18.11.1991

„Keine Uniform zum drin sterben“

Was will ein nettes 19jähriges Mädchen wie Ivanka Cuk im Krieg?
Ivanka strafft sich, zupft am frischgeplätteten Camouflage-Zeug mit dem Abzeichen der "Kroatischen Befreiungsgemeinschaft" (HOS) und versucht, ihr glattes rosiges Gesicht in grimmige Falten zu legen. "I bin hier, weil i für mei Vaterland kämpfen wui. Des muß mer machen, weil die Serben uns sonst unser ganzes Land wegnemma. Und überhaupt wolln sie uns olle schlachtn." Sie will nicht nett sein. Sie will kämpfen.
Ivanka Cuk ist im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern aus der Herzegowina nach Bayern ausgewandert. Zuletzt war sie Verkäuferin in einem Einzelhandelsgeschäft in München. Sie sagt: "I hob jeden Tag im Fernsehen g''seng, wie sie''s treiben mit unsere Leit, die Serben. Da hob i gesagt, jetzt mußt do hi." Kunden bedienen, freundlich lächeln und abends in die Disco, während ihr Volk geschunden wird? Nein, sie schmiß den Job hin und fuhr nach Zagreb. Jetzt will sie Serben schießen, sagt sie - viele Serben. Da ist Ivanka beim richtigen Verein: Die Kroatische Befreiungsgemeinschaft, bei der sie angeheuert hat, steht ideologisch weitgehend in der Tradition der Ustascha, jener kroatischen Blut-und-Boden-Bewegung, die im Zweiten Weltkrieg Zehntausende von Serben im Bund mit Hitler massakrierte.
Ivanka räumt ein, daß ihr das Kriegsgeschäft noch fremd ist. Sie hat noch nie einen Toten gesehen. "Einmal scho, aber des war ziemlich aus der Ferne."
Ivanka hätte auch als Krankenschwester bei der regulären Nationalgarde anfangen können. Aber die Sanität ist ihr nicht patriotisch genug. "Und mit dem Tudjman hob i schon gar nix z'' schaffen, der is a Verräter." Präsident Franjo Tudjman wolle den slawonischen Teil des Vaterlandes den Serben opfern. "Millionen ha'' mer gespendet, und unsere Männer an der Front haben noch nicht mal eine richtige Uniform zum drin Sterben."
Die richtige Uniform besteht aus schwarzer Reithose, schwarzem Hemd, schwarzem Wams, schwarzem Barett und gewichsten Stiefeln. Dazu trägt man blitzende Kragenspiegel, Krawattennadel mit Totenkopf und viel buntes Geschnür. Fast genauso sahen auch die Ustascha-Uniformen aus.
Doch so was Feines können sich heute nur _(* Vor der Ehrentafel für die Gefallenen ) _(im Zagreber HOS-Hauptquartier. ) wohlhabende Kombattanten leisten. Die meisten tragen, sofern es überhaupt zur Uniform reicht, Kampfanzüge aus geflecktem Segeltuch wie Ivanka Cuk.
Nein, es steht nicht gut um die kroatische Abwehrbereitschaft. Nicht nur wegen der Uniformen. Es fehlt an schweren Waffen und kompetenten Militärs. Die meisten Städte, die von der Bundesarmee berannt werden, müssen sich auf eigene Faust verteidigen, weil Tudjmans Nationalgarde zu koordinierter Abwehr nicht fähig ist. Das Verteidigungsministerium in der Hauptstadt Zagreb hat zu vielen Frontabschnitten kaum oder gar keinen Kontakt.
Am schlimmsten ist das Chaos in Vukovar und Dubrovnik, den Heldenstädten, wie sie in den Zeitungen genannt werden. Dubrovnik muß sich schutzlos zusammenkartätschen lassen. Vukovar stemmt sich seit zwölf Wochen gegen eine serbische Übermacht. Jetzt droht der Kollaps. Milan Dedakovic, einer der drei Kommandeure der "Wölfe von Vukovar", sagte im kroatischen Rundfunk: "Wenn die Stadt fällt, dann wird es ein Massaker geben, und die Hauptschuldigen daran sitzen in Zagreb."
Schütze Angelico Baban aus Hamburg, der 1968 aus der jugoslawischen Armee desertierte und der den Serben nun ein Vierteljahrhundert Zwangsexil heimzahlen will, kann wenigstens schon schießen. Die meisten Freiwilligen, die aus dem Ausland hierherkommen, haben noch nie ein Gewehr in der Hand gehabt. Doch die Schießausbildung läßt auf sich warten. Rekrutin Andrea Kosac sagt, sie sei schon ganz rappelig. Am Ende werde der Krieg vorbei sein, ehe sie zum Einsatz gekommen sei.
Diese Befürchtung ist unbegründet. Am Donnerstag haben sich die kriegführenden Parteien zwar grundsätzlich auf einen Waffenstillstand und auf die Stationierung von Uno-Soldaten in Kroatien geeinigt. Aber die Schlächterei in Slawonien ging weiter.
Der Krieg bietet noch reichlich Eskalationsmöglichkeiten. Er ergreift jetzt langsam auch von der Hauptstadt Besitz. Daß es ernst wurde, begriffen die Zagreber, als ein als Schornsteinfeger verkleideter Scharfschütze mittags vom Dach des Hotels "Esplanade" aus Passanten auf dem Bahnhofsvorplatz unter Feuer nahm.
Donnerstag abend acht Uhr: Fliegeralarm. Im Westen der Stadt pendeln gespenstisch flackernde Leuchtkörper an einem Fesselballon über der Tito-Kaserne. Die eingeschlossenen serbischen Truppen signalisieren der Serben-Luftwaffe: "Gut Freund, hier nicht bomben!"
Kurz darauf hört man ein paar Detonationen. Fenster scheppern. Irgendwo tuckert ein Flugabwehr-MG. Doch dann ist auch schon wieder Ruhe. Die Fackel hängt noch am Himmel, als das Flugzeug längst wieder abgedreht hat.
Die Esplanade-Gäste bleiben noch eine halbe Stunde im Keller. Erst gegen neun flutet wieder Leben durch die Hotelhalle. Im Spielkasino beginnt die Kugel zu rollen, und die ukrainischen Striptease-Tänzerinnen begeben sich in ihre Garderoben, um sich für die Vor-Mitternachtsshow fertigzumachen.
Militärisch macht der Terror wenig Sinn. Die Serben wollen der Bevölkerung nur demonstrieren, daß sie zuschlagen können, wo sie wollen. Die Kroaten sollen begreifen, daß die eigene Führung hilflos ist und daß man mit solchen Popanzen keinen Staat machen kann.
Die militärisch sinnvollen Ziele in Zagreb sind fast alle noch heil. Nur Tudjmans Präsidentenpalast hat Anfang Oktober eine Raketensalve abgekriegt. Auf die HOS-Zentrale am Starcevicev-Platz, wo die ganz harten Serbenfresser sitzen, haben die Serben noch nie geschossen, obwohl die Adresse in Belgrad bestens bekannt ist.
Das HOS-Hauptquartier war früher ein Kunst-Cafe. Man konnte dort Musik hören und Bilder anschauen. Der zivile Flügel der HOS, die "Kroatische Partei der Rechte" (HSP), hat die schöne neoklassizistische Villa etwas am Rande der Rechtmäßigkeit für sich requiriert. Sie erklärte das Gebäude einfach für besetzt und warf die Kunst raus.
Jetzt ist das Kunst-Cafe eine Zitadelle der Verdrossenheit für die Vaterlandsverteidiger, die Tudjmans Nationalgarde als lahmen Haufen verachten. Die HOS kann gar nicht genug Waffen und Uniformen beschaffen, um all die frustrierten Krieger auszustatten, die Tudjman weggelaufen sind und die hier ein neues Engagement suchen. Man grüßt mit "zadom spremi" - bereit fürs Vaterland. Wie einst bei der Ustascha.
Die Führung schätzt großzügig, daß sie ungefähr 15 000 Mann unter Waffen hat. Sie weiß es aber nicht so genau. An der Front sind viele Gelegenheitssoldaten mit Jagdflinten oder Luftgewehren unterwegs, die mal auf eigene Faust ein bißchen mitschießen, wo sie es interessant finden, die sich aber keinem Kommando unterstellen.
Selbst wenn die HOS nur 5000 Männer hat, wie die Regierung behauptet, ist sie eine enorm starke Truppe - die mutmaßlich schlagkräftigste in Kroatien. Sie hat es sogar geschafft, nachts mehrere hundert Kampfgenossen durch die serbischen Reihen in die eingeschlossene Stadt Vukovar zu schmuggeln.
Serbische Zeitungen behaupten, bei HOS kämpften auch Nazis aus der Hitler-Zeit mit. Sie wollten die Gelegenheit nutzen, um alte Rechnungen mit den Serben zu begleichen. Das ist, biologisch gesehen, eine verwegene These. Allerdings, ein paar Deutsche und Österreicher sind schon dabei. Doch die Mehrheit der Ausländer in den kroatischen Streitkräften kommt aus Frankreich und Großbritannien. Unter ihnen auch Falkland-Veteranen und ehemalige Fremdenlegionäre.
HOS will keine Verhandlungen mit dem Feind. Kriegssekretär Ivan Dzapic hat die Regierung Tudjman aufgefordert, das Verteidigungsministerium an seinen Verein abzutreten. Andernfalls werde man den "Willen des kroatischen Volkes" mit geeigneten Mitteln durchzusetzen verstehen. Das klang wie eine Putschdrohung.
Wie gespannt die Beziehungen zwischen Regierung und Befreiungsgemeinschaft sind, zeigt der Mord an Ante Paradzik von der HSP-Parteileitung. Paradzik wurde Anfang Oktober nachts auf einer Zagreber Ausfallstraße von vier Männern in Polizeiuniformen gestoppt. Sie ließen sich seinen Ausweis zeigen und schossen ihn, nachdem sie ihn zweifelsfrei identifiziert hatten, mit Maschinenpistolen nieder.
