28.01.1991

ProzesseLichterflut und Marmor

In Berlin beginnt das erste Verfahren gegen einen einstmals Mächtigen der DDR: Harry Tisch soll mehr als 100 Millionen Mark veruntreut haben.
Die SED-Führer im Politbüro waren ratlos. Für das Nationale Jugendfestival der Freien Deutschen Jugend fehlte das Geld. Generalsekretär Erich Honecker schaute fragend in die Runde.
Da meldete sich Harry Tisch, der Chef des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB), mit einem Vorschlag. Er bot 100 Millionen Mark aus dem Solidaritätsfonds der DDR-Massenorganisation an, der beispielsweise für Gesinnungsfreunde in Angola und Nicaragua eingerichtet worden war.
Die generöse Tisch-Offerte, erinnert sich ein Zeuge, "wurde zustimmend zur Kenntnis genommen". Mit einem Federstrich plünderten die SED-Führer die aus Spenden der 9,6 Millionen FDGB-Mitglieder gespeiste Kasse: In drei Raten wurden die 100 Millionen Mark vom Konto 930 abgebucht, das Festival 1984 (Gesamtkosten: 125,2 Millionen Mark) war gerettet.
Die Finanzierung hatte, aus heutiger Sicht, einen Schönheitsfehler: Der Gewerkschaftsboß handelte "ohne jede Abstimmung mit dem Leitungskollektiv" des FDGB, wie die DDR-Generalstaatsanwaltschaft notierte, nachdem Tisch gestürzt und Anfang Dezember 1989 inhaftiert worden war.
Die eigenmächtige Transaktion ist einer von drei Anklagepunkten, mit denen Harry Tisch, 63, vom Dienstag dieser Woche an vor der 19. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin wegen Untreue und Vertrauensmißbrauchs der Prozeß gemacht wird. Die 24 Seiten starke Anklageschrift vom Februar vergangenen Jahres, unterzeichnet vom damaligen stellvertretenden DDR-Generalstaatsanwalt Lothar Reuter, wurde von der West-Berliner Justiz übernommen.
Tisch ist der erste aus der Riege der einstmals Mächtigen in der DDR, der sich vor Gericht verantworten muß. Womöglich bleibt er auch der einzige: Außer Tisch ist von den früheren DDR-Spitzenfunktionären derzeit nur der ehemalige Staatssicherheitsminister Erich Mielke, 83, in Justizgewahrsam. Gemeinsam wurden sie am Tag nach der deutschen Vereinigung, am 4. Oktober, aus der Anstalt Hohenschönhausen ins Untersuchungsgefängnis Moabit im Westen Berlins und später ins Haftkrankenhaus Plötzensee verlegt.
Anders als in den Verfahren gegen Honecker und Mielke, in denen es immerhin um Menschenrechtsverletzungen des SED-Regimes geht, muß sich die Justiz vorerst mit eher kleinkarierten SED-Interna und den Vermögensangelegenheiten eines unseriösen Genossen beschäftigen.
Der machte gern große Worte. "Wir sind", deklamierte der Gewerkschafter Tisch einmal, "in den Händen der Arbeiterklasse eine Organisation, die in freier Entscheidung das tut, was für die Arbeiterklasse und alle Werktätigen richtig ist."
Nichts als hohles Bonzen-Pathos: Der FDGB-Boß, gelernter Bauschlosser und auf der Parteihochschule "Karl Marx" zum Diplom-Gesellschaftswissenschaftler geadelt, nutzte seine Position, um sich das Leben angenehm zu machen.
Im Jahr 1980 ließ er in Graal-Müritz bei Rostock für 40 Millionen Mark ein Gewerkschafts-Ferienheim bauen, mitten in einem Buchenhain, nur 50 Meter vom Meer entfernt. Das FDGB-Freizeitzentrum nutzte Tisch regelmäßig als privates Ferienquartier. Obwohl, wie sich Mitarbeiter erinnern, nie mehr als 40 Gäste dort urlaubten, standen 130 Angestellte auf der Lohnliste des Ferienheims - um vor allem Tisch zu Diensten zu sein.
Das Haus bot allen erdenklichen Luxus: Lichterflut, Spiegelsäulen und Marmor am Portal, im Innenhof einen künstlich angelegten Wasserfall, die Schwimmhalle mit 25-Meter-Becken auf 28 Grad temperiert.
Die Erholung leistete sich Tisch seit 1985 nicht aus eigener Tasche. Um die Urlaubskosten eines Jahres decken zu können, wären, wie der Staatsanwalt vorrechnet, "zwei Monatsgehälter des Beschuldigten" erforderlich gewesen.
