23.09.1991

„Ein moralischer Skandal“

Als „sanft“ und „weniger traumatisch“ bezeichnen Frauen die Abtreibung mit dem Hormonpräparat „RU 486“, das eine französische Tochterfirma der Hoechst AG entwickelt hat. Der Chemiekonzern weigert sich, das medizinisch bewährte, von Konservativen aber als „Todespille“ verteufelte Mittel auf den deutschen Markt zu bringen.
Die Pillen sind klein, weiß und rund. Drei von ihnen, mit einem Schluck Wasser genommen, reichen aus, um eine Schwangerschaft zu beenden.
"Diese Pillen darf es in Deutschland niemals geben", fordert der CDU-Bundestagsabgeordnete Claus Jäger, 60. "Es sind Todespillen", behaupten die Gegner der Abtreibung, "Insektenvertilgungsmittel gegen das menschliche Leben", Produkt der "modernen Barbarei". Mit diesem Medikament, erklärt eine französische Vereinigung evangelischer Christen, beginne "der Genozid am ungeborenen Leben".
"Mord!" steht auf den Plakaten, mit denen in den USA und in Frankreich, in der Schweiz und auch in Deutschland gegen das Hormonpräparat RU 486 - französischer Handelsname "Mifegyne" - demonstriert wird. "Mörder" schimpfen die anonymen Anrufer, wenn sie den französischen Professor Etienne-Emile Baulieu ans Telefon bekommen - er hat die Abtreibungspille erfunden, 1980 schon.
In Frankreich, wo das Präparat seit 1988 (unter strengen Auflagen) den Frauen zur Verfügung steht, sind bislang rund 100 000 Schwangerschaften mit RU 486 abgebrochen worden. Seit Anfang Juli ist das Medikament auch in Großbritannien zugelassen. In einem Dutzend weiterer Länder - darunter Schweden, Dänemark und die Schweiz - sammeln gynäkologische Kliniken Erfahrungen. Die Volksrepublik China verhandelt mit der Weltgesundheitsorganisation WHO und der französischen Herstellerfirma Roussel-Uclaf über die Modalitäten eines Imports in großem Stil.
Roussel-Uclaf, weltweit einziger Produzent der umstrittenen Substanz, gehört mehrheitlich einem deutschen Pharmamulti: der Hoechst AG in Frankfurt am Main. Das Unternehmen, seit Jahrzehnten verdienstvoll engagiert im großen Geschäft mit der Krankheit, produziert Heilmittel gegen nahezu jedes Leiden und liefert seine Erzeugnisse in fast alle Länder der Erde - mit einer Ausnahme: RU 486 ist in Deutschland nicht zu haben, nicht einmal illegal. Und wenn es nach der Firma Hoechst geht, soll das auch in Zukunft so bleiben.
Dafür gibt es, unter anderem, Gründe in der Firmengeschichte: Hoechst (Jahresumsatz 1990: 45 Milliarden Mark) gehört mit Bayer und BASF zu den großen drei der deutschen Pharmaindustrie; im Nazi-Reich waren sie unter dem Dach der I.G. Farben beieinander. Eine von der I.G. kontrollierte Firma, die heute noch existierende Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung), lieferte der SS das Auschwitz-Gas _(* Im Hopital Broussais, Paris. ) "Zyklon B" - ein Makel, der immer noch haftet: Nie wieder will die deutsche Pharmabranche in moralische Verstrickung geraten.
Professor Wolfgang Hilger, Vorstandsvorsitzender der Hoechst AG und als gläubiger Katholik Abtreibungsgegner aus "tiefer religiöser Überzeugung" (so die Roussel-Uclaf-Sprecherin Catherine Euvrard), hat auf der letzten Hauptversammlung seinen Standpunkt in der Pillenfrage dargelegt: _____" Die Diskussion um RU 486, ein Präparat für den " _____" Schwangerschaftsabbruch, geht, wie kaum eine andere, um " _____" ethische Grundwerte unserer Gesellschaft, geht es doch um " _____" Leben und Tod. Ein Wirtschaftsunternehmen kann in dieser " _____" Frage keine " _____" Entscheidung aus sich heraus treffen, es ist überfordert. " _____" Es kann sich nur im Rahmen des gesellschaftlichen Konsens " _____" bewegen, der allgemein akzeptierten ethischen Normen, die " _____" sich letztlich auch in den Gesetzen und Verordnungen des " _____" Staates ausdrücken. "
In Frankreich, sagt Hilger, gebe es in Sachen Abtreibung den gesellschaftlichen Konsens, in Deutschland nicht. Grundsätzlich liege die Verantwortung für RU 486 allein "bei den Menschen von Roussel-Uclaf"; in deren Labors wurde seit Anfang der siebziger Jahre an der Substanz geforscht. Mit dem Kauf von 54,5 Prozent der Roussel-Anteile handelten sich die Hoechst-Manager auch das Problem mit der Abtreibungspille ein.
