02.09.1991

KommunistenAsche aufs Glatteis

Karl-Eduard von Schnitzler, ehemaliger Chefkommentator des DDR-Fernsehens, beweist als Buchautor, daß er sich treu geblieben ist.
Die Drohung war ernstgemeint. Karl-Eduard von Schnitzler, Chefkommentator des DDR-Fernsehens und Agitator des Ost-TV-Magazins "Der schwarze Kanal", kündigte in seiner letzten Sendung am 30. Oktober 1989 an, er werde künftig seine Arbeit "auf andere Weise fortsetzen".
Zwei Jahre nach der Wende in der DDR und einem kurzen Zwischenspiel als Kolumnist der Satire-Zeitschrift Titanic (SPIEGEL 51/1989) macht der 73jährige Altmeister des Agitprop sein Versprechen wahr. "Sudel-Ede", wie die DDR-Bürger ihn einst nannten, schreibt derzeit an einem Buch über die Klassenkämpfe dieses Jahrhunderts. Einen Vertrag mit einem Verlag hat der Autor zwar noch nicht, doch einen Teil des Manuskriptes ließ er bereits vorab veröffentlichen.
Die Weißenseer Blätter, eine kleine Zeitschrift kommunistisch inspirierter Theologen aus der Ex-DDR, erwiesen dem atheistischen Agitator sozialistische Nächstenliebe und veröffentlichten ein Kapitel des Schnitzler-OEuvres. Darin zeigt der realsozialistische TV-Prediger, daß er Wende und KPdSU-Ruin zum Trotz ganz der alte geblieben ist.
Auf ein wenig Kritik am gewesenen Regime mag zwar selbst Schnitzler nicht verzichten. "Das Mißtrauen gegen jeden und alle" in der DDR habe eine "falsche Sicherheitsauffassung im Inneren" mit "Überwachung und Verfolgung" von Zweiflern und Kritikern bewirkt, gesteht der langjährige SED-Propagandist ein. Sogar "Scham über ein Maß an Mitverantwortung" will er nicht verhehlen.
Doch der Altkommunist warnt sogleich, der "kritische Rückblick" dürfe "nicht den Blick nach vorn verhängen". Denn, so die einstige Nervensäge der Nation, "Asche gehört aufs Glatteis oder in die Urne, nicht aufs Haupt".
Schließlich sei alles halb so schlimm gewesen. "Politische Entartung, Machtmißbrauch, tödliche Folgen des Personenkultes" seien lediglich als "Verletzungen sozialistischer Grundprinzipien" und "Abweichungen von Leninschen Prinzipien" zu verstehen.
Es solle "nichts verkleinert werden", so Schnitzler, "was Stalin zu verantworten hat - nichts Böses, aber auch nichts Gutes". Immerhin habe er den Krieg gegen die Nazis gewonnen. Im übrigen habe in der DDR ohnehin nur ein "sanfter Stalinismus" geherrscht.
So werde Stalin als "historische Größe" in die Weltgeschichte eingehen, vergleichbar etwa Zar Peter, Friedrich II. von Preußen und Gustav Adolf von Schweden, der "die Reformation Nordeuropas auf Leichenhügeln geschändeter Frauen und Kinder bewirkt" habe.
Mit solchen Verbeugungen vor den Missetaten europäischer Fürstenhäuser versucht Schnitzler, ein - illegitimer - Urenkel des deutschen Kaisers Friedrich III., das ramponierte Ansehen des Realsozialismus aufzupolieren.
Das macht ihm bisweilen physisch zu schaffen. "Herzschmerzen" plagen Schnitzler, wenn er daran denkt, daß die Sowjetunion möglicherweise "ihren Charakter wandelt" - ganz im Gegensatz zu ihm.
Denn während in Moskau frühere Parteiführer den Marxismus verdammen, bläst der Unverbesserliche aus dem Adelsstand ("Ich habe meine Klasse verraten") unentwegt zum letzten Gefecht.
Der "zurückgeworfene Sozialismus", so der ehemalige Träger des Karl-Marx-Ordens, sei "dem Kapitalismus überlegen" und werde "im nächsten Jahrhundert die Oberhand gewinnen" - vorausgesetzt, daß er "ideologisch und materiell gegen Ideologie und Macht des Imperialismus gewappnet ist". Der "polemische Schlagabtausch", so Schnitzler bereits in seinem 1989 kurz vor der Wende in der DDR erschienenen autobiographischen Buch "Meine Schlösser oder Wie ich mein Vaterland fand", gehöre nun mal "zur Klassenauseinandersetzung".
Solche Tiraden mögen selbst die meisten Hinterbliebenen der SED-Nachfolgeorganisation PDS nicht mehr hören. Aus der damaligen SED/PDS ist Schnitzler bereits im Januar letzten Jahres ausgetreten, nach der Einleitung eines Parteiverfahrens und nachdem ihn das Parteiblatt Neues Deutschland in einem Kommentar als "Nessie-ähnliches Fossil" verhöhnt hatte.
Die Attacke der einstigen Genossen läßt der stalinistische Senior nicht unbeantwortet. Die PDS des Gregor Gysi, der den Austritt Schnitzlers ausdrücklich begrüßte, gilt dem abservierten Altagitator als ein weltanschaulich aufgeweichter Verein von "Wendehälsen". o

DER SPIEGEL 36/1991
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