09.09.1991

Mischung aus Marx und Mafia

Geschäftsleute aus Ost- und Westdeutschland plündern die Unternehmen der Treuhandanstalt. Sie tricksen, täuschen und bestechen. Hemmungslos werden Bilanzen frisiert. Selbst die vornehme Zunft der Wirtschaftsprüfer spielt mit. Der Steuerzahler wird um Milliarden betrogen, Justiz und Polizei in Deutschland haben kapituliert.
Josef Helten, 54, aus Halle ist schon mit kleinen Geschenken zu erfreuen. Den Sony-Farbfernseher der Schmid Trading GmbH aus Saarlouis, offiziell als Leihgabe deklariert, plazierte er prominent auf seinem Wohnzimmertisch.
Mangelnde Dankbarkeit kann dem Chef der regionalen Einzelhandelskette Rundfunk- und Fernsehtechnik (RFT) keiner vorwerfen. Er tat für den Spender, was er konnte. Und das war mehr, als er durfte.
Rolf Schmids Handelsgesellschaft machte er zum wichtigsten Lieferanten aller 25 Filialen seiner RFT-Handels- und Service GmbH. Daß die gelieferten TV-Geräte und Videorecorder keine Postzulassung hatten, störte Helten nicht.
Der Ostler zahlte stets pünktlich, des öfteren sogar doppelt. Für eine Lieferung von Kassetten- und Videorecordern, Bestellnummer 2527, überwies RFT am 21. August l990 die geforderten 278 549,88 Mark. Sechs Tage später zahlte die Ostfirma die gleiche Summe ein zweites Mal, diesmal per Verrechnungsscheck. "Ein Fehler unserer Buchhaltung", entschuldigt sich Helten.
Die kostspielige Panne wiederholte sich. Am 11. September buchte RFT eine Rechnung über 424 231,96 Mark, die schon längst beglichen war. Im Januar dieses Jahres wurde eine Rechnung über 1236,90 Mark zum zweitenmal bezahlt.
Absender und Adressat der Doppelbuchungen hatten Pech. Die Trickserei fiel dem Treuhandrevisor Bernd Capellen, 41, auf. Die verschwundenen Treuhandgelder wurden zum Fall für Staatsanwalt und Steuerfahnder. Die Ermittler durchsuchten Heltens Büro- und Privaträume. Ihr Verdacht: Der RFT-Chef habe heimlich mitkassiert.
Nicht nur in Halle haben die Strafverfolger viel zu tun. Überall in der Ex-DDR werden Bargelder und Immobilien verschoben, Bilanzen frisiert. Kleine und große Geschenke wechseln den Besitzer. Die Raffgierigen beider Deutschlands haben sich offenbar zuerst vereinigt. Treuhandsprecher Wolf Schöde sieht die Ostwirtschaft vom "Geschwür der Wirtschaftskriminalität" befallen.
Der westliche Steuerzahler, wichtigster Finanzier der Berliner Staatsholding, wird um Milliarden betrogen. Die Werktätigen im Osten erleben die neue Wirtschaftsordnung als Mischung aus Marx und Mafia.
Eine "unappetitliche Kombination" sei entstanden, hatte schon Ex-Treuhandchef Detlev Rohwedder erkannt. Die in seiner Ära gegründete Stabsstelle Wirtschaftskriminalität registrierte seit Februar dieses Jahres 270 Fälle von Bestechung und Bestechlichkeit, Geheimnisverrat und betrügerischem Konkurs.
Bis zum Jahresende, prognostiziert Stabsstellenchef Hans Richter, werden mindestens 500 Fälle aktenkundig sein. "Die Kontrollmechanismen des Staates", klagt er, "sind im Osten weitgehend außer Kraft."
Die Gefahr, ertappt zu werden, ist kaum größer als in einer lateinamerikanischen Bananenrepublik. Polizisten und Zollbeamte der Ex-DDR zeigen wenig Eifer, die einheimischen Staatsanwälte sind unerfahren, die Richter überfordert. "Die Wirtschaftsstraftäter", sagt Peter Pawlowski, Chef der Chemnitzer Staatsanwaltschaft, 59, "tanzen uns auf der Nase herum."
