18.11.1991

„Böse Deutsche, gute Ausländer“

„Von Mythen durchwoben“ sei die ausländerpolitische Debatte, urteilen die Berliner Wissenschaftler Ute Knight und Wolfgang Kowalsky in einer jetzt erschienenen Streitschrift*. Grüne und CDU müßten politische Denkblockaden überwinden und sich an der Quotenpolitik klassischer Einwanderungsländer orientieren. Auszüge:
Um unvoreingenommen, das heißt ohne ideologische Scheuklappen, die Immigrationspolitik zu sichten, sind einige liebgewordene Gewohnheiten abzulegen.
Der einen, der rechten Seite ist vorzuhalten, daß "deutschstämmig" ein Begriff ist, der aus dem vorigen Jahrhundert herrührt und mit dem die NS-Ideologen ihre rassistische Politik begründet haben - mit anderen Worten: ein Anachronismus, verglichen mit modernen rechtlichen Auffassungen, wie sie in Frankreich oder den USA seit langem gang und gäbe sind. Eine Revision dieser fossilen Vorstellung vom "Deutschtum" ist überfällig.
Auf der anderen, der linken Seite ist der Begriff "Ausländerfeindlichkeit" zu einer Allzweckwaffe im politischen Streit um die Immigrationspolitik geworden. Jegliche Kritik an Ausländern wird so tabuisiert und unter den Verdacht der "Ausländerfeindlichkeit" gestellt. Selbsternannte "Ausländerfreunde" haben dem Begriff durch inflationäre Verwendung Substanz genommen.
Die "Ausländerproblematik" ist in Deutschland von Mythen durchwoben. In der Bundesrepublik ist seit dem 1. Januar 1991 ein neues Ausländergesetz gültig. Die Befürworter dieses Gesetzes verteidigen es mit der Notwendigkeit, auf die steigenden Flüchtlings- und Asylbewerberzahlen zu reagieren. Ihre Argumentation basiert auf einer bundesdeutschen Lebenslüge, die besagt, die Bundesrepublik sei kein Einwanderungsland.
Kritiker dagegen erblicken in dem neuen Ausländergesetz eine Verschärfung _(* Ute Knight/Wolfgang Kowalsky: ) _("Deutschland nur den Deutschen?". ) _(Straube Verlag, Erlangen-Bonn-Wien; 190 ) _(Seiten; 25 Mark. ) der Bestimmungen und zögern nicht, von antidemokratischen Tendenzen zu sprechen. Dem Mythos der Rechten stellen sie einen Alternativmythos entgegen. Sie antworten mit einem Tabu: dem Tabu, überhaupt von "Ausländern" zu reden und eine "Ausländergesetzgebung" zulässig zu finden.
Dabei begnügen sie sich mit einer simplen Umkehrung der rechten Konzepte - beispielsweise: hier Immigration als Bedrohung und Katastrophe, dort als Chance und Bereicherung. Den Tatsachen ins Auge zu sehen und Denkblockaden und -verbote zu überwinden - diese Forderung ist an beide Seiten zu richten.
Wie gehen Linke mit der Ausländerproblematik um? Erika Trenz, ehemaliges Bundestagsmitglied der Grünen, spricht von "Volksgemeinschaftsgedanken" und "Mentalitätsbeständen des ,Dritten Reiches''", und diese Worte stehen für Faschismusverdacht. Sie faßt zusammen: "AusländerInnen-Politik ist schon durch das Grundgesetz völkisch und fremdenfeindlich angelegt." Damit suggeriert sie, das Grundgesetz sei faschistoid.
Es drängt sich der Eindruck auf, die ganze Ausländerproblematik werde von linker Seite angegangen unter der traumatischen Erfahrung, die Auschwitz hinterlassen hat. Folglich sei es nur recht und billig, wenn die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des NS-Staats großzügig Asyl gewährt. Dieser Logik zufolge hätten die Deutschen ein für allemal das Recht verwirkt, Ausländern den Zutritt zu verwehren. Darüber hinaus sei es unzulässig, Ausländern Regeln vorzuschreiben.
