27.05.1991

FußballMaradona von Ghana

Beim Europacup-Finale der Landesmeister ist ein Schwarzafrikaner, den zunächst niemand haben wollte, der große Star.
Im Juli 1987, beim Abschiedsspiel für den kantigen Mittelstürmer Dieter Hoeneß, staunten die Zuschauer im Münchner Olympiastadion über einen ungewöhnlich eleganten Spieler im Bayern-Dreß. Nur die Manager des deutschen Rekordmeisters überzeugte der Testauftritt des dunkelhäutigen Fußballers nicht - er war ihnen für die Bundesliga "nicht athletisch genug".
Bald darauf war der Mann aus Ghana Profi bei Olympique Marseille. Aber auch dort durfte er nur selten mitspielen - da waren die deutschen Gastarbeiter Klaus Allofs und Karlheinz Förster vor. "Zu viele Ausländer", befand Förster, "werden zum Problem."
Kaum waren Allofs und Förster weg, bremste ein anderer Deutscher die Karriere: Franz Beckenbauer, gerade neuer Trainer bei Olympique Marseille, holte den Profi mit den Rastazöpfchen so gut wie nie ins Team. Für den Weltmeistercoach, klagt Abedi Ayew, "war ich nur ein kleiner Afrikaner".
Doch Abedi Ayew, 27, hat alle Kritiker beschämt. Während die Bayern das Endspiel im Europapokal der Meister verpaßten, Klaus Allofs einen Rentenvertrag bei Werder Bremen ableistet und Beckenbauer die Verantwortung für das Team an einen Belgier abgeben mußte, gilt der Stürmer aus Ghana als die Attraktion des Cup-Finales am Mittwoch gegen Roter Stern Belgrad. Das französische Magazin L'Express verkündete bereits "die Wiedergeburt Peles".
Die Erinnerung an den besten Fußballer aller Zeiten kommt nicht von ungefähr: Der Ghanaer zelebriert eine ähnlich hohe Fußballkunst wie einst Pele in den brasilianischen WM-Teams.
Zudem darf er seinen Künstlernamen Pele ganz offiziell führen. Als mehrere Spieler der ghanaischen Nationalelf in den Streik traten, sorgte Staatspräsident Frederick Akuffo persönlich für einen neuen Kader. Er ließ dem 15jährigen Schüler-Nationalspieler Abedi Ayew einen Paß ausstellen, der ihn zwei Jahre älter und damit spielberechtigt für das A-Team machte.
Und weil eine neue Identität geschaffen werden mußte, fragte der Präsident: "Wie willst du heißen?" Abedi Ayew antwortete verschüchtert: "Man nennt mich Pele." Prompt entschied das Staatsoberhaupt: "Dann soll das dein Name sein."
Auf derlei wundersame Weise wurden in Schwarzafrika nicht selten Karrieren befördert. Pele gewann mit Ghana den Afrika-Cup, lebte in einer Villa in Accra und ließ sich in einem BMW chauffieren. Aber er verzichtete auf alle Statussymbole, als sich die Chance bot, in den europäischen Fußball zu wechseln.
Der ehrgeizige Kicker geriet an zwei französische Spielerberater, die ihn auf eine für afrikanische Fußballer übliche Odyssee schickten. Pele wurde nach einer Zwischenstation in Katar in St. Etienne angeboten, dann für 4000 Dollar an den Zweitligisten Niort verkauft und wenig später an den FC Mulhouse weitergeschoben. Als er endlich beim Spitzenklub in Marseille gelandet war, deckelten ihn die Deutschen.
Doch anders als in der Bundesliga, wo Ausländerfeindlichkeit in allen Stadien spürbar ist, sind Schwarzafrikaner in der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich gesellschaftlich anerkannt. Auch der bisherige Staatssekretär für Jugend und Sport, der frühere Leichtathlet Roger Bambuck, ist in Guadeloupe geboren.
Fast 30 schwarzafrikanische Profis wahren die Eleganz des Ligafußballs, 74 weitere sind in der Zweiten Liga beschäftigt. Die von jeher problemlose Integration wirkt inzwischen auf die Schwarzafrikaner wie ein Magnet: So berichtet Peles Marseiller Teamkollege Basile Boli, schon als Jugendlicher an der Elfenbeinküste habe er Fotos des damaligen französischen Nationalliberos Marius Tresor aus Guadeloupe in seine Schulhefte geklebt.
So wundert es nicht, daß sich Pele in dem multikulturellen Starensemble von Olympique gut aufgehoben fühlt. Seinen britischen Mannschaftskollegen Chris Waddle etwa, mit dem er auf Reisen das Hotelzimmer teilt, preist der gläubige Moslem als einen "Gentleman" - sobald der merke, "daß ich beten will, verläßt er das Zimmer".
Zwar glaubt "der Mann mit einem Schnurrbart wie Douglas Fairbanks" (Figaro), auch in Frankreich sei es "für Schwarze schwerer, Karriere zu machen". Doch daß er sich durchgesetzt hat, wird mittlerweile auch in seiner Heimat anerkannt. Alle Europapokalspiele seines Klubs werden dort live übertragen, zum Viertelfinalspiel beim AC Mailand reiste ein Regierungsmitglied an, und bei seinen Besuchen in Ghana, berichtet Pele, säßen "immer sofort 200 Leute" um ihn herum - denen müsse er dann "Ratschläge erteilen wie ein weiser Mann".
Das so gewonnene Selbstbewußtsein setzt er jetzt auch auf dem Fußballplatz um. Sein neuer Trainer Raymond Goethals lobt die "enorme Arbeit" seines Stürmers, den Ljubomir Petrovic, Trainer des Europapokal-Finalgegners Roter Stern Belgrad, als "unberechenbarsten Spieler" fürchtet.
Italienische Journalisten apostrophierten ihn als "Zauberdribbler mit ungeheurem Tempo", und prompt bot ein italienischer Klub für den Ghanaer 25 Millionen Francs. Jetzt kennt auch Pele seinen Wert: "Ich bin der Maradona von Ghana."
Selbst mit dem zögerlichen Beckenbauer hat er sich arrangiert, seit der zum Teammanager hochgelobt wurde. Der deutsche Verdrängungskünstler versucht jetzt, den Olympique-Star immer mal wieder per Handzeichen zu dirigieren, als sei Pele seine ureigenste Entdeckung, und schwärmt: "Wenn der den Ball am Fuß führt, stoppt ihn kein Verteidiger der Welt." o

DER SPIEGEL 22/1991
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