22.07.1991

KriminalitätRegelmäßig abgeschmiert

Jugoslawische Banden, die mit dem betrügerischen Hütchenspiel Passanten ausnehmen, liefern sich blutige Fehden um ihre Reviere.
Diesmal war die Frankfurter Gang am Zug. Drei Jugoslawen vom Main stürmten die Kneipe "Zum Troll" im Berliner Bezirk Kreuzberg. Einer hielt mit einer Pistole die Gäste in Schach, die beiden Komplizen droschen mit Eisenstangen auf ihren 18 Jahre alten Landsmann Gajur ein und zerschmetterten ihm die Schädeldecke.
Der Jugendliche wurde, Ende Juni, Opfer eines Vergeltungsschlages. Im März dieses Jahres war Gajur dabeigewesen, als eine Berliner Jugoslawen-Clique am hellichten Tage auf dem Kurfürstendamm mit Messern auf angereiste Rivalen aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel losging und einem von ihnen dreimal in den Bauch stach.
Und am Donnerstag voriger Woche, kurz nach Mitternacht, verbluteten vor einem Peep-Show-Lokal in Frankfurt zwei Kosovo-Albaner. Auf sie waren ein halbes Dutzend Pistolenschüsse aus einem vorbeifahrenden VW Golf abgefeuert worden. Drei weitere Männer, Angehörige einer 15köpfigen Jugoslawen-Gruppe, und ein zufällig vorbeilaufender Chinese wurden schwer verletzt.
Die brutalen Kämpfe zwischen den jugoslawischen Banden - auf der einen Seite der Berliner Trupp mazedonischer Herkunft, auf der anderen die Frankfurter Horde aus der Provinz Kosovo - haben einen Hintergrund, der frei von politischen Motiven ist und harmlos klingt: Es geht ums Hütchenspielen.
Als vergnüglicher Zeitvertreib hat das Spiel eine lange Tradition. Schon im Mittelalter unterhielten fingerfertige Gaukler damit Neugierige auf Märkten und am Hofe.
Die Regeln sind bis heute gleich geblieben. Der Veranstalter stülpt einen von drei Fingerhüten - neuerdings auch Streichholzschachteln oder Flaschenverschlüsse - über eine Erbse oder eine Stanniolkugel und schiebt die Behältnisse verwirrend schnell hin und her. Der Spieler muß am Ende auf das Hütchen zeigen, unter dem er das Kügelchen vermutet. Tippt er richtig, kassiert er das Doppelte seines Einsatzes. Liegt er daneben, ist das Setzgeld weg.
Aus der Volksbelustigung ist ein lukrativer Erwerbszweig für brutal operierende jugoslawische Banden geworden, die einen erbitterten Krieg um die günstigsten Standorte im vereinigten Deutschland führen. Da sind, klagt der Berliner Polizeihauptkommissar Peter Glaser, "keine freischaffenden Künstler am Werk, die sind alle straff organisiert".
Die Bosse des einträglichen Gewerbes schicken meist Dreier-Teams los, die auf dem Balkan für ihre Einsätze geschult wurden. Der Straßen-Croupier muß gelernt haben, die Kugel unter dem Hütchen schnell verschwinden zu lassen, wenn der Spieler richtig gedeutet hat.
Zur Seite steht ihm nach Kripo-Erkenntnissen ein Lockvogel, der anfangs gewinnt, so den Passanten Vertrauen einflößt und ihre Spiellust weckt. Außerdem muß er den Wettenden notfalls ablenken, damit der Hütchenspieler bei einem Treffer die Kugel noch rechtzeitig entfernen kann. Ein Dritter steht Schmiere, um Polizeikontrollen oder anrückende Rollkommandos konkurrierender Unternehmer zu melden.
Die Gaunerkolonnen suchen und finden ihre Kundschaft in den Amüsier- und Einkaufszentren westdeutscher Großstädte. Mittlerweile nehmen sie aber auch, vor dem Leipziger Hauptbahnhof etwa, gutgläubige Ossis aus.
Beliebte Standorte der Straßenzocker sind Gebrauchtwagenmärkte sowie "alle Plätze", so der Frankfurter Kriminaloberrat Klaus Rudolph, "wo Leute mit viel Bargeld in der Tasche rumlaufen". Ein 51jähriger Familienvater aus dem oberhessischen Schwalm-Eder-Kreis beispielsweise ließ sich in Frankfurt insgesamt 10 200 Mark abluchsen, die er für eine Wohnungseinrichtung für seinen Sohn hatte ausgeben wollen.
