02.09.1991

FernsehenSchlicht abgepinnt

Ein CSU-naher Journalist macht vor, wie man es beim Bayerischen Rundfunk auch zu etwas bringen kann. Er klaut fremde Texte.
Mitte März sendete die ARD im "Weltspiegel" einen Bericht über die gespannte Lage in Albanien. Reporter Peter M. Dudzik, 48, der Leiter des für Südosteuropa zuständigen ARD-Studios in Wien, erläuterte den Kampf um die Demokratisierung des Landes, bei dem die Kommunisten die "Pluspunkte ihrer bisher uneingeschränkten Macht" ausspielen konnten.
"Ein guter Text", fand "Weltspiegel"-Redakteur Nikolaus Brender vom Westdeutschen Rundfunk in Köln. Nur: Der Bericht des Korrespondenten Dudzik war, wie sich bald darauf erwies, in weiten Teilen "schlicht abgepinnt", so Brender unter Kollegen.
Der TV-Journalist Dudzik, der bei seinem Heimatsender, dem Bayerischen Rundfunk (BR), gern Fernseh-Chefredakteur werden möchte, hatte heimlich ein Manuskript seines Wiener Hörfunkkollegen Johannes Grotzky, 42, ausgeschlachtet, das der ihm vorher zu lesen gegeben hatte.
Der Textklau wäre wohl kaum herausgekommen, wenn Grotzky sein Skript nicht als Arbeitsunterlage für ein Balkan-Seminar des Kölner Ostkollegs eingeschickt hätte, eines Diskussionsforums der Bundeszentrale für politische Bildung. Als Tagungsleiter Heinrich Bartel und andere Seminarteilnehmer Dudziks Albanien-Bericht im "Weltspiegel" sahen, fiel ihnen auf, daß dort ganze "Passagen wortwörtlich mit dem eingereichten Beitrag" von Grotzky übereinstimmten, so Bartel.
Selbst eine von Grotzky überarbeitete Fassung seines Ostkolleg-Papiers, die im Mai-Heft der Zeitschrift Osteuropa veröffentlicht wurde, spiegelt noch eine Fülle von Dudzik-Doubletten aus dem "Weltspiegel" wider. Zwei Beispiele von vielen: *___Grotzky: "Die ursprüngliche Kathedrale im Zentrum der ____Stadt ist weiterhin als Kulturpalast zweckentfremdet." ____- Dudzik: "Die ursprüngliche Kathedrale im Zentrum der ____Stadt wird weiterhin als Kulturpalast zweckentfremdet." *___Grotzky: "Religionsfreiheit gehört zu den Ergebnissen ____der politischen Wende ebenso wie die Einführung des ____Mehrparteiensystems und das Versprechen von freien ____Wahlen." - Dudzik: "Jetzt gehört Religionsfreiheit zu ____den Ergebnissen der politischen Wende ebenso wie die ____Einführung des Mehrparteiensystems und die Zusage von ____freien Wahlen."
WDR-Redakteur Brender sieht durch Dudziks Plagiat die "Glaubwürdigkeit der ,Weltspiegel'-Sendungen tangiert", der Fall soll nun auf einer Redaktionskonferenz erörtert werden.
Bisher hatte Dudzik vor allem einen Ruf als Vertrauensmann der heimischen CSU. Der Journalist gehört zur Führungsreserve der Partei beim BR, der für das ARD-Studio in Wien zuständig ist. Das Parteiorgan Bayernkurier lobte Dudzik, er sei ein "Korrespondent erster Güte".
In Kollegenkreisen war der Journalist allerdings schon früher für den gediegenen Umgang mit Mitarbeitern so bekannt, daß darüber in ARD-Anstalten geredet wurde. Im Studio Tel Aviv, dessen Leitung 1982 an Dudzik fiel, übernahm die dortige ARD-Mitarbeiterin Lea Horowitz "das Fertigstellen von Beiträgen, inklusive Text", wie sie sich erinnert.
Dudzik habe sich mit "fremden Federn" geschmückt, berichtet die Journalistin Horowitz. Da sie, nach Beendigung ihres Studiums in Israel, von der Tätigkeit für das ARD-Studio abhängig gewesen sei, habe sie damals geschwiegen. Nach der Einarbeitung eines israelischen Kollegen sei sie im Herbst 1984 kaltgestellt worden.
Nach München zurückgerufen, wo Dudzik die BR-Redaktionsgruppe Zeitgeschichte übernahm, verstrickte sich der Journalist vor drei Jahren in eine Affäre um versuchte Tantiemenerschleichung und geistigen Diebstahl. Zum seinerzeit bevorstehenden 50. Jahrestag des Münchener Abkommens, mit dem im September 1938 Hitler-Deutschland der Tschechoslowakei Teile des Staatsgebiets entrissen hatte, erarbeitete die freie Journalistin Anita Eichholz, 47, eine dreiteilige Fernsehserie.
Gleichwohl wurde die Autorin, die regelmäßig für den BR arbeitet, im Abspann nur unter der Rubrik "Dokumentation" aufgeführt. Im Vor- wie im Abspann wies sich der zuständige Redaktionsleiter selber als Schöpfer des Werkes aus: "Ein Film von Peter M. Dudzik".
Zur Verblüffung der Verfasserin Eichholz meldete Dudzik auch Tantiemerechte als Texturheber der Serie an. Von der Urheberin zur Rede gestellt, versuchte Dudzik das Eichholz-Skript zunächst zum "Rohdrehbuch" herunterzureden, obwohl die Journalistin die Erarbeitung bis zur Sendereife beweisen kann.
Erst Ende März dieses Jahres, fast 30 Monate nach der Erstausstrahlung der TV-Serie in Bayern III, erreichte Anita Eichholz nach zähen Verhandlungen mit der BR-Rechtsabteilung eine akzeptable Vereinbarung. Dudzik machte keine Rechte auf den Text mehr geltend, die Text-Tantiemen erhält die Autorin.
Die lange Verhandlungsdauer dürfte einen simplen Grund gehabt haben. In der Zwischenzeit betrieb Dudzik seine Bestallung zum Chefkorrespondenten in Wien. Vorwürfe wegen des Umgangs mit fremden Texten hält der Korrespondent für "üble Nachrede und eine interne Kampagne gegen mich". Dudzik: "Dagegen kann man wohl nichts machen."
Das CSU-Organ Bayernkurier begrüßte Dudziks Berufung nach Wien: "Der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz." Der Journalist besitze, so das Blatt im letzten Dezember, "für die Aktualität der Stunde, für den Blick in das Kommende die notwendige Feinfühligkeit".
Dudziks Karriere kann weitergehen.

DER SPIEGEL 36/1991
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