25.03.1991

DokumentationZum Reden gebracht

Mit „Wolfskinder“, einer Fluchtgeschichte aus Ostpreußen, leistet Eberhard Fechner einen weiteren Beitrag zu seinem deutschen Geschichts-Panorama.
Gerhard und Edith sind noch Kinder, sieben und neun Jahre alt, als ihre Familie durch den Einmarsch der Roten Armee auseinandergerissen wird. Der Hunger treibt sie nach Litauen, dort finden und verlieren sie ihre Angehörigen erneut - ihr Schicksal ist 1947 so gewöhnlich oder ungewöhnlich wie das von Tausenden anderer Jugendlicher, die in den Nachkriegsjahren verloren durch den Osten ziehen.
Erst vier Jahre später endet die Odyssee des achtköpfigen Clans in Hamburg, wo Gerhard und Edith noch heute leben. Gemeinsam mit ihren vier Geschwistern berichten sie am Karfreitag im ZDF (20.15 Uhr) zwei Stunden lang von Not und Flucht, von Verzweiflung und Hilfe, von Wundern und Katastrophen.
Zum Reden gebracht hat sie ein Meister der Schicksalsforschung: Eberhard Fechner, der mit seinen Dokumentarfilmen dem deutschen Fernsehen zu seltenen Glanzstunden verholfen hat, der aber auch als Regisseur der Kempowski-Adaptionen "Tadellöser & Wolff" und "Ein Kapitel für sich" Maßstäbe setzte für Literaturverfilmungen.
Wieder einmal war er über eine kleine Zeitungsnotiz neugierig geworden, die in dürren Worten die Kindheit einer Frau im Zweiten Weltkrieg schilderte. Fechner arbeitete sie in ein eindringliches Fernsehprotokoll um: "Wolfskinder", so der Titel, erzählt Geschichten vom Durchleben und Durchstehen, die heute kaum noch vorstellbar sind.
Der 64jährige Fechner ist dafür bekannt, daß er mehr Filmmaterial braucht als jeder andere Dokumentarfilmer. Doch er weiß es zu rechtfertigen: "Jeder Gesprächspartner erzählt mir ausführlich vor der Kamera von seinem Leben. Aber Erinnerungen sind sprunghaft und Menschen vergeßlich. Diese Interviews sind Rohmaterial, weiter nichts. Während der Dreharbeiten wüßte ich auch nicht zu sagen, wie der spätere _(* Helmut, Gerhard, Horst; Elisabeth, ) _(Edith, Ruth. ) Film aussehen wird." Das Puzzle wird erst im nachhinein geordnet, "Wolfskinder" ist der achte Film im Panorama der deutschen Geschichte, das Fechner in den letzten 22 Jahren nach ähnlichem Muster erarbeitet hat.
Der ausgebildete Schauspieler und Theaterregisseur hatte 1965 seinen ersten Fernsehfilm gedreht. 1968 fragte ihn daraufhin NDR-Redakteur Hans Brecht, ob er - statt eines Fernsehspiels, für das es keine Etatmittel mehr gab - eine Dokumentation zum Thema Selbstmord machen wolle. Fechner willigte unter der Bedingung ein, daß er sich auf nur einen Fall beschränken könne.
In einer noch winterlichen Märzwoche 1969 ließ er sich auf einer Berliner Polizeiwache die Suizid-Fälle des Tages schildern. Der Tod einer 72jährigen allein lebenden Frau interessierte ihn, Fechner durfte den gesamten Nachlaß auswerten. In nur sechs Drehtagen befragte er Verwandte, Nachbarn, ehemalige Arbeitgeber.
Daraus entstand die einstündige "Nachrede auf Klara Heydebreck", die den Grundstein für eine neue Art von Dokumentationsfilm legte, gegen alle bislang geltenden Regeln des Fernsehens. Fechner jagte mit der Kamera keinem Ereignis nach, dramatisierte nichts; er verließ sich einfach auf die bewährte und älteste Form der Kommunikation: Er ließ Betroffene sprechen und hörte zu. Wenn es sein mußte, stundenlang.
So unerläßlich sein Talent ist, Menschen zum Reden zu bringen, ihnen ein Gefühl der Geborgenheit vor der Kamera zu vermitteln, so entscheidend ist ein anderer Teil von Fechners Kunst. Kein anderer Regisseur beherrscht die Schnittechnik wie Fechner (unterstützt von seinen Cutterinnen Brigitte Kirsche und Barbara Büscher-Grimm).