Ein unterschwelliger Sühnegedanke scheint im Spiel: Zu den unausgesprochenen Mythen der Linken gehört es, daß die Deutschen für die NS-Zeit - und für das Leid der ausgebeuteten Dritten Welt - sühnen müssen.
Die Vorschläge der Grünen zur Ausländerpolitik halten einer skrupulösen Prüfung nicht stand. Ein Anspruch eines jeden Ausländers auf Einwanderung ist eine Fiktion. Statt die deutsche Gesetzgebung zunächst auf den Stand fortgeschrittener Länder zu führen, sollen diese gleich überholt werden mit Regelungen, die noch nirgends existieren.
Als "Eckpfeiler" einer grünen Einwanderungspolitik wird eine Ausdehnung des Asylrechts auf bloße "Furcht vor Verfolgung und die Flucht aus wirtschaftlicher Not" vorgeschlagen. Diesen Neuankömmlingen solle eine "materielle Grundsicherung" geboten werden.
Die Position kommt einer Einladung an Millionen Arme aus der ganzen Welt gleich, sich verfolgt zu fühlen und die angebotene Grundsicherung hier in Anspruch zu nehmen. Die Kosten spielen für die wohlmeinenden Verfasser, diese Visionäre guten Willens, keine Rolle.
Zugleich weisen die Grünen auf ein reales Problem hin: Weil die Bundesrepublik sich an Waffengeschäften beteilige, an der "Verarmung der Dritten Welt" mitwirke und insofern Fluchtgründe liefere, müsse sie die Konsequenzen tragen und die Flüchtlinge hier aufnehmen. Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen, doch der Lösungsvorschlag, alle Flüchtlinge ohne Wenn und Aber einzulassen, grenzt an Phantasterei.
Natürlich sollte die Bundesregierung Waffenexporte unterbinden und auf eine neue Weltfriedensordnung hinwirken. Und selbstverständlich sollten der Ressourcentransfer aus der Dritten Welt in die hochindustrialisierten Länder gestoppt, die ungleiche Tauschbeziehung und die extreme Ungleichverteilung der Lebenschancen abgebaut werden. Aber durch das Kurieren an Symptomen wird das Übel nicht an der Wurzel gepackt.
Innerhalb der Grünen gibt es erfreulicherweise Kritiker der offiziellen Linie. Daniel Cohn-Bendit wies darauf hin, daß sich mit der "Verklärung des guten Ausländers gegenüber den bösen Deutschen keine Politik machen" läßt. Rechtsextremismus und Rassismus gebe es auch unter Ausländern.
Die manichäische Vorstellung von zwei homogenen Blöcken, die sich gegenüberstünden, sei realitätsfremd. Ein doppeltes Maß werde angelegt: Die "deutsche Trachtengruppe" gelte als erster Schritt in den Rechtsextremismus, die türkische als Auftritt einer selbstbewußten Minderheit.
Dasselbe Prinzip ist bei den "Republikanern" wirksam. Den im Prinzip "guten" Ausländern beziehungsweise Deutschen steht der im Prinzip "schlechte", "böse" Deutsche beziehungsweise Ausländer gegenüber. Bei den "Republikanern" ist das bipolare Denksystem der Grünen einfach umgekehrt gepolt.
Auf das Bekenntnis "Deutschland über alles" antworten viele Linke mit der gegenteiligen Aussage. In Berlin war zu lesen: "Ausländer! Laßt uns mit den Deutschen nicht allein."
Der linke Schriftsteller und Publizist Michael Schneider weist auf einen Grund für diesen Selbsthaß hin: "Die deutsche Teilung, die die ehemaligen Kriegsteilnehmer als bleibende Demütigung empfanden, wurde von ihren Kindern _(* Am vorletzten Wochenende in Berlin. ) als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs akzeptiert beziehungsweise als gerechte Strafe für die Verbrechen der Deutschen in der NS-Zeit empfunden." Diese Linken hätten sich in einem "negativen Patriotismus" eingerichtet: "Lieber alles andere sein als ein Deutscher, geschweige denn ein ,Bundesbürger'', hieß die Devise."