Seit dem Mord ist das HOS-Hauptquartier eine Festung: vorm Eingang drei kahlgeschorene MG-Schützen hinter Sandsackbarrikaden, davor ein quergestellter scheckiger Kleinlaster mit deutscher Zollnummer, innen am Fuß der Treppe Personenkontrolle, auf jeder Etage zusätzlich ein Checkpoint.
In der zweiten Etage vor dem Büro von HOS-Chef Dobroslav Paraga noch mal Bodycheck, Ausweiskontrolle, ein kurzes Verhör: "Was halten Sie vom serbischen Imperialismus? Haben Sie eine Bombe in der Tasche?" Dann schlurft der Posten ins Chefsekretariat. Den Besucher läßt er neben seinem Schreibtisch zurück, auf dem gänzlich unbewacht eine Pistole, drei Handgranaten und eine Handvoll Patronen liegen.
Dobroslav Paraga ist erst 30 Jahre alt, aber schon eine nationale Vaterfigur. Er wurde 1980 verhaftet, nachdem ein versehentlich unterfrankierter Brief mit einem ketzerischen Manuskript von der jugoslawischen Geheimpolizei abgefangen worden war.
Auf der Gefängnisinsel Goli bei Rijeka wurde Paraga schwer gefoltert. Dann ertrug er jahrelang die Tito-Kur, wie sie im Häftlingsjargon hieß: in Intervallen Dunkelhaft, Wasser- und Nahrungsentzug, totale Kontaktsperre und immer wieder mörderische Prügel. Aber seine Schergen kriegten ihn nicht klein. Selbst im Knast setzte er sich noch für Mitgefangene ein, die aus religiösen Gründen verfolgt wurden.
Dobroslaw Paraga sitzt etwas unbeteiligt vorm Fernseher in seinem Büro, trinkt süßen Kaffee und spielt mit der Fernbedienung Channel-Hopping. Er trägt feines blaues Tuch und eine gediegene Seidenkrawatte, dazu eine schwere goldene Uhr. Er sieht nicht aus wie ein emeritierter Bürgerrechtskämpfer, der jahrelang im Kerker geschmachtet hat.
Neben Paraga auf dem Konferenztisch steht ein sowjetischer Granatwerfer hinter einer Schanze aus Leitz-Ordnern. Das Wort führt Adjutant Milan Vukovic, ein Exilkroate aus Houston, Texas. Vukovic ist gleichfalls ganz in Edelblau gewandet. Er spricht englisch wie Red Adair. "You damn'' press guys gotta tell the people the truth."
Mit vorauseilender Beflissenheit deutet er die Gedanken seines Herrn, noch bevor der sie richtig formuliert hat.
Ist die Kroatische Befreiungsgemeinschaft eine Nachfolgeorganisation der faschistischen Ustascha, Herr Paraga?
Milan Vukovic antwortet, daß dies eine von der Feindpropaganda verbreitete Lüge sei.
Warum hängen dann überall im Haus die Fotos von Ustascha-Führer Ante Pavelic, Herr Paraga?
Vukovic tippt mit dem Zeigefinger mehrmals zornig auf den Tisch. Was die Ustascha anlangt, da müsse er doch mal was richtigstellen. In Deutschland stelle man sich die Ustascha als eine Hilfstruppe der Nazis vor. Dabei sei Bruder Pavelic nur aufgrund der besonderen Umstände seinerzeit gezwungen gewesen, mit den deutschen Besatzern zu paktieren.
Vukovic sagt, die Hrvatska Stranka Prava, die Partei der Rechte, gebe es schon seit 130 Jahren. Sie habe immer nur Kroatien in seinen historischen Grenzen wiederherstellen wollen. "Was ist daran faschistisch?"
Das Problem daran ist nur, daß sich die Lebensraum-Exegeten der Partei nicht auf einen Geschichtsabschnitt festlegen. Sie wollen alles wiederhaben, was je kroatisch war, inklusive aller Gebiete, die Kroatenkönig Tomislav um die Jahrtausendwende beherrschte. Das wäre so, als wollten die Deutschen Holland und die Lombardei zurückhaben.
Für die Dynamik, mit der in Kroatien der Serbenhaß um sich greift, sind vor allem die Exilkroaten verantwortlich. Ex-Außenminister Zdravko Mrsic führt das aktuelle Elend Kroatiens darauf zurück, daß Tudjman sich "auf die Unterstützung durch die Emigrantenorganisationen verläßt".
Die Auslandskroaten lehnen jeden territorialen Kompromiß ab, weil sie sich, wie das Wochenmagazin Danas schrieb, "den letzten Traum ihres Lebens" erfüllen wollen. Und vielleicht auch, weil sie wissen, daß sie wieder ins Ausland verschwinden können, wenn es schiefgeht. Verteidigungsminister Gojko Susak zum Beispiel in seine Pizzeria in Toronto und Ivanka Cuk in ihren Krämerladen in München.
Was die erschütternde Passion und der blühende Chauvinismus der Kroaten beweisen: Zum Gerechten wird man nicht allein schon dadurch, daß man Leid und Unrecht erduldet. o
* Vor der Ehrentafel für die Gefallenen im Zagreber HOS-Hauptquartier.
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 47/1991
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