Die Berliner Justizsenatorin Jutta Limbach schätzt den durch Wende-Kriminalität entstandenen Schaden allein für die Hauptstadt auf 4,5 Milliarden Mark. Objekt der Gierigen war in Berlin vor allem die Deutsche Außenhandelsbank. Mit Hilfe fingierter Rechnungen wurde sie nach der Währungsunion regelrecht ausgeraubt.
Bis Ende l990 zahlte die Bundesregierung alle in Rubel abgeschlossenen Geschäfte der Ostfirmen in harter D-Mark aus. Die Bonner Spendierfreudigkeit führte zum größten Subventionsbetrug in der deutschen Geschichte.
Namhafte Ostunternehmen, allen voran der Computerbauer Robotron, legten der Außenhandelsbank Phantasierechnungen vor. Insgesamt erschlichen die Ostfirmen auf diese Art mehr als 1,2 Milliarden Mark.
Die Treuhand, Eigentümerin von 10 000 Unternehmen, ist dem Ansturm der Trickser nicht gewachsen. Capellen arbeitet in Halle als einziger Treuhandprüfer; zuständig für 585 Betriebe. "Wo ich hingucke", sagt der Revisor, "stoße ich auf dubiose Machenschaften."
Bei der Mitteldeutschen Beton- und Kieswerke GmbH ertappte Capellen den Aufsichtsratschef beim Griff in die Firmenkasse. Aufseher Johann Peter Sieveking ließ sich vom eigenen Unternehmen als Berater bezahlen. "Ich erlaube mir", schrieb er der Buchhaltung, "pauschal 28 500 Mark zu berechnen."
Der Ost-Geschäftsführer der Handels- und Dienstleistungs GmbH nahm widerspruchslos Mahnungen seines West-Lieferanten entgegen. Dabei war der Großteil der angemahnten Rechnungen längst bezahlt, die Lieferung zusätzlich über einen Wechsel gesichert.
Der Lieferant, die Holzkontor Brassert GmbH aus Marl, beantwortete das Nichtstun mit Arrest- und Pfändungsanträgen beim Landgericht Essen. Die Firma wollte sich offenbar in das Unternehmen hineinklagen.
Der Ostler ließ die Westfirma gewähren. Als Gegenleistung, vermutet die Treuhand, hatte man ihm die Übernahme als Geschäftsführer versprochen. Mit seinem Verhalten, heißt es in einer internen Treuhand-Notiz vom 11. Juni 1991, "unterstützte er massiv die unseriösen Geschäftspraktiken der Holzkontor GmbH und schädigte das Unternehmen vorsätzlich".
Die Methoden der Raubritter werden immer dreister, der Staat zeigt sich wehrlos. Wie leicht es Ganoven in dem rechtsfreien Raum Ostdeutschland haben, zeigt der Fall des Stuttgarter Geschäftsmanns Lorenz Nichtern, 52.
Nichtern bewarb sich im Juli als Käufer der Cottbuser Planungs- und Ingenieurbüro GmbH. Wenig später erhielt er von der Treuhand einen Kaufvertrag. Mit dem wertvollen Schriftstück eilte er zur nächsten Bankfiliale. Als erste und einzige Geschäftshandlung räumte er die Firmenkonten leer, seither fehlen 274 000 Mark.
Auf die Überweisung des Kaufpreises wartet die Treuhand noch heute. Der Käufer war ein Hochstapler, bereits l986 vorbestraft wegen Scheckbetruges.
Die "extrem kriminogene Szene im Osten" (Richter) bleibt nicht den Halbseidenen vorbehalten. Auch namhafte Konzerne und bislang unbescholtene Politiker können dem Reiz des schnellen Geldes nicht widerstehen.
Biedermänner werden zu Abzockern, vereidigte Wirtschaftsprüfer zu ihren Handlangern. Die Spielregeln sind in keinem Gesetzblatt nachzulesen.
Der größte Deal gelang offenbar dem Versicherungskonzern Allianz. Die Staatsanwaltschaft vermutet, daß es bei der Übernahme der Staatlichen Versicherung der DDR zu Finanzmanipulationen in Milliarden-Höhe kam.
Das trickreiche Treiben der Steigenberger AG konnte erst vor dem Berliner Landgericht gestoppt werden. Steigenberger wollte für eine überaus bescheidene Pacht alle 34 DDR-Devisenhotels übernehmen.
