26.08.1991

Wall StreetEine Art Krieg

Der Chef des New Yorker Finanzhauses Salomon stürzte ab. Er hatte Manipulationen seiner Wertpapierhändler gedeckt.
John Gutfreund liebt das Zocken. Eines Tages forderte der Chef des New Yorker Finanzhauses Salomon Brothers seinen Vize John Meriwether zu einem aberwitzigen Ratespiel heraus.
Meriwether sollte erraten, ob die Seriennummer eines Dollar-Scheins mit einer geraden oder ungeraden Zahl endet. Wetteinsatz: eine Million Dollar.
Meriwether konterte, bei zehn Millionen Dollar sei er mit von der Partie. Das war selbst dem risikofreudigen Gutfreund zuviel.
So jedenfalls schildert ein ehemaliger Wertpapierhändler die merkwürdigen Sitten im Hause Salomon. Er hat offensichtlich nicht übertrieben: Am Sonntag vorvergangener Woche mußten Gutfreund, 61, Meriwether, 44, und ein weiterer Spitzenmanager gehen.
Die Wall-Street-Firma war, so zeigt sich jetzt, ein riesiger Zocker-Verein. Ihre Händler schreckten selbst vor illegalen Manipulationen beim Ankauf von amerikanischen Staatspapieren nicht zurück. Die Führungscrew verschwieg die Vorkommnisse gegenüber den Aufsichtsbehörden und tat auch nichts, um weitere Verfehlungen zu verhindern.
Mindestens viermal hatten sich Salomon-Händler seit Dezember vergangenen Jahres über eine wichtige Vorschrift beim Handel mit Staatspapieren hinweggesetzt. Bei den regelmäßigen Auktionen, auf denen das Finanzministerium neue Staatspapiere in die Finanzmärkte schleust, ersteigerten sie heimlich höhere Anteile, als ein einzelner Aufkäufer erwerben darf.
Das Finanzministerium hat die Quote pro Anleger auf 35 Prozent begrenzt. Mit dem Limit soll verhindert werden, daß ein finanzstarkes Institut den Markt für einen Titel "cornern" kann.
Dieses - verbotene - Ziel ist erreicht, wenn ein Aufkäufer einen sehr hohen Anteil eines bestimmten Papiers in Händen hat. Er kann dann beim Weiterverkauf an Kunden oder schwächere Konkurrenten einen höheren Preis durchsetzen, als dies bei breitgestreutem Besitz möglich wäre.
Geschädigt durch solche Manipulationen werden vor allem Wertpapierhändler, die sogenannte Leerverkäufe vorgenommen haben: In der Erwartung fallender Preise nach Ausgabe eines Papiers verpflichtet sich der Leerverkäufer, den noch gar nicht vorhandenen Titel an einem späteren Termin zu liefern.
Die Spekulation geht auf, wenn der Verkäufer das Papier rechtzeitig vor Lieferung zu einem Kurs beschaffen kann, der unter seinem Verkaufspreis liegt. Bei steigenden Kursen bringt der Leerverkauf Verlust.
In den ersten Monaten dieses Jahres waren die Leerverkäufe besonders bei Staatspapieren mit zweijähriger Laufzeit beliebt geworden. Viele Händler und Großinvestoren hatten bemerkt, daß die Kurse dieser Schuldtitel nach jeder Monatsauktion in schöner Regelmäßigkeit nachgaben. Der Leerverkauf der Zwei-Jahres-Papiere schien ein "No-brainer", ein narrensicheres Geschäft, zu sein.
Ende Mai jedoch gab es eine böse Überraschung für die Profis. In den Tagen nach der damaligen Auktion von Zwei-Jahres-Titeln im Gesamtwert von 12,3 Milliarden Dollar zog der Kurs des Papiers an und blieb dann wochenlang oben.
Fast alle großen Wertpapierhäuser mußten Millionen-Verluste hinnehmen, um ihren Lieferverpflichtungen aus Leerverkäufen nachkommen zu können. Nur Salomon Brothers, der älteste und stärkste Händler von amerikanischen Staatsanleihen, verfügte über einen verdächtig großen Vorrat der begehrten Effekten.
Die Salomon-Konkurrenten, die schon lange über Manipulationen in der Gutfreund-Firma gemunkelt hatten, alarmierten die Aufsichtsbehörden. Die begannen heimlich zu untersuchen, ob die einst feinste Firma in Manhattans Finanzdistrikt tatsächlich gegen die 35-Prozent-Vorschrift verstoßen hatte.
