02.12.1991

MusikgeschichteBeinerner Schrank

Am Ende des Mozart-Jahres zerstob noch eine Legende: Der Salzburger „Mozart-Schädel“ ist gar keiner.
Und wieder geht ein schönes Jahr zu Ende, mit einem andächtigen "Letzten Akt". Am Donnerstag dieser Woche, exakt am 200. Todestag des Götterlieblings, wird Georg Solti um 19.30 Uhr im Wiener Stephansdom den Taktstock heben und des Meisters "Requiem" dirigieren. Und damit: Exit Mozart-Jahr.
Zum Finale des Jubiläums hätte es beinahe doch noch eine Überraschung gegeben, eine persönliche Begegnung mit dem Toten womöglich, wenigstens partiell. Eine umstrittene Fundusreliquie der Salzburger Stiftung Mozarteum, ein Totenschädel, sollte nun tatsächlich, wissenschaftlich erhärtet, ein Stück von Mozart sein.
Nach einer "Weichteilrekonstruktion" (Gesichtsmodellierung) des alten Knochen nämlich, die zwei Anthropologen des Wiener Naturhistorischen Museums unternahmen, ergab sich eine teils "völlige", teils "hochgradige Identität" des Kunstkopfes mit zeitgenössischen Mozart-Porträts. "Einzig zulässiger Schluß" für die beiden Forscher, Herbert Kritscher und Johann Szilvassy: Es "könnte sich um den Schädel Mozarts handeln".
Die Weichteil-Formulierung war seherisch, denn letzte Woche schlug, mit einem Bündel Gegengutachten, das Mozarteum zurück; die Stiftung, die vor zwei Jahren, im Hinblick auf das Jubiläum, die Rekonstruktion selbst in Auftrag gegeben hatte, beschied: "Der wissenschaftliche Beweis, daß es sich um den Schädel Mozarts handelt, konnte nicht erbracht werden."
Wieder eine Mozart-Legende gekillt, und sie war doch so schön und klebte sogar, auf einem orangefarbenen Sticker, am Schädel: "Vom Todtengräber Jos. Rothmayer, welcher sich die Stelle merkte, wo er Mozarts Sarg einscharrte, bei der Leerung der Gemeingrube 1801 gerettet, und von seinem Nachfolger Jos. Radschopf, meinem Bruder Jacob geschenkt."
Also schrieb, im Jahre 1868, der Wiener Anatomieprofessor Josef Hyrtl gläubig und nahm das gute Stück, ihm fehlte der Unterkiefer, in seine Schädelsammlung auf. Als Hyrtl gestorben war, blieb der Sticker-Kopf sieben Jahre lang verschollen; 1901 schließlich tauchte er auf und gelangte 1902 ins gralshütende Mozarteum.
Legenden um Mozart, zahllos und zäh. Vor allem die Problem-Trias jedes Mannes - das Geld, die Frau, der Tod - wurde von der Nachwelt romantisch verdüstert, spekulativ verzerrt, dem jeweiligen Zeitgeist nachgemodelt; die filmische Räuberpistole "Amadeus" gab das jüngste Exempel.
Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern hatte sich schon der Knochenarbeit unterzogen, den einstigen Träger des Kopfes zu identifizieren, auch eine Totenmaske stand zur Debatte. Ergebnis etwa im Jahre 1957: "Weder Schädel noch Maske sind Mozart zuzuschreiben." Im selben Jahr: Der Salzburger Schädel könne "mit hoher Wahrscheinlichkeit als der echte Schädel Mozarts angesehen werden".
Nun ist Ende der Legende; schon traurig, daß sie im Jubiläumsjahr zerstob. Das Mozarteum hat freilich gute Gründe. Zwar war auch schon früheren Schädelforschern ein beißender Widerspruch aufgefallen; sie kalmierten sich jedoch mit einer unterstellten "Flüchtigkeit" der ersten Schädelbeschreibung, verfaßt von einem Dichter nach Diktat des Professor Hyrtl.
In diesem Text, erst 1892 veröffentlicht, hat der Schädel sieben Zähne; doch in den sieben Jahren der Verschollenheit müssen ihm vier Zähne nachgewachsen sein, denn der seit 1902 in Salzburg Vorliegende hat elf.
An dieser Diskrepanz ist nicht mehr zu rütteln, das "Flüchtigkeits"-Alibi ist geplatzt: Das in diesem Jahre aufgefundene Original jenes professoralen Diktates vermerkt eindeutig sieben Zähne, und Hyrtl beglaubigt eigenhändig: "Mit Rührung und Freude gelesen, 22. Nov. 1868".
Also nichts mit dem "beinernen Schrank seines unsterblichen Geistes", wie ein altfränkischer Mozartianer schwärmte; den Schädel mit den falschen Zähnen hatte ein anderer zu Grabe getragen. Doch der Geist ist, zum Glück der Welt, wahrhaft unsterblich.

DER SPIEGEL 49/1991
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