Den "sittenwidrigen Knebelvertrag" (Treuhand) hatten die West-Hoteliers mit dem Interhotel-Chef und SED-Genossen Hellmut Fröhlich ausgekungelt. Die Treuhandleitung erfuhr von dem zwielichtigen Deal aus der Presse.
Nicht nur namhafte Konzerne, auch Politiker scheuen sich nicht, im Osten Geschäfte auf Kosten der Steuerzahler zu machen. Ein ehemaliger Münchner CSU-Stadtrat nutzte den Konkurs des SED-Staates zur Sanierung seiner Privatfinanzen.
Der Lokalpolitiker soll gemeinsam mit den Managern der Ost-Berliner Exportfirma Heimelektrik die Treuhand um 26 Millionen Mark geschädigt haben.
Der ehemalige Außenhandelsbetrieb verfügte nach der Währungsunion über mehrere Millionen West-Mark. Dieses Geld wollte der CSU-Mann, in Ost-Berlin als Berater aktiv, offenbar dem Zugriff der Treuhand entziehen.
Im In- und Ausland wurden Scheinfirmen gegründet, an die Heimelektrik Kredite vergab und Beteiligungen einzahlte. Ein Teil der Gelder, vermutet die Münchner Staatsanwaltschaft, floß auf direktem Weg in seine Privattasche.
Selbst die so seriös scheinende Zunft der Wirtschaftsprüfer ist in die Ost-West-Machenschaften verstrickt. Viele testieren am Rande der Legalität.
Mit ihrem Prüfstempel unter den DM-Eröffnungsbilanzen entscheiden die Wirtschaftsprüfer maßgeblich über den Kaufpreis der Treuhandunternehmen. Steht einer aufgeblähten Passivseite mit hohen Risikorückstellungen eine mickrige Aktivseite mit niedrigen Immobilienwerten gegenüber, sinkt der Bilanzwert. Das Unternehmen wird automatisch billiger.
Um ihren Einfluß auf die Bilanzgestaltung zu sichern, schicken West-Käufer am liebsten Wirtschaftsprüfer ihrer Wahl in die Treuhandbetriebe. Derselbe Prüfer arbeitet dann für Verkäufer und Käufer. Ein typischer Fall von Interessenkollision. Selbst Deutschlands größte Prüffirma, die Düsseldorfer KPMG Deutsche Treuhand-Gesellschaft, betreibt dieses dubiose Doppelspiel. Im Auftrag der Berliner Staatsholding testierte KPMG (Jahresumsatz: 640 Millionen Mark) die Bilanz der Leipziger Starkstrom-Anlagenbau GmbH. Der spätere Aufkäufer, die Siemens AG, ist seit Jahren Großkunde der Düsseldorfer.
Was nach Zufall aussieht, ist Kalkül. Siemens hatte in Leipzig auf die Vergabe des Prüfauftrages an KPMG gedrängt. Die Ost-Geschäftsführer des Starkstrom-Anlagenbaus, durch Dienstwagen und Gehaltszusagen ruhiggestellt, wehrten sich nicht.
Interne Protokolle belegen, daß die Münchner Manager über den "Arbeitsstand zur DM-Eröffnungsbilanz" schon Monate vor der Übernahme detailliert unterrichtet waren (SPIEGEL 25/1991). Wichtige Eckdaten der Bilanz, berichten Kaufleute des Leipziger Unternehmens, seien zwischen Siemens-Managern und KPMG-Prüfern am Telefon besprochen worden.
Mit der Wirtschaftsprüferordnung sind diese Praktiken nur schwer vereinbar. "Der Wirtschaftsprüfer", heißt es in Paragraph 43, "hat seinen Beruf verschwiegen auszuüben." Er habe sich, insbesondere bei der Erstattung von Prüfberichten und Gutachten, "unparteiisch zu verhalten".
Für KPMG war das Doppelmandat kein Ausnahmefall. Die Prüffirma betreute im Osten die sächsische Foto- und Spezialpapierfabrik Weißenborn GmbH, im Westen arbeitet sie für deren Aufkäufer, die Firma Schoeller GmbH & Co KG aus Osnabrück. In beiden Firmen waren dieselben KPMG-Mitarbeiter aktiv. Für KPMG-Vorstandssprecher Hans Havermann, 61, ist das "ein ganz normaler Vorgang".