Dabei geht es inzwischen nicht mehr nur um die Ethik, sondern auch ums Geld. Wie immer sich Hoechst entscheidet - der Konzern ist auf seinen wichtigsten _(* Am Werkstor der Herstellerfirma ) _(Roussel-Uclaf. ) Märkten vom Boykott bedroht. Vor allem in den USA und in Deutschland wird der Streit um die Abtreibung ständig neu angefacht; noch drohen nur die Abtreibungsgegner der Pharmafirma mit einem Boykott aller ihrer Produkte, sollte Hoechst es wagen, für RU 486 die Zulassung zu beantragen.
Doch schon ist abzusehen, daß sich die Befürworter legaler Schwangerschaftsabbrüche nicht für alle Zeiten den Zugang zu einem Präparat werden sperren lassen, das erstmals in der Menschheitsgeschichte bei Abtreibungen den chirurgischen Eingriff (Absaugen oder Ausschaben der Gebärmutter) entbehrlich machen kann. Auch die Waffe der Frauen und ihrer liberalen Helfer heißt: Boykott aller Hoechst-Produkte.
Längst gehen im Kampf um das "umstrittenste Medikament der Geschichte" (der Londoner Guardian) die Bataillone in Stellung. Hoechst gerät, so oder so, in die Klemme: *___Hat eine private Arzneimittelfirma das Recht, ein ____Medikament aus politischen Erwägungen - nicht etwa aus ____wissenschaftlich fundierten Sicherheitsüberlegungen - ____in bestimmten Ländern freizugeben, es in anderen, etwa ____in Deutschland, dagegen unter Verschluß zu halten? *___Wiegen die unbestreitbaren medizinischen Vorteile der ____Abtreibungspille - ____keine Narkose, keine Operation, kein Klinikaufenthalt - ____weniger als die Ängste ihrer Gegner vor einer ____Erleichterung für die Frauen, obwohl der ____Schwangerschaftsabbruch doch im Rahmen gesetzlicher ____Bestimmungen erlaubt ist? *___Ist RU 486, wie der damalige französische ____Gesundheitsminister Claude Evin verkündete, "das ____moralische Eigentum der Frauen", das der Staat niemals ____dem "Druck einiger von archaischen Ideologien ____animierter Gruppen" - gemeint ist vor allem die ____katholische Kirche - preisgeben darf? *___Und schließlich: Wird sich der weltweite Siegeszug ____eines Präparats, das Abtreibungen effektiver und in ____vielen Fällen ungefährlicher macht, angesichts von ____Überbevölkerung in der Dritten Welt und individueller ____Nachfrage in den Industrieländern auf längere Sicht ____überhaupt stoppen lassen?
Die römische Kirche will es jedenfalls versuchen. Vordergründig geht es dem Heiligen Vater Johannes Paul II. und seinen Kardinälen um den Anspruch der Kirche auf moralische Kompetenz und Führung; hintergründig dreht es sich, wie seit 2000 Jahren, um die Macht.
Das Abtreibungspräparat, das der Hoechst-Abteilungsleiter Robert G. Geursen eine "wahrlich elegante medizinische Lösung" und einen "klaren Fortschritt" nennt, ist für die Klerikalen und Konservativen gerade deshalb Teufelswerk: Was die Furcht der Frauen vor den bisherigen Abtreibungsrisiken zu lindern vermag, kann in den Augen der Pillenfeinde nur weiterer Sittenverderbnis Vorschub leisten.
Liberale wie die frühere FDP-Generalsekretärin Cornelia Schmalz-Jacobsen, aber auch viele Mediziner verlangen hingegen die Freigabe der Pille. Bei kontrollierter Anwendung innerhalb der Grenzen des geltenden Abtreibungsrechts, meint etwa das Fachblatt Der Frauenarzt, sollte das Präparat bald zum Einsatz kommen - "zum Segen der Betroffenen".
