16.12.1991

HomosexuelleEdle Absicht

Die Schwulenszene ist zerstritten: Sollen Prominente öffentlich als Homosexuelle enttarnt werden?
Der Bildschirm blieb ruhig, es explodierte auch kein Stuhl. Aber glaubt man den Schlagzeilen zwei Tage danach, muß eine Bombe hochgegangen sein am späten Dienstag abend letzter Woche.
Der schwule Filmemacher Rosa von Praunheim hatte auf dem heißen Stuhl der "Explosiv"-Sendung bei RTL plus Platz genommen, mit einer Forderung, die sich als Sprengladung erwies: "Deckt das heimliche Sexleben der Promis auf."
Als erster Freiwilliger befolgte der Berliner selber den Enthüllungsbefehl und plauderte drauflos: "Hape Kerkeling sollte seine Homosexualität offenbaren", und: "Warum sagt Biolek nicht, daß er schwul ist?" Das war''s.
Noch zwei weitere Namen ließ er - "ganz hypothetisch" - fallen (Praunheim hatte sich vorsorglich rechtskundig gemacht): Peter Gauweiler und Johannes Rau. Die Manöverkritik kam prompt: "Pfui, Rosa! Schwulen-Verrat im TV", schimpfte Bild. Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje kommentierte die Attacke höchstpersönlich: "Was Rosa von Praunheim bei RTL über Prominente verbreiten durfte, ist ein Fernsehskandal erster Ordnung."
Dabei hatte der Feuerstuhl-Schütze doch nur in edler Absicht gehandelt: "Ich will gegen die Diskriminierung der Homosexuellen und die Verlogenheit der Öffentlichkeit kämpfen", rechtfertigte er sich in der Berliner B.Z.
Daß ein paar ideologische Phrasen nicht ausreichen würden, schwante dem RTL-Gast schon Wochen vor der Sendung. In seinem Auftrag hatte der Kölner Sender die Schwulenszene nach kompetenten Hintermännern abgegrast, die gegen Bares den Denkfaulen ordentlich drillen sollten für den auf Skandal programmierten Fernsehauftritt. Doch die Befragten hatten abgewinkt, niemand wollte für den Umstrittenen als Ghostwriter bereitstehen.
Praunheims "Explosiv"-Paukenschlag überraschte um so mehr, als er sich erst vor wenigen Wochen mit dem Privatsender öffentlich überworfen hatte, just zum gleichen Thema. Ein Schwulen-Magazin war bei RTL plus in Planung, als Pendant zu "Weiber von Sinnen" der gleichnamigen Hella. Mitinitiator des Minderheitenprogramms: Rosa von Praunheim.
Weil der gern redet, wenn er gefragt wird, hatte er vorab in einem Schweizer Szeneblatt schon intime Details der ersten Folge kundgetan. Das Thema Outing sei in Vorbereitung, Prominente sollten als Homosexuelle enttarnt werden. Praunheim geizte nicht mit Namen und bekam Streit mit dem Fernsehsender.
RTL-Chef Helmut Thoma strich die Magazin-Pläne ersatzlos und distanzierte sich von dem wortschnellen Filmer: "Platz für sexuelle Denunziation wird es bei mir nicht geben", beteuerte er gegenüber dem Stadtmagazin Prinz.
Mit dem pikanten Hickhack kommen nicht nur RTL und Praunheim erneut ins Gerede, Outing selbst steht wieder auf dem Prüfstand. Vor zwei Jahren von amerikanischen Lesben und Schwulen als neue politische Strategie im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung und gegen Diskriminierung propagiert, wurde in den USA das Ziel gründlich verfehlt: Gierig griff die amerikanische Boulevardpresse Meldungen von enttarnten Prominenten auf und bastelte daraus kompromittierende Bettgeschichten.
Dabei ging es den radikalen Outing-Vorkämpfern, die Prominente beider Geschlechter entlarvten und etwa den Filmstar Jodie Foster auf Straßenplakaten mit Porträtfoto als "absolutely queer" (total schwul) anzeigten, gar nicht um den Unterleib. Vielmehr suchten sie nach Helfern und prominenten Bündnispartnern in größter Not. Die Aids-Krise fordert täglich ihre Opfer, immer noch zuallererst in der "gay community".
Politiker ignorieren das Problem und sehen untätig dem Sterben zu, so der Vorwurf der US-Schwulenfunktionäre. Ihr Kalkül: Erst wenn jeder begreift, daß die Krankheit keine Seuche im schwulen Ghetto ist, sondern genauso den beliebten TV-Star oder Pop-Heroen treffen kann, wenn also keiner mehr behaupten kann, er kenne niemanden mit Aids - dann erst rührt sich etwas in der öffentlichen Meinung.
Wie diese Rechnung aufgeht, konnten die Radikalen erleben, als US-Basketballstar Earvin ("Magic") Johnson Anfang November die amerikanische Öffentlichkeit über seine Infektion mit dem HIV-Virus informierte. Sofort kam wieder heftige Bewegung in die Aids-Debatte, die Seuche wurde zur Regierungssache.