Xenophilie und deutscher Selbsthaß erscheinen als zwei Seiten einer Medaille. Diese Verbindung ist bei den Grünen häufig anzutreffen. In ihren Darstellungen erscheinen die Bundesrepublik und ihr Verhalten gegenüber Ausländern als abgrundtief schlecht, als rassistisch, diskriminierend, die Ausländer als gut und nett, als exotische Farbtupfer im grauen deutschen Einerlei. Die Ausländer brächten "Anregung" und "Bereicherung". Alle Bedingungen, an die die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis geknüpft ist, erhalten etwas Anrüchiges.
Der österreichische Querdenker Günther Nenning merkt zu der Thematik an: "Es gibt ein Menschenrecht auf Freizügigkeit quer über die Welt . . . Aber ein Menschenrecht, bei sich daheim zu sein, sein eigenartiges Leben zu leben und zu pflegen - das gibt es auch."
Er polemisiert gegen eine "Linke, die Nationalgefühl für identisch hält mit Nazismus, der alles Deutsche verdächtig ist, die in allem Deutschen nichts sieht als ein Unglück." Eine übersteigerte Fremdenliebe erscheint ihm suspekt: "Nur wenn ich von mir selber etwas halte, achte ich auch die anderen Menschen . . . Gegen Fremdenhaß kann man nur sein, wenn man außer den Fremden auch noch die eigenen Leute liebt."
Ein einfaches Gedankenspiel genügt, um sowohl die regierungsamtliche als auch die grün-alternative Vorstellungswelt ad absurdum zu führen.
Die Bundesregierung läßt verlautbaren: "Deutschland ist kein Einwanderungsland." Voraussehbar ist jedoch, daß bei einer Verriegelung der Grenzen die Deutschen im Lande immer weniger werden und draußen vor den Toren die Menschheit rasant zunimmt. Eine ausgebaute militärische Sicherung der Außengrenze wäre nötig.
Der Gedanke an die an Slums grenzenden Parkanlagen südamerikanischer Großgrundbesitzer wäre nicht abwegig. Wie an der Mauer wären Tote zu vermelden. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob sich eine Exportnation wie die deutsche eine solche Politik überhaupt leisten kann, ohne den bestehenden Wohlstand zu gefährden.
Da die Bundesrepublik leugnet, ein Einwanderungsland zu sein, zwingt sie Einreisewillige dazu, sich entweder als politisch Verfolgte auszugeben oder sich deutsche Vorfahren zu "beschaffen". Wäre es nicht sinnvoller, Quoten festzulegen und auszuschreiben, daß eine bestimmte Anzahl Arbeitender in diesen oder jenen Berufssparten gesucht wird?
Das schlichte Gegenteil schlagen die Grünen vor: "Offene Grenzen". Die Verfechter dieses Konzepts besitzen die Chuzpe zu behaupten, es würde ohnehin kaum jemand kommen: Diejenigen, die versichern, eine wahre Völkerwanderung in Richtung Europa und damit auch die Bundesrepublik, würde einsetzen, betrieben Panikmache.
Bestärkt werden diese Grünen in ihrer Sicht durch linke Kritiker. In geheuchelter Einfalt wird vorgebracht, deutsche Touristen würden überall auf der Welt umherreisen, warum sollten umgekehrt nicht Flüchtlinge die Bundesrepublik bereisen? Das Ganze ist kein Ausrutscher, diese vorgebliche Naivität hat System. Ein Aufkleber wie "Jeder ist Ausländer. Oder verreisen Sie nie?" lebt von dieser scheinheiligen Verwischung des Unterschieds zwischen Tourismus und Immigration. Durch derlei Vermengungen wird ein grundlegendes Menschenrecht, das auf politisches Asyl, in Verruf gebracht.
