02.12.1991

BücherMogelei mit Molekülen

Ein berühmter Chemiker hat einen heiteren und sachkundigen Roman über die Tücken des Wissenschaftsbetriebs geschrieben.
Er wird gelegentlich als "Vater der Pille" bezeichnet. Er hat einen Platz im amerikanischen Forscher-Walhalla, der "National Inventors Hall of Fame", und wurde mit insgesamt elf Ehrendoktortiteln ausgezeichnet. Im zarten Jünglingsalter von 21 Jahren hat Carl Djerassi, der an der Elite-Uni Stanford lehrende Chemiker, promoviert. Doch den Nobelpreis hat er bislang weder für die Synthetisierung von Gestagen, die erst die Antibabypille ermöglichte, noch für die Synthetisierung von Cortison bekommen.
Jetzt liegt ein 1989 in den USA erschienener "Nobelpreisroman" des 68jährigen in deutscher Übersetzung vor*. Ist er also unter die Literaten gegangen, um sich mit diesem Thriller, in dem sich hochkarätige Wissenschaftler mit List und Tücke befehden, seinen Frust von der Seele zu schreiben?
"Nein, ich möchte einfach noch ein anderes intellektuelles Leben führen", erklärt der literarische Spätzünder Djerassi, dessen erste belletristische Veröffentlichung, der Kurzgeschichtenband "Der Futurist", erst 1988 erschien.
Die Trennung der zwei Kulturen, der Wissenschaft und der Kunst, hebt Djerassi mit seinem amüsanten "Science-infiction"-Verfahren auf. Der Leser wird mit einer faszinierenden Mischung aus High-Tech-Jargon und Liebesgeschichte unterhalten: Wir lernen Cantors Hypothese kennen, daß radioaktiv markierte Proteine Aufschluß geben über den räumlichen Bau von Aminosäure innerhalb des Proteinmoleküls. Und welcher Leser wird nicht einstimmen in den Jubel der attraktiven Biologin Celestine Price, als ihr endlich "die Bestimmung der kompletten Aminosäuresequenz in der Kette des Küchenschaben-Neurohormons Allatostatin" gelingt?
Wir erfahren aber auch, daß dieselbe Forscherin in ihrem letzten Schuljahr "ihre Unschuld zu einer unchristlichen Zeit, nämlich um 6.15 Uhr morgens", verlor. Auch als Literat bleibt der Wissenschaftler ein heiterer Freund der Präzision.
Djerassis Held Isidore Cantor, ein Zellbiologe, Ende 50, mit Lehrstuhl an einer Uni in der Nähe von Chicago, hat _(* Carl Djerassi: "Cantors Dilemma". Aus ) _(dem Amerikanischen von Ursula-Maria ) _(Mössner. Haffmans Verlag, Zürich; 276 ) _(Seiten; 38 Mark. ) nachts beim Pinkeln sein Heureka-Erlebnis: Da überkommt ihn in einem Gedankenblitz eine plausible Hypothese der Tumorentstehung. Auf dem nächstbesten Stück Papier notiert er seine Idee: "Es war wohl das erste Mal in der Geschichte, daß eine den Nobelpreis einbringende Idee auf der Rückseite einer Wäscheliste festgehalten wurde."
Doch merke: "In der Krebsforschung entspricht eine allgemeingültige Theorie der Tumorentstehung dem Mount Everest oder dem K-2", schreibt Carl Djerassi. "Solche Berge besteigen nur Superstars, und selbst sie benutzen Sherpas."
Djerassis Roman ist die Erfolgsgeschichte des Superstars Cantor und seiner Angst, die bahnbrechende Hypothese könnte vorzeitig bekannt und vom Erzrivalen Kurt Krauss, der Krebs-Koryphäe von der Harvard University, als eigene Entdeckung hingestellt werden. Cantor hält nichts vom Credo seiner Collegen, die als Nobelpreis-Aspiranten die fatalistische Einstellung propagierten: "Niemals hinterherlaufen - nur darauf warten". Er will den Herren in Stockholm mit einem experimentellen Überraschungscoup, mit einer aufsehenerregenden Veröffentlichung, die ohne den langwierigen Hürdenlauf von Gutachten und Gegengutachten zustande kommt, die Nobelpreis-Vergabe erleichtern.
Cantors "Sherpa", der brillante 28jährige Assistent Jerry Stafford, muß den erfolgreichen Laborversuch unter extremem Zeitdruck durchführen. Da Cantor sich selbst unter Erfolgsdruck gesetzt hat und fest mit dem Nobelpreis rechnet, verfällt Stafford in einer entscheidenden Phase darauf, die Versuchsergebnisse aufzubessern.
Cantors Dilemma: Er ahnt zwar, daß Stafford ein bißchen gemogelt hat, doch er will sich nicht vor seinem Kontrahenten Krauss blamieren. Also verdrängt er den bohrenden Verdacht, ersinnt einen neuen Beweis für seine Hypothese und kassiert - zusammen mit seinem von Gewissensbissen gepeinigten Assistenten - den Nobelpreis.
Djerassis Komödie akademischer Eitelkeiten wirft einerseits ein Licht auf die Grauzone der Manipulation und Nachbesserung scheinbar objektiver Daten, sie liefert aber auch die genaue Beschreibung eines rücksichtslosen wissenschaftlichen Karrierismus. "Die Darstellung des Wissenschaftsestablishments ist so genau", schrieb die New York Times, "daß jeder, der eine wissenschaftliche Karriere anfängt, diesen Roman lesen sollte."
Daß es in dieser Wissenschaftssaga jedoch gänzlich unamerikanisch zugeht, daß die Superforscher sich so sophisticated über Haydn, Egon Schiele und englische Antiquitäten auslassen, liegt wohl auch an der kosmopolitisch geprägten Lebensgeschichte des Carl Djerassi. 1923 in Wien als Sohn einer Österreicherin und eines Bulgaren geboren, verbrachte er bis zur Emigration 1938 eine deutschsprachige Kindheit. Parallel zu seiner wissenschaftlichen Laufbahn entwickelte er sich zum Kunstsammler und Musikkenner.
Doch wie gelang es dem Multi-Talent, das nie einen Kurs für "creative writing" besuchte, auf Anhieb diesen höchst unterhaltsamen Roman zu schreiben?
"Ganz einfach: Ich schlafe regelmäßig mit meinem literarischen Berater", lacht Djerassi, der schon die nächsten literarischen Projekte ausbrütet, "das ist nämlich meine Frau, die ist Professorin für amerikanische Literatur und hat mir auf die Sprünge geholfen." o
* Carl Djerassi: "Cantors Dilemma". Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner. Haffmans Verlag, Zürich; 276 Seiten; 38 Mark.

DER SPIEGEL 49/1991
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