25.03.1991

AffärenTritte in den Leib

Prügelnde Polizisten ließen sich in Los Angeles von einem Videofilmer ertappen - Frontszenen im Krieg gegen die schwarze Unterklasse.
Eigentlich hatte Stacey Koon, 40, Sergeant der Polizei von Los Angeles, noch eine Tapferkeitsmedaille zu erwarten: Im Sommer 1989 führte er eine Gruppe von Beamten bei der Verfolgung zweier Gewalttäter, die aus dem Auto heraus mit Kalaschnikows auf Passanten geschossen hatten. Koon meisterte die brenzlige Situation mit kluger Umsicht, gesundem Menschenverstand und seinem Dienstrevolver.
Fast jeder, der ihn kennt, berichtet Gutes über Koon. "Das Ideal eines katholischen Familienvaters", sagt sein Freund, Pfarrer Robert Rankin von der Gemeinde Unserer lieben Frau zur immerwährenden Hilfe.
Doch nun wird es wohl nichts mehr mit der Auszeichnung, die irgendwo im üblichen Behördendurchlauf hängenblieb. Wahrscheinlicher ist, daß Sergeant Koon demnächst ins Gefängnis muß - wenn er Pech hat, für über sieben Jahre.
Bei seinem vorerst letzten Einsatz am 3. März hat ein Amateurfilmer ihn mit einer Videokamera beobachtet. Der siebenminütige Streifen ist seither unzählige Male über alle Fernsehsender der Vereinigten Staaten gelaufen - mit Koon als Verantwortlichem einer besonders üblen Szene aus dem Polizeialltag von Los Angeles.
Im gleißenden Scheinwerferlicht von einem halben Dutzend Polizeiwagen und einem über dem Tatort schwebenden Hubschrauber hält er einen "Taser", eine Art Elektroharpune, in der Hand. Die Polizeiwaffe schießt zwei durch Drähte mit einem Abschußgerät verbundene Pfeile in den Körper eines Verdächtigen, der so mit Stromstößen zur Räson gebracht werden kann.
Bei Filmbeginn hat Koon seine Waffe wohl schon benutzt, nun hält er sich in etwa drei Meter Abstand von dem Festzunehmenden auf und beoabachtet, wie drei seiner Untergebenen ihr Opfer fertigmachen.
Einer hat den jungen Schwarzen mit seinem Schlagstock zu Boden gestreckt, den er wie einen Baseball-Schläger schwingt - beidhändig, weit ausholend und genau auf den Kopf zielend. Ununterbrochen, fast zwei Minuten lang, prügeln die drei auf ihr Opfer ein, das sich längst nicht mehr wehrt, das sich vermutlich, so berichten später Zeugen, nie gewehrt hat.
Die Schlagstöcke gehen auf Kopf und Schulter nieder, die Tritte der Polizisten in den Leib. Dann reißt einer der Beamten die Arme des Opfers, das mit dem Gesicht auf der Erde liegt, nach hinten, ein anderer zieht die Pfeile heraus und fesselt ihm die Handgelenke an die Füße.
Die Diagnose der Ärzte, die Rodney King, 25, im Krankenhaus behandelten, lautete: Schädelbrüche, eine verletzte Augenhöhle, ein gebrochener Backenknochen, ein gebrochenes Bein, beide Knie verletzt, Gehirnerschütterung und Nervenschäden, die zu teilweiser Gesichtslähmung führten. Ein Vergehen, das die brutale Festnahme des vorbestraften Schwarzen erklärbar machen könnte, hat ihm bislang niemand zur Last gelegt. Es gibt keine Anklage. King blieb ein freier Mann.
Daß die Knüppelei kein "Ausrutscher" war, wie Daryl Gates, der Polizeichef von Los Angeles, behauptete, wurde inzwischen der ganzen Nation klar. Elf weitere Polizisten hatten den Vorgang beobachtet, ohne Anstalten zu machen, ihre prügelnden Kollegen zurückzuhalten. Selbst als Anwohner, potentielle Zeugen vor Gericht, vom Lärm auf der Straße geweckt, lautstark protestierten, verrichtete Koons Knüppelgarde ungerührt ihr Werk.