Zu einer ersten Machtprobe kam es 1990 vor den Parlamentswahlen in Österreich. Dort hatte Gesundheitsminister Harald Ettl einer Klinik die Einfuhr- und Anwendungserlaubnis für RU 486 erteilt. Die Kirche reagierte mit politischem Druck: "Wir werden bei den Wahlen", so verkündete Pater Andreas Laun vom Katholischen Familienverband Österreichs, "auf die Streichung von Politikern drängen, die die Zulassung des RU 486 möglich gemacht haben."
Hoechst, zwischen die Fronten geraten, weigerte sich, die Pillen "einer einzelnen Klinik" auszuliefern - für Minister Ettl ein Affront gegen die Staatsautorität: "Kein Konzern kann glauben", so Ettl, "er könne eine Republik erpressen. Das wird auf ihn zurückfallen." Dennoch hat Hoechst das Präparat den Österreichern bis heute verweigert.
Daß RU 486 wenigstens in einem Land, in Frankreich, auf den Weg in die Kliniken gebracht werden konnte, ist vor allem dem Einsatz des Erfinders der Abtreibungspille zu verdanken: Etienne-Emile Baulieu, 64, einst Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Ex-Kommunist und seit 1983 Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften, genießt nicht nur den Ruf eines Spitzengelehrten mit Anwartschaft auf den Nobelpreis; Freunde und Kollegen rühmen ihn zudem als PR-Genie und Gesellschaftslöwen, dessen Beziehungen bis hinauf zum Präsidenten der Republik reichen.
Wie ein Missionar hastet Baulieu, den Freunde eine "olympische Figur" nennen, um die Welt. Auf Ärztekongressen zwischen Rio und Genf versucht er, der Abtreibungspille den Weg zu ebnen. In Polen und Bangladesch hat er Gesundheitspolitiker geknetet, in amerikanischen Talkshows wetterte er eloquent gegen Dogmenreiter und katholische Finsterlinge.
Alle Widerstände, die sich zunächst auch in Frankreich der Abtreibungspille entgegenstellten, half Dynamiker Baulieu mit taktisch ausgepichten Kampagnen niederzukämpfen - ging es doch um sein Lebenswerk, an dem der zu Beginn seiner Laufbahn jüngste Chemieprofessor Frankreichs seit Jahrzehnten arbeitet.
Schon am Anfang seiner Karriere hatte sich Baulieu für die Steroidforschung entschieden, ein Wissenschaftsfeld, das in den dreißiger Jahren aufgeblüht war. Damals entdeckten Chemiker vor allem in Deutschland jene körpereigenen Substanzen, die von den Drüsen mit innerer Sekretion produziert werden und in kompliziertem Zusammenspiel Stoffwechselvorgänge und Organreaktionen steuern.
Zu diesen Regisseuren des Organismus, den Steroidhormonen, gehören die Kortisone, die bei Streß die Kraftreserven des Körpers mobilisieren, aber auch die Geschlechtshormone, die alle Sexualabläufe und Vorgänge der Schwangerschaft kontrollieren: Testosteron etwa läßt im Mutterleib bei männlichen Föten Hoden und Penis reifen, Östrogene und Androgene lösen bei den Herangewachsenen die Pubertät aus.
Auch das Eierstockhormon Progesteron (Gelbkörperhormon) ist eine solche Steuersubstanz: Unter seiner Regie bereitet sich die Gebärmutterschleimhaut auf den fötalen Bewohner vor, wobei sie zunächst wohnliche Falten wirft; danach überwacht das Hormon die Entwicklung der Plazenta, die den Fötus ernährt, und es schützt ihn vor den Attacken des mütterlichen Immunsystems. Und schließlich bewahrt es ihn vor einer Frühgeburt, indem es die Gebärmuttermuskeln kräftigt und die wehenauslösenden Prostaglandine, die hormonellen Gegenspieler, blockiert.
Mit Progesteron experimentierte in den fünfziger Jahren der amerikanische Hormonforscher Gregory Pincus, ein Wissenschaftler, der zu den Vorbildern des Franzosen Baulieu zählt. 1961 war Baulieu nach New York gekommen, um bei den damals führenden amerikanischen Hormonexperten in die Lehre zu gehen - dort begegnete er auch Pincus, der wenige Jahre zuvor die erste Antibaby-Pille entwickelt und an Frauen in Puerto Rico erfolgreich getestet hatte.