In Großbritannien sind diese Praktiken verboten. Der Straftatbestand nennt sich dort Parteienverrat. In Deutschland gilt die Methode zumindest als unfein.
KPMG weiß das. In einer hausinternen Anweisung fordert der Vorstand die Mitarbeiter auf: "Für den Fall, daß der potentielle Erwerber ebenfalls Mandant ist, sollte die Frage der Unterschriften, möglichst nicht dieselben, bedacht werden."
In Leipzig führten unsaubere Zahlen von Wirtschaftsprüfern erstmals zur Annullierung eines Kaufvertrages. Bei der Bewertung der Polygraphischen Spezialmaschinenbau GmbH war die Lücke zwischen Prüfdaten und Realität zu groß geworden. Der wirkliche Wert des Unternehmens lag nach Treuhandberechnungen um 100 Prozent über dem, was die Coburger Ecoplan gemeldet hatte.
Das dubiose Treiben der Prüfer wird von der Düsseldorfer Wirtschaftsprüferkammer, zuständig für die Einhaltung der Standesregeln, verschwiegen oder verniedlicht. Rolf Lichtner, Geschäftsführer der Kammer, flüchtet sich in Ausreden. "Wir gehen allen Vorwürfen nach", beteuert er. Im Moment könne er sich noch kein Bild machen.
Treuhand-Staatsanwalt Richter sieht klarer. Bei ihm summieren sich die Einzelfälle zur Serie. Immer öfter wird die Arbeit der Zahlenjongleure zum Gegenstand seiner Vorermittlungen. "In diesem Umfang", sagt Richter, vor seinem Ostengagement Wirtschafts-Staatsanwalt in Stuttgart, "kennen wir das aus dem Westen nicht."
Günter Lützenkirchen, der in Leipzig die Niederlassung einer großen westdeutschen Prüfgesellschaft leitet, kann sich über die Methoden seiner Berufskollegen nur wundern. "Das Standesrecht", sagt er, "wird hier im Osten systematisch außer Kraft gesetzt."
Selbst an das strikte Werbeverbot hält sich kaum jemand. In halbseitigen Zeitungsannoncen, getarnt als Stellenanzeige, preisen die Prüfer ihre Leistung an. In den Betrieben betätigen sich die vornehmen Herren neuerdings auch als Klinkenputzer, sie akquirieren Aufträge so ruppig wie sonst nur Versicherungsvertreter.
Was mit Aufdringlichkeit beginnt, endet oft mit Abzockerei. Einige Wirtschaftsprüfer kassieren auch dann, wenn sie keine Leistung erbracht haben. Die Betroffenen schweigen aus Scham.
Die Münchner Treba Revisions- und Treuhandgesellschaft profitiert von dieser Verschwiegenheit. Für das Treuhandunternehmen Leipziger Messe GmbH sollte Treba die Eröffnungsbilanz erstellen. Doch außer Spesen blieb am Ende nichts übrig.
Das Zahlenwerk des im Treba-Auftrag angereisten Steuerberaters Peter Schütz entsprach nicht den gesetzlichen Mindestanforderungen. Die Vorauszahlung von 20 520 Mark, ohnehin nicht branchenüblich, war sinnlos ausgegebenes Geld.
Dem Schaden folgte der Spott. Treba behauptet, der Begriff "Erstellung einer DM-Eröffnungsbilanz" sei in dem Vertrag mit der Messe "irrtümlich" verwendet worden. Und überhaupt, teilte das Unternehmen dem verdutzten Kunden mit, sei Steuerberater Schütz nie Mitarbeiter der Treba gewesen. Den Vorschuß habe er auf sein Privatkonto einzahlen lassen.
Die Wahrheit sieht anders aus. In einem persönlichen Schreiben an den damaligen Treuhandchef Rohwedder hatte die Treba-Mutter Trebag am 2. August 1990 ihre "hochqualifizierten Mitarbeiter" angeboten. Als Ansprechpartner der Treba wurde ausdrücklich einer genannt: Steuerberater Peter Schütz.
Die Leipziger Messe GmbH ist Kummer gewohnt. Das durch Frühjahrs- und Herbstmesse bekannte DDR-Unternehmen, früher als Außenhandelsbetrieb VEB Messeamt geführt, wurde nach der Wende regelrecht zur Pilgerstätte der Plünderer.