Wer gegen betrügerische Manipulationen aufmuckt oder nur seinen Einsatz zurückzieht, muß damit rechnen, schwer mißhandelt zu werden. Im Frankfurter Bahnhofsviertel hielt Mitte Juni ein milieukundiger Taxifahrer seinen Fahrgast in letzter Sekunde davon ab, sich auf ein Spielchen einzulassen. Die drei jugoslawischen Veranstalter schlugen beide nieder und zogen dem Fremden sodann 2000 Mark aus der Tasche.
Rabiat geht es vor allem in der Berliner Hütchen-Szene zu. Ein kräftiger Grieche stellte in der Budapester Straße seinen Fuß auf die Streichholzschachtel, unter der er das Kügelchen vermutete, und wollte zehn Hunderter setzen - da traf ihn von hinten ein Schlag auf den Kopf.
Anfang Mai lieferten sich auf dem Breitscheidplatz mit Messern und Morgensternen bewaffnete Jugoslawen und Araber eine Straßenschlacht. Der Anlaß: Ein 14jähriger Araberjunge fühlte sich von einem Hütchenspieler betrogen, wollte sein Geld wiederhaben und wurde kurzerhand von einem Jugoslawen niedergestochen. In Berlin zählt die Kripo mittlerweile rund 300 Straßenzocker, vor denen sie über Lautsprecher und per Handzettel warnt.
Das Räuberspiel mit den Hütchen und die eskalierende Gewalt drumherum werden durch eine unsichere Rechtslage begünstigt. Verfolgt kann gemäß Paragraph 284 des Strafgesetzbuches nur werden, wer ohne behördliche Erlaubnis öffentlich ein Glücksspiel betreibt. Wird ein Spiel dagegen durch reine Geschicklichkeit der Teilnehmer entschieden, kann es frei angeboten werden.
Zum Hütchenspiel hat der Bundesgerichtshof (BGH) im Januar 1989 ein verblüffendes Urteil gefällt: Es könne sowohl auf Glück als auch auf Geschicklichkeit basieren. Um ihre Es-kommtdrauf-an-Entscheidung zu begründen, haben die Karlsruher Richter eine juristische Verrenkung vollführt.
Die Geschicklichkeit sei maßgebend, wägten sie ab, wenn die Hütchen "relativ langsam bewegt werden" und "an die Konzentrations- und Merkfähigkeit des Mitspielers erfüllbare Anforderungen gestellt werden". Nehme aber ein "über besondere Fingerfertigkeit verfügender Veranstalter" die "Schiebe- und Wechselakte derart schnell" vor, daß "ein durchschnittlicher Mitspieler" die Positionen der Kugel nur noch raten könne, dann könne es sich um Glücksspiel handeln.
Der richtigen Einordnung - Geschick oder Glück - seien, erläuterte der BGH, "die Spielverhältnisse zugrundezulegen, unter denen das Spiel eröffnet ist und gewöhnlich betrieben wird".
Das Orakel aus Karlsruhe stellt die Fahnder nun vor die schier unlösbare Aufgabe, in jedem einzelnen Fall den Beweis zu führen, daß ein Hütchenspieler mit den Fingern zu flink ist. Das Urteil, klagen Polizeipraktiker wie der Frankfurter Kriminalrat Karl-Heinz Reinstädt, führe dazu, daß Strafverfahren gegen die Gaukler wegen verbotenen Glücksspiels "regelmäßig abgeschmiert werden".
Um die Zocker-Szene zumindest ein wenig zu verunsichern, weichen die Ermittler auf mäßig einschneidende Sanktionen aus. Sie melden festgenommene Profispieler vom Balkan den Ordnungsbehörden, die wegen unbefugter Straßennutzung Bußgelder verhängen und die sichergestellten Gewinne einziehen.
Um den Zockerbanden ihr Handwerk zu legen, fordern Politiker bereits eine Strafrechtsänderung. Der Berlin-Charlottenburger Wirtschaftsstadtrat Helmut Heinrich etwa kämpft dafür, auch öffentlich betriebene Geschicklichkeitsspiele wie das Hütchenschieben unter Strafe zu stellen.
Der Christdemokrat sieht darin auch eine soziale Verpflichtung des Gesetzgebers. Denn der Staat, mahnt Heinrich, habe eine Schutzfunktion gerade auch "für die Dümmeren, die sich auf solche Spielchen einlassen".

DER SPIEGEL 30/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kriminalität:
Regelmäßig abgeschmiert

Video 01:30

"Remembrance Day" in Großbritannien Blüten aus dem Bomber

  • Video "Liverpool-Sieg über Manchester City: Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen" Video 01:41
    Liverpool-Sieg über Manchester City: "Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen"
  • Video "Atomkonflikt: Iran beginnt mit Bau eines zweiten Reaktors" Video 01:36
    Atomkonflikt: Iran beginnt mit Bau eines zweiten Reaktors
  • Video "Hongkong: Polizist feuert auf Demonstranten" Video 01:20
    Hongkong: Polizist feuert auf Demonstranten
  • Video "Russland: Letzte Tiere aus Wal-Gefängnis freigelassen" Video 00:55
    Russland: Letzte Tiere aus "Wal-Gefängnis" freigelassen
  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Die dritte Kraft" Video 02:56
    Wahlkampf in Großbritannien: Die dritte Kraft
  • Video "Bolivien: Präsident Morales erklärt Rücktritt" Video 00:32
    Bolivien: Präsident Morales erklärt Rücktritt
  • Video "SPD-Vorsitz: Das Kandidatenduell" Video 42:03
    SPD-Vorsitz: Das Kandidatenduell
  • Video "Filmstarts der Woche: Der aufrechte Patriot" Video 06:11
    Filmstarts der Woche: Der aufrechte Patriot
  • Video "Die Chaotisch Demokratische Union: Nur ein Frieden auf Zeit" Video 03:24
    Die Chaotisch Demokratische Union: "Nur ein Frieden auf Zeit"
  • Video "Tirade gegen Impeachment-Prozess: Trump gegen die Never-Trumpers" Video 02:12
    Tirade gegen Impeachment-Prozess: Trump gegen die "Never-Trumpers"
  • Video "30 Jahre Mauerfall: Virtuelle Zeitreise ins geteilte Berlin" Video 05:07
    30 Jahre Mauerfall: Virtuelle Zeitreise ins geteilte Berlin
  • Video "Krieg in der Ostukraine: Dritte Phase des Truppenrückzugs beginnt" Video 00:51
    Krieg in der Ostukraine: Dritte Phase des Truppenrückzugs beginnt
  • Video "Trauer nach Tod eines Studenten: Das hat Hongkong tief erschüttert" Video 02:45
    Trauer nach Tod eines Studenten: "Das hat Hongkong tief erschüttert"
  • Video "Ein Jahr nach Waldbrandkatastrophe: Neue Hoffnung in Paradise" Video 03:29
    Ein Jahr nach Waldbrandkatastrophe: Neue Hoffnung in Paradise
  • Video "Remembrance Day in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber" Video 01:30
    "Remembrance Day" in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber