09.12.1991

DopingDruck von oben

Die Doping-Kommission des Deutschen Sportbundes empfiehlt die Entlassung von rund 100 Trainern und Funktionären.
Ganz spontan, glaubt Manfred von Richthofen, der Vize-Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), müßten einige Funktionäre den Sitzungssaal verlassen, wenn er am kommenden Samstag in Frankfurt den Spitzen des deutschen Sports den Abschlußbericht der von ihm geleiteten Doping-Kommission vorlegt. Die Kollegen müßten sich "von dem Moment an als beschuldigt fühlen".
Freiwillige Rücktritte zahlreicher Mandatsträger wünscht sich auch von Richthofens Kommissionskollege Harm Beyer. Der Hamburger Jurist hält solche Reaktionen angesichts der "Fülle unseres Belastungsmaterials für erfreulich und erfrischend".
Statt dessen aber droht eine quälend lange Reinigungsprozedur. Zwar wird die Kommission rund 100 Entlassungsempfehlungen für Trainer, Ärzte und Funktionäre aussprechen. Da er aber die Beweise als "juristisch nicht ganz hieb- und stichfest" einschätzt, rechnet von Richthofen mit einer Prozeßwelle: "Nach und nach werden sich wohl ordentliche Gerichte mit vielen Einzelfällen beschäftigen."
Dabei sollte eigentlich mit der Vorlage des Abschlußberichts die Dopingdiskussion in Deutschland beendet sein. Doch das Ziel, die Olympiavorbereitung von immer neuen Enthüllungen, wachsendem Mißtrauen und leistungshemmenden Rücktrittsdiskussionen freizuhalten, wird nicht erreicht. Der Bericht hat viel mehr die Wirkung einer Zeitbombe.
Die einzelnen Verbände werden in drei Kategorien eingeteilt: ständiges Doping, Dopingexperimente, dopingfrei. Im offiziellen Bericht werden die Dopingtäter aus Ost und West nur allgemein durch ihre Funktionen beschrieben, jeder einzelne Verband erhält in einem vertraulichen Schreiben dazu die Namen der Sünder.
Von den Verbänden wird von Samstag an konsequentes Handeln erwartet. Irritiert hat Beyer registriert, daß der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) schon wieder den Vorreiter in die falsche Richtung gespielt hat. In einem "Schnellwaschgang" (Süddeutsche Zeitung) erhielten 24 belastete Osttrainer einen Persilschein, ohne daß alle Beschuldigungen sorgfältig geprüft worden waren. Zehn Tage später sah es das Heidelberger Landgericht als erwiesen an, daß einer von ihnen, der DLV-Cheftrainer Bernd Schubert, ein "ausgewiesener Fachdoper" ist.
In der letzten Woche erhielten auch drei Westtrainer ihre Absolution durch den DLV-Rechtswart. Ungerührt überging der Verbandsjurist dabei im Fall des Diskus-Bundestrainers Karlheinz Steinmetz ein Gerichtsurteil, Steinmetz sei ein "Doping-Experte". Doch allen Vertuschungsversuchen zum Trotz erreicht die Dopingwelle immer neue Dimensionen. 20 ostdeutsche Schwimmtrainer, von denen viele vor Jahresfrist vor den Weltmeisterschaften ihre Unschuld an Eides Statt versichert hatten, bezichtigen sich nun in einer gemeinsamen Erklärung selbst des Dopings.
Der Leistungssport-Koordinator des Deutschen Amateur-Box-Verbandes, Günter Debert, wurde systematischer Anabolikagaben an DDR-Boxer beschuldigt. Und der Vizepräsident des Deutschen Kanu-Verbandes, Helmut Zänsler, trat zurück, nachdem er als Doping-Altlast ausgemacht worden war.
Die Rücktrittsbereitschaft wird durch den Prozeßverlauf vor ordentlichen Gerichten gefördert. Monatelang hatte Kurt Hinze geleugnet, als Cheftrainer am Doping der DDR-Biathleten beteiligt gewesen zu sein. Der zum Bundestrainer gewendete Hinze verklagte seinen einstigen Schützling Jens Steinigen sogar wegen Verleumdung. Erst als weitere Zeugen vor dem Landgericht Mainz Steinigens Anschuldigungen bestätigten, trat Hinze in der vergangenen Woche zurück.
Der Fall Hinze geriet auch zum Lehrstück, wie Sportverbände mit aussagewilligen Sportlern umgehen. Steinigen, vor allem aber sein neuer Trainer Wolfgang Pichler, der den Biathleten in seinem Bekennermut bestärkt hatte, waren als Nestbeschmutzer isoliert worden. Der Deutsche Meister Steinigen wurde in keinem Förderkader aufgenommen, der vom Zolldienst für den Leistungsstützpunkt Biathlon in Ruhpolding freigestellte Pichler verlor seinen Trainerjob.
Jetzt wird die Schikane des Verbandes durch Druck von oben korrigiert. Als dem für den Zoll zuständigen Finanzminister Theo Waigel der Fall Pichler ("Man wollte mich erdrücken") dargelegt wurde, sicherte er zu, daß der Steinigen-Trainer schon bald wieder im Amt sein werde.
Das Verhalten der Verbände verärgert auch die Sportpolitiker aufs neue. Schon einmal hatten sie Steuergelder für den Leistungssport gesperrt, bis ausreichende Anti-Doping-Konzepte vorlagen. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johannes Gerster, drohte in der letzten Woche erneut mit finanziellen Konsequenzen, wenn den Empfehlungen der Richthofen-Kommission nicht ohne Zögern gefolgt werde.
Angesichts "berechtigter Zweifel" an der Vergangenheitsbewältigung durch die Sportgremien verkündete Gerster: "Für einen im Doping-Bericht belasteten Trainer gibt es keine Mark mehr vom Bund." o

DER SPIEGEL 50/1991
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