Tisch beglich seine Urlaube an der Ostsee vom FDGB-Konto 402 ("Verfügungsfonds"). Und er finanzierte damit zwischen 1985 und 1989 auch die Familienferien seiner Tochter und des SED-Wirtschaftslenkers Günter Mittag, der bisweilen mit einem guten Dutzend Begleiter anreiste. Alle ließen es sich auf FDGB-Kosten gutgehen. "Bei Mittag", notierte der Staatsanwalt, "fehlte ihm der Mut, diesen auf die Bezahlung der Urlaubsrechnungen hinzuweisen."
Insgesamt 83 994,03 Mark, addierte der Staatsanwalt die von der FDGB-Zentrale bezahlten Urlaubsrechnungen, betrage der Schaden - zweiter Punkt der Anklage.
Der dritte Vorwurf im anstehenden Gerichtsverfahren resultiert aus der ausschweifenden Jagdleidenschaft des Gewerkschafters. Seit den sechziger Jahren war Tisch ständiger Gast im Staatsjagdgebiet Eixen bei Rostock. Im Jahr 1985 habe er den Gedanken entwickelt, so der Staatsanwalt, zur noch attraktiveren Gestaltung seiner Freizeit in Eixen umfangreiche Neubau- und Ausstattungsmaßnahmen durchführen zu lassen.
Während in der DDR die Häuser verfielen, ließ Tisch sein Revier herrschaftlich herrichten. Lediglich 100 000 Mark hatte der Leiter der Inspektion Staatsjagd für Wertverbesserungen am Blockhaus und am Forsthaus in Eixen vorgesehen, tatsächlich verbaut wurden 4 558 876,71 DDR-Mark - doch "nicht für eine Mark", so der Staatsanwalt, brachte die Maßnahme einen "Nutzeffekt für den FDGB".
Das in Eixen verwendete Material stammte größtenteils vom zeitgleich errichteten Neubau der FDGB-Zentrale am Märkischen Ufer in Berlin, wo man großzügig geplant hatte. Von dort wurden die Baustoffe auf Lastwagen in den Eixener Wald geschafft.
Von außen machte Tischs Jagdhaus nicht viel her, aber drinnen war alles vom Feinsten: Im Wohnzimmer wärmte sich der Hausherr am Kamin, Entspannung fand er in Sauna und Solarium.
"Selbstherrlich", urteilt der Staatsanwalt, habe Tisch die Bauabteilung beauftragt, seine Vorstellungen und Wünsche umsetzen zu lassen. Stets habe er sich für attraktive und teure Varianten entschieden. Einmal ließ er angeblich sogar eine in Einzelanfertigung hergestellte und bereits eingebaute Schrankwand wieder entfernen und eine neue anfertigen, weil ihm die Farbe der ersten nicht zugesagt hatte.
Jahrelang hat Tisch, ein Schwadroneur und Lebemann, seine Umgebung spüren lassen, daß für ihn andere Normen galten als für gewöhnliche DDR-Bürger. Wie mächtig er war, belegen Erzählungen über seinen Wunsch, mitten im Winter mitten in der DDR im FDGB-Heim Graal-Müritz frisch gepreßten Grapefruitsaft zum Frühstück zu bekommen. Er bekam ihn.
Wie Tisch mit Gewerkschaftsgeldern umging, resümierte der Ankläger, sei "Ausdruck der angemaßten Selbstherrlichkeit". Der Beschuldigte zeige zudem eine an Hörigkeit grenzende Abhängigkeit von Erich Honecker und Günter Mittag.
Tischs Anwalt Winfried Matthäus aus dem Ostteil Berlins verweist darauf, daß nach westlichem Rechtsverständnis Finanzschiebereien, wie sie in der SED-Spitze vorkamen, nur bestraft werden können, wenn ein Schaden entstanden ist. Matthäus meint, Tisch habe "das sozialistische Eigentum nicht geschädigt".
Denn anders als im Kapitalismus blieb nach SED-Lehre jeder Pfennig der "4 558 876,71 M", die Tisch in Eixen investierte, in der Familie: Sowohl die FDGB-Kasse als auch die Staatsjagd standen ja im sozialistischen Eigentum. Sein Mandant, sagt der Jurist, habe das Geld nur "umgeschichtet".
Schweigend verbringt Tisch seine Tage im Haftkrankenhaus Plötzensee, über die Vergangenheit äußert er sich gegenüber den Pflegern nicht. Nur einmal, berichtet der Anstaltsleiter, sei es aus Tisch herausgebrochen: "Ich wollte doch nur Gutes." _(* Bei der Vereidigung durch ) _(Landtagspräsident Erich Schneider (l.) ) _(am 22. Januar. )
DDR-Gewerkschaftsboß Tisch (1989), Trophäe, Tisch-Jagdhütten: Grapefruitsaft zum Frühstück
* Bei der Vereidigung durch Landtagspräsident Erich Schneider (l.) am 22. Januar.

DER SPIEGEL 5/1991
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