28.01.1991

„Mann, ich hab' sie“

Grellgelb schreibt der Schweif der Abwehrrakete seine parabelförmige Bahn in den Nachthimmel über der saudiarabischen Hafenstadt Dhahran. Plötzlich knickt der Feuerschweif des Projektils von seiner makellos gezeichneten Flugbahn ab, eine Explosion flammt auf. Ein Soldat der US-Raketenbatterie bejubelt die Leuchtspur am Himmel: "Mann, ich hab' sie!"
Hoch über der Stadt am Persischen Golf war die fünf Meter lange Abwehrrakete vom Typ "Patriot" gegen eine der gut doppelt so langen irakischen "Scud"-Raketen geprallt, war so aus der Flugbahn gelenkt worden und hatte dabei den todbringenden Flugkörper zerstört.
Dutzende Male seit Beginn des Golfkrieges zeichneten Patriot-Raketen mit Flammenschrift ihre Bahn in die Wüstennacht und zerfetzten feindliche Projektile. Bislang wurden so 29 Scud-Raketen zerstört. Bis Ende letzter Woche erreichte nur einer der auf Saudi-Arabien abgefeuerten Flugkörper sein Ziel und zerstörte dabei ein Gebäude in Riad.
Auch als am Freitag abend letzter Woche zum fünftenmal irakische Scuds auf Israel abgeschossen wurden, trafen Patriot-Raketen alle sieben anfliegenden Projektile. Raketentrümmer, die nahe Tel Aviv einschlugen, töteten nach Angaben des Armeerundfunks einen Bürger der Stadt, 42 weitere seien verletzt worden.
Wie die Glieder einer Sicherheitskette legen sich Patriot-Stellungen um besonders gefährdete Ziele in Saudi-Arabien und Israel - die Anti-Raketen-Rakete wurde für die von irakischen Terrorangriffen Bedrohten zu einem Hoffnungsträger.
Jeweils fünf fahrbare Raketenwerfer, die in ihren Huckepack-Containern je vier Patriot-Projektile bergen, bilden eine Batterie mit einer gemeinsamen Feuerleitanlage, eigener Stromversorgung und einem "phasengesteuerten" Radar (siehe Grafik).
Feuern Scud-Stellungen irgendwo im Irak ihre Raketen, so erfassen amerikanische Frühwarnsatelliten den Feuerschweif der Projektile unmittelbar nach dem Start - lichtschnell werden die US-Stäbe am Golf vor der Gefahr gewarnt. Sodann greifen fliegende Warn- und Kommandozentralen vom Typ E-3 "Awacs" die Spur der Raketen auf und übermitteln ihre Daten per Funk an die Raketenabwehr-Einheiten der Alliierten. Zwischen dem Start und einem zu erwartenden Scud-Einschlag liegen etwa acht bis zehn Minuten.
Sobald Scud-Flugkörper über dem Sichthorizont der Abwehrstellungen erscheinen, greifen die Patriot-eigenen Radarsysteme das Ziel auf. Weit schneller und präziser, als es die Antennen herkömmlicher Radars mit ihren Nick- und Drehbewegungen vermögen, erfassen die Phasen-Geräte ihre Ziele. Dabei werden die Radarabstrahlungen von mehr als 5000 Sensoren elektronisch so gesteuert, daß eine mit hoher Geschwindigkeit wandernde Wellenfront ("Phase") entsteht, die als Suchkeule den Horizont jeweils in Bruchteilen von Sekunden abtastet - ohne daß die Antenne selbst bewegt werden müßte.
Sind die Scuds erst einmal im Visier des Multifunktionsradars, das bis zu 125 Ziele erfassen, führen und verfolgen kann, entbrennt zwischen ihnen und den Abwehrraketen ein vollautomatischer Elektronikkampf. Zumeist bleiben dem System weniger als 60 Sekunden Zeit, das schier unmöglich Erscheinende zu bewerkstelligen: Die Elektronik steuert die Abwehrrakete genau so, daß ihre Bahn sich mit der ballistischen Fallkurve des gegnerischen Projektils trifft, das seinerseits mit dreifacher Schallgeschwindigkeit heranstürzt.
