14.10.1991

„Vorwärts für die arische Rasse“

Der amerikanische Geheimbund Ku-Klux-Klan, dessen Kapuzenmänner seit Jahrzehnten Fememorde an Schwarzen verüben, will in Deutschland neue Anhänger gewinnen. Skinheads und Neonazis, die in deutschen Wäldern Klan-Zeremonien abhalten, sehen in den US-Rassisten „unsere Brüder“ - Parole: „Ausländer raus.“
Es war einer der vielen Anschläge auf Asylantenheime in der Bundesrepublik. Abends gegen zehn fuhren im sauerländischen Neuenrade drei junge Männer vor, feuerten Schüsse in die Luft und warfen Steine auf ein Haus, in dem Bulgaren, Türken und Albaner leben.
Noch am gleichen Abend wurde das Trio geschnappt, die Polizei beschlagnahmte Pistolen mit Platzpatronen und Molotowcocktails. Ein 19jähriger hatte vier Aufkleber in der Tasche, die einen Kapuzenmann mit Axt zeigten. Aufschrift: KKK Herford, Postfach 1747, Bielefeld.
Der Fund von Anfang September weist die Spur zu einem Geheimbund, der in letzter Zeit bei Fahndern _(* In Königs Wusterhausen; aus der ) _("Explosiv"-Sendung von RTL plus am ) _(Dienstag letzter Woche. ) und Beobachtern mit Aktivitäten und allerlei Schriftgut zunehmend von sich reden macht: dem amerikanischen Ku-Klux-Klan.
Die Terrororganisation treibt ihr blutiges Unwesen seit 125 Jahren. Sie lenkt Frust und Haß ihrer weißen Mitglieder auf wehrlose Opfer, auf Schwarze und Juden, Latinos oder Asiaten. Hetzjagden, Lynchjustiz und Fememorde gehören seit je zum Arsenal ihrer Kampfmaßnahmen.
Seit Jahren versucht der Klan in Deutschland Fuß zu fassen. Doch die Gruppe in Herford gibt es nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden erst seit Jahresbeginn. Der Klan lud zu einem Treffen am 27. April in die westfälische Kreisstadt, zum "102. JdF", wie es in einem Zusatz hieß - gemeint war das "102. Jahr des Führers".
An diesem Tag, eine Woche nach dem Geburtstag Adolf Hitlers, reisten nach Erkenntnissen der Fahnder mehr als 200 Skinheads und Neonazis in Herford an, ausgerüstet mit Messern und Schlagstöcken.
Im Bergischen Land, im Ruhrgebiet, in Ostwestfalen - überall tauchten Aufkleber des Herford-Klans auf. "Vorwärts im Kampf für die arische Rasse", verkündet ein maskierter Reiter auf einem der Blättchen. Der Attentäter von Neuenrade behauptete allerdings, mit der Gruppe nichts zu tun zu haben, den Aufkleber habe ihm ein Bekannter bei einer Fete zugesteckt.
Am spektakulärsten trat der Ku-Klux-Klan am Dienstag letzter Woche in einer Fernsehsendung in Erscheinung. TV-Reporter Harald Spiegel, 38, berichtete in der "Explosiv"-Sendung von RTL plus über eine nächtliche Geheimsitzung mit Feuerritual in einem brandenburgischen Waldgebiet bei Königs Wusterhausen.
Spiegel hatte vor etwa fünf Wochen einen Wink aus der Rechtsradikalenszene in Berlin erhalten. Bald danach trafen er und sein Kamerateam auf einem Parkplatz an der Autobahn "irgendwelche Leute", wie er sagt, und wurden eine knappe halbe Stunde lang durchs Land gelotst. Was Spiegel dann zu sehen bekam, konnte er "kaum glauben".
Am Waldrand bei Königs Wusterhausen, in der Nähe des ersten, 1920 gebauten Reichsrundfunksenders, hatte sich eine Rotte weißgewandeter Kapuzenmänner versammelt. An ihrer Spitze wartete auf das Fernsehteam ein bulliger Amerikaner, der eine Lederjacke mit SS-Runen und Schmuck mit Hakenkreuz trug. Dennis W. Mahon, ein Texaner, stellte sich als führender Mann des Ku-Klux-Klan aus den USA vor.
Mahon, erfuhr der TV-Reporter, sei "auf geheimer Propagandatournee durch den rechtsradikalen Untergrund Deutschlands" unterwegs. Seinen Anhängern, die sich "zum Ku-Klux-Klan Deutschland zusammengeschlossen" hätten, so der Bericht, predigte Rassist Mahon im O-Ton das germanische Erbe "von den teutonischen Rittern bis zur Waffen-SS".