Pincus hatte dem Organismus der Frauen mit Hilfe einer Progesteron-Attrappe eine Schwangerschaft vorgegaukelt und auf diese Weise den Eisprung verhindert; eine Empfängnis war damit unmöglich. Schon damals allerdings dachte Pincus über eine andere hormonelle Verhütungsmethode nach.
Dabei sollte ein Anti-Progesteron die Schwangerschaft unterbinden, indem es die Einnistung befruchteter Eizellen in die Gebärmutterschleimhaut verhindert. Ein solches Hormonpräparat, überlegte Pincus, könnte auch als "Pilledanach" wirken: Sie würde in den ersten Schwangerschaftswochen zur Abstoßung des Fötus führen. Die Idee einer Abtreibungspille war damit in der Welt. Doch das Interesse der Forscher und der Pharmaindustrie blieb zunächst gering, zumal der Pharmamarkt rasch von preiswerten Antibaby-Pillen überschwemmt wurde. Das von Pincus anvisierte Anti-Progesteron wurde schließlich eher durch Zufall entdeckt - von dem französischen Hormonforscher Georges Teutsch, der bei Roussel-Uclaf nach einer Substanz fahndete, die das Streßhormon Kortison blockieren sollte.
An die 1000 verschiedene Molekül-Varianten hatte Teutsch, weitgehend erfolglos, auf ihre Anti-Kortisonwirkung überprüft, als er Mitte der siebziger Jahre seinem Forschungsziel endlich näherzukommen schien. Doch die Substanz, mit der er sich abplagte, erwies sich als nur schwacher Kortisonblocker; dafür aber war ihr Anti-Progesteron-Effekt dramatisch.
Teutsch und seine Kollegen bei Roussel-Uclaf zeigten sich tief enttäuscht von dem schlappen Kortisonstopper. Begeistert dagegen war Baulieu, der seit 1970 die Progesteron-Rezeptoren in der Gebärmutter erforschte - chemische Anlegestellen, die überall in den Uteruszellen schwimmen und an denen die Progesteron-Moleküle festmachen können.
Baulieu, der seit 1970 bei Roussel-Uclaf als wissenschaftlicher Berater unter Vertrag stand, hatte die chemische Struktur der Progesteron-Docks aufgeklärt; nun lieferte ihm die Forschergruppe um Teutsch einen Wirkstoff, mit dem sich die Anlegestellen blockieren ließen. Der wortmächtige Baulieu beschwor das Management von Roussel, mit Hochdruck die Entwicklung einer Abtreibungspille voranzutreiben.
Dabei erinnerte Taktiker Baulieu das Firmen-Direktorium an eine Fehlentscheidung in den sechziger Jahren: Damals hatte das Unternehmen, mit Rücksicht auf katholische Proteste, auf die Produktion der damals neuen Antibaby-Pillen verzichtet und den rasch lukrativen Markt den Konkurrenten überlassen: "Dabei", so ärgert sich Firmenchef Edouard Sakiz, "ist die Verhütungspille heute gar nicht mehr kontrovers."
Diesmal stimmte die Unternehmensleitung zu; Baulieu bekam freie Hand: 1982 testete er RU 486 erstmals an elf Frauen, das vielversprechende Ergebnis präsentierte er der Presse - bei neun der Frauen habe kurz nach Einnahme des Wirkstoffs die Blutung eingesetzt, die Abtreibungen seien problemlos verlaufen. Bis zur Marktreife einer sicheren Abtreibungspille, ließ er wissen, sei es nun nicht mehr weit.
Vier Jahre später publizierte Roussel-Uclaf die erste größere Studie mit 100 Testpersonen. Bei 85 von ihnen war es zur komplikationslosen Abtreibung gekommen, 15 Frauen mußten anschließend nach der Absaugmethode behandelt werden. Als einzige störende Nebenwirkung nennt die Studie Blutungen, die stärker waren als die durchschnittliche Menstruationsblutung.
Zwei Jahre später war die Erfolgsrate auf 96 Prozent gestiegen. Den endgültigen Durchbruch hatte die Kombination des Anti-Progesterons mit Prostaglandinen gebracht; die Wehenhormone unterstützen die Abstoßung des Fötus. Beim Einsatz der Wirkstoffkombination hatten von 2115 behandelten Französinnen weniger als ein Prozent sehr heftige Blutverluste, nur eine einzige Patientin bedurfte einer Bluttransfusion.