Ende Juni merkte Gutfreund, daß sich etwas gegen seine Firma zusammenbraute. Er entschloß sich zur Flucht nach vorn, um den eigenen Job zu retten.
Am 9. August ließ er bekanntgeben, Salomon habe in der Zeit von Dezember 1990 bis Mai 1991 mehrere Male unzulässig hohe Wertpapierquoten erworben. Bei der Dezember-Auktion beispielsweise hatte das Finanzhaus 35 Prozent der angebotenen Vier-Jahres-Anleihe im Wert von insgesamt 8,57 Milliarden Dollar im eigenen Namen geordert. Ein Paket von 11 Prozent ersteigerte es angeblich im Auftrag eines Kunden.
Doch der wußte überhaupt nichts von dem Kauf. In Wahrheit schnappte sich Salomon auch diesen Teil des Anleiheangebots.
Mit der gleichen Masche sicherte sich Salomon im Februar sogar einen Anteil von 57 Prozent an einer Anleihe. Und im Mai verschleierten Gutfreunds Händler ihren illegalen Großeinkauf von Staatspapieren mit einem weiteren kriminellen Dreh: Sie schlossen geheime Rückkaufvereinbarungen mit einem eingeweihten Kunden ab.
Das Salomon-Bekenntnis vom 9. August war allerdings nur ein Teilgeständnis. Firmensprecher behaupteten damals noch, die Führungsspitze des Hauses habe von diesen krummen Deals nichts geahnt.
Knapp eine Woche später mußten Gutfreund und dessen Kumpane eingestehen, daß der Chef ihrer Handelsabteilung für Staatspapiere ihnen schon vor vier Monaten eine der Verfehlungen gebeichtet hatte.
Mit John Gutfreund stürzte ein Mann, der das traditionsreiche Haus Salomon seit 13 Jahren mit eiserner Faust regiert hatte. Erfolgreichen Händlern gewährte er zwar Prämien, die bis zu 20 Millionen Dollar im Jahr betrugen. Aber wer nach Ansicht des Chefs nicht genügend Biß hatte, flog.
In einem solchen Betriebsklima, beobachtete die New York Times, war "Wertpapierhandel immer eine Art Krieg". Salomon-Trader galten als knallharte Jungs, die gnadenlos ihren Vorteil nutzten, wenn sie Kollegen aus anderen Häusern bei einer Fehlspekulation erwischten.
Gutfreund selbst erwarb sich mit seiner bärbeißigen Art kaum Freunde. Mit seiner viel jüngeren Ehefrau Susan, einer ehemaligen Stewardess, veranstaltete er zwar überaus aufwendige Partys und gab sich der Illusion hin, ein Liebling der New Yorker Society zu sein.
Die aber fand das neureiche Gehabe des Salomon-Chefs eher peinlich. Mit dem Versuch, einen überlangen Weihnachtsbaum per Kran in sein zweistöckiges Luxus-Appartement in Manhattan hieven zu lassen, handelte sich das Paar sogar die Klage eines in seiner Ruhe gestörten Nachbarn ein. Anfang des Jahres räumte Gutfreund in einem Interview selbstkritisch "einige Exzesse" beim Zurschaustellen seines Reichtums ein.
Als Interimschef folgte dem entthronten "König der Wall Street" (Business Week) nun ein Mann, der ungleich reicher und dennoch weit bescheidener als Gutfreund ist. Warren Buffett, 60, ein Salomon-Großaktionär, der für eine Übergangszeit das Amt des Chairman übernahm, gilt als erfolgreichster US-Investor der Nachkriegszeit.
Den Wert einer Investmentfirma in Omaha, die Buffett 1965 zum Preis von 12 Dollar je Aktie übernahm, schraubte er durch geschickte Geldanlage auf fast 9000 Dollar je Anteilschein hoch. Mit einem persönlichen Vermögen von über vier Milliarden Dollar ist Buffett einer der reichsten Amerikaner.
Dennoch ißt der Multi-Milliardär lieber Hamburger als Kaviar und trinkt statt Champagner Cola mit Kirschgeschmack. Das bescheidene Haus in Omaha, das er einst als junger Mann erworben hatte, ist dem Superreichen auch heute noch groß genug.
Die Verfehlungen seines Vorgängers hält Buffett für "unerklärlich und unverzeihlich". Doch Gutfreund lehnt es ab, die Rolle des reuigen Sünders zu übernehmen.
"Ich entschuldige mich nicht für irgendwas bei irgend jemand", grollte er nach seinem erzwungenen Rückzug, "was geschehen ist, ist geschehen."

DER SPIEGEL 35/1991
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