Daß die Outing-Bewegung inzwischen weite Kreise zieht, zeigt die Titelstory in der jüngsten Ausgabe des amerikanischen Wirtschaftsmagazins Fortune. Homosexuelle Manager und Unternehmer wollen, so der Fortune-Sonderbericht über Homosexualität in amerikanischen Unternehmen, den Arbeitsplatz zur nächsten Front im Streit für ihre Rechte machen. Die neuesten Zahlen im Report widersprechen der gängigen Annahme, es gebe einen homosexuellen Überhang in Kultur, Unterhaltung und im Dienstleistungsgewerbe.
Laut Fortune hat ein Chicagoer Meinungsforschungsinstitut herausgefunden, daß in wissenschaftlichen und Ingenieursberufen mehr Homosexuelle zu finden sind als in den sozialen Diensten. In der Computerindustrie sollen zehnmal mehr homosexuelle Männer und Frauen arbeiten als in der Modebranche.
Mit steigendem Selbstbewußtsein der Homosexuellen und verstärktem Coming-out wachsen die Chancen, daß sich die Situation für Lesben und Schwule in der Arbeitswelt verbessert. Als zentrale Forderungen, so die Fortune-Autoren Thomas Stewart und Mark Fefer, stehen auf der Tagesordnung: Abschaffung der Diskriminierung von Homosexuellen am Arbeitsplatz; Förderung von Informations- und Schulungsprogrammen, die der Toleranz am Arbeitsplatz dienen; Durchsetzen von Vorteilen, die Heterosexuellen anstandslos gewährt werden, vor allem die Krankenversicherung für den Partner.
Aids spielt, so die Autoren, bei diesem Kampf nun auch im Arbeitsleben eine gewichtige Rolle. Fortune: "Schweigen = Tod, das Motto der Aktivisten-Gruppe Act-up, spiegelt die weitverbreitete Meinung, daß die Seuche nur dann eingegrenzt und letztlich besiegt werden kann, wenn die Betroffenen und ihre Partner offen darüber sprechen können."
Auch in Deutschland bedurfte es in den letzten Wochen prominenter Aids-Toter, um die Krankheit und ihre Folgen wieder ins öffentliche Bewußtsein zu rücken. Selbst Meinrad Koch, Leiter _(* Mit Tina Turner. ) des Berliner Aids-Zentrums beim Bundesgesundheitsamt, machte sich die Grundgedanken der amerikanischen Outing-Befürworter teilweise zu eigen und forderte homosexuelle Prominente auf, sich öffentlich zu ihrer Veranlagung zu bekennen und sich für den Kampf gegen Aids zur Verfügung zu stellen.
Bei der immer schnelleren Ausbreitung des Virus, so der Mediziner, könnten bekannte Persönlichkeiten bei der Vorbeugung große Hilfe leisten.
Mit der neuen Sensibilisierung für das Thema Aids und dem Ergebnis aktueller Erhebungen, daß die Krankheit vor allem unter jüngeren homosexuellen Männern einen immer rascheren Verlauf nimmt, hat auch in der deutschen Schwulenbewegung das Ringen um Pro und Contra in Sachen Outing wieder eingesetzt.
"Trauer und Wut über den Kontrast zwischen Schwulen, die an Aids krepieren, und Schwulen, die währenddessen unerkannt von der Öffentlichkeit Karriere machen, führten zum Outing als einer politischen ,Mobilmachung''", so beschrieb der schwule Journalist Klaus Lucas die amerikanische Lage. "In Deutschland besteht noch keine Situation, die Outing rechtfertigt oder zwingend notwendig macht", räumt er ein. "Doch das kann sich ändern."
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, da Deutschlands Schwule noch uneins sind über den richtigen Weg, empfinden die Aktiven Praunheims unüberlegte Outing-Attacke als Fehltritt. Zwar droht der Unverbesserliche noch in der B.Z.: "Wenn die Homo-Szene es will, werde ich auch prominente Berliner outen!" Doch die Szene will nicht.
Das Schwulen-Magazin Magnus reagierte gereizt und fragt wütend im vorab veröffentlichten Editorial zur nächsten Ausgabe: "Wer braucht Rosa?" Und: "Welche andere soziale Bewegung würde es über zwanzig Jahre ertragen, mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder durch jemanden vertreten zu werden, der lediglich sich selbst vertritt?"
Es sei "absolut unzulässig", rüffelte am Freitag letzter Woche das Bündnis 90/Grüne den Einzelgänger, "jemanden zum offenen Umgang mit homosexueller Lebensweise zu zwingen". Noch deutlicher wurde, offenbar mit einem Seitenblick auf den von Praunheim ins Spiel gebrachten Namen Gauweiler, der deutsche "Lesbenring".
Dessen Sprecherin Jutta Oesterle-Schwerin stellte klar: Ein Outing gegen den Willen der Betroffenen sei nicht einmal bei Personen erlaubt, "die Politik gegen Homosexuelle machen". o
* Mit Tina Turner.

DER SPIEGEL 51/1991
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