09.12.1991

UmweltSpur der Steine

Mit Baumaterial aus radioaktiver Schlacke sind in Ostdeutschland Straßen gepflastert und Datschen gemauert.
Die schillernd grauen Pflastersteine, die der VEB Nahverkehr in Karl-Marx-Stadt immer mal wieder aus seinen Altbeständen anbot, fanden reißenden Absatz. Das "Gußpflaster altbrauchbar", der Quadratmeter 3,40 DDR-Mark, diente Freizeit-Bauherren als Material für viele kleine Privatvorhaben.
In der Umgebung des heutigen Chemnitz sind die rustikalen Steine noch viel zu sehen. Sie machen sich gut als Mauerwerk zahlreicher Datschen im Grünen, in denen die Ostdeutschen am Wochenende Erholung suchen.
Sehr erholsam sind solche Ausflüge wohl nicht. Umweltwissenschaftler haben jetzt entdeckt, daß der Stoff, aus dem viele Datschen sind, gefährliche radioaktive Strahlen aussendet.
Die grauen Steine sind aus der Kupferschlacke vom VEB Mansfeld "Wilhelm Pieck" gegossen. Und sie wurden - zum Straßenbau wie zur privaten Verwendung - in die ganze DDR geliefert.
Mit den Quadern, poröser und regelmäßiger geformt als Kopfsteine, haben Baukolonnen in der ehemaligen DDR fast alles gepflastert: Straßen, Haltestellen für Busse und S-Bahnen, Fußgängerzonen, Höfe und Plätze. Überall dort sind Passanten und Anwohner krebserregender Gamma-Strahlung ausgesetzt.
Wenn in der Semperoper in Dresden der "Rosenkavalier" oder die "Zauberflöte" aufgeführt wird, stehen die Musikfreunde auf Kupferschlacke Schlange. Die Wartenden könnten sich ebensogut auf einer Uranhalde aufstellen.
Dort steht es sich gar gesünder: Der Gehalt der Schlackesteine vor der Semperoper etwa an strahlendem Wismut 214 ist mit rund 1000 Becquerel pro Kilo nach einem Gutachten der zur Bremer Uni gehörenden Landesmeßstelle für Radioaktivität doppelt so hoch wie im Haldenmaterial aus dem Uranabbaugebiet in Sachsens Süden. Die Bremer Wissenschaftler registrierten bei Tests auch aus Kupferschlackesteinen in Chemnitz eine Strahlung, die über der von Natursteinen, etwa von Granit, liegt.
Die Spur der Steine führt in die Mansfelder Mulde, zwischen Harz und Halle. Die Region ist heute Umweltnotstandsgebiet. Das Mansfelder Hütten-Kombinat beutete hier vor der Wende die Kupfer- und Silbervorkommen aus. Der Schutz der Umwelt spielte keine Rolle: Die Hütten-Standorte, eine Fläche von fünf Quadratkilometern, sind im Mansfelder Land mit Schwermetallen verseucht. Dazu kommt die Strahlung.
Am Ostrand des Harzes ließ das SED-Regime uranhaltigen Kupferschiefer verhütten. Dieses Gestein setzt ständig radioaktive Stoffe frei, die menschliche Zellen verändern und Krebsgeschwüre auslösen können.
In den mittlerweile stillgelegten Hütten wurde das Kupfer aus dem Gestein gewonnen - was übrigblieb, gossen Arbeiter zu Pflastersteinen. Allein zwischen 1979 und 1989 wurden 15 Millionen Kupferschlackesteine hergestellt, zusätzlich gingen drei Millionen Tonnen gebrochener Schlacke in den Straßenbau.
Die Schlackesteine mit einer Durchschnittsstrahlung von 700 Becquerel pro Kilogramm sind auch im Westen zu Tausenden verpflastert worden. Bis 1977 deckten sich westdeutsche Straßenbauer mit den radioaktiven Klötzen aus dem Osten ein.
Auf 300 Millirem schätzt die Bremer Uni-Meßstelle die Dosis, die ein Mensch wegsteckt, der ein Jahr auf diesen Steinen steht. 300 Millirem ist knapp dreimal mehr, als ein Durchschnittsbürger im Jahr durch Strahlung aus natürlichen Quellen aushalten muß. Da Strahlendosis und Krebsrisiko gleichmäßig steigen, ist die Krebsgefahr über Schlackepflaster also ebenfalls etwa dreimal so groß wie auf anderen Böden.
Die Wissenschaftler vom Staatlichen Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz der DDR kannten das Risiko. Von 1979 an wurde die Kupferschlacke nur noch mit Genehmigung abgegeben. Zum Beton durften nicht mehr als 20 Prozent Kupferschlacke gemischt werden. Die Verwendung der Schlackesteine für Wohnhäuser war verboten - für Nebengebäude war das Material nur erlaubt, wenn es mit einer Ziegelschicht verblendet wurde.
Die Wirklichkeit im Osten sah anders aus. Die Ostler konnten die Steine von Baustellen klauen, sie konnten die grauschwarzen Würfel aber auch legal erwerben - wie beispielsweise in Karl-Marx-Stadt.
Im Mansfelder Land zeigen Garagen, Gartenmauern und Ställe die strahlenden Quader offen; bei den Wohnhäusern legten die Handwerker die Strahlenquelle meist unter Putz. Oft tragen die Mauern zur Straße hin Ziegelverblendung, der Rest aber ist Schlacke pur.
Das Bundesamt für Strahlenschutz sieht dennoch keinen "unmittelbaren Handlungsbedarf". Es bestehe "keine akute Gesundheitsgefahr", meint Strahlenschützer Walter Röhnsch.
Ostdeutsche, die zwischen Wänden aus Strahlenwürfeln wohnen, sollten jedenfalls "die Räume auf Radioaktivität untersuchen lassen", rät Gerhard Schmidt vom Öko-Institut Darmstadt. Er verweist auf Paragraph 28 der Strahlenschutzverordnung: "Jede unnötige Strahlenexposition oder Kontamination von Personen, Sachgütern oder der Umwelt" ist danach zu vermeiden.
Trotz aller Warnungen hat das Rohhütten-Werk Helbra, eine Nachfolgefirma der Mansfelder Werke, große Pläne mit dem Strahlenmüll. Die Firma hat schon eine neue "Anlage zur Kupferschlacke-Aufbereitung" mit einer Leistung von 250 Tonnen pro Stunde angeschafft. Die Schlacke soll in die neuen Straßen im deutschen Osten eingebaut werden. o

DER SPIEGEL 50/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung