02.09.1991

„Angst vor Nähe“

SPIEGEL: Sie haben Dieter Degowski zum ersten Mal im Gerichtssaal gesehen, einen Mörder auf der Anklagebank. Und gerade ihn wollten Sie kennenlernen?
DEGOWSKI: Den Fall hatte ich mal kurz im Fernsehen verfolgt, die Leute waren da alle so hinterher, und damals habe ich gesagt, mich interessiert das eigentlich nicht. Aber während der Verhandlung hatten wir von Anfang an Blickkontakt. Dann habe ich ihm einfach einen Brief geschickt. Es haben ihm viele Frauen geschrieben, für sie ist er wohl ein Star geworden, wenn auch in negativem Sinne. Ich wollte ihn als Menschen kennenlernen.
SPIEGEL: Wie ging das vor sich?
DEGOWSKI: Ich hatte ihn anfangs jede Woche im Gefängnis besucht, eine halbe Stunde, später zwei Stunden lang. Das erste Mal war eine Trennscheibe zwischen uns. Ungefähr nach vier Monaten hat er mir einen Heiratsantrag gemacht. Jetzt ist er nach Wuppertal verlegt worden. Dort darf ich ihn nur noch alle 14 Tage sehen.
SPIEGEL: Sie sind zum vierten Mal verheiratet, diesmal mit einem Mörder.
DEGOWSKI: Mich kann man nicht mit normalen Maßstäben messen, da ich nie das mache, was die Gesellschaft vorschreibt.
SPIEGEL: Was heißt das?
DEGOWSKI: Mit 18 Jahren kam ich aus dem Heim und wollte ein Zuhause haben. Ich war ein ungewolltes Kind und bin immer herumgeschubst worden. Von meinen Eltern zu meinen Großeltern, dann wieder zu meinen Eltern, von einem Heim zum anderen. Als ich 19 war, habe ich meinen ersten Mann kennengelernt. Er war Hilfsarbeiter und hat alle Jobs übernommen, die sich so anboten. Fünf Jahre waren wir verheiratet, aber er hat mich sehr viel allein gelassen und sein eigenes Leben gelebt. Da habe ich mich schließlich von ihm getrennt.
SPIEGEL: Und wie sind die beiden anderen Ehen verlaufen?
DEGOWSKI: Meinen zweiten Mann habe ich kennengelernt, als ich noch verheiratet war. Das ist dann auch wieder schiefgelaufen, weil seine Mutter ständig dazwischenhing, mich beschimpft hat. Und der dritte, das war absolut die Härte. Er war Alkoholiker, hat mich geschlagen, mißhandelt, in den Bauch getreten, vergewaltigt. Mir war schon vor der Heirat klar, daß er gewalttätig ist, aber ich habe gedacht, man kann Menschen ändern. Inzwischen weiß ich, das kann man nicht.
SPIEGEL: Da ist es doch erstaunlich, daß Sie nicht genug von Männern haben.
DEGOWSKI: Ich wundere mich selbst darüber. Aber einen psychischen Schaden habe ich dadurch schon. Und nach der Vergewaltigung war mir die Lust auf Sexualität ziemlich vergangen.
SPIEGEL: Wie zeigen sich diese psychischen Probleme?
DEGOWSKI: Ich bin vom Arzt für ein Jahr krank geschrieben, weil ich wegen einer Angstneurose in psychiatrischer Behandlung bin. Vorher mußte ich schon zwei Jahre lang Antidepressiva nehmen. Ich hatte Depressionen ohne Ende und war bis oben hin vollgestopft mit Medikamenten. Seitdem habe ich mich sehr verändert, eine Drüse in meinem Kopf ist zerstört. Ich kann keine tiefen Gefühle mehr empfinden.
SPIEGEL: Wenn Sie so große Schwierigkeiten haben, warum belasten Sie sich dann noch mit dieser Ehe?
DEGOWSKI: Ich habe immer versucht, mich so von meinen eigenen Problemen _(* Im Gerichtssaal beim Gladbeck-Prozeß ) _(in Essen. ) abzulenken. Als die ganze Welt gegen die Hochzeit war und der Richter auch anonyme Anrufe bekam, die Ehe müsse verhindert werden, da habe ich erst recht heiraten wollen.
