25.02.1991

„Krieg auf den Straßen“

Zum ersten Mal in der Geschichte eines bayerischen Gymnasiums mußte im Januar ein Direktor um Polizeischutz für seine Schüler bitten. "Die sind total eingeschüchtert", sagt Schulleiter Fridolin Haugg vom Münchner Willi-Graf-Gymnasium, sie "haben sich nach Unterrichtsschluß nicht mehr getraut, allein zur U-Bahn zu gehen".
Die Angst hat einen überzeugenden Grund: Mindestens sieben junge Leute sind in den vergangenen Wochen auf dem Schulweg brutal überfallen und ausgeraubt worden. In Wahrheit gibt es weit mehr Opfer, manche von ihnen wurden jedoch so unter Druck gesetzt, daß sie bis heute schweigen.
In der Schwabinger Schule finden bereits Informationsveranstaltungen statt, auf denen Polizeiexperten, Psychologen und Politiker wie der Staatssekretär Günther Beckstein (CSU) zur "Sicherheitslage" referieren. Haugg: "Die Situation ist enorm beunruhigend."
Am meisten gefährdet sind Schüler, die schick und teuer angezogen sind, zum Beispiel die hohen amerikanischen Turnschuhe der Marke "Nike" tragen oder "Iceberg"-Pullover, "Best-Company"-Sweatshirts (Stückpreis 250 Mark) oder "Chevignon"-Jacken für bis zu 1000 Mark. Bei den Überfällen werden sie so lange geprügelt, bis sie die Edelklamotten ausziehen.
München - eine Stadt, die sich rühmt, daß alles sauber und ordentlich zugeht. Die Metropole der Schickeria und Neureichen. Wer hier im Luxus lebt, trägt die Attitüde zur Schau, etwas Besonderes zu sein. Diese Glamourstadt hat die Jugendgangs hervorgebracht, die sie verdient. Die Gewalttäter sind Snobs.
Das Kommissariat 124, zuständig für die organisierte Jugendkriminalität, ermittelt in Hunderten von Fällen wegen räuberischer Erpressung, Diebstahls, Hehlerei, _(* Im U-Bahnhof Münchner Freiheit. ) Landfriedensbruchs, aber vor allem wegen schwerer Körperverletzung. In den letzten Monaten wurden vier Jugendliche bei Schlägereien so übel zugerichtet, daß sie seither blind sind.
Das Problem krimineller Jugendbanden gibt es in Brennpunkten wie Berlin, Frankfurt, Leipzig oder Hamburg. Doch überall sonst liefern sich rechtsradikale Skinheads Straßenschlachten mit Ausländergruppen, machen linksextreme Autonome Jagd auf Hooligans und umgekehrt, manchmal mit tödlichem Ausgang. Überall sonst sind wachsende soziale Spannungen wie Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Ausländerhaß die Ursache für diesen Terror.
In München ist es anders. Hier haben die Schläger schmucke Visitenkarten. Ihr bevorzugtes Transportmittel "ist das Taxi", sagt Kriminalhauptkommissar Joachim Solon. So fahren sie zu ihren Treffpunkten, etwa zu einem Drink in das Schickimicki-Lokal "Cafe Reitschule" am Englischen Garten. Dort hat einstmals der selige Fürst von Thurn und Taxis seine Gloria kennengelernt.
Der Anführer der wohl gefährlichsten Münchner Gang, der "Quarantas", erhält nach Polizeiinformationen von seiner Mutter knapp 500 Mark Taschengeld pro Monat. Der 18jährige, den alle "Molnar" rufen, arbeitet in einem Tätowiergeschäft. Dort hat jeder der rund hundert "Quarantas" sein Markenzeichen bekommen - vier eintätowierte schwarze Punkte am Ellbogen.