Andere in der Untersuchung aufgeführte Nebenwirkungen wie etwa Schwindelgefühle oder schmerzhafte Krämpfe im Unterleib waren nach Ansicht der Wissenschaftler auf die Wirkung der Prostaglandine zurückzuführen. Anfangs hatten die Ärzte offenbar Schwierigkeiten, die Wehenauslöser individuell richtig zu dosieren.
Nach Tausenden von weiteren Tests in Frankreich, Großbritannien und Skandinavien beantragte Roussel-Uclaf die Marktzulassung für RU 486. Am 23. September 1988 gab die französische Regierung bekannt, daß die Pille in einem Netz von ausgewählten Kliniken für die Anwendung freigegeben sei. Unverzüglich begann Roussel-Uclaf mit der Auslieferung des Präparats.
Ebenso prompt startete die katholische Kirche Frankreichs einen Angriff auf die Hersteller. Der Erzbischof von Paris, Jean-Marie Kardinal Lustiger, verdammte RU 486 als Ausgeburt eines "rüden Liberalismus". Lustiger und seine Bischöfe organisierten einen Protestmarsch durch die Hauptstadt, Scharen Gläubiger entrüsteten sich lautstark vor dem Gesundheitsministerium und der Pariser Firmenzentrale von Roussel. Rund 300 katholische Ärzte artikulierten ihren Unmut in Schmähbriefen an das Unternehmen.
Obwohl die Kampagne rasch verebbte, nahm Roussel die Pille nach gut vier Wochen, am 26. Oktober, freiwillig wieder vom Markt - eine Entscheidung, die in der fünfköpfigen Unternehmensleitung mit nur einer Stimme Mehrheit getroffen wurde. Die Begründung, vorgetragen von der Firmensprecherin Arlette Geslin: "Wir wollten nicht in eine moralische Debatte gezogen werden."
Das war am gleichen Tag, an dem sich im fernen Rio de Janeiro einige Tausend Gynäkologen und Geburtshelfer zu einem Weltkongreß versammelt hatten. Die Nachricht vom Rückzieher des französischen Pillenherstellers verwandelte die internationale Fachtagung in ein Tribunal.
In Petitionen, die von nahezu allen Kongreßteilnehmern unterzeichnet wurden, forderte die Versammlung eine sofortige Revision des Roussel-Entscheids. Der Beschluß, zürnte die französische Ärztin Annie Bureau, beraube "die Frauen der Wohltaten des wissenschaftlichen Fortschritts". Baulieu, gleichfalls in Rio zur Stelle, verurteilte die Rückzugsentscheidung seiner Arbeitgeber als "moralischen Skandal".
Schon zwei Tage darauf, am 28. Oktober, befahl Frankreichs Gesundheitsminister Evin - "in Sorge um die öffentliche Gesundheit und in Anbetracht dessen, was diese Pille für die Frauen bedeutet" - RU 486 in die Kliniken seines Landes zurück. Als Druckmittel diente dem Minister ein Gesetz, das die Regierung ermächtigt, in Notfällen die Lizenz zur Herstellung eines Medikaments von einer Firma auf eine andere zu übertragen. Roussel-Uclaf, überdies zu 36 Prozent im Besitz des französischen Staates, kapitulierte und nahm die Lieferung wieder auf.
Seither herrscht Waffenstillstand im Pillenkrieg, jedenfalls in Frankreich. In den Kliniken - nur dort dürfen nach französischem Gesetz Abtreibungen vorgenommen werden - hat sich ein mehrstufiges Behandlungsprogramm durchgesetzt und bewährt, bei dem die Frauen insgesamt viermal zur Untersuchung und (durchweg ambulanten) Behandlung mit RU 486 ins Krankenhaus kommen.
Beim ersten Besuch wird das Stadium der Schwangerschaft ermittelt, falls nötig folgen Bluttests und andere Untersuchungen des Gesundheitszustands. Zugleich werden die Frauen über die zur Wahl stehenden Abtreibungsalternativen - Pille oder Absaugmethode - ausführlich unterrichtet.
