02.09.1991

„ . . . mit dem Detail nicht befaßt“

Von den acht Opfern weiß man nicht viel mehr als den Namen und ihr Alter. Ein 36 Jahre alter Familienvater mit seiner 25jährigen schwangeren Frau und den beiden fünf und drei Jahre alten Söhnen.
Eine andere Mutter, die in wenigen Tagen ein gesundes drittes Kind geboren hätte, und ihre zwei Jungen, ebenfalls fünf und drei Jahre alt.
Ein 42 Jahre alter Mann.
Sie sind am Abend des 28. Dezember 1990 in einem mit 250 Aus- und Übersiedlern aus der ehemaligen DDR, aus Polen und der Sowjetunion belegten Gebäude im Bremer Ortsteil Habenhausen an Rauchgas erstickt. Es wären möglicherweise noch mehr Menschen ums Leben gekommen, hätten nicht viele Bewohner die Feiertage außer Haus verbracht.
Es muß sehr schnell gegangen sein. Die schon schlafenden Kinder mögen unmerklich von Bewußtlosigkeit in den Tod geglitten sein. Die Hochschwangere, die wie versteinert auf dem Flur stand, als die schwarzen Schwaden herandrückten, bedrängt von einer Mitbewohnerin: "Los, weck deine Kinder und zieh sie an", wurde von einem jungen Mann in das Zimmer hineingestoßen, in dem sie und die Jungen unrettbar verloren waren. Die Familie und der alleinstehende Mann haben offenbar gar nichts mehr tun können.
Undurchdringlicher Qualm, Gase, Hitze, Feuer - es brach über die Zimmerdecken ein, es schoß in Sekunden durch Ritzen und Spalten. Das Licht fiel aus. Schreie "Feuer, Feuer, Hilfe". Ein Mann kroch aus einem Fenster und krallte sich an der Außenwand des Gebäudes fest. Eine junge Frau verlor den Halt und stürzte in die Tiefe. Feuerlöscher wurden geholt, gesucht, da half nichts mehr, da war zuviel.
Neun Minuten nach dem Alarm traf der erste Löschzug der Feuerwehr ein, drei Minuten später der zweite, dann der dritte. Die um Hilfe Schreienden wurden in kürzester Zeit über Leitern gerettet, 30 Personen aus dem zweiten Stock. Ein Trupp versuchte, durch ein Fenster ins Gebäudeinnere zu dringen, und machte wegen der Hitze fluchtartig kehrt. Ein weiterer Trupp kämpfte sich mühsam durchs Treppenhaus, da schwere Glastüren zu den Obergeschossen abgesperrt waren. Bis dorthin, wo das Feuer ausgebrochen war, gelangten auch diese Feuerwehrleute nicht.
Ein Mann rannte durch die Menschenmenge, die sich inzwischen vor dem lodernden, berstenden Block eingefunden hatte, und schrie: "Ich hab' das Feuer verursacht, ich stelle mich." Er zitterte am ganzen Körper. Es war der heute 37 Jahre alte Bernd Rasemann, Übersiedler aus der ehemaligen DDR, der im zweiten Stock in einem Zimmer direkt neben dem Treppenhaus gewohnt hatte.
Rasemann ist gelernter Isolierer. In der Bundesrepublik, in die er im Februar 1990 übersiedelte, "um ein anderes Leben aufzubauen", schlug er sich mit Gelegenheitsarbeit durch, dann als Gerüstbauer zusammen mit Landsleuten. Doch als demjenigen, der ein Auto hatte und der die Kollegen zu den oft weit entfernten Arbeitsstellen mitnahm, die Fahrerlaubnis entzogen wurde, stand er wie die anderen wieder auf der Straße. So hingen sie tage-, wochenlang herum und schlugen die Zeit mit Trinken tot.
Am Mittag des 28. Dezember hatte Rasemann ein Hühnchen braten wollen, als ein "Kumpel" mit einem Freund aus Berlin an der Gemeinschaftsküche vorbeikam. Sie tranken bis etwa 15 Uhr. "Es war die Langeweile, man fand sich immer wieder zusammen." Dann zogen sie los, um Raketen für das Silvester-Feuerwerk zu kaufen. Der Freund packte sich eine ganze Tasche voll. Zu Hause wurde weitergetrunken, bis einer sagte, man wolle schon jetzt mal "was loslassen".