Auch der Boß der "Honzie-Gruppe", benannt nach dem Schwabinger Hohenzollernplatz, kann sich über zuwenig Geld von den Eltern nicht beklagen. Vor ein paar Tagen wurde der 15jährige verhaftet. 13 Raubüberfälle hat er bereits gestanden. Er gilt als einer der Drahtzieher der Terroraktionen im Willi-Graf-Gymnasium.
Im Gegensatz zu anderen Großstadtbanden spielen bei den Schickimicki-Gangs politische Meinungen, linke wie rechte, kaum eine Rolle. "Unsere Jungs", sagt die Leiterin der Streetworker-Abteilung im Stadtjugendamt, Heike Schöne, "sind eben anders. Sie sind wirklich völlig unpolitisch." Ausländer sind in die verschiedenen Gruppen problemlos integriert.
"Nein", sagt der 17jährige Patrick von den "Quarantas", "Probleme sind uns nicht so wichtig." Wichtig ist die Musik und das dazugehörige Lebensgefühl. In München werden etwa 1000 Jugendliche zur militanten Wohlstandsszene gezählt. Rund 800 sind "Rapper" oder "Hip-Hopper", knapp 200 sind "Teds". Die "Teds" stehen auf Rock''n''Roll aus den fünfziger und sechziger Jahren.
Jessie, 17, dagegen ist ein "Rapper". "Teure Kleidung", sagt er, "muß sein. Das ist cool." Er rappt selbst, das heißt, er tanzt und singt eigene Texte zur Musik aus dem Plattenspieler oder vom Tonband. Dabei orientiert er sich an den schwarzen "Rap"-Musikern aus den USA, die zu markerschütternden Klangeffekten den Getto-Alltag inklusive schwarzer Gewalttaten vertonen.
Jessie, selbst ein Farbiger aus Arkansas, der aber schon seit frühester Jugend in München lebt, schreibt in seinen englischsprachigen Texten, wie sehr er jede Art von Frieden verabscheut und wie ausgeprägt er die Polizei, die Cops, haßt. Manchmal dichtet Jessie, gegen den mehrere Verfahren wegen Körperverletzung laufen, auch über "Dinge, die man halt selbst so erlebt". Etwa über einen Diebstahl oder wie es ist, "wenn man einem den Schädel einschlägt".
Auch David, 15, rappt. Er ist ein guter Schüler, in seinem Halbjahreszeugnis steht viermal die Note Eins. Sein Vater ist Architekt, die Mutter Ärztin. Er sagt, die Musik fasziniere ihn, die Leute, einfach die gesamte Szene, "obwohl ich es nicht so gut finde, daß manche nicht einmal grüßen, wenn man keine ,Chevignon''-Jacke anhat". Er persönlich lehne ja körperliche Gewalt ab. In seinen Texten schreibt er jedoch schon davon. Da heißt es: "I''m a gangster, my only love is to fight, fight, fight . . ."
Nicht erst seit sie derartige Texte bei diversen Hausdurchsuchungen gefunden hat, bläst die Münchner Polizei zum Großeinsatz gegen die "Ganoven aus gutem Hause" (Abendzeitung). Im letzten Jahr stiegen diese "gruppentypischen Delikte" um mehr als 20 Prozent. Als vorletzte Woche sogar ein Bus der Münchner Verkehrsbetriebe von einigen "Honzies" überfallen wurde, verkündete Kriminalrat Jürgen Bassalig, der Leiter des Raubdezernats, eilig, die Polizei werde "aktiv und massiv" vorgehen, um mitten in Bayern "amerikanische Verhältnisse zu verhindern".
Zweifel am Erfolg sind erlaubt. Vor einem Jahr gelang es der Kripo, die "Sendling Bronx" zu zerschlagen, eine Gang, die sich mit etwa hundert Leuten im U-Bahnhof Marienplatz angesiedelt hatte. Von dort aus wurden geradezu generalstabsmäßig Einbrüche und Überfälle geplant. Die Gesamtbeute betrug mehr als eine Million Mark. Einige von den "Sendling Bronx" sitzen inzwischen im Gefängnis. Einer der Haupttäter, ein 17jähriger Afrikaner, war Stammgast in Münchens Edeldisco "P1". An die 800 Mark soll er regelmäßig pro Abend an der Bar gelassen haben.
