04.11.1991

„Amateur des Abenteuers“

Mit 16 schrieb er ein Werk, das die moderne Poesie revolutionierte, vier Jahre später hörte er, zum Entsetzen seiner Gefolgschaft, für immer auf zu dichten. So begann die Legende Arthur Rimbaud. Frankreich feiert am kommenden Sonntag den 100. Todestag des Lyrikers: Anlaß, einen Mythos neu zu besichtigen.
In einem weißen Anzug, viel zu weit und ausgebeult, die Arme vor der Brust verschränkt, ein schmaler, knochiger Mann mit fast schwarzem Gesicht, den Blick starr in die Kamera gerichtet: So hat er sich, ein Hobbyfotograf und kaum ein sehr begabter, am Ende selbst gesehen.
Das Porträt - aufgenommen 1883 in einer Bananenpflanzung im abessinischen Harar, wo er seit zwei Jahren lebte, Filialleiter einer Handelskette, später auch Händler für Waffen und Gemischtes - ist eines der letzten Bilder von Arthur Rimbaud. Das Bild eines Mannes, der, kaum 30, vor der Zeit gealtert ist. Er hatte sich selbst überlebt.
Aber vielleicht ist auch das nur wieder ein Teil der Legende, des Mythos Rimbaud. Am Ende ist jenes Selbstbildnis nur das banale und geheimnislose Zeugnis eines Lebens, das, von den paar Jahren literarischen Furors abgesehen, so banal und leer und dürftig war wie irgendein Leben. Und der Mann auf dem Foto ist nur ein müder Herumtreiber, der, während in Frankreich sein ehemaliger Geliebter Verlaine schon heftig am Nachruhm des poete maudit Rimbaud arbeitete, seine Jugendsünden hartnäckig verleugnete; der für sich selber nichts mehr erstrebte, nichts mehr ersehnte, ein bißchen Ruhe allenfalls und ein ordentliches Einkommen.
"Ein schwacher Amateur des Abenteuers und, für einige Tage, ein jugendlicher Strolch", so hat ihn der Schriftsteller Maurice Blanchot 1949 gesehen: "Und doch gibt niemand so sehr wie er uns das Gefühl, ,das Unmögliche'', wie er es in ,Eine Zeit in der Hölle'' nennt, ertrotzt zu haben."
Weniger zurückhaltende Autoren ließen diesem Gefühl freien Lauf und auch ihren Gedanken, so daß - nichts ist unmöglich - der Dichter bald in jenen Regionen geortet war, die sich dem gemeinen Verstande entziehen. Rimbaud war der Magier, der Seher, der "Engel im Exil" (Stephane Mallarme ), der "Mystiker im Stande des Wilden" (so der dichtende Katholik Paul Claudel). Und lag nicht, einer alten Sage zufolge, der Garten Eden in jenen abessinischen Hochebenen, in die es Rimbaud gezogen hatte, von der Hölle geradewegs ins Paradies? Nur das irische Fräulein Enid Starkie, eine Miss Marple der Literaturkritik - sie hat Flaubert des fahrlässigen Umgangs mit Emma Bovarys Augenfarbe überführt -, mochte herausfinden, daß er sich dort als Sklavenhändler betätigte.
Nichts scheint wundersam, nichts schrecklich genug, jene Ungeheuerlichkeit zu rechtfertigen, daß einer, der mit 16 "Das trunkene Schiff" schrieb und gleich noch ein paar Meisterwerke mehr, dessen Prosagedichte, die "Illuminationen", die moderne Poesie revolutionierten, daß dieser Rimbaud mit 20 Jahren einfach aufhörte zu dichten, ohne Angabe von Gründen. Das war ein Skandal. Büchner starb mit 23 an Typhus, Trakl mit 27 an einer Kokainvergiftung, Georg Heym begab sich mit 24 _(* Gemälde "Coin de table" von Henri ) _(Fantin-Latour aus dem Jahr 1872. ) auf zu dünnes Eis. Rimbaud überlebte seine literarische Existenz um gut 17 Jahre. Ein anderer Frühvollendeter, Loris, verabschiedete sich ganz anständig und offiziell und ungeheuer wortreich von der Literatur, um danach als Hugo von Hofmannsthal immer weiter zu dichten. Rimbaud aber entschloß sich zu "provokanter Unscheinbarkeit" (Hans Mayer).
Zu Beginn der fünfziger Jahre konnte der Literaturwissenschaftler Rene Etiemble schon zwei dicke Bände füllen mit der Berichtigung all der Märchen, die über den Dichter erzählt wurden, doch dem "Mythos Rimbaud" damit noch lange kein Ende machen. Lediglich die Betschwestern und -brüder unter seinen Exegeten verloren ein wenig an Gefolgschaft, und auch ein Sklavenhändler sollte er fortan nicht mehr gewesen sein.