Noch ehe die Scud-Projektile in den Abwehrbereich von etwa 150 Kilometern Radius tauchen, innerhalb dessen Patriot-Raketen Ziele bekämpfen können, haben die Computer in den Feuerleitanlagen eine Abschußliste errechnet: Greifen mehrere Flugkörper an, so entscheidet der Computer, welche Ziele vordringlich zu bekämpfen sind und bei welchen noch ein paar Sekunden länger Zeit bleibt. Vom Rechner gestartet, fauchen die Patriots aus ihren Abschuß-Containern.
Binnen Sekunden beschleunigen die 900 Kilogramm schweren Patriots auf sechsfache Schallgeschwindigkeit. Während die Patriot auf ihren Widerpart zurast, übernimmt ein bordeigenes Radarsystem das Anpeilen des im Fluge zu stoppenden Projektils.
Von dem Moment an, da das Patriot-Bordradar sein Ziel erfaßt hat, leitet ein "Track Via Missile"-System den Endanflug: Boden- und Bordradar tauschen die unabhängig voneinander ermittelten Bahndaten des feindlichen Flugkörpers untereinander aus und ermöglichen es so, die Patriot gleichsam mit verdoppelter Präzision ins Ziel zu steuern.
Wie Patriot-Abwehrraketen eine Scud zerstören, entscheidet die "Program Capability" ("Pac") im Bordrechner der Waffe. Raketen, die mit dem Pac-1-Programm ausgerüstet sind, müssen ihre Ziele rammen und können nur Raketen bekämpfen, die sich den Batterien auf wenige Kilometer nähern - bei ungünstigem Auftreffwinkel kann so der Sprengkopf des angegriffenen Flugkörpers unbeschädigt zu Boden stürzen.
Die Pac-2-Version stimmt den Zündzeitpunkt des Patriot-Sprengkopfes so präzise auf das heranrasende Feindprojektil ab, daß die Scud in ein Splitter-Bombardement taucht und so samt ihrem Sprengkopf zerfetzt wird.
Vor Ausbruch des Krieges gegen den Irak waren die jeweils eine Million Dollar teuren Patriot-Projektile nur dreimal gegen Raketenziele getestet worden. Viele Experten hatten daher Zweifel, daß die Waffe unter Gefechtsbedingungen zur Raketenabwehr tauge. Für die verblüffende Treffsicherheit, die das Projektil nun gegen die Scud beweise, so erklärte ein ehemaliger Waffen-Berater des Pentagon, gebe es drei Gründe: *___Die Alt-Rakete Scud, bereits in den fünfziger Jahren ____von der Sowjetunion in Dienst gestellt, hat einen sehr ____großen "Radar-Querschnitt"; das bedeutet: Der ____Flugkörper bietet Radars ein Ziel, das leicht zu ____erfassen und zu verfolgen ist. *___Zwischen Start und Ziel kann die Scud ihren Kurs nicht ____mehr ändern, sie fliegt auf einer ballistischen Bahn. ____Schon bald nach dem Abschuß können daher aus ____Radarmessungen die genauen Bahnparameter ermittelt ____werden - so kann die Patriot-Feuerleitanlage den ____Kollisionspunkt frühzeitig und mit hoher Präzision ____errechnen. *___Der Irak verfügt über keinerlei technische ____Einrichtungen, um das Patriot-System elektronisch zu ____stören oder etwa mit Täuschkörpern zu verwirren.
Mit der Scud, so der Wissenschaftler, treffe die Patriot "glücklicherweise auf eine äußerst krude Rakete". Die Chancen stehen gut, glaubt der SDI-Experte, daß die mehr als 3000 Patriot-Raketen, über die das amerikanische Heer verfügt, "Saddam Hussein seine Terrorwaffe aus der Hand schlagen können".

DER SPIEGEL 5/1991
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