Die ersten Rakten steckten sie noch in eine Flasche und schossen sie aus dem Fenster. Dann nahm der Freund sie einfach in die Hand. "Ich wollte das eigentlich nicht", sagt Rasemann, "aber dann hab' ich es gesehen und halt auch gemacht." Sie waren bereits ziemlich betrunken, als sie noch einmal Schnaps kauften, denn "wir waren lustig drauf".
Rasemanns Freundin, eine 40 Jahre alte Krankenpflegerin aus der DDR, die mit ihm in einem Zimmer wohnte, zog sich bald zurück. Sie war mit seiner Trinkerei nicht einverstanden und nahm ihm oft das Geld dafür weg, nicht ohne Verständnis für seine Verfassung: "Wenn er Arbeit hat, trinkt er überhaupt nichts. Damals, da hatte er keine Arbeit, die anderen auch nicht, da hatte er sich denen halt angeschlossen."
An jenem Abend kehrt er schwankend von den Freunden zurück und verlangt noch einmal 20 Mark. Sie weigert sich. Er, verärgert und trotzig wie ein Kind: "Na gut, dann schieß ich halt noch eine ab." Er weiß, daß sie die Knallerei nicht mag. Sie verläßt das Zimmer. Er nimmt eine Rakete in die Hand, deren Stiel sich gelöst hat, befestigt diesen provisorisch und hält eine Zigarette an das Zündschnürchen.
Rasemann meint, "die Rakete muß sich gedreht haben". Sie sei an ihm vorbeigeschossen und zurückgekommen. Oder hat er sie fallenlassen, um sich nicht die Hände zu verbrennen? Wahrscheinlich hatte er - nach Rückrechnung des Gerichts - 2,48 Promille. Nach Angaben eines Sachverständigen der Feuerwehr entstehen bei einem solchen Zündvorgang ungewöhnlich hohe Temperaturen: 2000 bis 2200 Grad (bei einem Streichholz seien es nur 800 Grad). Die Rakete ging zwischen Fenster und einem nahe davorstehenden Hochbett nieder, setzte eine daruntergeschobene Matratze in Brand, das Bett, all die Habseligkeiten, mit denen das winzige Zimmer vollgestopft war.
Mit einer Steppdecke wollte Rasemann die Flammen ersticken, doch von allen Seiten schlugen sie empor. Er rannte auf den Flur, um mit der Kanne einer Kaffeemaschine Wasser zu holen. Endlos habe es gedauert, bis diese vollgelaufen war, sagt er. Als er zurückkam, war das Zimmer so verqualmt, daß er nicht sah, wo es brannte. Er rannte durch den Flur, schrie "Feuer", schlug an die Türen, rannte eine Etage tiefer, wo ein Feuerlöscher hing, spritzte damit in den Qualm hinein.
Andere halfen ihm, kamen auch mit Feuerlöschern. Manche hielten die Alarmrufe für einen Scherz. Einer sagte später, er habe damals gedacht: "Laß es doch qualmen da draußen" und sich im Bett noch einmal herumgedreht. Doch längst wütete das Feuer wie in einem vertikalen Kamin zwischen den Zimmerdecken und der Dachkonstruktion über das ganze Geschoß hinweg.
Bernd Rasemann, aschfahl auf der Anklagebank, ist in der vergangenen Woche von der Großen Strafkammer V des Landgerichts Bremen unter dem Vorsitz von Walther Erwes, 50, zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Er wurde schuldig befunden der fahrlässigen Brandstiftung mit Todesfolge in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung.
