26.08.1991

„Deutsch hat einen großen Bauch“

SPIEGEL: Herr Goldschmidt, Ihr Roman "Die Absonderung" ist das erste Buch, das Sie auf deutsch geschrieben haben. Nach 50 Jahren finden Sie in Ihre Muttersprache zurück.
GOLDSCHMIDT: Deutsch war für mich die Sprache der Abweisung, des Schuldigseins. Ich hatte an der "Absonderung" schon sehr lange gearbeitet, und plötzlich merkte ich, daß das auf deutsch ging. Jetzt schreibe ich das Autobiographische auf deutsch, die Träume, das rein Kreative auf französisch. Aber warum das so ist, weiß ich nicht ganz genau.
SPIEGEL: Vielleicht liegt das ja an den beiden Sprachen. Das Französische, schreiben Sie in der "Absonderung", sei Ihnen vorgekommen wie eine "Drinnensprache", eine "Eisenbahnsprache fürs Coupe", die immer ein wenig nach Stadt klinge. Das Deutsche hingegen sei eine Sprache, die "von einem Waldessaum herausgerufen" werde . . .
GOLDSCHMIDT: Das war mein Eindruck als Kind. Heute würde ich eher sagen, daß das Französische eine Abendsprache ist, in der man nach Westen blickt, immer zur untergehenden Sonne. Das Deutsche dagegen ist irgendwie eine Morgensprache. Französisch ist eine spröde, gar nicht so deutliche, eine äußerst rätselhafte Sprache.
SPIEGEL: Das klingt für uns aber auch sehr rätselhaft. Gerade die deutschen Dichter haben doch gern den Mond besungen. Ist das nicht ein bißchen viel Spekulation?
GOLDSCHMIDT: Ich sprach vom Abend, nicht von der Nacht. Ich will Ihnen einen weiteren Unterschied nennen. Wenn Archäologen in 5000 Jahren _(* Mit Redakteuren Annette Meyhöfer, ) _(Nikolaus von Festenberg in einem Pariser ) _(Cafe. ) sprachliche Dokumente finden würden, könnten sie das Deutsche sehr leicht rekonstruieren. Beim Französischen wäre das unmöglich. Man muß jemanden haben, der diese Sprache spricht. Das ist das Eigenartige. Ohne Menschen kann man das Französische nicht lernen, Deutsch können Sie allein lernen, wenn Sie einmal verstanden haben, wie das System funktioniert.
SPIEGEL: Aber keine Sprache funktioniert ohne Menschen.
GOLDSCHMIDT: Nehmen Sie zum Beispiel Heidegger, dessen Denken kommt ganz ohne Menschen aus. Bei Sartre dagegen gibt es ungefähr 500 Leute, die seine Philosophie immer wieder durchwandern, Kellner, Arbeiter, immer huscht einer vorbei. Das Französische braucht immer das tätige Subjekt, Begriffe müssen durch Personen verkörpert werden.
SPIEGEL: In Ihrem Essay über Freud und die deutsche Sprache behaupten Sie aber gerade, daß das Deutsche eine "leibliche" Sprache sei, gewissermaßen körperlich, und eben nicht abstrakt.
GOLDSCHMIDT: Das Deutsche muß be-greifen, auf-fassen, aus-drücken, wahr-nehmen. Das ist so eine allgemeine Leiblichkeit, ein räumliches Empfinden, und das Subjekt steht immer daneben. Die deutsche Sprache ist eine Sprache der körperlich-räumlichen Empfindung: hinauf, hinab, herein, heraus. Das sind diese erstaunlichen Wortkompositionen, die es nur im Deutschen gibt. Das Räumliche wird im Französischen verallgemeinert, wo es im Deutschen immer wieder hervorgehoben wird. Der Prozeß ist im Deutschen wichtiger als das Ziel. Das Deutsche ist, wenn Sie so wollen, geologisch, das Französische geographisch. Sehen Sie, wie dieses Land, Frankreich, mit diesen geraden Straßen aufgebaut ist, das ist römisch. Es ist kein Zufall, daß Handke sich so sehr für Geologie interessiert hat.
SPIEGEL: Die "Leiblichkeit" seines Sprechens ist dem Deutschen doch gar nicht mehr bewußt.
GOLDSCHMIDT: Dafür ist sie dem Schriftsteller um so mehr bewußt. Vor allem jemandem wie mir, der nicht zwischen, sondern auf zwei Stühlen zugleich sitzt.
SPIEGEL: Wie ist das für den Übersetzer Goldschmidt? Kann man einen Handke überhaupt ins Französische übersetzen, wenn die Sprachen doch ihrem Wesen nach so verschieden sind? Muß man dann nicht einen Text neu denken und neu schreiben?
