16.09.1991

Stämmige Zwerge für Olympia

Wenn es um Goldmedaillen ging, kannten die Sportwissenschaftler der DDR kein Pardon. Doch ihre Menschenversuche blieben bislang folgenlos, die unheimlichen Medizinmänner werden sogar von West-Kollegen gedeckt. Die Doping-Mentalität in Deutschland scheint ungebrochen - nur die Athleten müssen büßen.
In den letzten Wochen verspürte Helmut Meyer zunehmend den Drang, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Unter seiner Regie, lobte der Präsident, habe der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) das "einzigartige" Kontrollsystem aufgebaut.
Kaum war Katrin Krabbe vor drei Wochen in Tokio Weltmeisterin über 100 Meter geworden, erklärte Verbands-Sportwart Manfred Steinbach vollmundig, die schnelle Katrin sei die "bestkontrollierte" Siegerin der WM.
Leeres Gerede, die gesamtdeutsche Doping-Realität sieht anders aus: Das angeblich so engmaschige Netz bietet jede Menge Schlupflöcher - auch Katrin Krabbe wurde in der Vorbereitungsphase auf die WM wochenlang nicht kontrolliert. Wer sich immer noch dopen will, hat Muße und Möglichkeiten dazu. Und wer wider Erwarten doch kontrolliert wird, muß sich vor dem Laborbefund nicht unbedingt fürchten.
Ende Juli packte Dopingkontrolleur Horst Klehr eine Sendung mit Urinfläschchen zusammen. Die Proben von zwölf getesteten Sportlern sollten im Labor des Biochemikers Professor Manfred Donike untersucht werden.
Doch nur elf Proben stammten von Athleten, die bei nationalen Titelkämpfen erfolgreich gewesen waren. Die zwölfte, obwohl ebenfalls mit einem ordnungsgemäßen Protokoll getarnt, gehörte einem Funktionär, der sich freiwillig gleich mit zwei rezeptfreien Aufputschmitteln gedopt hatte.
Mit dieser positiven Dopingprobe tat Klehr, ein Apotheker aus Mainz, was Kritiker schon lange fordern: Er kontrollierte den Oberkontrolleur Donike, dessen Kölner Labor in der Bundesrepublik eine Monopolstellung hat.
Das Urteil wurde in einem standardisierten Brief mit wissenschaftlicher Autorität verkündet: "Das Ergebnis der gaschromatographischen, hochdruckflüssigkeits-chromatographischen sowie massenspektrometrischen Untersuchung verlief bei allen Proben negativ." Donike, der weltweit einen Ruf als besonders engagierter Dopingfahnder genießt, hatte keine der beiden Stimulanzien entdeckt, die seit 20 Jahren auf der Dopingliste stehen.
Klehr, der 1970 für den DLV das Kontrollsystem entwickelte, wertet dies als Beweis, daß auch nach 20 Jahren Dopingbekämpfung "noch vieles zu verbessern ist". Schon 1976 hatte er lasche Kontrollen und Analysen kritisiert und war aus der Anti-Doping-Kommission des DLV zurückgetreten, weil "die Hauptverantwortlichen Sauberkeit im Sport nicht wirklich wollten".
Mit dieser Ansicht steht Klehr nicht allein. An diesem Montag wollen die jetzigen DLV-Kontrolleure Harald Schmid und Theo Rous ihre Ämter zur Verfügung stellen. Der frühere Weltklasseläufer Schmid und der Oberstudienrat Rous haben festgestellt, daß ihre Dopingkommission getäuscht wurde.
Eine Auswertung der Kontrollen aller 92 Weltmeisterschafts-Teilnehmer von Tokio ergab, daß 20 in diesem Jahr nur einmal oder gar nicht getestet worden waren. Zudem wiesen die Kontrollbögen ungewöhnlich lange Zeiträume aus, in denen bei zahlreichen Sportlern überhaupt keine Proben entnommen wurden.
Die Funktionäre, die in dieser Woche vor dem Sportausschuß des Bundestages die Wirksamkeit ihrer mit über einer Million Mark Steuergeldern bezahlten Kontrollen darlegen müssen, geraten zunehmend in Erklärungsnotstand.