Entscheidet sich die Frau für die Pille, so wird ihr beim zweiten Klinikbesuch, nach einer Woche, das Präparat unter ärztlicher Aufsicht verabreicht. Am Tag darauf werden der Patientin Prostaglandine injiziert, die Gebärmutter-Kontraktionen auslösen - innerhalb der folgenden drei Stunden wird die Leibesfrucht im Normalfall abgestoßen.
Es folgt, nach einer weiteren Woche, ein letzter Krankenhaustermin zur Nachuntersuchung; diesmal ist auch ein Sozialarbeiter zugegen, der die psychische Verfassung der Patientin begutachtet. Kaum eine der Frauen, die sich zur Abtreibung mit RU 486 entschlossen hatten, bereute später ihre Wahl - das geht aus inzwischen vorliegenden Untersuchungen französischer Mediziner hervor.
"Weniger traumatisch", "sanft", "fast natürlich" - so etwa beschreiben viele von ihnen das Erlebnis des pharmazeutischen Schwangerschaftsabbruchs. Manche betonen die größere "Selbstkontrolle" und "Eigenverantwortung". Sie fühlen sich den Ärzten weniger ausgeliefert als bei den chirurgischen Abtreibungsmethoden. Nicht wenige allerdings empfinden das Gefühl gesteigerter Selbstbestimmung auch als zusätzliche seelische Belastung.
"Ich hätte es vorgezogen, wenn ein Arzt die komplette Verantwortung für das Ganze übernommen hätte": So umschrieb, stellvertretend für andere Frauen, eine Französin ihr Unbehagen an der Pillen-Prozedur, die sich zudem über Tage hinstreckt; auch die Dauer des Vorgangs stört manche Patientinnen, die den kurzen, unter Narkose absolvierten chirurgischen Eingriff vorziehen.
In mehr als 30 Prozent aller Abtreibungsfälle votieren französische Frauen inzwischen für die Roussel-Methode - eine Wahlfreiheit, die exklusiv bleibt: Frauen aus den Nachbarländern haben keine Chancen, in Frankreichs Kliniken mit RU 486 behandelt zu werden; dort sind, laut Gesetz, Abtreibungen nur bei französischen Staatsbürgerinnen erlaubt und bei Frauen, die sich mindestens drei Monate ohne Unterbrechung im Lande aufgehalten haben.
RU 486 hat die Abtreibungspraxis in Frankreich inzwischen augenfällig verändert: Entspannt geht es zu in der Abteilung "Orthogenie" des Pariser Klinikums Broussais, das die Pille schon 1984 als erste französische Klinik erprobt und die umfassendsten Erfahrungen mit der neuen Methode gesammelt hat.
Im hellen, mit Blumen und Grünpflanzen geschmückten Wartezimmer sitzen dort junge Frauen, begleitet vom Freund oder von einer Freundin; einige haben ihre Kinder mitgebracht, die nicht allein zu Hause bleiben sollten.
Virginie, 24, Finanzmaklerin, hatte sich, als sie das erste Mal den mit der Trikolore beflaggten Backsteinbau des Klinikums betrat, "auf eine kalte, düstere Atmosphäre gefaßt gemacht". Doch Ärzte und Krankenschwestern vermittelten der Abtreibungswilligen "nie das Gefühl, schuldig zu sein".
Die freundliche Krankenschwester Christiane Der Andreassian, Mutter von zwei Kindern, trägt wie ihre Kolleginnen ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck "Elles assurent" - "sie geben Sicherheit". Das tun sie wirklich, bestätigt Virginie, die von ihrem spanischen Freund ein Kind erwartet. Der Freund lebt in Barcelona - ein Kind aufzuziehen, allein in Paris, das traut sich Virginie nicht zu.
In einer Nierenschale im Nebenraum liegt das, was sich laut Schwester Christiane "zu viele Leute als ein richtiges Baby vorstellen": ein flaches, zwei Zentimeter messendes Häuflein Gallert, ein 30 Tage alter Fötus.
"Abtreibung ist immer ein moralisches Problem", sagt Elisabeth Aubeny, leitende Gynäkologin an der Abteilung Orthogenie. Stets gebe es "einen Widerspruch zwischen den Interessen, denen des Embryos, der die Möglichkeit einer menschlichen Person darstellt, und denen der Frauen". Dieses Dilemma, berichtet die Ärztin, sei allen ihren Patientinnen bewußt.