GOLDSCHMIDT: Das ist die Frage, die ich mir immer gestellt habe. Ich denke mir, das Deutsche und das Französische gehen nur anders durch denselben Wald, und in der Mitte kommen sie wieder zusammen. Immer wieder, obgleich immer seltener, höre ich das Französische mich anreden und mir sagen, lieber Freund, da mache ich nicht mit. Du mußt es anders machen. Das sind immer dieselben Schwierigkeiten. Und da hört man, wie die Sprache lacht.
SPIEGEL: Da muß sie doch auch sehr laut gelacht haben, als Sie sich mit Freud beschäftigten, den Sie ja selber nie übersetzen wollten. Dafür haben Sie in Ihrem Buch ganz genau die Schwierigkeiten der Franzosen mit Freud beschrieben. Allein der berühmte Trieb . . .
GOLDSCHMIDT: Die Franzosen haben dafür sogar ein ganz neues Wort erfinden müssen, "pulsion". Weil Trieb etwas Passives hat, das französische "desir" dagegen, was eigentlich die Übersetzung wäre, aktiv ist; der Franzose begehrt, der Deutsche wird getrieben. Überhaupt tut sich der Franzose schwer mit dem Passiv. Oder nehmen Sie das Bewußtsein, im Französischen ist "conscience" zugleich Gewissen . . .
SPIEGEL: Dafür hätte ein Franzose auch nie "Das Ich und das Es" verfassen können.
GOLDSCHMIDT: Weil der Franzose das Neutrum nicht kennt. Sehen Sie, Freud war ja gewissermaßen nur ein Sprachreporter, er hatte nur genau hingehört auf das Deutsche . . .
SPIEGEL: Dann müßten die Franzosen gar nicht auf die Couch.
GOLDSCHMIDT: Freud ist der beste Beweis für die Übersprachlichkeit der Sprache. Die deutsch erfundene Psychoanalyse funktioniert perfekt mit falschen Übersetzungen. Und das ist es, was wir von Freud lernen können.
SPIEGEL: Sollen wir uns eine Sprache hinter den Sprachen vorstellen, ein bewußt oder unbewußt Gemeinsames?
GOLDSCHMIDT: Ja, Sie stehen immer hinter Ihrer Sprache. Sie und ich, wir sitzen da und haben unseren Kopf hinter unserer Sprache. Wir sitzen alle hinter unserer Sprache.
SPIEGEL: Aber wie soll man eine Welt hinter der Sprache beschreiben? Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein hat gesagt: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen."
GOLDSCHMIDT: Ich finde Wittgenstein das Beunruhigendste, was man überhaupt lesen kann. Da ist diese ungeheure stumme Masse, die dahinter steht. Doch wovon man nicht sprechen kann, das gibt es.
SPIEGEL: Deutsche Philosophen hatten wenig Scheu, darüber zu sprechen. Die Metaphysik scheint nachgerade eine Erfindung der Deutschen.
GOLDSCHMIDT: Und das ist der große Irrtum der Deutschen. Nur weil das Deutsche sich alles erlauben kann, verwechselt man Wortspiele mit Philosophie. Heideggers Behauptung, wenn die Franzosen anfingen zu denken, dächten sie deutsch, das ist der dümmste Satz der Weltgeschichte. Das zeugt einfach von einer unverschämten Unkenntnis der französischen Philosophiegeschichte.
SPIEGEL: Aber gerade die neuen französischen Philosophen wie Jacques Derrida oder Jean-Francois Lyotard scheinen Heidegger beim Wort zu nehmen.
GOLDSCHMIDT: Viele französische Philosophen haben leider keine Ahnung, die können sich nicht einmal einen "Strammen Max" bestellen. Wie sollen sie da beurteilen können, was der Heidegger aufgetischt hat oder nicht. Ich habe den Eindruck, daß die Franzosen von den Deutschen angezogen werden, irrtümlicherweise, durch diese metaphysische Behäbigkeit, diesen Schwulst. Ende des 19. Jahrhunderts fingen die Deutschen an, sich exklusiv zu gebärden. Die deutsche Sprache als Ursprache, als einzige überhaupt, und dann wurde es rassistisch.
SPIEGEL: Auch an der deutschen Sprache sollte die Welt genesen.
GOLDSCHMIDT: Das war die Anmaßung der deutschtümelnden Philosophen. Die Trennung zwischen Mensch und Philosophie ist vielleicht die Katastrophe der Neuzeit gewesen. Die französischen Philosophen sind dagegen eigentlich unfähig, ihr Denken von Menschen zu trennen. Was Heidegger ihnen gerade zum Vorwurf machte.
SPIEGEL: War nicht das Deutsche, nach allem, was Sie sagen, zu dieser Art von Philosophie prädestiniert? Heidegger ein Knecht seiner Sprache, wenn auch ein herrischer?