Die jüngste Generation der Rimbaud-Verehrer hatte Derrida, Deleuze und andere französische Philosophen studiert. 1979/80 erschien die umstrittene Neu-Übersetzung von Hans Therre und Rainer G. Schmidt, die Rimbauds Wortfindungen und Sprachassoziationen in einer Art Experimentalprosa nachzuahmen versuchte. Dazu, gleichfalls im Verlag Matthes & Seitz, die Studie des Schriftstellers Jacques Riviere von 1930, eine schwärmerische Annäherung an den Dichter, gefolgt von Enid Starkies neu aufgelegter Biographie und, in diesem Jahr, der Rimbaud-Essay des Rumänen Benjamin Fondane von 1933.
Nun, im 100. Todesjahr des Dichters, ließ der französische Kulturminister Jack Lang einen Klein-Planeten nach ihm benennen. Und aus Rimbauds Geburtsort, dem Städtchen Charleville im Ardenner Wald, wurde eigens eine Gedenkausstellung in die Hauptstadt verfrachtet. Im pompösen Musee d''Orsay füllt sie gerade drei Räume, wohl verborgen hinter den Stalagmiten von Gae Aulentis megalomanischer Architektur.
Ein paar Fotos von Rimbaud bei der Erstkommunion und von Rimbaud, dem Afrikaner, Handschriften, Zeichnungen, Erstausgaben, Rimbaud und Verlaine und der unbekannte Rest der Boheme-Szene auf Henri Fantin-Latours bekanntem Gemälde "Coin de table" - und nicht die Spur eines Deutungswillens.
Auch die neue Rimbaud-Biographie von Jean-Luc Steinmetz zeichnet sich über 400 Seiten lang durch heroische Abstinenz aus, keine Spekulation, keine Inspiration, statt dessen Enthüllendes über einen bislang eher Vernachlässigten, den Vater Rimbaud, Offizier und wenig Gentleman, ob seiner ständigen Abwesenheit für die Entwicklung des kleinen Arthur wohl höchst bedeutend.
Er war, 1854 geboren, mit vollem Namen Jean-Nicolas-Arthur, das zweite von fünf Kindern der Vitalie Rimbaud, einer Bauerntochter, die sich Witwe nannte, nachdem ihr Gatte sich endgültig von den ehelichen Pflichten suspendiert hatte. Ein braver Schüler und mit Auszeichnungen überhäuft, bis er 1870 das erste Mal von zu Hause wegläuft und danach immer wieder; 1871 schließt er sich den Kommunarden an, für ein paar Tage, schreibt Revolutionsgedichte, um kurz darauf dem bürgerlichen Leben, für die nächsten Jahre wenigstens, endgültig zu entsagen, in einem Rausch von Liebe und Absinth schicksalshaft verbunden dem zehn Jahre älteren Paul Verlaine.
Szenen einer Ehe in Paris, später in London, beschrieben und kaum verschlüsselt in "Eine Zeit in der Hölle": Verlaine, die "törichte Jungfrau", klagt an, sich selber und den Dämon, den "Höllengemahl" Rimbaud. Der hat nur Spott für den Partner, der zu schwach ist, "die Liebe neu zu erfinden".
Verlaine will zurück zu Frau und Kind, Rimbaud bettelt, droht, schließlich in Brüssel 1873 der Skandal: Verlaine schießt auf Rimbaud, der ist nur leicht verletzt, bereit, alles zu vertuschen. Verlaine wird gleichwohl zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Rimbaud schreibt die "Zeit in der Hölle" zu Ende, das einzige Buch, das er selber drucken läßt, in 500 Exemplaren. Eins schickt er an Verlaine ins Gefängnis von Mons.
Ein Jahr später ist Rimbaud wieder in London, diesmal zusammen mit dem Dichter Germain Nouveau. Er schreibt, vermutlich, an den "Illuminationen". Und dann, 1875, ist alles vorbei, beginnen Arthur Rimbauds Wanderjahre, durch Deutschland zunächst, wo er Verlaine ein letztes Mal trifft. Danach taucht er in Italien auf, in Wien, mit einem Zirkus in Skandinavien, als Soldat der niederländischen Armee auf Java, desertiert, wird Baustellenaufseher in Zypern, und zwischendurch kehrt er immer wieder nach Hause zurück.
Schließlich die letzte Flucht: Zehn Jahre lebt er in Afrika, 1891 bricht die Krankheit aus, Krebs, im Hospital Mariae Empfängnis in Marseille wird dem ewigen Wanderer ein Bein amputiert. Als Krüppel kehrt er noch einmal zurück nach Charleville, will wieder aufbrechen nach Afrika, stirbt am 10. November 1891 in eben jenem Krankenhaus in Marseille.