Wer sollte sie auch belangen? Polizeiberichte über solche Festnahmen werden gewöhnlich "mit dem Zaubergriffel" geschrieben, so ein ehemaliger Polizist. Stets rechtfertigt das geradezu sprichwörtliche "Aufblitzen eines metallischen Gegenstands", also einer vermeintlichen Waffe, oder ein ähnlicher Vorwand den Einsatz von Gewalt.
Als die Polizei von Los Angeles vergangene Woche ein Transkript der Kommunikation zwischen Streifenwagen und Zentrale veröffentlichte, wurde klar, daß keinen der Beteiligten auch nur eine Vorahnung des bald über sie hereinbrechenden Skandals beschlich. Koons Beamte witzelten kühl über die Schläge und verglichen den Einsatz mit dem Film "Gorillas im Nebel", in dem eine Gruppe von Menschenaffen abgeschlachtet wird.
Überdeutlich beleuchtete die flapsige Unterhaltung die rassistische Dimension des ganzen Vorfalls, die US-Schwarze schon längst begriffen hatten: Alle beteiligten und unbeteiligten Polizisten waren Weiße - solche Bilder gibt es seit geraumer Zeit nicht einmal mehr aus Südafrika.
Professionell reagierte nur die Washingtoner Regierung auf den Skandal. Justizminister Richard Thornburgh ordnete vorvergangene Woche eine landesweite Überprüfung aller in den vergangenen sechs Jahren gemeldeten 15 000 Fälle von Polizeibrutalität an. Die anlaufende Untersuchung hat einen möglichen Rassenkonflikt auf Landesebene vorerst entschärft.
In Los Angeles ließ sich die Affäre aber nicht mehr mit Untersuchungen und neuen Kommissionen bewältigen. Der Videofilm nährte den lange gehegten Verdacht, daß die Polizei unter dem Deckmantel eines Kriegs gegen Drogen und Bandenunwesen in Wahrheit einen Kampf gegen die schwarze Unterklasse führt.
Kriegspsychose ist schon seit langem zu spüren. Ganze Stadtviertel hat das Los Angeles Police Department (LAPD) im Verlaufe der Drogenfahndung für jeden Durchgangsverkehr gesperrt: Zutritt nur gegen Wohnungsnachweis.
Seit Jahren dienen militärische Metaphern zur Beschreibung des Polizeialltags. "Hier herrscht Krieg", predigte Polizeichef Gates wiederholt seinen Bürgern. Sein Chef der Drogenabteilung präzisierte: "Dies ist Vietnam." Und James Van Horn, Bürgermeister des Stadtteils Artesia, machte auch den "Vietcong in unserer Gesellschaft" aus, die schwarzen Mitglieder Hunderter von Jugendbanden, die sich locker zu zwei Superbanden zusammengeschlossen haben - Bloods und Crips, erkennbar an den Farben ihrer T-Shirts und Halstücher: Rot tragen die einen, Blau die anderen.
Mitte der achtziger Jahre hatten die kolumbianischen Drogenbosse Los Angeles mit der billigen, aber äußerst gefährlichen Kokaindroge Crack überschwemmt. Sie gab den chancenlosen Jugendlichen in den Schwarzen-Gettos Zugriff auf eine lukrative Schattenwirtschaft, die mit Waffengewalt verteidigt wurde.
Polizeichef Gates, seit 1978 im Amt, blies daraufhin zur Großoffensive: In großangelegten Aktionen mit markigen Kodenamen wie "Hammer" und "Crash" ließ er buchstäblich Zigtausende schwarzer Jugendlicher festnehmen, selbst nach Aussage eines Ex-Polizisten "ein billiger Publicity-Trick". Gates schleppte Nancy Reagan ("Sag nein zu Drogen") ins Getto von South Central Los Angeles, und er ließ sie aus gesicherter Entfernung den Sturm auf ein Crack-Haus beobachten.
Nach der Verhaftung von 14 "Narko-Terroristen" übte sich die Präsidentengattin als Amateur-Psychologin. Ihre Erkenntnis über die am Boden liegenden gefesselten Verhafteten: "Diese Leute sind über den Punkt hinaus, an dem man sie noch belehren oder rehabilitieren könnte."