GOLDSCHMIDT: Das Deutsche ist eine sonnenklare Sprache. Nur daß die Deutschen diese Tradition, die der Aufklärung, immer wieder vernachlässigten. Und sich verführen ließen von den unbegrenzten Möglichkeiten des Deutschen. Dieser einzigartigen Fähigkeit, immer neue Wörter zusammenzusetzen . . .
SPIEGEL: Wie zum Beispiel "Spiegeltag", Handkes Übersetzung für den Titel Ihres Romans "Le miroir quotidien". Sprachkritiker verzweifeln zunehmend an derlei Zusammensetzungen. Die Instandbesetzung kommt auf die Verfallsliste, besonders, wenn dann noch die Anglizismen reindroppen.
GOLDSCHMIDT: Das Deutsche hat einen großen Bauch. Die deutsche Sprache kann viel mehr fressen als die französische. Davon bin ich überzeugt. Da gibt es natürlich schreckliche Wörter wie das "Konstrukt", aber der Sprachverfall ist eine Legende.
SPIEGEL: Darüber klagen doch die Franzosen genauso und bekämpfen die Anglizismen.
GOLDSCHMIDT: Das ist ein Sport in Frankreich. Die Franzosen sind stolz auf ihre Sprache. Sie sind stolz, wenn Sie keine orthographischen Fehler machen. Das zeigt, welch ungeheure Rolle die Schule in diesem Land spielt. Vielleicht ist das eine etwas lächerliche Gewohnheit aus dem 19. Jahrhundert, aber die Franzosen betrachten ihre Sprache als eine Einladung an die Menschheit.
SPIEGEL: Aber nur an den Teil der Menschheit, der die Sprache auch wirklich gut beherrscht.
GOLDSCHMIDT: Es gibt auch eine wunderbare Europäisierung der deutschen Sprache. Und auch all die Klagen über den Sprachverfall sind ein europäisches Phänomen. Früher hieß es in der Metro: Ihr Fahrschein ist von dieser Stelle ab ungültig. Jetzt heißt es nur noch: Gültigkeitsgrenze der Fahrscheine.
SPIEGEL: Ist das die neue Einheitssprache der Bürokraten?
GOLDSCHMIDT: Das glaube ich nicht. Die Sprache regeneriert sich immer wieder aus der Literatur und aus dem Argot, der Sprache der Vorstädte.
SPIEGEL: Jetzt sprechen Sie von Paris.
GOLDSCHMIDT: Aber auch in Deutschland gab es den Satz, Stadtluft macht frei. Heute habe ich das Gefühl, daß seit der Wiedervereinigung die Sätze wieder länger werden, die Sprache verschrobener wird. Das ist wieder der Morgen in der deutschen Sprache. Die große Versuchung.
SPIEGEL: Und Georges-Arthur Goldschmidt, der auf beiden Stühlen sitzen mußte, wo wird er bleiben?
GOLDSCHMIDT: Ich habe meiner Frau schon öfter gesagt, vielleicht geht es mir wie Adelbert von Chamisso, der gegen Ende seines Lebens nur noch französisch sprach. Vielleicht werde ich dann nur noch deutsch sprechen.
SPIEGEL: Herr Goldschmidt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:
Georges-Arthur Goldschmidt *
wurde 1938 als Zehnjähriger in Hamburg von seinen jüdischen Eltern in den Zug nach Florenz gesetzt. Von da gelangte er in ein französisches Kinderheim. Das Leben dort, der Kampf gegen das Heimweh, die zahlreichen Prügelstrafen und die heimliche Lust daran, die Bedrohung durch die deutschen Besatzer - das gleicht in manchem der bedrückenden Stimmung, die Louis Malle in seinem Film "Auf Wiedersehen, Kinder" zeigt, nur daß Goldschmidt den Nazi-Häschern noch gerade entging. Nach dem Krieg, seine Mutter war 1942 gestorben, der Vater überlebte die KZ-Haft nur kurz, wurde der Emigrant Lehrer in Paris. In den französisch geschriebenen Romanen "Der Spiegeltag" und "Ein Garten in Deutschland" hat Goldschmidt die Traumata seiner Jugend beschrieben. Peter Handke übertrug beide Bücher ins Deutsche, wie umgekehrt Goldschmidt die meisten Handke-Werke ins Französische übersetzt hat. Die in deutscher Sprache geschriebene Erzählung "Absonderung", die Beschreibung der Kinderheimqualen eines Opfers, das sich durch Masochismus rettet, war Goldschmidts Durchbruch auf dem deutschen Buchmarkt.
* Mit Redakteuren Annette Meyhöfer, Nikolaus von Festenberg in einem Pariser Cafe.
Von A. Meyhöfer und N. v. Festenberg

DER SPIEGEL 35/1991
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