Unternehmensberater, Immobilienspekulanten und Pizzabäcker bedienen sich bis heute. Der größte Coup gelang der Mannheimer Firma Blank & Radosevic Holding KG (B & R).
Die Geschäftsleute Norbert Blank und Ivan Radosevic waren scharf auf die elf Messehäuser in der Leipziger City (siehe Grafik Seite 126). Die historischen Großbauten, allen voran die Mädler-Passage und das Hansahaus, beherbergen im Erdgeschoß einen Großteil des innerstädtischen Einzelhandels: 5 Juweliere, 13 Bekleidungsgeschäfte, 2 Friseure, 7 Lebensmittelfilialen, 5 Restaurants, 1 Kino, 2 Kaufhäuser und weitere 28 Läden, von Porzellan-Lorenz bis Samen-Koch. Mieteinnahmen in Millionen-Höhe lockten. Die Mannheimer griffen zu.
In Siegfried Fischer, Messedirektor seit l980, fanden die Westler den geeigneten Mitspieler. Der SED-Altkader verpachtete ihnen die Einzelhandelsflächen aller elf Messehäuser zu Spottpreisen - und das für 25 Jahre.
Der am 2. November l990 unterzeichnete Generalmietvertrag sieht die Gründung einer Betriebs- und Verwaltungsgesellschaft vor. An dieser sind B & R mit 80 Prozent, die Messe ist mit nur 20 Prozent beteiligt. Im Klartext: Fischer machte die Treuhandfirma zum Juniorpartner im eigenen Imperium.
Die von Blank und Radosevic beherrschte Gesellschaft darf marktübliche Mieten von den Einzelhändlern verlangen. Generalvermieterin Messe bescheidet sich mit dem mageren Mietzins aus DDR-Zeiten. 5 bis 10 Mark Miete pro Quadratmeter erhält demnach die Messe. Ortsüblich sind 120 Mark.
Ohne Not hatte Fischer den rentablen Teil der Messe aus der Hand gegeben. Die Treuhand, Fischers Arbeitgeber, war nicht informiert. Der Ex-Genosse schwieg, weil er wußte, daß er gegen die Interessen der Staatsholding verstieß.
Drei Wochen vor Vertragsunterzeichnung hatte Birgit Breuel, damals Vize-Chefin der Treuhand, ihn angewiesen, "grundsätzlich nicht langfristig zu vermieten und zu verpachten". Hausjustitiar Uwe Althus erinnerte seinen Chef Fischer "mehrfach und nachdrücklich" an die Zustimmungspflicht der Treuhand, zuletzt am Tag der Unterzeichnung. Fischers Antwort an jenem 2. November 1990: "Scheiße."
Auch die Ermahnungen der Messeangestellten Gabriele Saß, wenige Minuten vor Vertragsunterzeichnung, endeten ergebnislos. Fischer erteilte ihr Redeverbot, schickte die Aufmüpfige schließlich vor die Tür und unterschrieb.
"Ich weiß, daß Herr Fischer nicht bestechlich ist", erklärte Norbert Blank, als der dubiose Deal bekannt wurde. In der Treuhand wird genau das bezweifelt. Fischer flog. Über die Rechtmäßigkeit des Pachtvertrages wird in dieser Woche vor Gericht entschieden.
Immer wieder wird die Treuhand von ihren Geschäftsführern vor Ort ausgetrickst. Die ehemaligen SED-Kader scheinen zu allem bereit - nur nicht zur Einhaltung ihrer Treuepflicht.
Kaum ein namhaftes Ostunternehmen, in dem die alten Bosse nicht der Schieberei bezichtigt werden. Vor allem in ehemaligen SED-Firmen tummeln sich Kriminelle.
Am Freitag vergangener Woche flogen wieder Finanzschiebereien im großen Stil auf. Bei der Ost-Berliner Reisedienst und Touristenservice GmbH, einst als VEB Jugendtourist im Besitz der FDJ, sind 36 Millionen Mark spurlos verschwunden.
Eine Hundertschaft von West-Kriminalbeamten durchsuchte bis in die Abendstunden Geschäftsräume in Berlin, Hamburg, Essen und Bochum. Westunternehmer werden verdächtigt, den Jugendtourist-Managern, die offiziell der Treuhand unterstellt sind, beim Verschwinden der Gelder geholfen zu haben.
