07.10.1991

NACHRUFFahrstuhl zum Erfolg

Der Schweizer Erzähler und Dramatiker Laederach, 45, hat unter anderem das Buch "69 Arten den Blues zu spielen" geschrieben.
Wo der Mann beim Spielen hinblickte, da schien er Interessantes zu sehen. Das Publikum schien es nicht zu sein. Mit senkrecht nach unten gehaltener Trompete schien er Maß für eine Bodenbohrung zu nehmen, oder aber er gab den allzeit bereiten Applausspendern noch deutlicher zu verstehen, was sie ihm galten: Er wandte ihnen die Kehrseite zu und blies an seiner Band vorbei nach hinten ins Off. Die Ausdauer seines Tuns ließ vermuten, daß der Narziß an der Bühnenhinterwand einen imaginären Riesenspiegel sah, worin er unentwegt den einzigen ihm wichtigen Menschen begutachtete: sich selber.
Wenn etwas am Erfolg dieses Übertüchtigen rätselhaft war, dann wohl das Mirakel, weshalb einem Naturell, dem die elementarsten Fähigkeiten zur Massenverwöhnung zu fehlen schienen und von dessen Spiel weder Liebe noch Sex oder gar nur Wärme, geschweige denn Freude ausgingen, von eben diesen Massen, als wär' ein geheimer Klebstoff im Spiel gewesen, Wende für Wende bedingungslos und mit einer Kritiklosigkeit gefolgt wurde, die schwer im Raum lag, als wär' sie von oben befohlen gewesen.
Mit eigentümlicher Identitätsverwischung waren schon einige seiner Frühaufnahmen mit Charlie Parker belastet: Da man damals Bop spielte, spielte Davis eben Bop, obschon er bei genauem Hinhören auch da schon etwas anderes tat, als er vorgab. Wurden die gespielten Nummern zu schnell, kam der Trompeter nicht mehr mit. Im Repertoire gab es eine schwarze Liste der Nummern, an welche Davis sich nicht traute. In ihrer Schlauheit griff die Band auf den Ad-hoc-Pianisten zurück. Der hieß Dizzy Gillespie, erhob sich mal rasch vom Drehstuhl und löste das kleine Problem.
Das eigene Problem löste der zwar spielfreudige, aber oft verkorkst verhalten wirkende Davis abermals auf die indirekte Art: mit der Illustrationsmusik zu Louis Malles Film "Fahrstuhl zum Schafott", der, ein Meisterwerk in eigener Regie, von der verzehrenden Aura der Davisschen Kommentare (ohne Liebe, ohne Wärme, ohne Freundlichkeit: Kälte pur) schier weggedrängt wurde. Wenn, wie anzunehmen, der Film bald wieder erinnerungshalber in den Wohnzimmern läuft, so geschieht damit auch ein Stück Rehabilitation eines Originalgenies vor seinem nachvertonenden und mittels geradezu vampirischer Saugkünste großgewordenen Nutznießer.
Der nun vollberuflich uneigentlich gewordene Proteus des Jazz-zentrierten Musikbetriebs stellte in rascher Folge seine charismatische Persönlichkeit in wechselnden Spiegelkabinetten aus, allesamt Bands, die über die Bande spielten. Mit den Mitmusikern sprach er kaum, sie spielten es einfach "so, wie Miles es will".
Ästhetischer Höhepunkt scheint bei der gegenwärtigen Börsenlage das Sextett mit den beiden Saxophonisten John Coltrane und Cannonball Adderley und dem Pianisten Bill Evans gewesen zu sein. Der Ästhetik-Leader, damals noch als Jazz-Designer und noch nicht als der Louis Vuitton des Elektro-Pop tätig, soliert inmitten kochenden Swings streng für sich, so als taue er gerade aus dem Tiefkühlfach auf, während die beiden zusätzlichen Blas-Kumpane wie verrückt gewordene Melodie-Schachspieler voll in die Klassiker tauchen und auf wenigen Platten sämtliche Modell-Solos der Jazzliteratur aus sich rauspumpen: Ein früher Tod war beiden bestimmt, und sie verdienten ihn sich redlich.
Ab und zu, wenn das Spiel verlangsamte, klang Miles Davis, nebst dem verdammt Gläsernen, was er an sich hatte, ähnlich wie einer, dem zwischen Dämpfer und Schallbecher noch ein kleines Kind reingekrochen ist und in erbarmungswürdig verzerrten hungrigen Schreien halblaut wimmert. Trotz lebenslanger Schonung seiner Trompeterlunge gelang es dem so populären wie distanzierten Infanten, die durchschnittliche Lebensdauer des Jazzmusikers, 60 Jahre, um gerade 5 Jahre zu überschreiten.
Von Jürg Laederach

DER SPIEGEL 41/1991
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