Das traf die Überzeugung des Chiefs. Gates hatte seit langem eine US-Invasion Kolumbiens gefordert, um die Drogen-Könige zu jagen; er wollte alle Gang-Mitglieder in ausgedienten Kasernen internieren, sagte noch im vergangenen Jahr vor dem Kongreß aus, wenn es nach ihm ginge, würde er sogar Gelegenheitsnutzer von Drogen erschießen lassen. Gates: "Das meine ich nicht scherzhaft."
Zusätzlich angeheizt wurde der LAPD-Feldzug durch die Hysterie der örtlichen Politiker. Kenneth Hahn, einer der mächtigsten Stadtfürsten, forderte den Einsatz der Nationalgarde. Sein Sohn James Hahn, Staatsanwalt mit politischen Ambitionen, hat in mehreren spektakulären Prozessen versucht, Jugendliche nur aufgrund ihrer Bandenzugehörigkeit zu verurteilen, ohne daß er individuelle Schuld nachweisen konnte.
Wo die Staatsanwälte vorpreschten, folgten schnell die Gesetzgeber: Auf lokaler, bundesstaatlicher und nationaler Ebene wurden Strafvorschriften drastisch verschärft, was zu offensichtlichen Ungerechtigkeiten führte. In South Central, dem Notstandsgebiet von Los Angeles, wurde jüngst ein dreimal vorbestrafter Jugendlicher wegen des Besitzes von 5,5 Gramm Crack zu lebenslanger Haft ohne Begnadigungsmöglichkeit verurteilt. Sein bis dahin schlimmstes Verbrechen: unerlaubter Waffenbesitz.
Selbst schwarze Politiker, ratlos angesichts der Crack-Verwüstungen in den Gettos, haben den Ruf nach mehr Verhaftungen und härteren Strafen übernommen. Diane Watson, Abgeordnete im Senat von Kalifornien, ließ durch ihre Pressestelle mitteilen: "In Kriegszeiten werden Bürgerrechte für die Dauer der Auseinandersetzungen aufgehoben."
Diese Mentalität hat Los Angeles eine De-facto-Apartheid beschert. So wie sich Weiße kaum noch in den Slums blicken lassen, sind ganze Stadtviertel für schwarze Jugendliche tabu.
Geholfen hat die Hammerstrategie des Polizeipräsidenten bislang indes nicht. Der Krieg gegen die Drogen kann mit spektakulären Polizeiaktionen nicht gewonnen werden. Obwohl die Cops während der vergangenen Jahre fast die Hälfte aller schwarzen Jugendlichen in den Getto-Bezirken wenigstens einmal festgenommen haben, überschwemmt Rauschgift weiterhin die Stadt.
Bis zum März konnte die Selbstherrlichkeit des LAPD nicht einmal mehr politische Gegner des Polizeichefs empören. Der Konsens von Bürgern, Politikern und Strafverfolgern hatte längst die Polizeiskandale in der ersten Hälfte der achtziger Jahre vergessen lassen. Damals hatte Gates physische Unterschiede dafür verantwortlich gemacht, daß wesentlich mehr schwarze als weiße Verhaftete nach einer polizeilichen Schwitzkastenbehandlung starben. Bei Schwarzen, vermutete er, öffneten sich die Venen nicht so schnell wie bei "normalen Menschen".
Doch nachgelassen hatte nur der Protest, die Polizeiübergriffe gingen weiter. Für das Jahr 1977, bevor Gates sein Amt antrat, mußte die Stadt weniger als 500 000 Dollar Wiedergutmachung für Polizeibrutalitäten zahlen. Im vergangenen Jahr waren es über acht Millionen.
Das Video der Prügelorgie vom 3. März hat den stillen Konsens nun aufgebrochen. Erschrocken fordern selbst ehemalige Parteigänger den Rücktritt von Gates. Der denkt jedoch nicht daran, sein Amt aufzugeben. In einem mit gelben Schleifen geschmückten Raum im Polizeihauptquartier - während des Golfkriegs galten diese Schleifen als Zeichen der Verbundenheit mit den Soldaten an der Front - gab er vor jubelnden Anhängern bekannt: "Ich bin hier, und ich werde hier bleiben."
Im übrigen, so räsonierte der Chef, könnten die Schläge, die Rodney King von Koon und dessen Truppe einstecken mußte, durchaus heilsam sein. Sie würden das Opfer lehren, "sich von dem Leben abzuwenden, das er so lange geführt hat". o

DER SPIEGEL 13/1991
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