Wer Geschäfte im Osten betreibt, schaltet sein Unrechtsbewußtsein offenbar vorher ab. Dem diensteifrigen Revisor Capellen begegnen Ostler wie Westler meist mit völligem Unverständnis. "Das ist doch nicht Ihr Geld", halten sie ihm entgegen. Sie fordern den Treuhänder ungeniert auf, einfach wegzugucken.
Die Versuchung ist groß. In der Treuhand wird über die Vermögen der Zukunft entschieden. Da denkt mancher auch an die persönliche Vermögensbildung.
Chefin Breuel kann sich ihrer Mannschaft nie sicher sein. Die Superverwaltung ist für dubiose Machenschaften anfälliger als jede andere Behörde. Das Gros der Mannschaft bilden alte SED-Genossen, das West-Personal ist nur auf Abruf angestellt.
Das hohe Tempo der Privatisierung und der schnelle Wechsel von Zuständigkeiten machten effektive Kontrolle nahezu unmöglich. Auch der erst kürzlich ausgeschiedene Treuhandvorstand Gunter Halm, 51, soll seinen einstigen Arbeitgeber beschummelt haben. Gegen Halm, langjähriges Mitglied der SED-Regierung unter Willi Stoph, laufen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen.
Vor seinem Ausscheiden bei der Treuhand, so die bisherige Erkenntnis der Ermittler, hat Halm vertrauliche Unterlagen beiseite geschafft. Sein Arbeitsvertrag hatte ihm genau das untersagt.
Die Berliner Kripo fand das interne Treuhandmaterial durch Zufall. Einbrecher hatten Halms Privatwagen geknackt und entdeckten stapelweise Treuhandakten. Der Papierkram war für die Täter unbrauchbar. In Plastiktüten verpackt, blieben die brisanten Papiere am Straßenrand liegen.
Gefunden wurde auch ein Beratervertrag zwischen Halm und der Hamburger Firma Technos, datiert vom 6. September vergangenen Jahres. Zu jener Zeit war Halm noch in Treuhanddiensten. Der Alt-Kader wollte offenbar sein Insiderwissen zu Geld machen.
Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt wegen des Verdachts der "Verletzung von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen". Am Donnerstag vergangener Woche wurden Technos-Geschäftsräume und Halms Privatwohnung in Berlin-Buch durchsucht.
Fünf Treuhandmitarbeiter, alle aus dem Osten, wurden in diesem Jahr geschaßt. Sie waren korrupt. Einer ließ sich mit 1800 Mark bestechen. Andere hatten Millionen-Beträge verlangt und zum Teil auch erhalten. Gegen 30 Treuhandmitarbeiter wird hausintern noch ermittelt.
Auf die Staatsanwaltschaften ist dabei kein Verlaß. Sie sind überfordert. "Vier große Fälle von Bestechlichkeit" hat der Chef der Stabsstelle recherchiert und an die Staatsanwaltschaft Berlin übergeben. Dort liegen die Akten seit Monaten und verstauben.
Den Ermittlungsbehörden fehlt das Personal. Der Geschäftsplan der Staatsanwaltschaft in Chemnitz gleicht einer Kapitulationserklärung. Hinter jeder zweiten Dienststelle steht das Kürzel "nn", nicht nominiert.
Niemand kümmert sich um Straftaten im Bereich Prostitution, Waffenhandel und Glücksspiel. Selbst Verstöße gegen die Außenwirtschaftsgesetze bleiben mangels Personal folgenlos.
Von den drei Chemnitzer Wirtschafts-Staatsanwälten können zwei keine Bilanzen lesen. Oberstaatsanwalt Peter Pawlowski, Justizprofi aus Bayern, ist ratlos. "Ich bin doch hier mein eigener Pförtner", klagt er. Noch einmal würde er den Gang nach Osten nicht wagen. Der verzweifelte Staatsanwalt: "Ich weiß nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat."
Für das Vertrauen der Ostbürger in die neue Rechtsordnung ist das Chaos der Ermittlungsbehörden fatal. Die Werktätigen klagen an, und niemand kümmert sich. Strafanzeigen bleiben unbeantwortet wie früher die Eingaben ans Politbüro.