Jeder außer den selbsternannten "Ausländerfreunden" weiß, daß deutsche Touristen mit Devisen unterwegs sind, hingegen die in die Bundesrepublik einreisenden Ausländer, die sich hier niederlassen wollen, zumeist ohne Barschaft und ohne Habe ankommen, folglich auf die öffentliche Hand angewiesen sind.
Inflationär verwendet wird der Begriff "Ausländerfeindlichkeit". Dabei ist es kein Wunder, daß Eltern negativ reagieren, wenn ihre Kinder in Schulklassen mit 50prozentigem Ausländeranteil gehen müssen. Schon ein geringer Prozentsatz von Kindern, die die deutsche Sprache nur rudimentär beherrschen, kann Besorgnisse bei den Eltern auslösen, und die Befürchtung, daß ihre Kinder weniger lernen als in Klassen ohne ausländische Kinder und schlechtere Berufsaussichten haben, kann durchaus berechtigt sein, ist also nicht per se als "Ausländerfeindlichkeit" abzustempeln.
Sicher existiert Fremdenhaß in Deutschland wie auch in anderen Ländern, aber er ist kein vorherrschendes Phänomen. Die Behauptung, der Deutsche sei "fremdenfeindlicher" als ein Durchschnittsfranzose, -engländer oder -italiener, ist eine Legende, um deren Aufrechterhaltung sich einige Linke eifrig bemühen.
Im Zusammenhang mit dem Hinweis auf die miserable Situation, in der viele Ausländer leben, wird mit Vorliebe ausgeblendet, daß in deutschen Landen nicht nur viele Ausländer, sondern auch viele Deutsche vom Wohlstandskuchen nur Krümel abbekommen: Hunderttausende von Obdachlosen, Millionen, die ihre Arbeit dauerhaft verloren haben, zahlreiche Menschen, die Objekte der Sozialfürsorge geworden sind, Bezieher kleiner Renten.
Wenn die Leitlinie sein soll, die Ausgeschlossenen der Zwei-Drittel-Gesellschaft zu integrieren, dann muß sie verallgemeinerbar sein, das heißt, es muß um alle gehen und nicht nur um einige. Es zeugt von Einseitigkeit, mit Eifer alle möglichen Diskriminierungen bei Ausländern aufzuspüren.
Grün-Alternative, die der Sache mit deutscher Gründlichkeit zu Leibe rücken, sehen schon die Menschenwürde verletzt, wenn einem Asylbewerber Second-hand-Kleidung angeboten wird.
Es kann kein Zufall sein, daß im Zusammenhang mit Immigration stets der Nationalismus zur Sprache kommt. Das Thema "deutsche Nation(alität)" ist für Linke wie für Rechte heikel aufgrund der besonderen deutschen Vergangenheit, nicht zuletzt der NS-Zeit.
Solange die deutsche Linke ein gestörtes Verhältnis zur Nation hat, kann sie sich zu einer nationalen Immigrationspolitik nicht durchringen; denn eine solche Politik unterstellt eine gewisse Homogenität der Einheimischen. Eine solche Sicht der Dinge widerspricht Gesellschaftskonzeptionen, die von einem alles determinierenden Klassengegensatz, einer tiefgehenden Zerrissenheit der Gesellschaft, ausgehen und ein Gemeinsames schlichtweg leugnen oder für irrelevant erklären.
Viele Linke vermögen keinen Unterschied zwischen Nationalbewußtsein und Nationalismus zu erkennen; für sie ist der Nationalismus ein Zwillingsbruder des Faschismus. Mit anderen Worten: Wer von Nation redet, ist schon ein potentieller Faschist. Jeder Deutsche weiß, daß der letzte große nationale Rausch in Auschwitz endete. Diese Erfahrung hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Deutschen sind seit der NS-Zeit dagegen, daß die Individualität auf dem Altar der Nation geopfert wird.
Eine plausible Auffassung von Nation ist möglich. Jürgen Habermas hat den Begriff des "Verfassungspatriotismus" in die Diskussion eingebracht, um ein in der deutschen Geschichte neuartiges Pflänzchen, die demokratisch-republikanische Verbundenheit mit den Grundsätzen der Nation, zu benennen.
Zum ABC der Linken sollte gehören: Es gibt eine deutsche Nation, eine nationale Gemeinschaft, ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl, aber - und dies gehört ins Stammbuch der Rechten - dieses Nationalgefühl ist nicht herzuleiten aus Rasse oder Blut. Bertolt Brechts "Kinderhymne" bringt diese unorthodoxe Auffassung auf den Punkt: _____" Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch " _____" Verstand, Daß ein gutes Deutschland blühe Wie ein andres " _____" gutes Land. " _____" Daß die Völker nicht erbleichen Wie vor einer Räuberin . " _____" . . " _____" Und nicht über und nicht unter Andern Völkern wolln wir " _____" sein . . . " _____" Und weil wir dies Land verbessern, Lieben und beschirmen " _____" wir''s. Und das liebste mag''s uns scheinen, So wie andern " _____" Völkern ihrs. "
Dieses Nationalbewußtsein kann auf modernen Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit, Solidarität beruhen, auf den Menschen- und Zivilbürgerrechten, an deren Ausdehnung der Linken gelegen sein müßte. Nur auf dieser Grundlage läßt sich Xenophobie bekämpfen, läßt sich völkisch-rassistischen Vorstellungen entgegentreten, die von einer Ungleichheit der Menschen, der Höher- oder Minderwertigkeit bestimmter Völker, ausgehen.
Zwei Extrempositionen - einerseits die offizielle Position der Regierung, andererseits die der Grünen - stehen sich gegenüber. Da beide nicht akzeptabel und nicht praktikabel sind, muß eine Lösungsmöglichkeit gesucht werden: keine goldene Mitte, kein Patentrezept und auch kein Universalschlüssel, aber eine Lösung, die demokratisch erarbeitet und stets wieder hinterfragt werden muß.
Einige Denkblockaden und -verbote sind zu beseitigen, zunächst der Purifizierungswahn, der hinter der offiziellen Regierungspolitik und (noch verstärkt) hinter den Vorstellungen der Rechtsextremisten steckt. Ein Weiterverfolgen dieser Reinheitslinie kann in absehbarer Zeit bei uns Mord und Totschlag hervorrufen, wie es andernorts - in Großbritannien, Italien, Frankreich oder auf dem Gebiet der vormaligen DDR - bereits der Fall ist.
Was für einen Sinn macht es, jemanden als "deutschstämmig" anzusehen, dessen deutsche Ursprünge sich in Finsternis verlieren, der weder die deutsche Sprache spricht noch eine sonstige Bindung an deutsche Lande aufweist? In diesem Fall ist der Unterschied zu anderen Einwanderern geringfügig, weil er allein auf einer altertümlichen juristischen Konstruktion gründet. Derzeit haben nur "Deutschstämmige" einen Rechtsanspruch auf Einbürgerung - ein Relikt völkischen Rechts. Ehrlichkeit gebietet es, die (Spät-) Aussiedler heute zu den Einwanderern zu zählen.
Das Problem ist kein nationales, sondern ein internationales: Vielen Immigranten erscheint das Haus Europa als ein Palast, und der Anstieg der Flüchtlingszahlen und der Asylanträge ist ein weltweites Phänomen.
Darauf angemessen zu reagieren ist eine Herausforderung unserer Zeit. Eine Abstimmung mit den europäischen Nachbarn ist unerläßlich. Bislang existiert kein gesamteuropäisches Einwanderungskonzept. Ein Bestandteil einer europäischen Einwanderungspolitik wäre eine "kontrollierte Öffnung". Wie die aussehen könnte, demonstrieren seit langem die USA, Australien und Kanada: Sie kontingentieren die Zuwanderung. Gemeinsam entscheiden Vertreter aller gesellschaftlich relevanten Gruppen über das Kontingent.
Doch der Sprecher des Bonner Arbeitsministeriums winkt ab: "Quotierung ist Einwanderung - und Einwanderung ist nicht das Thema." Die stete, beinahe obsessive Versicherung, die Bundesrepublik sei kein Einwanderungsland, ist zur feststehenden Lebenslüge geworden.
Ein weiter Weg liegt noch vor uns. Dabei ist klar, daß erst die "feindosierte Öffnung" eine Entlastung des Asylverfahrens schafft.
Die USA haben ihre Immigration nie völlig gestoppt. Angesichts der fallenden Geburtenrate, der Vergreisung der Bevölkerung, der Landflucht benötigt Europa junge Leute. Insofern braucht Europa einen kontrollierten Zustrom an Immigranten.
Notgedrungen müssen international abgestimmte Kontingentregelungen, jenseits des Anspruchs politisch Verfolgter auf Asyl, gefunden werden, wobei die Flüchtlingszahl anrechenbar wäre auf die Gesamtzahl. In Krisensituationen könnten aus humanitären Gründen Sonderquoten verabschiedet werden, so wie es in den USA geschieht.
Die bundesdeutsche Einbürgerungspraxis ist zu überdenken. Von den Behörden in Frankreich werden 90 Prozent der Anträge auf Erteilung der französischen Staatsbürgerschaft positiv beschieden. Ein Kind erhält die Staatsangehörigkeit des Gebiets, auf dem es geboren ist, sofern zumindest ein Elternteil die Staatsangehörigkeit dieses Gebietes besitzt.
Anders sieht die Situation in der Bundesrepublik aus. Hier gilt weiterhin das obsolete Prinzip des ius sanguinis. Daher können Polen, Rumänen, Sowjetbürger und andere, die weder Deutsch sprechen noch jemals deutschen Boden betreten haben, allein aufgrund der Tatsache, daß sie eine Bescheinigung über die Existenz deutscher Vorfahren vorlegen können, die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. _(* An der deutsch-polnischen Grenze. )
Hingegen können türkische Jugendliche der zweiten oder dritten Generation, die ihr ganzes Leben in der Bundesrepublik verbracht haben und mit der deutschen Kultur, Arbeits- und Lebensweise bestens vertraut sind, die deutsche Staatsangehörigkeit nicht erlangen - es sei denn, sie legten die eigene, die türkische Staatsangehörigkeit ab.
In Frankreich und den USA wird diese widersinnige Verleugnung der Herkunft nicht verlangt: Die Ausländer können die ursprüngliche Staatsangehörigkeit beibehalten. In Frankreich kann ein Ausländer nach einer bestimmten Zeit der französischen Nation, die sich um universelle Werte organisiert, beitreten.
In der Bundesrepublik haben in einem Jahrzehnt 50 000 Ausländer die deutsche Staatsangehörigkeit erworben - so viele wie in Frankreich in einem Jahr. Die langjährige Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Liselotte Funcke, führte dazu aus: Die Bedingung, sich von der eigenen Nationalität völlig zu lösen, "ist für die meisten Ausländer eine unüberwindliche Schranke. Andere Länder verlangen das nicht. Man trennt sich ja nicht so einfach von der Nationalität . . . Auch Deutsche, die zwölf und mehr Jahre im Ausland leben, wollen nicht gleich Spanier, Brasilianer oder Nigerianer werden".
Die politische Krankheit "Mangel des Willens" lähmt in Deutschland jede beherzte politische Initiative. Eine Quotierung ist nötig und klare Regeln, wer bleiben darf und wer nicht. Denn jedes Land hat das Recht, selbst demokratisch zu bestimmen, wie viele Immigranten aufgenommen werden sollen. o
* Ute Knight/Wolfgang Kowalsky: "Deutschland nur den Deutschen?". Straube Verlag, Erlangen-Bonn-Wien; 190 Seiten; 25 Mark. * Am vorletzten Wochenende in Berlin. * An der deutsch-polnischen Grenze.

DER SPIEGEL 47/1991
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