SPIEGEL: Sie sind jetzt 34 Jahre alt. Wenn Ihr Mann frühestens nach 15 Jahren entlassen wird, sind Sie 49.
DEGOWSKI: Bei dieser Urteilsbegründung kann ich 69 sein, da wird er nicht herauskommen.
SPIEGEL: Wollen Sie denn so lange treu bleiben?
DEGOWSKI: Ich bin kein Übermensch. Für mich zählt nicht die sexuelle Treue, sondern die im Herzen.
SPIEGEL: Was sagt Dieter Degowski dazu?
DEGOWSKI: Wir schweigen das Thema tot. Er hat manchmal gefragt, bist du treu. Aber für mich ist das eben hier drinnen Treue.
SPIEGEL: In zwei Haftanstalten in Nordrhein-Westfalen gibt es sogenannte Liebeszellen. Dürfen Sie sich dort treffen?
DEGOWSKI: Das liegt noch in weiter Ferne. Solange die Revision seines Gerichtsverfahrens noch nicht abgeschlossen ist, kommt er da nicht rein.
SPIEGEL: Also eine Ehe ohne Vollzug?
DEGOWSKI: Es gibt Dinge, die kann man vom Kopf her abstellen. Mein Mann hat anfangs davon geträumt, mit mir zu schlafen. Ich glaube, in so einer kleinen Zelle ist es sehr schwer, mit diesen Wünschen fertig zu werden. Jetzt sprechen wir nicht mehr darüber, weil man sich ja nicht gegenseitig hochputschen muß.
SPIEGEL: Hat sich Ihr Mann mit dem Verzicht auf Sex abgefunden?
DEGOWSKI: Nein, er hat gesagt, er möchte gern ein Kind von mir haben. Ich glaube, das ist eine Illusion.
SPIEGEL: Was erwarten Sie eigentlich von einer Ehe?
DEGOWSKI: Ich habe früher die absolute Liebe erwartet, das völlige Einssein. Das gibt es vielleicht gar nicht. Jetzt habe ich eher Angst vor Nähe.
SPIEGEL: Liebe ist in Ihrer Ehe mit Dieter Degowski im Moment nicht das dominante Motiv?
DEGOWSKI: Nein, ich empfinde eigentlich eher Trauer. Mit dem Mann, den ich geheiratet habe, werde ich nie zusammensein können.
SPIEGEL: Sie denken deshalb doch auch schon an Scheidung. Welchen Sinn hatte die Heirat denn überhaupt?
DEGOWSKI: Bei mir ist das Helfenwollen eine richtige Krankheit. Ich fühle mich von meinem Mann gebraucht, das ist wirklich eine Sucht von mir. Ich habe immer ziemlich schwache Männer kennengelernt. Ich habe versucht, ihnen Stärke zu geben.
SPIEGEL: Worüber reden Sie mit Ihrem Mann, wenn Sie ihn besuchen?
DEGOWSKI: Über Belanglosigkeiten. In dem Besuchsraum kann man keine tiefsinnigen Gespräche führen. Man kann im Gefängnis nicht viele Gefühle austauschen. Da sitzt doch immer jemand dabei, selbst wenn man den irgendwann nicht mehr sieht. Wir schreiben uns auch kaum noch. Gut, er mag mich lieben. Aber die Ehe war für ihn vielleicht eher ein Strohhalm. Er weiß, da ist jemand, der für mich da ist.
SPIEGEL: Gilt das auch für Sie?
DEGOWSKI: Ja, er hört mir zu, wenn ich mit ihm rede, und ich habe die Sicherheit, daß der Mann mich nicht vergewaltigt, mich nicht betrügt und nicht verläßt. Das gibt mir Halt.
SPIEGEL: Ihr Mann hat den Schüler Emanuele di Giorgi erschossen. Ist er deshalb für Sie ein Mörder?
DEGOWSKI: Wenn ich eine Waffe in einer Situation in die Hand bekäme, die so eskalierte wie damals, wäre ich vielleicht auch dazu fähig. Das kann jedem passieren. Alkohol, Drogen, Schlafentzug waren ja auch im Spiel. Mein Mann ist sehr sensibel und labil, er läßt sich schnell als Mitläufer in Sachen verwickeln. Mir kommt er sehr verloren und hilflos vor.
* Im Gerichtssaal beim Gladbeck-Prozeß in Essen.

DER SPIEGEL 36/1991
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