07.10.1991

WaffenhandelDeal hinterm Bahnhof

Internationale Terrorgruppen wurden von einer Waffenhandelszentrale in Ost-Berlin versorgt - auch die CIA bediente sich.
Mit einem Export-Auftrag im Wert von 881 550 britischen Pfund wandten sich Händler an ein erfahrenes Bankhaus in London: Die Bank of Credit & Commerce (BCCI) sollte helfen, die Lieferung einer Fuhre Spezialwaffen aus Großbritannien in die damalige DDR zu organisieren.
Für die mittlerweile als Kassenhalter des internationalen Terrorismus berühmt gewordenen BCCI-Banker war das kein Problem. Ein hilfreicher Militärattache war schnell gefunden, der diskret ein harmlos aussehendes Endverbleibzertifikat für Sierra Leone ausstellte.
Natürlich hat den kleinen Staat in Westafrika die Ladung nie erreicht. Bereits in Rotterdam kam neue Order. Das vom britischen Waffen- und Bombenfabrikanten Royal Ordnance hergestellte Schießzeug - 115 Mehrzweckwaffen, Typ Arwen, sowie reichlich Tränengasgranaten - wurde, vermutlich ohne Kenntnis der Firma, zum "Sonderumschlag" nach Rostock verfrachtet.
In Rostock wartete schon die Stasi. Agenten des MfS-Chefs Erich Mielke kassierten gleich 100 der hochmodernen Arwen-Gewehre, mit denen zielgenau Plastikgeschosse abgefeuert werden können - das ideale Gerät gegen Aufrührer und Demonstranten.
Den Rest aber gaben die Stasi-Leute weiter: Die Schmuggelwaffen gingen an Abgesandte des MfS-Geschäftspartners Sabri Chalil el-Banna - unter seinem Kriegsnamen Abu Nidal weltweit als Terroristen-Führer bekannt.
Die Bestellung für umgerechnet knapp drei Millionen Mark aus dem Jahre 1986 ist nur einer von vielen Deals einer unheilvollen Verbindung, deren ganzes Ausmaß erst jetzt den westlichen Geheimdiensten bekanntgeworden ist: Jahrelang wickelten DDR-Händler und Mittelsmänner Abu Nidals gemeinsam über die BCCI schmutzige Geschäfte ab.
Bei dem skrupellosen Geldhaus, das mit Drogenhändlern, Waffenschiebern und Terroristen in aller Welt zusammenarbeitete (SPIEGEL 33/1991), kontrollierten der militante Palästinenser Abu Nidal und seine Verbündeten 42 Konten. Auf etwa ein halbes Dutzend davon hatten auch seine Vertrauensleute in Ost-Berlin Zugriff.
Die Zentrale für die internationalen Geschäfte zwischen Terroristen, Diktatoren und Waffenhändlern war mitten in Berlin: Gleich hinter dem Bahnhof Friedrichstraße saß die Zibado Co. for Trade and Consulting Ltd. Offizieller Geschäftszweck war die Lieferung von Fabrikationsgütern. Doch Zibado machte Geld mit Waffenverkäufen.
Die deutsch-palästinensische Firma, kontrolliert von Abu Nidal, arbeitete mit einem Unternehmen des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski zusammen: der Imes Import-Export GmbH. Auch Imes handelte nur mit Schießgerät. Die Firma machte Geschäfte mit den Mullahs und kassierte für Hilfeleistungen Provisionen von westeuropäischen Waffenhändlern.
Beide Firmen - hinterm Bahnhof in benachbarten Büros - koordinierten ihre Geschäfte nicht nur untereinander, sondern auch mit der Stasi. Mitarbeiter der Stasi-Hauptabteilung XVIII (Sicherung der Volkswirtschaft) und der Hauptverwaltung XXII (Terrorabwehr) saßen in den Büros. 1985 wurde Abu Nidal von Stasi-Chef Mielke höchstpersönlich empfangen.
In der DDR wurden auch zwei Killer-Kommandos des fanatischen Israel-Hassers gedrillt. Die erste Gruppe, angeführt von dem Abu-Nidal-Vertrauten Issam Maraka, übte, nach einem Bericht der Ost-Berliner Illustrierten extra magazin, von April bis Juli 1985 den Raketen- und Geschoßwerfereinsatz und studierte Operativtaktik. Der zweite Trupp unter Führung eines Mannes mit dem arabischen Allerweltsnamen Dschamil wurde Anfang 1986 auf dem geräumigen Stasi-Truppenübungsplatz Massow im Brandenburgischen geschult.
Zwischen den beiden Killer-Lehrgängen liegen zwei Anschläge der Abu-Nidal-Gruppe auf Flugplätze in Wien und Rom. 16 Menschen starben.
Die Macht des gefährlichsten Terroristen der arabischen Welt liegt nach dem Urteil von Sicherheitsexperten gerade in seinen geschäftlichen Beziehungen zu dubiosen Unternehmen in allen Teilen Europas. Dabei nimmt der Palästinenser eine zweite Identität als Kaufmann an, ganz zivil nennt er sich dann Sabri Chalil el-Banna oder Dr. Said.
Nach Schätzungen westlicher Geheimdienste hat er so, mit Erpressung arabischer Staaten, Baugeschäften und Waffenschiebereien zwischen 1976 und 1989 ein Vermögen von etwa 350 Millionen Dollar angehäuft. Allein während des ersten Golfkrieges soll der Terrorist durch Waffenverkäufe an den Iran und an den Irak 200 Millionen Dollar verdient haben. Das Geld ist auf Konten in der Schweiz, Spanien und Österreich angelegt.
Konzern-Zentrale war seit Anfang der achtziger Jahre Warschau. Im 25. Stockwerk des Intraco-Gebäudes in der Stawki-Straße 2 hatte die SAS Trade & Investment ihren Sitz - ein Unternehmen, das sich angeblich mit "internationalem Handel, Marketing, Baugeschäften und Investitionen" beschäftigte.
Aus der Warschauer Zentrale tauchten öfter Revisoren in Ost-Berlin auf, um bei der Tochter Zibado nach dem Rechten zu sehen. Experten beziffern den Jahresumsatz von SAS und Zibado zusammen auf 80 Millionen Dollar - die Zusammenarbeit auf der Waffenhandelsschiene Ost-Berlin-Warschau klappte offenbar.
Doch im Herbst 1986 war es mit dem guten Einvernehmen vorbei. Bei Zibado gab es Ärger. Der Geschäftsführer Diwar Abd el-Fattah el-Silwani, die Nummer drei im Finanzimperium des Abu Nidal, hatte als Bevollmächtigter für Auslands-Investitionen großzügigen Zugang zu den BCCI-Konten und ritt offenbar krumme Touren.
Gerade noch rechtzeitig vor der Entdeckung seiner Unterschlagungen konnte sich der Mann 1986 absetzen. Er türmte über West-Berlin in die USA und packte dort beim Geheimdienst CIA über das Netzwerk des Abu Nidal aus.
Die Enthüllungen lösten im Ost-West-Verhältnis Verwicklungen aus. Washington schickte den damaligen Ost-Berliner US-Botschafter Francis J. Meehan mit einer Protestnote wegen der Deals hinterm Bahnhof ins Außenministerium am Marx-Engels-Platz.
"Aufgrund der kommerziellen Protektion Ihrer Regierung", klagte Meehan an, "kann die Abu-Nidal-Organisation sich bedeutende Einnahmen verschaffen, mit denen die Finanzierung ihrer terroristischen Operationen unterstützt wird." Er drohte, die Sache publik zu machen.
Die Ost-Berliner blieben gelassen. Sie wußten genau, daß die USA allen Grund hatten stillzuhalten. Denn auch die CIA hatte bei der BCCI ihre Konten. Und der amerikanische Geheimdienst hat in Ost-Berlin ebenfalls Waffen aufgekauft.
Viermal wurde zwischen 1982 und 1985 in Berlin-Schönefeld eine von der CIA-Tarnfirma St. Lucia Airways gecharterte Maschine mit Kriegsgerät des Abu-Nidal-Partners Imes beladen. Die DDR war auch vertreten, als die CIA mit Hilfe der Familie des damaligen rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu für 40 Millionen Dollar Rüstungsgüter aus dem Osten einkaufte. Die Amerikaner wollten die Qualität der Ost-Güter testen.
Selbst als der pensionierte US-General John Singlaub für die Contras in Nicaragua Waffen in Osteuropa einkaufen ließ, steuerte die DDR ihr Scherflein zur 5,3 Millionen Dollar teuren Ladung bei. Singlaub war im Osten ein Begriff - als Präsident der Antikommunistischen Weltliga.
Mit Interventionen in Ost-Berlin erreichten die Amerikaner immerhin, daß die Abu-Nidal-Firma Zibado dichtgemacht wurde. Auch die SAS in Warschau mußte schließen. In der Schweiz setzten zugleich US-Diplomaten durch, daß der BCCI-Finanzier, SAS-Mitarbeiter und Zibado-Kontrolleur Samir Nadschm el-Din von den Eidgenossen zur Persona non grata erklärt wurde. Die Palästinenser begannen schon, den Zugriff auf ihre Schweizer Konten zu fürchten.
Das war 1988. Da meldete sich wieder der Terrorist Abu Nidal: Ein Schweizer Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes wurde im Libanon entführt, Unbekannte drohten mit einem Anschlag auf den Flughafen Zürich.
Die Botschaft wurde verstanden. Abu Nidal und seine Helfer hatten wieder Zugriff auf das schwerverdiente Geld.

DER SPIEGEL 41/1991
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