18.11.1991

Landschaften der Lüge

Können Sie das beweisen? Haben Sie das schriftlich?" Als ich im August 1977 aus der Zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Berlin-Hohenschönhausen im Wagen von Rechtsanwalt Professor Doktor h. c. Wolfgang Vogel nach West-Berlin gefahren wurde, seine Frau saß gutgelaunt am Steuer, im Auto noch die Häftlinge Gerulf Pannach und Christian Kunert, fuhren wir durch die Stadt ohne Halt. Bogen in die Chausseestraße ein, an der Ecke die Ständige Vertretung der Bundesrepublik, gegenüber die Hausnummer 131, oben die leeren Fenster von Wolf Biermanns Wohnung, längst von der Stasi in Besitz genommen, er ausgebürgert, wir fast ein Jahr in Haft, Verhöre, Drohungen, dann der "freiwillige" Rausschmiß unter hohem Druck, zehn Jahre wurden versprochen.
Kein Prozeß, die Frau weinte, mußte raus aus dem Land innerhalb von drei Tagen mit dem zweijährigen Kind, die Familie zerrissen, Robert Havemann in Hausarrest bis ''79, viele Freunde ebenfalls verhaftet oder anderweitig "bearbeitet":
Als ich auf der Bundesallee stand in West-Berlin, es war Sommer und heiß, ich trug Winterschuhe, eine alte gefütterte Lederjacke, in der Hand eine Tüte schmutziger Wäsche, hatte ich nichts "Schriftliches", keine Kopie des Haftbefehls, keine Vernehmungsprotokolle, keine Gerichtsunterlagen, nichts von der Generalstaatsanwaltschaft, keine Stasi-Maßnahmepläne, kein Urteil, keine Berichte von "Inoffiziellen Mitarbeitern" (IM) der Stasi, von "Zelleninformanten" (ZI), keine Quittung über den Abkauf, die Höhe der Summe etwa oder Beweise über "nichtmaterielle Gegenleistungen", von denen der Beauftragte der Bundesregierung, Rechtsanwalt Stange, gesprochen hatte.
Gar nichts hatte ich schriftlich. Es ging mir wie allen, die es erlebt haben in den zurückliegenden Jahrzehnten: Was "drinnen" geschah, weiß keiner, sollte keiner wissen. Wenn du es erlebt hattest, solltest du es nicht beweisen können. Schon gar nicht schwarz auf weiß.
Allein solltest du stehen vor einer sicher bewachten Grenze, abgetrennt vom Zuhause, mit Einreiseverbot versehen bis "12/99" fürs erste, wie ich später lesen konnte, auf gut belebten fremden Straßen solltest du dich wiederfinden und verlieren, zwischen Reklame und einigen dpa-Meldungen, die bald in Vergessenheit geraten werden, dachten sie.
Die Wirklichkeit ist widersprüchlich, es gibt doch Helsinki, die KSZE, die Entspannung, was willst du mit deinen Horrorgeschichten von Leid und Entwürdigung hinter dicken Mauern? Vielleicht stimmt es, vielleicht stimmt es nicht, was du sagst und berichtest.
Früher war es bestimmt schlimmer, bei Hitler oder Stalin, das sind doch alles bloß Nachgefechte. Tragisch im Einzelfall, aber vielleicht nicht so wichtig für Frieden und Fortschritt in den internationalen Beziehungen. Einige sprachen anders: Heinrich Böll, Wolf Biermann, Sarah Kirsch, Reiner Kunze, Manfred Wilke.
Ich schrieb dann ein Buch, verfertigte "das Schriftliche" selbst, der SPIEGEL brachte es als Serie im Herbst ''77, in einem sehr deutschen, kalten Herbst. Und als ich Thomas Brasch traf, sagte der: "Na ja, der Platz für einen jüngeren Schriftsteller ist frei, mal sehen, wer ihn kriegt . . ." Und sagte noch: "Johnson meinte, als er deine Serie las: Dann wäre noch interessant, wie es wirklich war. Zum Beispiel aus der Sicht der Vernehmer . . ."
Bis zum Oktober ''91 konnte ich diese Antwort nicht geben. Ich konnte sie auch nicht geben, als einer, mit dem ich monatelang die Zellen 306 und 332 geteilt hatte, als Bundesbürger und Haftentlassener beim SPIEGEL und beim Rowohlt-Verlag vorsprach, ein Manuskript unterm Arm, und "richtigstellen" wollte, was der Autor F. als U-Häftling Nummer Zwei so alles gemacht und ausgeplaudert hatte über seinen Freund Havemann bei der Stasi. "Wie es wirklich war", kann ich erst heute einigermaßen exakt beantworten.
Kurz vor Weihnachten ''76 holte mich der Anstaltsleiter - er trug einen Anzug und einen roten Schlips, ich sehe ihn noch vor mir - aus der Erdgeschoßzelle 117 in den zweiten Stock, in die geräumige, gut durchlüftete Zelle 332. Die Wochen der Einzelhaft waren vorbei, die Bedingungen verbesserten sich, wollten sie mich entlassen?
Jetzt weiß ich, daß in diesen Tagen die Entscheidung gefallen war: Es wird länger dauern. Und sie hatten neben der "operativen Entscheidung Untersuchungshaft" und dem Einleiten eines "EV" (Ermittlungsverfahrens) nach Paragraph 106 ("Staatsfeindliche Hetze", Absatz 2, "Benutzung von Publikationsorganen, die einen Kampf gegen die DDR führen", Haft bis zu zehn Jahren) und der "Durchführung der Maßnahmen durch die HA IX" (Hauptabteilung des MfS IX, zuständig für politische Untersuchungsverfahren, Verhöre und "besondere Maßnahmen im Auftrage des Gen. Minister") und der "Maßnahme -M-", Postkontrolle, versteht sich von selbst, wenn man inhaftiert ist, und der "Maßnahme 26 -B-", Verwanzung, üblich in Stasi-Haft, noch eine Entscheidung getroffen. Wieder in ihrer Sprache, die ich zumute mit allen Abkürzungen, der Syntax, die dazugehört, den Reihungen und Substantivierungen, wir sind in Deutschland, nicht wahr, Victor Klemperer hat seine "LTI"* geschrieben, nun wird geschrieben die "LQI", die Sprache des vierten Reiches.
Sie hatten entschieden, daß etwas Bewegung ins Verfahren gebracht wird, daß gesprochen wird, daß neue Gefühle entstehen, neue "Denkmodelle" in dieser häßlichen Lage. Ein IM wurde geworben auf der "Wiedergutmachungsgrundlage", die laut "Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit" als "Handlungsantrieb und Bestrebung beim IM-Kandidaten aus seinem Verlangen entsteht, negative Folgen von begangenen Normverletzungen von sich abzuwenden bzw. eingetretene Schäden durch eigene Leistung zu ersetzen". Mithäftling K., den sie als "Schleuser", als Fluchthelfer verhaftet und zu einem politischen Freund von mir in die Zelle gelegt hatten, bekam einen neuen Namen, ich sah ihn mit ihm unterschreiben, wenn der Einkauf an der Luke quittiert wurde: "Jürgens". _(* Anspielung auf Victor Klemperers Buch ) _("LTI" - "Lingua Tertii Imperii" - über ) _(die Sprache des "Dritten Reichs" (1947). )
Ganz gut gewählt, das erinnert an den eigenen Vornamen, ein Sympathievorschuß ist sicher. Und er liest, ein Buch liegt für den Neuen bereit, na, was haben Sie ausgewählt? Feuchtwanger, "Goya oder der arge Weg der Erkenntnis". Auf der letzten Seite klebt ein "Kontrollzettel", eine lange Reihe von eingestempelten Tagen, an denen dieses Buch "überprüft" wurde: "So zog Goya, ärmlich, schäbig, / Eingesperrt in seine Taubheit, / Auf dem Maultier Valeroso / Durch sein unbegreiflich stummes / Spanien, elend, doch entschlossen . . ."
Und wohin zog er, als ihn die Inquisition bedrohte? Über die Grenze, nach Frankreich. Und wohin sollte der staatsfeindliche Jungautor und Biermann-Freund ziehen? Nach Westen, nach Hamburg gar, "Ihr Freund hat ja dort inzwischen ein Haus", sagte der Vernehmer im Juni ''77.
Ich lese immer wieder, kann das Buch wochenlang in der Zelle behalten, bei anderen sind sie pingeliger. Ein "ÜSA" sollte ja gestellt werden, vom "Wahrheitsfanatiker" (Vernehmer), ein Übersiedlungsantrag, weg sollte er, die Entscheidung war gefallen, sie sollte allerdings "freiwillig" vollzogen werden, Professor Doktor h. c. Vogel als mein Rechtsanwalt fragte mehrmals diskret nach: "Haben Sie sich entschieden?"
Der U-Häftling brauchte noch etwas Zeit, also pausenlos Vernehmungen, dazu Instruktionen an den IM, mal freundlich, mal drohend, mal nervend zu sein - es sollte eben die Hölle werden, die nur erlebt, wer hinter ihren Mauern ist. Und wen wählen sie als Helfer noch? Goya. Feuchtwanger.
Nicht schlecht: der "Denkprozeß" setzt ein. Auf die Familie wird Druck ausgeübt, das macht die Abteilung 5 der HA XX ("Bearbeitung von Inspiratoren und Organisatoren der politischen Untergrundtätigkeit"), wo ich seit ''74 mit dem OV (Operativen Vorgang) "Pegasus", später ZOV (Zentraler Operativer Vorgang) "Opponent" geführt werde.
Meine Frau wird auf allen Wegen von mindestens zwei Männern dicht begleitet, Abstand ein bis zwei Meter, in Jena bei ihren Eltern sitzen sie im Vorsaal der Wohnung, am Wochenende jedesmal "Besichtigung", auch im Kinderzimmer sehen sie nach, ob sich keine "unbefugten Personen" versteckt haben. So geht es neun Monate.
Verhaftet hatte man mich am 19. 11. 76. Für Robert Havemann lag der Haftbefehl vor für den 15. 11. 76, den Tag der Entscheidung über die Ausbürgerung Biermanns. Unterschrieben von Generalmajor Fister. Daß er nicht in U-Haft kam - er hätte sie kaum überlebt -, sondern "nur" Hausarrest erdulden mußte, ist vielleicht Folge der Bürger- und Autorenproteste dieser Tage.
Bei meiner Vernehmung kam Major Eschberger einmal herein, er war die "2" aus dem Havemann-Verhör in den sechziger Jahren. Er sagte es stolz, kampferfahren. Groß, eine harte, laute Stimme. "Is was", sagte er zu mir, "das sind doch alles bloß Spielchen hier."
Mein "EV" (Ermittlungsverfahren) füllt für die Generalstaatsanwaltschaft eine fünfbändige Stasi-Akte. Sie besteht aus Vernehmungsprotokollen, Haftbefehl, richterlichen Anordnungen, Bescheiden der DDR-Generalstaatsanwaltschaft und der Gerichte über die Ablehnung meiner Haftbeschwerde zum Beispiel, Aufstellung der "Effekten", der "Einlieferungsanzeige" in die U-Haft.
Akte I: die negative Entwicklung des Straftäters F.
Akte II: Beweise für die "Staatsfeindliche Hetze durch pseudoliterarische Machwerke".
Akte III: Verbreitung im Westen, um die Verschärfung des Paragraphen 106 zu belegen.
Akte IV: Zeugenaussagen.
Akte V, sehr dünn: Ein Bescheid des Generalstaatsanwalts der DDR vom September 1990, daß "die dem Ermittlungsverfahren zugrundeliegenden Handlungen nicht den Verdacht einer Straftat begründen".
In den Aktenordnern steht nichts über Unterbringung, Verhör-Methoden, IM-Einsatz, Maßnahmepläne, Supervision der Vernehmer, Einbeziehung von anderen Diensteinheiten. Da stehen vor allem Vernehmungsprotokolle, "rechtsförmlich" formuliert, in einem Geheimprozeß (zu dem es ja nicht kam) wären dann Teile verlesen worden. Im Saal bei der "öffentlichen" Veranstaltung wäre es so gewesen, wie sich im MfS-Maßnahmeplan vom 18. 12. 82 der Bezirksverwaltung Gera, Abteilung IX, nachlesen läßt -, Roland Jahn stand vor Gericht*, wurde verurteilt und später mit Gewalt abgeschoben: _____" In Absprache mit dem zuständigen Staatsanwalt wird " _____" bei beiden Hauptverhandlungen die Öffentlichkeit nicht " _____" ausgeschlossen, sondern so verfahren, daß im " _____" Bezirksgericht im kleinen Verhandlungssaal die " _____" gerichtlichen Hauptverhandlungen stattfinden und die dort " _____" vorhandene Platzkapazität von 14 Sitzplätzen durch " _____" Mitarbeiter unseres Organs genutzt wird. Dazu stellt: " _____" - die KD Jena 5 Genossen - die Abteilung XX 3 Genossen - " _____" die Vorgangsgruppe des Gen. Horn 2 Genossen - die " _____" Abteilung IX 4 Genossen (Einweisung ist erfolgt) " _____" Durch die Staatsanwaltschaft wird abgesichert, daß an den " _____" Verhandlungstagen . . . keine fremden Personen das " _____" Bezirksgericht betreten. Sollten sich Personen melden, " _____" die an der gerichtlichen Hauptverhandlung " _(* Jahn wurde vorgeworfen, "im ) _(Stadtgebiet Jena eine an seinem Fahrrad ) _(befestigte polnische Staatsflagge mit ) _(der darauf befindlichen Aufschrift ) _(,SOLIDARNOSC, Z POLSKIM NARO-DEM'' mit ) _(dem Ziel, auf seine ablehnende ) _(Einstellung zu den Maßnahmen der ) _(polnischen Regierung in der ) _(Öffentlichkeit aufmerksam zu machen", ) _(mitgeführt zu haben. ) gegen Jahn . . . teilnehmen wollen, werden diese durch zuständige Mitarbeiter des Bezirksgerichts Gera darüber in Kenntnis gesetzt, daß der Verhandlungssaal besetzt ist und keine weiteren Personen dort Platz finden. _____" Leiter der Abt. IX Major Schmutzler Referatsleiter 2 " _____" Hauptmann Seidel "
Was in den verschiedenen "Zentralen Operativen Vorgängen" (Feindbehandlung der Opposition, Daten über ihre Taten an uns!) in all den Jahren gegen meine Freunde und mich "verschriftet" wurde, das füllt über hundert Bände (fürs erste), mit Code-Worten wie "Pegasus", "Weinberg", "Opponent", "Leitz", "Assistent", "Ikarus", "Revisionist", "Lyrik", "Milan" . . .
Die Reihe ließe sich beinahe endlos fortsetzen, es gibt Zehntausende "Operative Vorgänge" von aufsässigen Bürgern. So zahm war die DDR doch nicht. Die MfS-Taten zur Kenntnis nehmen und differenziert bewerten - das muß nun stattfinden, vor allem öffentlich, weil ihre Hauptwaffe, ihre Gewalt, vor allem das Geheimnis war, die Konspiration, das berechnende Lügen und Hineinziehen in ihre Machenschaften.
So enstanden entsetzliche Landschaften der Lüge, der Abhängigkeit und der Gewalt. Zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert, diesmal vor allem innen, in unseren Seelen. Und in den Akten: auf deutsch. In der Sprache der Unmenschen.
Aber auch das gilt: Es hat anständige Menschen gegeben, Zivilcourage, demokratischen gewaltfreien Widerstand. Dies läßt sich nunmehr beweisen. Der Wehrdienstverweigerer im Gefängnis Unterwellenborn, von der Stasi nach Gera "verbracht" für Wochen, um ihn auszuhorchen, anzuwerben und/oder zu quälen. Der Student, der Havemann und Mitscherlich gut fand und in einem "OV" über fast zehn Jahre drangsaliert wurde. Es gab Vorladungen, 20 "Bearbeitungsgespräche", zuletzt die Wegnahme des Ausweises und das Abdrängen nach dem Westen. Das Malerehepaar, das sich nicht "loyalisieren" ließ im OV "Meißel" und "zersetzt" werden sollte mit der "Aktion Ärger".
Ein Zitat dient mir hier als Kompaß. Manes Sperber, der von Hitler und Stalin verfolgte Schriftsteller, sagte 1960, bei einer Reise durch Westdeutschland: "Ich werde außer den Henkersknechten selber, außer den direkt Schuldigen, niemandem vorwerfen, daß er sich in der Vergangenheit geirrt und verirrt hat. Was ich allerdings von den deutschen Intellektuellen verlange, ist, daß sie nicht einfach mit Schweigen ihre Vergangenheit zudecken."
Ein- und Ausgrenzung des Menschen, Feindseligkeit gegenüber Andersdenkenden und anders Aussehenden - dies ist virulent in uns spätestens seit 1933. Hoyerswerda und Hohenschönhausen, Auschwitz und Buchenwald, MfS und Gestapo sind in uns. Auf der Täter- oder der Opferseite. Was ein Unterschied ist. Und diesen Unterschied möchte ich dokumentieren. _____" Ministerium für Staatssicherheit* " _____" Berlin, den 19. 11. 1976 " _____" Verfügung " _____" Gemäß 98 der Strafprozeßordnung wird gegen den Name " _____" FUCHS Vorname Jürgen . . . aus den unten angeführten " _____" Gründen die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens " _____" angeordnet. Gründe: FUCHS ist dringend verdächtig, seit " _____" 1971 mit dem Ziel, die sozialistische Staats- und " _____" Gesellschaftsordnung der DDR zu schädigen und gegen sie " _____" aufzuwiegeln, eine Vielzahl von Schriften hergestellt zu " _____" haben, in denen er die staatlichen und anderen " _____" gesellschaftlichen Verhältnisse, die Tätigkeit " _____" staatlicher und gesellschaftlicher Organe sowie Bürger " _____" der DDR diskriminierte und zum Widerstand gegen die " _____" sozialistische " _(* Aus den MfS-Akten bei der ) _(Generalstaatsanwaltschaft der DDR, ) _(Archivnummer 11554/78, Bände I-V, 965 ) _(Seiten, letzte Eintragung vom 3. Juni ) _(1991 (als Beschuldigtenakte nach Ende ) _(''89 weitergeführt). ) Staats- und Gesellschaftsordnung aufforderte, und deren Verbreitung in der DDR sowie in der BRD planmäßig organisiert zu haben. _____" Strafbar gemäß: 106 Abs. 1 Ziff. 1,2 und 3, Abs. 2 " _____" StGB - Dr. Fister, Oberst. "
Es folgt der Antrag des Generalstaatsanwalts, Abteilung I, unterzeichnet von Staatsanwalt Häber, das Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte möge Haftbefehl erteilen. Der Haftbefehl wird am 20. 11. 76 erteilt. Paragraph 106, auch der verschärfende Absatz 2, wird bestätigt. Unterzeichnet von Richter Sattler. Das Ermittlungsverfahren beginnt, mit der Durchführung wird das MfS beauftragt. Die Bestätigung wird unterzeichnet von Sattler (Vernehmender), Winter (Protokollführer), der Beschuldigte F. hat zu unterzeichnen, daß er Kenntnis erhielt. Der Beschuldigte unterzeichnet und legt Haftbeschwerde ein: _____" Hiermit lege ich Beschwerde über meine Inhaftierung " _____" ein. Ich weise den schweren Vorwurf einer " _____" "staatsfeindlichen Hetze" entschieden zurück. Die " _____" Behauptung, ich hätte seit 1971 Schriften in der DDR und " _____" BRD verbreitet, die unserem Staat Schaden zufügten, " _____" entbehrt jeglicher Grundlage. Erst im Jahre 1972/73 " _____" veröffentlichte ich erste kleine Gedichte in " _____" Lyrikanthologien. Bis zum Jahre 1974 gehörte ich zu den " _____" intensiv geförderten jungen Künstlern der DDR . . . Ab " _____" 1975 las ich neben Lyrik ebenfalls Prosastücke, die " _____" heftige Diskussionen über unsere politischen und " _____" gesellschaftlichen Verhältnisse auslösten . . .Die " _____" Ausbürgerung von Wolf Biermann halte ich für einen " _____" kulturpolitischen Fehler, und ich schließe mich der " _____" Erklärung der Schriftsteller Wolf, Chr., Wolf, Gerhard, " _____" Braun, Heym, Müller, Becker, Hermlin, Schneider, Cremer " _____" usw. an . . . Die Freiheitsberaubung kann ich nicht als " _____" "Argument" akzeptieren, auch wenn ich über solch eine " _____" Maßnahme zutiefst erschüttert bin . . . Ich fordere meine " _____" sofortige Haftentlassung. Jürgen Fuchs, 22. 11. 76. "
Sie gaben mir nur kleinkariertes Papier. Ich verwies auf mein Gedicht aus dem Zyklus "Schriftprobe", dort heißt es: _____" UNLINIERTES PAPIER Dich ziehe ich vor Hinter groß- " _____" oder kleinkarierte Gitter Bringe ich meine Worte nicht " _____" Sie müssen doch atmen "
Sie lachten, antworteten: "Sie sind hinter Gittern." Bis zum Ende der Haft bekam ich keine Schreiberlaubnis in der Zelle. Und wenn ich im Vernehmerzimmer monatlich eine Seite an meine Frau schreiben durfte - die zensiert wurde - mußte ich kleinkariertes Papier verwenden. Auch eine Form von Papierknappheit. Und eine "operative Maßnahme".
Staatsanwalt Dr. Gläßner nimmt am 22. 11. 1976 zur Haftbeschwerde negativ Stellung: "Ermittlungen . . . haben den bisher dringenden Verdacht der Begehung einer Straftat nach 106 StGB verstärkt." Der 3. Strafsenat des Stadtgerichts von Groß-Berlin weist in seiner Sitzung vom 23. 11. 76 die Haftbeschwerde zurück.
Das "Körperdurchsuchungsprotokoll" vom 19. 11. 76 gibt an, daß "Ausweise und Unterlagen in der Haftanstalt zur Aufbewahrung abgenommen wurden". Dabei unter "5.: 1 Schreiben, Erklärung der Berliner Künstler v. 17.12.76". Ich wollte die Unterschriften zum SPIEGEL-Büro bringen, die Verhaftung kam dazwischen.
Es war dünnes Papier, ich versuchte in der Kleinstzelle des Gefängniswagens, auf der Fahrt von der Magdalenenstraße nach Hohenschönhausen, eine Vernichtungsaktion (essen). Da ich Handschellen trug und die Fahrt kurz war, mißlang dies. Auch mein "Hermes"-Kalender mit Adressen und Notizen fiel leider in ihre Hände. Nicht aufgepaßt, hätte Robert Havemann gesagt. Sorry.
In der "Effektenaufstellung" zehn Punkte - meine Kleidungsstücke. Unter 9.: "1 einzelner roter Socken." Er gehörte meiner anderthalbjährigen Tochter Lili, ich hatte sie noch umgezogen vor der Fahrt von Grünheide nach Ost-Berlin. Sie erwartete wohl meine Rückkehr. Es dauerte etwas, wir sahen uns erst in West-Berlin wieder.
Aus Vernehmungsprotokollen: _____" Berlin, den 19.11.1976 Beginn 11.15/18.30 Uhr Ende " _____" 16.00/22.45 Uhr " _____" Frage: Worin bestand Ihr Anteil an der Herstellung des " _____" Briefes von Robert Havemann an den Generalsekretär des ZK " _____" der SED? " _____" Antwort: Ich habe zu dieser und weiteren mir gestellten " _____" Fragen nur drei Punkte vorzutragen: " _____" 1. Ich protestiere gegen meine Verhaftung! 2. Ich fordere " _____" meine unverzügliche Freilassung! 3. Ich spreche nicht mit " _____" Leuten, die einen unbequemen Literaten einsperren . . . " _____" Der Beschuldigte erklärte nach Durchlesen des Protokolls, " _____" dieses nicht zu unterschreiben und gab folgende " _____" Begründung: Das Protokoll entspricht nicht vollinhaltlich " _____" den von mir gemachten Aussagen . . . " _____" Jürgen Fuchs " _____" Berlin, den 1.3.1977 Beginn 8.00 Uhr Ende 13.00 Uhr " _____" Frage: Sie machten, entgegen Ihrer Aussage, auch in " _____" vorangegangenen Vernehmungen keine Angaben zum Inhalt " _____" Ihrer literarischen Arbeiten. Äußern Sie sich konkret zu " _____" den Ihnen gestellten Fragen! " _____" Antwort: Der Inhalt meiner literarischen Arbeiten ist " _____" nachlesbar und kann eingesehen werden. "
Am 26. 11. 1976 beginnt das MfS einen Angriff. Ich werde mit Ergebnissen von Haussuchungen bei Freunden konfrontiert, ebenfalls mit einigen ihrer Aussagen. Bis Mitte Dezember "schwimme" ich, versuche beschwichtigend zu argumentieren. Vor allem will ich vermeiden, das "Verbringen" von Manuskripten nach West-Berlin in Protokollen zu thematisieren. Dies gelingt mir. Dennoch eine schwere Zeit, vor allem weil ich meine Drei-Punkte-Erklärung breche. Ständige Verhöre, auch Gebrüll, Lügen und Drohungen gegen die Familie. Das steht natürlich nicht in den Vernehmungsprotokollen.
Das steht in den Maßnahmeplänen der HA IX, abgelegt in der HA XIV. Die Akteneinsicht wird es an den Tag bringen, auch den möglichen Einsatz von Psychopharmaka bei "Sprechern" mit meiner Frau (zweimal verspürte ich "dämpfende" Wirkungen nach dem Mittagessen, Quarkspeise). Beispiele für diese Krisenphase: _____" Berlin, den 26.11.1976 Beginn 9.00 Uhr Ende 11.00 Uhr " _____" Frage: Was haben Sie am 17.10.1976 in Leipzig " _____" unternommen? " _____" Antwort: Am 17.10.1976 war ich in Leipzig " _(* Abriegelung des Havemann-Hauses. ) in der Wohnung von Gerulf Pannach . . . Wir haben zusammen gesprochen, gesungen und Musik gemacht . . . _____" Frage: Ihre Aussage entspricht nicht der Wahrheit, " _____" Sie werden aufgefordert, sich wahrheitsgemäß . . . zu " _____" äußern! " _____" Antwort: Ich wende mich gegen die Behauptung, ich würde " _____" lügen und berufe mich erneut auf meine bereits in anderen " _____" Vernehmungen geäußerten zwei Forderungen . . . "
Eine Forderung hatte ich zeitweise aufgegeben. _____" Berlin, den 8.12.1976 Beginn 8.00/14.00 Uhr Ende " _____" 13.00/16.00 Uhr " _____" Frage: Aus den Aussagen von Mitbeschuldigten ist zu " _____" entnehmen, daß es in Vorbereitung dieser Bandaufnahme " _____" gemeinsam konkrete Absprachen mit Wolf Biermann in dessen " _____" Wohnung gab. Äußern Sie sich wiederum zu diesem Vorhalt! " _____" Antwort: In den von mir gemachten Aussagen über Motive, " _____" Absichten und eventuelle Möglichkeiten dieser von uns " _____" gefertigten Tonbandaufzeichnung ist nichts enthalten, was " _____" eine schon in diesem Protokoll erfragte Mitwirkung von " _____" Wolf Biermann betrifft. "
Immer wieder kommen die Vernehmer auf das Thema "Verbringen" zurück. Ich nenne keine Namen, obwohl ich sie weiß. Das Schwere ist die Anpassung an die Haftbedingungen, man will raus, der Lebenswille meldet sich. Als ich die "innere Langzeiteinstellung" gefunden hatte, notiert Vernehmer Anding am 7. 1. 1977: _____" Aktenvermerk " _____" Im Verlaufe der seit dem 30.12.1976 geführten " _____" Vernehmungen legte der Beschuldigte " _____" FUCHS demonstrativ ein desinteressiertes, geistige " _____" Abwesenheit vortäuschendes Verhalten an den Tag, das " _____" darin zum Ausdruck kommt, daß FUCHS teilweise nicht mehr " _____" auf die seitens des Unterzeichners gestellten Fragen " _____" eingeht und mittels seines Fingers Buchstaben und " _____" Wortverbindungen imaginär im freien Raum oder auf die " _____" Tischplatte malt. Auf Aufforderungen, dieses Tun zu " _____" unterlassen, reagierte FUCHS nicht, sondern verstärkte " _____" diese Handlungen. " _____" Vernehmung vom 14.6.1977 Beginn 8.00/14.00 Uhr Ende " _____" 13.00/17.00 Uhr " _____" Frage: Was wollten Sie, ausgehend von Ihrer bereits " _____" mehrfach zum Ausdruck gebrachten Haltung zu den " _____" Sicherheitsorganen der DDR, mit der Textpassage " _____" Unten im Wagen Warten Krawatten Auf meinen leisen Tod " _____" zum Ausdruck bringen? " _____" Antwort: . . . Die aufgeworfene Thematik korrespondiert " _____" mit meinen Lebensumständen der Jahre 1975/76, vor allem " _____" mit dem Umstand, auf den ich schon mehrfach hinwies, daß " _____" ich durch die ständige Anwesenheit von " _____" Personenkraftwagen, die mich begleiteten, in eine " _____" Situation der existentiellen Bedrohung gekommen war. " _____" Frage: Was bezweckten Sie mit der Gegenüberstellung der " _____" Textpassagen im vorliegenden Gedicht " _____" Unten im Wagen Warten Krawatten Auf meinen leisen Tod und " _____" ........ Auf ihren leisen Tod? " _____" Antwort: In der letzten Passage kommt das Gefühl der " _____" Hoffnung und Überwindung der mich bedrängenden " _____" Bedrohlichkeiten zum Ausdruck. Vor allem aber meine " _____" Absicht und mein Vorsatz, zu überleben und mich zu " _____" behaupten . . . "
Am 26. 8. 1977 erfolgt die Abschiebung nach West-Berlin. Ein "Zentraler Operativer Vorgang" wird mich begleiten bis Ende 1989. Ihre Operationen werden ausgedehnt auf die Familie und die politischen Freunde. Als ich aus dem Gefängnis kam, wollte ich aufatmen. Es sollte vorbei sein. Ich wollte ihre Stimmen nicht mehr hören, ihre Gesichter nicht mehr sehen nachts, wenn der Schlaf nicht kam. "Komm Se", "Halt", "Zwo zur Vernehmung". "Stellen Sie Ihre feindlichen Aktivitäten ein." *HINWEIS: Im nächsten Heft Zur "schrittweisen Realisierung des OV Pegasus." - Die "laufend geführten" Repressionen gegen Feindpersonen wie Biermann, Rathenow, Reiprich, Jahn, Fuchs im ZOV "Weinberg" bis Ende 1989: Stasi-Aktivitäten auf westdeutschem Terrain
* Anspielung auf Victor Klemperers Buch "LTI" - "Lingua Tertii Imperii" - über die Sprache des "Dritten Reichs" (1947). * Jahn wurde vorgeworfen, "im Stadtgebiet Jena eine an seinem Fahrrad befestigte polnische Staatsflagge mit der darauf befindlichen Aufschrift ,SOLIDARNOSC, Z POLSKIM NARO-DEM'' mit dem Ziel, auf seine ablehnende Einstellung zu den Maßnahmen der polnischen Regierung in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen", mitgeführt zu haben. * Aus den MfS-Akten bei der Generalstaatsanwaltschaft der DDR, Archivnummer 11554/78, Bände I-V, 965 Seiten, letzte Eintragung vom 3. Juni 1991 (als Beschuldigtenakte nach Ende ''89 weitergeführt). * Abriegelung des Havemann-Hauses.

DER SPIEGEL 47/1991
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