Als der Vorsitzende Richter dieses Urteil begründete, war es still im Saal. Er hat lange und eindringlich und ohne Eifer gesprochen. Er hat sich direkt an den Angeklagten gewandt, er hat ihm nichts erspart. Er hat zu ihm über sein Fehlverhalten gesprochen: daß man Feuerwerkskörper nicht aus dem Fenster abfeuern dürfe, daß es ein besonderes Risiko gewesen sei, eine defekte Rakete aus der Hand zu starten. Rasemann habe auch gewußt, wie eng die Menschen in dem Gebäude untergebracht waren und wieviel sich in den Zimmern an Gepäck, Kleidung und Nahrung angesammelt hatte.
Der Richter hat zu dem Angeklagten auch über Alkohol gesprochen, "daß Sie etwas kontrollierter damit umgehen" und daß man den Eindruck habe, er wolle seine Gewohnheiten ändern.
Vor allem aber und mehrfach hat der Vorsitzende begründet, daß die Kammer sich der Strafzumessung wegen um die Rolle einzelner Personen und Institutionen aufklärend bemüht habe. Denn der "Schuldumfang des Angeklagten" habe eingeschätzt werden müssen. Das Gericht habe sich daher mit der Geschichte des Gebäudes und "was in ihm passiert ist und was in ihm nicht passiert ist" beschäftigt.
Erwes übernahm den Vorsitz der Kammer kurz vor Prozeßbeginn. So ergaben sich für ihn erst spät Aspekte, die zur Nachladung einer ganzen Reihe von Zeugen führten. Denn sehr bald wurde klar, daß der Angeklagte zwar fahrlässig eine riesengroße Torheit begangen hatte, daß das ganze Ausmaß des Unglücks aber nicht ihm allein angelastet werden konnte.
Das Übersiedlerheim in der Bremer Steinsetzerstraße war ursprünglich ein Bürogebäude. Entworfen und erstellt hat es der Ehemann der Eigentümerin, Hans-Heinrich Beuermann, 60. Er ist Diplom-Ingenieur für Hochbau. 1986 wurde ein Teil an das Arbeitsamt vermietet, Großraumbüros mußten in kleine Räume unterteilt werden. Als das Arbeitsamt Ende 1989 auszog, beauftragte Beuermann einen Makler mit der Suche nach einem neuen Mieter.
Zu dieser Zeit wurde Bremen von Aus- und Übersiedlern überschwemmt. Ein Krisenstab wurde eingerichtet und an Hauseigentümer appelliert, Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Ihre Versäumnisse, ihre Schlampereien von damals, ohne die es zu einem so schwerwiegenden Unglück wohl nicht gekommen wäre, erklären die Mitarbeiter der betreffenden Behörden heute mit "akutem Handlungsbedarf", mit dem "Wohlwollen des Bausenators" bei der Umwandlung von Büro- in Wohnraum. Aus "humanitären Gründen" habe man die Belegung gebilligt.
Als Zeuge vor Gericht berichtete Herr Beuermann, der das Bürohaus damals, so wie es war, kurzerhand als Wohnheim anbot, daß Mitarbeiter des Sozialsenators die Räume besichtigt hätten und "sehr froh darüber waren".
Der Vorsitzende fragte ihn: "War für Sie denn nicht klar, daß in den Geschossen von da an Tag und Nacht Menschen wohnen und nicht nur für ein paar Stunden am Schreibtisch arbeiten würden?" Baurechtlich sei das eine Änderung der Nutzung gewesen und die hätte er beantragen müssen. Dazu hätte die Feuerwehr ein Gutachten erstattet, und das wäre fraglos verheerend ausgefallen. "Damals war das alles ganz anders", sagte Beuermann, "es sollte schnell gehandelt werden. Mein Makler fühlte im Bauordnungsamt vor, da bestanden keinerlei Bedenken. Einen Antrag auf Nutzungsänderung hielt man nicht für erforderlich." So hielt denn auch Herr Beuermann eine Genehmigung für nicht erforderlich.
Das Bauordnungsamt in Bremen war, wie sich aus den Akten ergibt, seit Frühjahr 1990 darüber informiert, daß das Bürohaus von Übersiedlern bewohnt wurde und ein Antrag auf Nutzungsänderung nicht gestellt worden war. Denn eine im Erdgeschoß befindliche Büromaschinen-Firma hatte mehrfach nachgefragt, ob die Umwandlung genehmigt sei. Telefonisch wurde daraufhin mitgeteilt, es handle sich um ein "im Schnellverfahren abgewickeltes Wohnvorhaben", die Nutzung sei nur befristet, Sicherheitsmängel seien nicht erkennbar.
