kaufte damals die Kölner Handelsfirma Steiner Trade GmbH 2 763 537 Liter Übermengen-Wein, genauso viel wie die gesamte Jahresproduktion 1989 der alten DDR. Nach dem Weingesetz dürfen Erntemengen, die aufgrund der europäischen Mengenregulierung über dem zulässigen Hektarertrag liegen, nur noch für die Destillation, für Weinessig oder als Traubensaft abgegeben werden. Der Preis, maximal 50 bis 60 Pfennig pro Liter, liegt weit unter den Herstellungskosten.
Die Lieferung des Übermengen-Weines in die DDR organisierte die Ost-Berliner "Genußmittel Import - Export", ein volkseigener Betrieb, der dem damaligen Außenhandelsminister Gerhard Beil unterstand.
Bei ihrem Weg vom rheinhessischen Saulheim über Bebra nach Weimar wurden die westdeutschen Übermengen erst einmal in französischen Wein verwandelt. Der Transportzettel des Wagons (Nr. 255 073 510 49-7) wies plötzlich als Absender des lieblichen Essigs die Firma "Raymond Huet S. A. 33820 St. Ciers/ Gironde/France" aus.
Dann verteilte das DDR-Außenhandelsministerium die Übermengen weiter, zum Beispiel an die Firma "Weimar-Getränke". Das Unternehmen besaß jedoch weder eine Technologie zur Destillation, noch zur Essigbereitung oder zur Herstellung von Traubensaft. Auch über Devisen verfügte der Betrieb nicht. Die Rechnungen beglich deshalb das "Kombinat Sekt, Wein, Spirituosen Berlin", Friedensstraße 89, Berlin 1017.
Angeblich wurde in dem Weimarer Ostbetrieb ein Teil des Weines, der eigentlich zu Essig werden sollte, für die Herstellung der Sektsorte "Schloß Molsdorf" verarbeitet. Doch genaue Mengenangaben lassen sich nicht mehr ermitteln: Die Verschnittbücher und Unterlagen seien verbrannt, teilte der Magistrat der Stadt Weimar dem Chemischen Untersuchungsamt in Mainz mit.
Unklar ist für die Ermittler zudem, welche Rolle der damalige Weinbauminister _(* Oben: mit Nahe-Weinkönigin Jutta ) _(Steyer auf der Grünen Woche in Berlin; ) _(unten: Sitz der inzwischen aufgelösten ) _("Genußmittel Import - Export". ) Dieter Ziegler (CDU) bei dem zwielichtigen Geschäft gespielt hat. So besaß sein Ministerium bereits Ende 1989 erste Hinweise darauf, daß Übermengen aus Rheinland-Pfalz illegal in die damalige DDR verkauft würden. Zwar schaltete das Ministerium die Weinkontroll-Behörde ein. Doch die Staatsanwaltschaft wurde erst im März informiert.
Eingefädelt hatte den Verkauf der heutige Geschäftsführer der landeseigenen Agrar-Marketing-Gesellschaft, Richard Sebastian. Ziegler, in dessen Heimatort Maikammer eine der beschuldigten Kellereien liegt, habe ihn "privat und ohne Bezug zum Ministerium" um die "Vermittlungsbemühungen" gebeten, berichtete Sebastian vorletzte Woche seinem neuen Chef, dem sozialdemokratischen Weinbauminister Karl Schneider.
Daß die Weine aus Rheinland-Pfalz mit den raren DDR-Sorten verschnitten worden sind, will nicht einmal Ziegler ausschließen. "Unter der Hand", räumte der Ex-Minister ein, seien da Andeutungen gemacht worden. Auch Hermann Hillebrand, Leitender Oberstaatsanwalt in Bad Kreuznach, ist sicher: "Nach dem jetzigen Kenntnisstand wird der Wein dort vertrieben."
Merkwürdig ist auch, daß der Coup erst nach dem SPD-Wahlsieg vor drei Monaten bekannt wurde und die Ermittlungen forciert wurden. "Eigentlich", schimpft ein Schneider-Vertrauter auf die alte CDU-Regierung, "hätten die Behörden viel früher schalten müssen."
Als Ende Oktober und Anfang November 1989 eine DDR-Kommission in Gau-Bickelheim, Maikammer und Saulheim die Übermengen angeblich für die Essig-Produktion erwerben wollte, wurde erst einmal eine ausgiebige Weinprobe zelebriert.
Und Ziegler lud die Delegation eigens zu einem Essen ein. Ein Ministerialer wunderte sich: "Das gibt''s doch nicht, daß einer den Wein probiert, den er zu Essig verarbeiten will."
* Oben: mit Nahe-Weinkönigin Jutta Steyer auf der Grünen Woche in Berlin; unten: Sitz der inzwischen aufgelösten "Genußmittel Import - Export".

DER SPIEGEL 30/1991
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