"Das Leben ist die Posse, die alle spielen müssen", hat er in seinem Höllenbuch geschrieben. Und hat darin, wie in seinen anderen Werken, nicht gespart mit Spielanleitungen, rätselhaften mitunter, aber auch ganz klaren, und fast immer im Tonfall der Ekstase. Denn, und dies erst macht den Skandal seines Verstummens perfekt, es ging ihm ja um mehr als nur um ein bißchen Dichtung, ästhetische Vervollkommnung.
Die Literatur ist für ihn, so stellt er es in den "Seher-Briefen" und in der "Höllenzeit" dar, ein Experiment, eine Erfahrung, Möglichkeit, sich selber und andere zu verändern durch die "Alchimie des Wortes". Er formuliert eine antibürgerliche Ästhetik, auch eine Anti-Moral: Der Dichter ist ein Seher, sein Ziel, "anzukommen im Unbekannten", und die Methode eine "Entfesselung aller Sinne".
Der Rebell mit dem pausbäckigen Kindergesicht und den Manieren eines Bauernrüpels, den Verlaine wie ein interessantes Tier vorführte, schockierte die Pariser Tafelrunde: Arthur Rambo, ein Halbstarker der Literatur. Er verspottet in seinen Gedichten die literarische Tradition, mit der er brechen will, nicht ohne sich schamlos aus ihr zu bedienen. Er färbt die Vokale, a schwarz, e weiß, i rot, ein zynisches Spiel oder wirkliche Mystik und ganz große Poesie.
Die "Zeit in der Hölle" aber war auch ein Eingeständnis des Scheiterns, zumindest ließ sich ein Abschied daraus lesen. Doch Rimbaud hat für alle Fälle, für alle Gelegenheiten einen Satz parat. Dieses so hermetische Werk ist wie ein Steinbruch, nicht nur für die nachfolgenden Dichtergenerationen bis hin zu Brecht. "Ich ist ein anderer", diese Allerweltsweisheit wurde zum Bannerspruch für die Pubertierenden und Neigungs-Schizos aller Zeiten.
Vielleicht führte ihn seine Erfahrung aus der "Zeit in der Hölle" zum Handel in Harar, konsequente Umsetzung des in der Literatur begonnenen Lebens-Experiments. Die devotesten seiner Bewunderer mochten noch aus den nüchternen Afrika-Briefen seine frühere Kunst herauslesen. Vielleicht war der Rückzug in die Anonymität die einzig angemessene Antwort auf seine Forderung "Man muß absolut modern sein".
Vielleicht hatte aber auch sein zweites Leben mit dem ersten gar nichts mehr zu tun. Dafür liefert er gleichfalls Belege: "Ich muß meine Einbildungen und Erinnerungen begraben." Und hatte er nicht auch sein Verstummen schon angekündigt: "Ich schrieb das Schweigen"?
Am Ende bleibt ein Selbstporträt in einem Bananenhain: "Ich ist ein anderer." So einfach ist das und so profan. Im Fall Rimbaud versagt die sonst übliche Skepsis gegenüber dem Wort und der Macht der Poesie. Bei aller Bewunderung für sein Werk wäre es an der Zeit, den Rimbaud-Kult noch einmal zu überprüfen. Benjamin Fondane hatte damals in seinem Essay versucht, Rimbaud gegen die Vereinnahmung durch die Surrealisten und religiösen Schwärmer zu verteidigen.
Mit dem Rimbaud-Kult kehrt eine Weltsicht zurück, die, so der französische Philosoph und Autor eines Baudelaire-Buchs Bernard-Henri Levy, "nichts sehr Gutes verspricht". Levy begründet das in seiner Polemik wider den "kleinen Heiligen der Literatur" (erschienen in der Weihenummer des Nouvel Observateur zum Centenaire) sehr genau. In der Rimbaud-Verehrung lebt, so der Autor, nicht nur die Auffassung vom Dichter als einem Magier fort, jener ganze Spiritismus, der allenfalls eine "ecriture automatique" gerechtfertigt hätte, an der später die Surrealisten schwer zu arbeiten hatten.
Da ist überdies das Gerede von Rimbauds Frühreife - "überkommene literarische Pädophilie" - und seiner verlorenen Unschuld; und weit schlimmer: jene vage Zivilisationskritik, zu der er mit seiner Predigt des Primitivismus, "seiner Sehnsucht nach der ,Reinheit der alten Rassen''" verführt, und das verstärkt durch seine tatsächliche Flucht aus Europa. Hier feiert der Genie-Kult mit all seinen dumpfen Implikationen schreckliche Wiederkehr.
Vielleicht muß die Biographie Arthur Rimbauds noch einmal neu geschrieben werden. Vielleicht mit solch kritischem Ingrimm, wie Jean-Paul Sartre ihn für Flaubert hatte. Rimbaud, hat Sartre einmal im Scherz gesagt, "das ist eine Erfindung der Deutschen". o
* Gemälde "Coin de table" von Henri Fantin-Latour aus dem Jahr 1872.

DER SPIEGEL 45/1991
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