07.10.1991

SozialkritikStummes Entsetzen

Ein bedrückendes TV-Spiel beschreibt die soziale Vernichtung einer verarmten jungen Mutter.
Armut sei ein Glanz nach innen, schrieb einst Rainer Maria Rilke. Von den Zinnen entlegener Schlösser herab, in denen der Großmeister der schönen Worte ausgehalten wurde, ließ sich das Elend der Zerlumpten und Abgehärmten wohlfeil zu innerer Größe verklären.
Heute, da die moderne Armut nur selten exotisch und zerlumpt daherkommt, ist klar: Nichts glänzt nach innen. Verarmte sind keine besseren Menschen, ihre Verzweiflung veredelt sie nicht, kein trotziger Stolz blitzt den Getretenen aus den Augen. Hat das moderne Elend kein Gesicht mehr?
Die Frage klingt nach Ästhetizismus - und bezeichnet doch genau das Problem des Regisseurs Bernd Schadewald: In seinem neuesten Fernsehspiel "Verurteilt Anna Leschek" (Sendetermin: Montag, 19.30 Uhr im ZDF) schildert er die soziale Auslöschung einer Familie und muß das Pittoreske meiden.
Schadewald setzt in seiner Ikonographie des modernen Elends auf ein altes filmisches Mittel: auf die Großaufnahme, auf die langen schweigenden Blicke, auf die Sprache der Augen, die nichts redet und alles sagt. Damit liefert sich der Regisseur zugleich auf Gedeih und Verderb der Kunst seiner Schauspieler aus.
Im Fall der Geschichte von Anna Leschek lohnt das Risiko. Ulrike Kriener, die Darstellerin der von Geldnot in den Tod gehetzten Mutter, gibt dem Elend einer verzweifelten Frau ein unverwechselbares Antlitz.
Man kann manche Klischees in der Handlung dieses Fernsehspiels schnell vergessen, aber nicht die Wehrlosigkeit in den verschwollenen Augen der Anna Leschek, wenn freche Vermieter, arrogante Banklümmel und kalte Behördenmenschen der Frau die Existenz unter den Füßen wegziehen. Man wird das stumme Entsetzen nicht so leicht los, das die herabgezogenen Mundwinkel der Anna Leschek vermitteln, wenn sexuelle Avancen unsensibler Männer die Getretene zusätzlich erniedrigen. Schon einmal hat Regisseur Schadewald, 40, erfolgreich mit der Schauspielerin Ulrike Kriener, 36, zusammengearbeitet. In dem mit dem Grimme-Preis in Gold ausgezeichneten Spiel "Der Hammermörder" spielte die Münchnerin die Frau des schizoiden Polizisten (Christian Redl), der für den Erhalt des überschuldeten Häusles Banken überfällt und Morde begeht.
Neben Hauptdarsteller Redl war es vor allem die Kriener, deren unsentimentale Darstellungskunst den "Hammermörder" zum bedrückenden Kammerspiel an der Grenze zwischen dem kriminellen Wahnsinn und der an kleinbürgerlichen Anforderungen zerberstenden Normalität werden ließ.
Leider gelingt es Schadewald diesmal nicht durchgängig, eine ähnlich überzeugende Wirkung zu erzielen. Der Regisseur beschränkt sich nicht darauf zu schildern, wie Anna Leschek die Schulden ihres toten Mannes erbt, den Job verliert, dann die Wohnung und - nach dem gescheiterten Überfall auf eine Sparkasse mit einer Spielzeugpistole - schließlich auch noch die Familie.
Überflüssigerweise berichtet der Film außerdem lang und breit vom Wohlstandselend eines geschiedenen Anwalts (Ulrich Pleitgen). Der ist ein geborener Verlierer, König Alkohol verfallen, jähzornig und wegen allfälliger Schlägereien Stammgast im Knast. Sein Lebensweg kreuzt sich mit dem Anna Lescheks, als er die Pflichtverteidigung der Bankräuberin übernimmt.
Larmoyant erscheint die Midlife-Krise des Mannes im Vergleich zum wirklichen Elend der Frau. Hier offenbart sich der Nachteil von Schadewalds dramaturgischer Konstruktion: Die doppelte Handlung legt es einem nahe zu moralisieren, Elend mit Elend zu vergleichen. Man kann dann wie Rilke einen ästhetischen Standpunkt über der Verelendung einnehmen und nachgucken, ob Anna Lescheks Armut nicht doch inneren Glanz hat. Ein Blick in das erloschene Gesicht der Kriener belehrt einen allerdings eines Besseren.

DER SPIEGEL 41/1991
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