Immer wieder haben Hans Hansen, der Präsident des Deutschen Sportbundes, und Willi Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, erklärt, daß der Sport in der Lage sei, den "Dopingsumpf selbst trockenzulegen". Doch alle eilig eingesetzten Kommissionen haben weniger Ergebnisse gebracht als die privaten Nachforschungen der früheren Heidelberger Diskuswerferin Brigitte Berendonk, die zusammen mit ihrem Mann, dem Molekularbiologen Professor Werner Franke, die deutsche Dopingvergangenheit in einem jetzt erschienenen Report aufarbeitete*.
Die Parlamentarier, die in diesem Jahr 250 Millionen und für nächstes Jahr 268 Millionen Mark für den Sport bewilligten, werden sich angesichts der Hilflosigkeit der sportlichen Gremien womöglich daran erinnern, welche konkreten Resultate staatliche Untersuchungen in den USA, Kanada und Australien gebracht haben. Der SPD-Abgeordnete Wilhelm Schmidt forderte bereits die Einsetzung eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses.
Wie notwendig eine wirklich unabhängige Vergangenheitsbewältigung ist, zeigen neue personelle Verflechtungen: *___Bei den Gewichthebern wirken seit kurzem der ____Bundestrainer Peter Käks und der Sportdirektor Frank ____Mantek. Käks'' Anabolikakonsum während der Aktivenzeit ____war mit einer Jahresdosis von 11 225 mg Oral-Turinabol ____rekordverdächtig. Mantek schluckte 7600 mg Steroide. *___Der Schwimmverband übernahm einen Arzt, obwohl der ____beschuldigt worden war, 13jährigen Mädchen Anabolika ____gegeben zu haben. *___Der DLV beschäftigt 36 des Dopings verdächtigte ____Trainer, darunter auch Lutz Kühl, der half, die ____Kugelstoßerin Heidi Krieger mit einer Jahresdosis von ____2590 Milligramm Oral-Turinabol zur Europameisterin zu ____machen (siehe Seite 304). _(* Brigitte Berendonk: "Doping-Dokumente ) _(- Von der Forschung zum Betrug". ) _(Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New ) _(York; 520 Seiten; 39,80 Mark. )
Auch das kollegiale Verständnis bei den West-Wissenschaftlern ist übergroß. Die Forscher aus dem Osten werden umhegt, so als habe es jene Versuche, die an die Experimentalmedizin der NS-Zeit erinnern, nie gegeben.
Dabei ist nicht nur die Sprache des Leipziger Forscher-Ehepaares Ulrich und Elke Kämpfe entlarvend. Ulrich Kämpfes Studien bei Gewichthebern begleitete die Ehefrau mit Versuchen an Laborratten. Bei beiden hatten Leistungsschwache keine Chance: Die Sportler wurden "ausdelegiert", und "Tiere, die die Wasseroberfläche nicht mehr selbständig erreichten, wurden aus dem Training genommen".
Wie pervertiert die DDR-Sportmedizin war, zeigen Studien des Verbandsarztes der Gewichtheber, Hans-Henning Lathan. Als es 1981 in einigen Gewichtsklassen "an Kadern mangelte, die bei den Olympischen Spielen 1984 um Medaillen kämpfen könnten", versuchte Lathan die Aufzucht stämmiger Zwerge. Er wählte im Wachstum zurückgebliebene 15jährige aus, die er zwölf Wochen lang mit Anabolika fütterte.
Traten bei den Menschenversuchen einmal Nebenwirkungen auf, wie etwa die Potenzstörung eines Gewichthebers, so wurde "über den Problemfall der Leitung berichtet". Für den gerechten Sieg des Sozialismus in den Stadien, entschuldigte Lathan in der vorvergangenen Woche seine unethischen Versuche, habe der Arbeiter-und-Bauern-Staat "zuwenig Talente" gehabt.
Etliche der menschenverachtenden DDR-Forscher wurden im Herbst letzten Jahres auch im Westen hoffähig gemacht. Sie durften in einem Sammelwerk ihre einst geheimen DDR-Studien veröffentlichen. Als gemeinsame Herausgeber zeichneten der Direktor des Kölner Bundesinstituts für Sportwissenschaft, Professor Horst de Marees, und der verantwortliche Ärztliche Leiter aller Leipziger Dopingversuche, Professor Rüdiger Häcker.
Gegenüber den Originalen weisen die Veröffentlichungen aber entscheidende Unterschiede auf: Alle inkriminierenden Passagen, etwa das Alter minderjähriger Versuchspersonen oder die Anwendung nicht zugelassener Medikamente betreffend, waren geschönt oder einfach weggelassen worden.