Die Zwischenwände der kleinen Zimmer aber führten nicht, wie es hätte sein sollen, bis zur Dachhaut hoch. Es gab keine feuerhemmende Decke, keine Rauchmelder, keine akustischen Warnsignale, keine Notbeleuchtung. Als Fluchtweg stand nur das Treppenhaus vorn am Flur zur Verfügung. Der Abgang ins Freie war im ersten Stock auf Anordnung Beuermanns versperrt ("das Treppenhaus war der Spielplatz im Haus"). Dem Amt für Bauordnung genügte es, daß im Falle eines Brandes alle Fenster "angeleitert" werden konnten. Und Herrn Beuermann genügte ein Schild "Notausgang" unter einem Fenster des ersten Stocks, von dem man, nach seiner Ansicht, auf ein 90 Zentimeter tiefer liegendes Vordach klettern und von dort auf die Erde springen konnte. "Wenn ich da an kleine Kinder denke", sagte der Vorsitzende.
Die Johanniter-Unfall-Hilfe, die sich um die Versorgung der Übersiedler in der Steinsetzerstraße kümmerte, wies das Amt für Soziale Dienste dreimal - im Mai, im August und im Oktober 1990 - darauf hin, daß Notausgänge fehlten. Daß die Feuerwehr das Haus noch immer nicht besichtigt habe. Daß die Bewohner am Ende des Flurs, bräche Feuer in der Nähe des Treppenhauses aus, in der Falle säßen - und so weiter.
Das Amt für Soziale Dienste schrieb in dieser Sache an Beuermann. Der sagte die Behebung der Mängel zu und tat nichts. Das Amt stellte anschließend fest, "daß die Mängelliste abgearbeitet war". "Konkret", sagt der zuständige Mitarbeiter vor Gericht, "kann ich mich nicht mehr erinnern."
Im übrigen sei die Baubegutachtung Sache der "Bremischen Gesellschaft für Stadterneuerung, Stadtentwicklung und Wohnungsbau". Sie sei Mieterin. Man habe darauf vertraut, daß die Gebäude zur Unterbringung von Übersiedlern schon in Ordnung seien: "Ich bin nicht mit der Mängelliste durchs Haus gegangen und habe abgehakt."
Der Prokurist der "Bremischen Gesellschaft" sagt vor Gericht, es sei damals nicht möglich gewesen, "zeitgleich zur Nutzung den schriftlichen Formalitäten zu genügen". Außerdem sei er "mit dem Detail nicht befaßt" gewesen. Und schließlich sei das Anwesen ja als Wohngebäude angeboten worden.
Nach dem Unglück wurden in Bremen 140 Unterkünfte überprüft. Einige Häuser wurden ganz, andere teilweise geräumt (gleichwohl sind noch immer Asylsuchende in Bunkern untergebracht, was den Übersiedlern nicht zugemutet wurde). Anforderungen wurden verschärft, "Einschätzungen" wieder verändert, "Aspekte" von neuem korrigiert. Der Kurs ändert sich um so radikaler, je näher der 29. September 1991, der Wahltag in Bremen, rückt.
Gegen Hans-Heinrich Beuermann ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen. Der Verteidiger Rasemanns, Gerhard Baisch, Bremen, will Strafanzeige auch gegen einen Zeugen aus dem Bauordnungsamt erstatten.
Es sei sicher eine Erleichterung für ihn, wandte sich der Vorsitzende Richter noch einmal an Bernd Rasemann, daß er eine Bewährungsstrafe erhalten habe. "Doch damit sind Sie noch nicht durch. Damit müssen Sie leben." Wie er es sagte, war dies eine Bekundung des Respekts vor solcher Last. Sie erleichtert es, mit der Schuld zu leben, tapfer zu sein. Wie kann einem Menschen, dem die acht Toten sein Leben lang nicht aus dem Kopf gehen werden, anders geholfen werden? o
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 36/1991
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