Bleibenden Eindruck hat die Justiz-Aktion nicht hinterlassen. Nur die "Teds" haben sich aufgrund der dauernden Polizeipräsenz etwas zurückgezogen. Denn beinahe alle "Teds", etwa die berüchtigten "Red Ramblers" aus dem Nobelviertel Solln, haben bereits mehrere Jugendstrafen oder Arreste verbüßt.
Das ist auch das Problem von Karlheinz Lohr, 28, genannt "Dixie-Charlie". Der Zwei-Meter-Mann und frühere Finanzbeamte ("War nicht der richtige Job für mich") ist so etwas wie der König unter den Münchner "Teds". Jahrelang hat der preisgekrönte Kickboxer und Taekwondo-Kämpfer mit brutaler Gewalt in der Bandenszene klargemacht, wer der Boß ist. Doch nun hat er eine Haftstrafe auf Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung und ist, wie er sagt, "verdammt vorsichtig geworden".
"Teds" und "Rapper" lassen sich weitgehend in Ruhe. Bei allen Unterschieden gibt es deutliche Gemeinsamkeiten zwischen den Gangs. Beide sehen einen Film als ihr großes Vorbild an, die "Teds" den Streifen "The Wanderers", die Rapper "Colors - Farben der Gewalt". Die Handlungen der Filme sind nahezu identisch: Amerikanische Straßenbanden kämpfen mit blutrünstigsten Mitteln gegen den Rest der Welt.
Und noch etwas verbindet sie: Flucht vor der Langeweile in eine andere, spannungsvollere Welt. Bei Gesprächen mit den Bandenmitgliedern fällt immer wieder der Satz: "Es ist doch alles so langweilig."
"In der Zeit, in der wir leben, kann man nicht mehr reden, da muß man zuschlagen", sagt "Quarantas"-Anführer Molnar. Das klingt so künstlich wie das Bekenntnis von Patrick, der den Film "Colors" bisher 19mal gesehen hat: "Ich bin der Härteste, ich zeige niemals Gnade." Sein Freund Jessie sieht es grundsätzlich: "Wir brauchen den Krieg auf den Straßen, es wird niemals mehr Frieden geben."
Patrick und Jessie wollen beide mit Rap-Musik ihr Geld verdienen, möchten gern einen Plattenvertrag. Etwas anderes können sie sich nicht einmal vorstellen. Weder Schule noch Lehre oder Studium - "alles extrem uncool". Jessie: "Ich denke nur darüber nach, was auf der Straße abgeht, was anderes interessiert mich nicht."
Ein gemeinsames Ziel haben sie alle von den Gangs: die Anarchie auf Münchens Straßen; mitten in Bayern Verhältnisse schaffen wie in der Bronx von New York oder in Los Angeles. Dafür lassen sich mehr und mehr Jugendliche in Kampfsport ausbilden.
Viele Eltern sind ratlos. Sie verstehen nicht einmal mehr ansatzweise, was in ihren Kindern vorgeht. Täglich melden sich bei Kommissar Solon verstörte Mütter oder Väter. Eine Frau fragte, was es denn zu bedeuten habe, daß ihr Sohn plötzlich so eine sündteure Jacke trage, obwohl er doch dafür nie und nimmer das Geld habe?
Ein türkischer Vater, gutsituierter Unternehmer, hat einen Entschluß gefaßt. Er will seinen Sohn, der wiederholt straffällig wurde, wieder zurück in die Türkei schicken. Nur damit er endlich aus dieser Szene verschwindet. o
* Im U-Bahnhof Münchner Freiheit.
Von Stephan Lebert

DER SPIEGEL 9/1991
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