Dabei muß man gar nicht die illegalen Versuche verschweigen, um im Westen Karriere machen zu können. Ausführlich beschrieb der frühere DDR-Verbandsarzt der Leichtathleten, Hartmut Riedel, in seiner Habilitation das Doping bei Minderjährigen. Der Anabolika-Experte wurde dank überschwenglicher Gutachten der westdeutschen Sportmediziner Wildor Hollmann und Joseph Keul auf eine Professur an der Universität Bayreuth gehoben.
Der Freiburger Keul, Mannschaftsarzt bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, entpuppte sich vor kurzem sogar als Hüter Riedelschen Know-hows. Zusammen mit dem Singener Hormonforscher Hans Kuno Kley - einem Mitglied der von Innenminister Wolfgang Schäuble initiierten Unabhängigen Untersuchungskommission - meinte er in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine, die von Donike entwickelte und weltweit anerkannte Methode der Bestimmung des Verhältnisses von Testosteron zu Epitestosteron brächte "keinen Beweis". Damit spielt er Riedel in die Hände, denn die Donike-Methode ist der einzige Weg, um das von Riedel betriebene "Übergangsdoping" mit reinem Testosteron in den letzten Stunden vor dem Wettkampf (siehe Seite 298) nachzuweisen.
Trainer, Funktionäre und Wissenschaftler haben es sich schon wieder kommod gemacht im gesamtdeutschen Sportsystem - nur die Athleten stehen bislang am Pranger. Vehement dementierten DDR-Stars wie Marlies Göhr ("Ein ungeheuerlicher Angriff"), Marita Koch ("Von vorn bis hinten erlogen") oder Diskus-Olympiasieger Jürgen Schult ("Auch die Hitler-Tagebücher waren gefälscht") die Doping-Anschuldigungen (SPIEGEL 37/1991).
Es seien "ja nur einige Tabellen gefunden worden", glaubt die 400-Meter-Weltrekordlerin Koch. Die Athleten, denen von klein auf Geheimhaltung abverlangt wurde, können sich nicht vorstellen, daß ihre eigenen Ärzte und Trainer in typisch deutscher Gründlichkeit alle Manipulationen minutiös aufgezeichnet und mit der Auswertung der Ergebnisse auch noch akademische Grade erreicht haben.
Irritiert stellten die ostdeutschen Sportler auch fest, daß die westdeutschen Funktionäre jetzt, da es "wieder mal nur gegen die DDR geht" (Schult), einen Aufklärungseifer entwickeln, der ihnen bei Dopingfällen im eigenen Verbands-Beritt völlig abgeht. Sie wollten damit wohl nur von Versäumnissen ablenken.
Die Erklärung für diesen Eifer könnten zwei neue Gerüchte liefern, die in DLV-Kreisen kursieren. Das eine besagt, schon vor der Wende habe ein westlicher Verbandsvertreter mit den östlichen Dopingexperten einen regen Informationsaustausch betrieben. Das andere, daß bei der WM in Tokio ein DLV-Präsidiumsmitglied nach dem Krabbe-Sieg vertrauensselig zu seinem Nebenmann gesagt haben soll: "Bei der haben wir natürlich auch etwas gemacht."
Und aus der ehemaligen DDR meldete sich ein Experte zu Wort: Claus Clausnitzer, der früher im Labor in Kreischa die DDR-Athleten vor Auslandsstarts auf Sauberkeit testete, nannte die vom DLV beim gemeinsamen Zwangstrainingslager in Seoul veranlaßten Urinproben "genau solche codierte Ausreisekontrollen" wie einst im Osten.
Die Parallelen sind schon wieder verblüffend, obwohl die deutsch-deutsche Dopingvergangenheit in der Leichtathletik noch längst nicht aufgearbeitet ist. Für Sprinter, Springer und Werfer liegen die Beweise aus wissenschaftlichen Arbeiten vor. Noch nicht aufgetaucht sind die darin oft zitierten Geheimstudien des Leipziger Doktors Theodor Ferkl über die Mittel- und Langstreckler. Die sind, glaubt Doping-Aufklärerin Berendonk, "noch mal ein Knaller".
* Brigitte Berendonk: "Doping-Dokumente - Von der Forschung zum Betrug". Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York; 520 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 38/1991
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