26.08.1991

Weg voller Dornen

Die baltischen Staaten hoffen nach dem fehlgeschlagenen Coup auf ihre baldige Unabhängigkeit.
Für Alfred Rubiks, den orthodoxen KP-Chef in Lettland, war der Moskauer Putschtag ein beglückendes Ereignis. "Freude und Stolz" empfinde er über diese Entwicklung, jubelte der Betonkommunist und kündigte "den Bann aller anderen politischen Organisationen", die Auflösung von Parlament und Regierung an. Rubiks nannte dies "die Reform", und er war überzeugt: "China und Kuba werden die jetzigen Fortschritte in der UdSSR wohlwollend verfolgen."
Ähnlich dachte wohl Fjodor Kusmin, Befehlshaber des baltischen Militärbezirks. Unmittelbar nach Gorbatschows Sturz teilte der General in Riga mit, er sei von nun an der Hauptverantwortliche für "die Durchführung der Direktiven des Notstandskomitees". Widerstand werde mit "allen notwendigen Mitteln" gebrochen.
Was er darunter verstand, demonstrierte der General Montag nacht mit einem Präventivschlag. Fallschirmjäger und die Schwarzen Barette, eine für ihre Brutalität berüchtigte Sondereinheit des Moskauer Innenministeriums, besetzten nacheinander die Fernsehanstalt, das lettische Innenministerium, das Hauptquartier der regierenden Volksfront und das Fernmeldeamt.
Das Rundfunkgebäude am Domplatz nahmen die Soldaten mit einem Angriff über die Dächer der Nachbarhäuser ein. Dabei prügelten sie Journalisten und Gäste, darunter Parlamentarier, mit Karabinerkolben auf die Straße und zertrümmerten Büros. In vier Stunden hatte der General Lettland von allen Kontakten nach außen abgeschnitten. Selbst die Telefondrähte in die übrigen Sowjetrepubliken wurden gekappt.
Damit waren am ersten Putschtag in Lettland die Vorbereitungen für das getroffen, was die "Moskauer Bande der Acht" laut Lettenpräsident Anatolis Gorbunovs überall vorhatte: "Das riesige Gebiet vom Baltikum zum Pazifik sollte in einen neuen Gulag verwandelt werden."
Nur eine Woche hätte es gedauert, meint Vizepräsident Dainis Ivans, "dann wären alle unsere politischen Institutionen aufgelöst, Minister und Abgeordnete verhaftet und in irgendein Sibirien verbracht worden".
Alfred Rubiks hätte sich dem wohl kaum widersetzt. Doch der lettische KP-Chef hatte zu früh gejubelt. Nach der Flucht der Moskauer Putschisten zog auch General Kusmin seine Truppen aus allen besetzten Rigaer Zentralen ab.
Ein Fallschirmjäger-Oberleutnant bekannte: "Ich bin erleichtert, daß es vorbei ist. Wir schämen uns, vor allem für unsere Vorgesetzten."
Rigas Regierung, Parlament und Politiker aber trauten der plötzlichen Ruhe _(* Bei seiner Verhaftung am vergangenen ) _(Freitag. ) nicht. Sie nutzten die Gunst der Stunde und erklärten noch am Mittwoch nachmittag mit Mehrheitsbeschluß im Parlament Lettlands völlige Unabhängigkeit.
Begründung: Als Folge des Moskauer Putsches gebe es in der UdSSR "keine konstitutionellen Strukturen und keine Regierung". Daher habe Lettland auch keinen Partner mehr, um über den Weg in die Unabhängigkeit zu verhandeln. Am Abend zuvor hatte auch Estland seine Souveränität proklamiert.
Nach dem Putschende wähnen sich die Balten einer echten Unabhängigkeit so nah wie nie. Vizepräsident Ivans zum SPIEGEL: "Jelzin hat den baltischen Republiken die Unabhängigkeit in bilateralen Verträgen mit Rußland zugesichert. Und dieser Jelzin hat sich jetzt als echter Demokrat bewährt." Präsident Gorbunovs allerdings warnte: "Es wird ein Weg voller Dornen."
Daß der Widerstand der zentralistischen Hardliner noch nicht gebrochen ist, zeigte die prompt folgende Reaktion. Mit Schützenpanzern rückten die Schwarzen Barette am Domplatz an. Sie schossen in die Luft, fackelten Tränengaskanister ab und verprügelten schimpfende Zuschauer.
Vorsichtshalber verbrachten Regierungsmitglieder und Abgeordnete die Nächte Ende vergangener Woche daher nicht in ihren Wohnungen, sondern im Parlament. "Solange die Schwarzen Barette los sind", sagte Talavs Jundcis, Vorsitzender der Parlamentskommission für Sicherheit, "müssen wir mit Verhaftungen, Terror und Mord rechnen."
Immerhin nahm General Kusmin bei den Abzugsverhandlungen seine schützende Hand von den Schwarzen Baretten. Er werde nicht eingreifen, wenn lettische Sicherheitsbehörden die Sondereinheit des Moskauer Innenministeriums ausschalteten.
Ende voriger Woche bereiteten sich Milizionäre im Vorhof des Parlaments zum Angriff auf den Stützpunkt der Schwarzen Barette vor. Deren Treiben während der Putschtage hatte in Riga mindestens drei Tote und ein Dutzend Verletzte gefordert. Ein halbes Dutzend Männer gelten noch als verschollen. Befehlshaber Kusmin muß nun mit seiner baldigen Abberufung rechnen. KP-Vorsteher Rubiks wurde nach dem Verbot seiner Partei verhaftet und sieht einer Anklage wegen Hochverrats entgegen.
* Bei seiner Verhaftung am vergangenen Freitag.

DER SPIEGEL 35/1991
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