Diese Montage-Technik, 1969 mit Klara Heydebreck begonnen, setzte Fechner 1971 mit "Klassenphoto" fort, einem Drei-Stunden-Epos über das Schicksal einer Berliner Schulklasse aus den dreißiger Jahren. 1975 folgte "Unter Denkmalschutz", die Geschichte der Bewohner eines Frankfurter Bürgerhauses und 1977 Fechners schönster Film: "Die Comedian Harmonists", die tragische und ergreifende Geschichte des legendären Sextetts, das Ende der zwanziger Jahre von Berlin aus seinen musikalischen Siegeszug antrat und das 1935 an den Rassengesetzen Hitlers zerbrach.
In allen Filmen Fechners, die gemeinsam ein deutsches Panorama quer durch alle Gesellschaftsschichten dieses Jahrhunderts darstellen, ist spürbar, wie die Herrschaft des Nationalsozialismus und die Wirren des Zweiten Weltkriegs entscheidend jedes Schicksal beeinflußt haben. "Jeder von denen, die in meinen Filmen zu Wort kommen", sagt Fechner, "hat diese Zeit anders erlebt und somit auch andere Erinnerungen. Aber bei keinem ist das private Leben unbeeinflußt geblieben durch geschichtliche Ereignisse. Kaum einer hat sich zeitlebens um Politik gekümmert. Die Politik hat aber keinen von ihnen unbeachtet gelassen und ihm ihre Spuren aufgedrückt."
Den Opfern der NS-Vernichtungslager widmete der Autor seinen wichtigsten Film. Mit akribischer Anstrengung verfolgte er von 1975 bis 1981 den Majdanek-Prozeß in Düsseldorf, interviewte Angeklagte, die Staatsanwälte, Verteidiger, vor allem die Zeugen, rekonstruierte das Grauen in einem Konzentrationslager und protokollierte die Schwierigkeiten der deutschen Justiz und der deutschen Öffentlichkeit, 30 Jahre nach den Untaten Gerechtigkeit zu suchen.
"Der Prozeß" wurde das eindringlichste Fernsehdokument über NS-Verbrechen und deren Verfolgung. Fechner arbeitete mehr als acht Jahre an diesem Film und war bitter enttäuscht, daß die ARD sich 1984 nicht mehr traute, dieses viereinhalbstündige Monument in ihrem Ersten Programm zu senden, und ihn statt dessen in die Dritten Programme abschob (SPIEGEL 45/1984).
Erst im Juni dieses Jahres wird sie zum zehnten Jahrestag der Urteilsverkündung die drei Teile des Films im Spätprogramm des Ersten wiederholen - späte Genugtuung für den engagierten Aufklärer.
Fechner ist im Augenblick mit seinen Werken so gefragt, daß es schon beinahe zu einer Überschneidung gekommen wäre. Der Norddeutsche Rundfunk, der fast alle früheren Dokumentarfilme Fechners betreute, hatte zeitgleich zu seinem jüngsten Werk für Freitag abend die Wiederholung der "Klara Heydebreck" in seinem Dritten Programm angesetzt.
Die Ausstrahlung wurde nun auf den Oktober dieses Jahres verschoben, Fechner-Freunde können sich einstweilen mit dem kürzlich erschienenen Buch über Klara Heydebreck trösten, das an Authentizität und Überzeugungskraft dem Film von 1969 gleichkommt*.
Über seinen Leitmotiven - der Anteilnahme für die Opfer und der Anklage gegen die Täter, die, wie in Majdanek, ebenfalls aus Deutschland kamen - vergißt Eberhard Fechner vor allem jene nicht, die selbstlos geholfen haben.
Bei der Arbeit zu "Wolfskinder" hat Fechner zum erstenmal erfahren, wie die Litauer das Überleben der heimatlos gewordenen Deutschen gesichert haben. So hat er sich zum erstenmal entschlossen, einen seiner Filme zum Dank mit einer Widmung zu versehen: den Bauern Litauens. _(* Eberhard Fechner: "Nachrede auf Klara ) _(Heydebreck". Quadriga-Verlag, Weinheim; ) _(160 Seiten; 29,80 Mark. )
Erzählende Geschwister*: Der Hunger treibt sie nach Litauen
Dokumentarfilmer Fechner Späte Genugtuung
Treck in Ostpreußen: Geschichten vom Durchleben und Durchstehen
* Helmut, Gerhard, Horst; Elisabeth, Edith, Ruth. * Eberhard Fechner: "Nachrede auf Klara Heydebreck". Quadriga-Verlag, Weinheim; 160 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 13/1991
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