24.06.1991

HochadelNix und Nex

München zeigt eine Ausstellung über den letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II.; die Gebeine des Alten Fritz wandern nach Potsdam. Ein Comeback der Hohenzollern?
Zu komisch, wie der schrullige Spitzbart im Südwester auf die armen Tannen einhackt, Scheite mit Grandezza in den Schuppen pfeffert und den Bewegungen einer Riesenhandsäge, an der Waldarbeiter ziehen, mit geilem Hüftschwung folgt. Ein Holzfetischist, der Alte, und alles echt historisch - die jugendlichen Zuschauer waren "echt begeistert".
Die Vorführung alter Filmschnipsel, die Wilhelm II., den letzten deutschen Kaiser, bei seiner hölzernen Leidenschaft zeigen - nur das Entenfüttern liebte er genauso -, ist Bestandteil einer am vergangenen Freitag im Münchner Stadtmuseum eröffneten Ausstellung über den ebenso markigen wie mackigen Monarchen.
Doch nicht nur die Münchner Show, an der sich das in Berlin ansässige Deutsche Historische Museum beteiligt und die im Herbst ins Ost-Berliner Zeughaus umzieht, heben den verdrängten Hohenzollern ins öffentliche Bewußtsein. Der NDR hat eine "Erinnerungs-Revue" (Autor: Heiner Herde) über den majestätischen Sprücheklopfer ("Pardon wird nicht gegeben") produziert, die im August zu sehen ist.
Für denselben Monat ist zusätzliches preußisch-majestätisches Gepränge angekündigt - diesmal von der düsteren Art. Die Gebeine Friedrichs II., des Flötenspielers, Voltaire-Freundes und gichtigen Kriegsherrn, werden von Burg Hechingen nach Potsdam überführt, wo sie im Park des Schlosses Sanssouci neben denen seiner geliebten Hunde diesmal endgültig vermodern sollen. Ausstellungen, Fernsehrevuen und Gebeintransfer - gibt es eine nostalgische Verklärung der Hohenzollern?
Die Sorge ist unbegründet. Sowohl Herdes Film als auch die intelligente Ausstellung in München zeigen den geltungssüchtigen Monarchen mit dem verkrüppelten Arm als eine auf den ersten Blick harmlos lächerliche, auf den zweiten aber als durchaus moderne Figur in einer Epoche großer Umbrüche.
Zum Lachen ist in der Tat einiges, was der spleenige Ex-Kaiser in den langen Jahren zwischen seiner Flucht 1918 und seinem Tod 1941 in Holland trieb. Noch immer von einer Rückkehr nach Deutschland träumend, residierte er im holländischen Exil auf Schloß Doorn mit einer verkleinerten Kopie jenes Hofstaates, der ihn in glorreicheren Tagen in Berlin und Potsdam umgeben hatte.
Seine Verkleidungssucht hat er Zeit seines Lebens nicht aufgegeben. Kürassieruniform und Admiralsrock oder auch historisierender Mummenschanz - Wilhelm Zwo als Sonnenkönig oder Alter Fritz - füllten auch in Doorn die Kleiderschränke.
Wilhelm konnte 50 Waggonladungen mit all dem Nippes, Prunk und Kitsch trotz der Kriegswirren aus Berlin nach Holland schaffen - so viel, daß der ganze Krimskrams zu seinen Lebzeiten nicht einmal vollständig ausgepackt werden konnte. Nun mußte der Fundus renovierungshalber ausgelagert werden und gelangte so nach München.
Ständig inszenierte sich Wilhelm historisch. Weil sein großes Vorbild Friedrich II. Flötenkonzerte schrieb, komponierte der ehrgeizige Urenkel einen schauerlichen "Sang an Ägir" ("Oh Ägir, Herr der Fluten, dem Nix und Nex sich beugt"). Wenn es um seine Vorfahren ging, zeigte sich Wilhelm, wie sein Reichskanzler Bismarck schon früh erkannte, "in Allem maßlos". So erklärte der vom Gottesgnadentum stets Überzeugte 1928, "daß man wohl auf Kant und Goethe verzichten könne; aber niemals auf Friedrich den Großen".
Sah Wilhelm, der sich im Exil deutsche Filme vorführen ließ, den Schauspieler Otto Gebühr als Ufa-Fritz hoch zu Roß, gingen ihm vor Begeisterung die Gäule durch. Noch 1931 ließ sich der alte Herr zu Visionen von der Rückkehr als Monarch hinreißen: "Auch jetzt müßten die Truppen bald marschieren und die Fahnen flattern."
Das geistige Leben in Doorn blieb, was es auch am Hofe in Berlin gewesen war: rückwärtsgewandt und steril. Jugendstil, meinte Wilhelm, mache ihn "seekrank". Statt dessen favorisierte er neobarocken Prunk. In seinem Arbeitszimmer mit einem eigenartigen Sattelstuhl - als könne man die Welt des Geistes durchreiten - entstanden wenig beachtete Aufsätze zur Weltlage.
Auch verschrieb sich Wilhelm in Doorn zunehmend den kruden Gedanken des Völkerkundlers Leo Frobenius, der eine obskure Theorie über einen in Afrika entstandenen Dualismus zwischen hamitischer Kultur mit begrenztem Raumgefühl und einer ins Unendliche gerichteten äthiopischen entdeckt haben wollte. Klar, daß sich Wilhelm und die Seinen als Äthiopier fühlten, von denen die Welt noch hören werde.
Doch nur skurril war dieser Wilhelm nicht. Hellsichtige Zeitgenossen wie Walther Rathenau brachten das Phänomen auf die Formel vom "elektrischjournalistischen Caesaropapismus". Diese Figur mit künstlichen Zügen verkörperte in einer Zeit großer Modernisierungsschübe die Ungleichzeitigkeit der Epoche: konservativ und doch allen technischen Neuigkeiten zugewandt.
So hat sich Wilhelm mit leidenschaftlicher Eitelkeit fotografieren lassen und nahm sehr früh die Filmkamera mit auf seine zahllosen Reisen - "der Kaiser im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit", wie Klaus-D. Pohl, zusammen mit Hans Wilderotter für die Konzeption der Münchner Ausstellung verantwortlich, im Katalog schreibt.
"Völker Europas wahret Eure heiligsten Güter", fordert ein von Wilhelm gezeichneter Erzengel - eine Warnung vor der "gelben Gefahr". Europas Herrscherhäuser wurden 1895 mit dem majestätlichen Elaborat bedacht. Zar Nikolaus indes, von den angeblichen gelben Horden am meisten bedroht, nahm Wilhelms Warnung nicht ernst. Er schickte folgendes Telegramm zurück: "Best thanks for Your Letter and the charming picture. Hope You have a good sport. Weidmannsheil!" o

DER SPIEGEL 26/1991
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Hochadel:
Nix und Nex

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