Reporter Spiegel ist sich bis heute nicht darüber im klaren, wie gefährlich der rechtsradikale Mummenschanz, der ihm honorarfrei präsentiert worden sei, wirklich ist. Für harmlos hält der Journalist freilich keinesfalls, daß in der ausländerfeindlichen Gewaltszene Ostdeutschlands jetzt "auch noch amerikanische Rassisten" mitmischen. Mahon vor der Kamera, auf die Übergriffe gegen Ausländer in Deutschland angesprochen: _____" Ich bin sehr glücklich, das zu sehen, weil das " _____" deutsche Volk zu wissen scheint, daß es durch die vielen " _____" Ausländer seine Zukunft verliert. Denn die haben eine " _____" sehr hohe Geburtenrate und zerstören das deutsche Volk . " _____" . . Jedes Mittel ist recht, jedes, um eure Nation zu " _____" retten. "
Etwa ein Dutzend seiner maskierten Fans zeigte sich dem TV-Team vor laufender Kamera; einer von ihnen trug eine Pistole. Wohl noch mal so viele glaubte das Fernsehteam im angrenzenden Wald zu beobachten. Zum Schluß gab es einen Weiheakt, bei dem nach Art des Ku-Klux-Klan ein Holzkreuz verbrannt wurde.
Die Kopfzahl der Gruppe im ganzen, offenbar gemischt aus Berlinern und Brandenburgern, schätzt Spiegel auf 40 bis 50. Auf eine gewisse Organisation, so meint er, lasse der einwöchige Deutschland-Besuch Mahons schließen, der in Frankfurt gelandet und dann mit dem Zug nach Berlin angereist sei. Einer der Teilnehmer erklärte, er komme aus Bielefeld; im dortigen Umland habe der Ku-Klux-Klan rund 100 Mitglieder.
Publikationen aus dem rechtsradikalen Milieu erwecken in jüngerer Zeit immer wieder den Eindruck einer Verbindung von Skinheads und Neonazis mit dem Ideengut des Ku-Klux-Klan. So erscheint in der Fanzine-Reihe, einer Gruppe von Skinhead-Publikationen wie Nahkampf oder Kampftrinker, eine Art Katalog mit dem Titel Endsieg, in dem eine offenbar französische Video-Dokumentation über "Ku Klux Klan und Skins in den USA" angeboten wird. Preis: 20 Mark.
Das Skin-Blatt Nahkampf wiederum propagiert die Kampfschrift Das Feuerkreuz, die in ihrer ersten Nummer, unter der Überschrift "White Survival now", schon optisch die Symbole von KKK und Skins vereinte: das Feuer- und das Keltenkreuz, die germanische Odalsrune. In der zweiten Ausgabe des Pamphlets, 1991 erschienen, wurde mit "regelrechter Briefflut" geprahlt.
In englisch druckte das Blatt einen Beitrag über "Skins in East Germany". Eine Telefonnummer in Ost-Berlin ist als angeblicher Kontaktapparat angegeben, an dem sich allerdings derzeit niemand meldet; für Bestellungen des Nahkampf gibt es Postlagerkarten. Zusätzlich ist eine National Post Office Box in Kansas City vermerkt.
In Berlin kursiert auch eine Broschüre mit dem Titel "Deutsche Klansmänner", ein Sammelsurium aus US-Zeichnungen und platten Sprüchen wie: "Die Zeit für eine weiße Revolution schreitet näher."
Westdeutsche Experten hielten einen organisatorischen Zusammenhang zwischen deutschen Skinheads und amerikanischem Ku-Klux-Klan bislang für wenig wahrscheinlich. Den KKK kennzeichne "so etwas Ähnliches wie Sektencharakter", sagt ein hoher Beamter, die Skins dagegen suchten das öffentliche Aufsehen, die Auseinandersetzung "mit den Fäusten und nicht mit dem Kopf".
Andererseits seien die eindeutig rassistischen Klan-Parolen "von hoher Attraktivität" für die Skins, wissen Sicherheitsfachleute, die aufgeputschte Rechtsradikalen-Szene in Ostdeutschland mit ihrer verschärften Ausländerfeindlichkeit lade amerikanische Klan-Führer zu neuer Kontaktsuche geradezu ein.
In den USA haben sich Teile der beiden Bewegungen tatsächlich längst miteinander verbündet. Beobachter halten die Annäherung zwischen extrem gewalttätigen Skinheads und dem eher traditionellen KKK für besonders gefährlich. Skinheads wird die Beteiligung an elf Morden und einer Vielzahl anderer Gewaltverbrechen vorgeworfen.
Der aus den Nachkriegswirren des amerikanischen Bürgerkriegs hervorgegangene Klan, dessen Name Ku-Klux aus der Verballhornung von "Kyklos", griechisch Zirkel, entstand, gilt als typisches Krisenbarometer - absinkend in ruhigen Zeiten, aber voll auf der Höhe mit rund vier Millionen Mitgliedern in den schwierigen zwanziger Jahren. Zu Anfang wurden in den Südstaaten vor allem Schwarze geteert und gefedert, später griff der Terror auch auf Katholiken oder Kommunisten über.