Die Untätigkeit der Behörden wird von den Tricksern als Freibrief verstanden. Die Firmenwelt zwischen Rostock und Zittau gehört den Raffgierigen.
Die Aktiengesellschaften werden immerhin von ihren Aufsichtsräten beobachtet, dagegen bleiben Tausende von GmbH weitgehend sich selbst überlassen. Dubiose Geschäftemacher wie Eberhard Hottenroth profitieren davon.
Der schwäbische Mittelständler ("Ich bin doch nur ein biederer Geschäftsmann") treibt im sächsischen Oederan seit Monaten ein undurchschaubares Spiel. Als Geschäftsführer der Erzgebirgischen Kunststoffverarbeitung GmbH wurde er im Oktober von der Treuhand eingesetzt. Doch Hottenroth wollte besitzen, nicht für andere die Geschäfte führen.
Die Oederaner Firma paßt prima zu seiner in Göppingen angemeldeten EHO-Plast GmbH. Beide Firmen produzieren Plastikteile, von der Salatschüssel bis zum Deckel für Deodosen.
Kurz vor Weihnachten stellte Hottenroth einen Kaufantrag. Die Treuhand lehnte ab: Der ehemalige Eigentümer des Unternehmens, Helmut Spranger aus Oederan, will reprivatisieren. Der Firmenverkauf ist daher verboten.
Hottenroth fand einen anderen Weg. Am 26. Februar wurde auf sein Drängen hin der Konkurs beantragt, vier Wochen später das Vollstreckungsverfahren eröffnet. Offizielle Begründung: Die Firma sei überschuldet.
Aus der Konkursmasse übernimmt Hottenroth Anfang April alle Maschinen und Vorräte. Ein unabhängiger Gutachter hatte den Maschinenpark auf 2,2 Millionen Mark taxiert. Hottenroth zahlte nur 1,5 Millionen.
Seit die Plastefirma als EHO Kunststoff- und Metallverarbeitungs GmbH firmiert, laufen die Geschäfte in Oederan plötzlich hervorragend. Das Personal von zunächst 44 Mitarbeitern wurde bis Anfang September mehr als verdoppelt. Der Betriebsrat spricht vom "stetigen Aufwärtstrend".
"Dieser Wirtschaftspirat", schimpft Alteigentümer Spranger, habe die Treuhand überlistet. In einer Strafanzeige werfen Sprangers Anwälte dem Westler Unterschlagung, Untreue und Bankrott vor. Der Konkurs sei auf der Grundlage einer "manipulativ dargestellten Vermögenslage" eröffnet worden.
Der Verdacht liegt nahe. Der Bericht des Konkursverwalters enthält zahlreiche Ungereimtheiten. "Wegen fehlender Buchführung", heißt es darin, "konnte eine Überprüfung aller Zu- und Abgänge im Umlaufvermögen nicht durchgeführt werden." Auch die noch offenen Forderungen des Unternehmens ließen sich nicht überprüfen.
Komplette Bilanzposten, zum Beispiel die Lizenzkosten in Höhe von 644 750 Mark, bleiben unklar. "Ich habe versucht, diese Position aufzuklären", schreibt der Konkursverwalter. "Der Geschäftsführer Hottenroth konnte mir keine Auskunft geben."
Auf Schlamperei aus DDR-Tagen kann Hottenroth sich nicht herausreden. Er war seit Oktober für die Firma verantwortlich. Sein Geschäftsbesorgungsvertrag war so hoch dotiert wie kein zweiter in der Ex-DDR. Hottenroth kassierte von der Treuhand 60 000 Mark pro Monat. Ein Berliner Treuhandmitarbeiter: "Das ist einfach irre."
Der tägliche Wahnsinn im Osten ist längst zum Fall für Berufszyniker geworden. Die Satirezeitschrift Eulenspiegel läßt in ihrer neuesten Ausgabe einen fiktiven Immobilienverbund Kommerzlager für sein Zukunftsprojekt "Schnäppchen/Ost" werben. Die Aufforderung an den Kunden lautet: Machen Sie sich frei! Legen Sie alle Skrupel ab! Es rechnet sich!

DER SPIEGEL 37/1991
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DER SPIEGEL 37/1991
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