Die treibende Kraft ist ein wütender Rassenwahn, der sich in den sechziger Jahren, nachdem der Klan fast ausgestorben schien, im blutigen Widerstand gegen die Bürgerrechtsbewegung entlud. "Klansmen sind geistig verunglückte Amerikaner", schrieb das FAZ Magazin, der KKK sei "einer der widerlichsten Schmutzflecke auf Onkel Sams nicht durchwegs weißer Weste".
Neuerdings setzen Rassisten wie der Abgeordnete David Duke im Staatsparlament von Louisiana, der sich einst offen zum Klan und zum Neonazismus bekannte, sogar auf politische Karriere; Duke bewirbt sich um den Gouverneursposten.
Nach dem Krieg zerfiel die einst zentral gesteuerte Bewegung in meist regional gegliederte Einzelklans. Als größte Gruppen gelten das Invisible Empire und die Knights of the Ku Klux Klan. Die Kopfstärke aller Verbände wird auf rund 6000 geschätzt, die Sympathisantenszene auf etwa 200 000, Tendenz neuerdings wieder steigend.
Mahon, der Sendbote von Königs Wusterhausen, ist der Imperial Dragon, der oberste Drache, der White Knights of the KKK, eines kleineren Klanverbands mit Schwerpunkten in Missouri und Oklahoma. Ihm werden Verbindungen zur extrem gewalttätigen Rassistengruppe Aryan Nation in Idaho nachgesagt.
Schon die geistige Nähe des Klan zum Nationalsozialismus bringt es mit sich, daß sich dort deutsche Rechtsextremisten großer Sympathien erfreuen. Im Rhein-Main-Gebiet fielen Anfang der achtziger Jahre Verbindungen zwischen deutschen Neonazis und Klan-Mitgliedern aus der U.S. Army auf, in der zwar Aktivitäten des Ku-Klux-Klan verboten sind, nicht aber die bloße Mitgliedschaft in der Organisation.
In den sechziger Jahren erklärte ein Klan-Sprecher, Offiziersanwärter der U.S. Army, München zur "Hochburg des Ku-Klux-Klan in Europa". Später gründete der Bund sogar eine Hilfsorganisation für rechtsradikale Häftlinge, die sich besonders in Bayern betätigte.
Schon in den achtziger Jahren warfen westdeutsche KKK-Leute Molotowcocktails auf Ausländerwohnheime, plakatierten "Alle Ausländer, Juden, Neger raus" und stahlen den Generalschlüssel für US-Militäranlagen in Mainz.
In Hessen und im Rhein-Main-Gebiet reiste kürzlich ein junger Deutschamerikaner mit dem Auftrag herum, auch dort einen deutschen Klan-Ableger zu organisieren. Der Mann hatte schon früher enge Verbindungen zur rechtsradikalen Szene. Er sei, so heißt es, nach knapp einjährigem USA-Aufenthalt, bei dem er einen "Arierbund" gegründet habe, mit der Klan-Order zur Sammlung deutscher Gesinnungsfreunde zurückgekehrt.
Auch in ostdeutschen Rechtsradikalenkreisen ist die Werbetätigkeit des KKK Gesprächsthema. Allein in und um Königs Wusterhausen, behaupten Szenekenner, gebe es 300 bis 400 Rechtsradikale, die letztes Jahr zeitweilig mit der "Nationalen Alternative" in Berlin zusammengearbeitet hätten, einer Partnerorganisation des Neonazis Michael Kühnen und seiner "Deutschen Alternative".
Kühnen wiederum hatte in seinem Buch "Die Zweite Revolution" die Aktivisten des Ku-Klux-Klan als "unsere Brüder" gerühmt, die wie die deutschen Neonazis "für Rasse und Nation" kämpften. Der Absatz der Kühnen-Schriften habe sich, wie herumerzählt wird, nach Kühnens Tod noch verstärkt. Letztlich hatten sich die autonomen Rechtsradikalen von Königs Wusterhausen dann doch keiner überregionalen extremistischen Organisation angeschlossen. Daß aber ein Teil von ihnen zum Ku-Klux-Klan gestoßen sei, gilt als wahrscheinlich.
Bei den ostdeutschen Kapuzenmännern unter dem Feuerkreuz am Waldesrand beobachtete TV-Reporter Spiegel einen geradezu andächtigen Fanatismus: "Die Leute sind voll auf dem Trip." Bei ausländerfeindlichen Aktionen, erzählten sie ihm, seien sie "immer mittendrin".
Nach den blutigen Ausschreitungen in Hoyerswerda gefragt, erklärte einer vor der Kamera: "Kann ich nur begrüßen. Und ich hoffe, daß das weitergeht so."
* In Königs Wusterhausen; aus der "Explosiv"-Sendung von RTL plus am Dienstag letzter Woche.

DER SPIEGEL 42/1991
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