Verringern lasse sich dieser moralische Zwiespalt am ehesten durch den Eingriff in einem möglichst frühen Stadium der Schwangerschaft - und gerade dabei sei die Pille hilfreich, die im Gegensatz zur Absaugmethode den Abbruch schon wenige Tage nach der Empfängnis ermögliche. "Deshalb glauben wir", erklärt Gynäkologin Aubeny, "daß RU 486 auch ethisch einen Schritt vorwärts bedeutet." Zu Anfang, erinnert sich die Ärztin, habe es vielerlei Vorurteile gegen die Roussel-Methode gegeben. Die Pille, so habe es geheißen, mache "den Frauen die Entscheidung zu leicht". Doch seit Einführung von RU 486 sei die Zahl der Abtreibungen am Klinikum Broussais nicht gestiegen. "Abtreibungen werden nur häufiger zu einem früheren Zeitpunkt vorgenommen."
Ernste Komplikationen hat es an der Klinik bislang nur dreimal gegeben, Herzanfälle, die nach der Injektion des wehenfördernden Prostaglandins eintraten. Seither werden Frauen, die stark rauchen oder älter als 35 sind, zur Pillen-Abtreibung nicht mehr zugelassen.
Auch wird die Prostaglandingabe mittlerweile nicht mehr injiziert, sondern ebenfalls in Pillenform verabreicht - was die Prozedur einfacher und obendrein noch erheblich billiger macht: Die Spritze mit dem Prostaglandin-Präparat "Sulproston", einem Erzeugnis der deutschen Firma Schering, kostet 100 Francs, die Tablette dagegen nur vier Francs.
Im übrigen ist auch am Klinikum Broussais die Liberalität nicht grenzenlos. Wer zum zweiten Mal mit einer ungewollten Schwangerschaft in die Abtreibungspraxis kommt, wird erst einmal zu der Psychiaterin Guite Guerin geschickt; sie soll herausfinden, welche Probleme die Schwangere mit der Verhütung hat.
Klare Rechtsverhältnisse und streng kontrollierte Anwendungspraktiken wie in Frankreich, getragen vom obligaten "gesellschaftlichen Konsens" - das sind, wie Hoechst erklärt, die Grundvoraussetzungen für die Freigabe von RU 486. Hinter dem Ordnungsdenken der Konzernstrategen rumort spürbar die Angst, bedrängte Frauen, denen eine legale Abtreibung verweigert wurde, könnten sich der Pille womöglich auf eigene Faust bemächtigen.
Die Pille, gibt Hoechst-Abteilungsleiter Geursen zu bedenken, berge "ein gewaltiges Fehlbenutzungspotential, schließlich treibt die Frau künftig selber ab". Geursens Horrorvorstellung: "Malen Sie sich mal aus, was passiert, wenn demnächst am Hauptbahnhof eine tote Frau gefunden wird, die nach unkontrollierter Einnahme des Präparats verblutet ist!"
Nur ein "geschlossenes, sicheres Vertriebsnetz" kann nach Ansicht des Hoechst-Managers verhindern, daß RU 486 zu einem potentiell ähnlich gefährlichen Abtreibungsmittel wird, wie es bis in die jüngere Vergangenheit die Stricknadeln oder Quecksilberspülungen verzweifelter Frauen gewesen sind. Ein hinlänglich sicheres, jeden Mißbrauch ausschließendes Vertriebssystem, behauptet Geursen, könne derzeit in Deutschland überhaupt nicht installiert werden. Würde RU 486 dort zugelassen, so wäre es laut Geursen wegen der geltenden "Therapiefreiheit" fortan jedem Arzt gestattet, das Präparat zu verschreiben - die Pillen-Vergabe wäre kaum zu kontrollieren.
In Wahrheit ließe sich eine unüberwachte Verteilung der Pillen auch in Deutschland leicht verhindern: So könnte das Bundesgesundheitsamt, im Einvernehmen mit der Herstellerfirma, eine "beschränkte Zulassung" für RU 486 aussprechen, in der die Modalitäten der Anwendung, etwa nach französischem Vorbild, festgelegt würden.
Nach diesem längst bewährten Verfahren wurden auch früher schon Medikamente auf den deutschen Markt gebracht, die nur mit besonderer Sorgfalt und unter ärztlicher Aufsicht angewandt werden sollen. Doch was bisher als Maximalschutz vor Mißbrauch stets ausreichte, genügt Hoechst im Fall der Abtreibungspille nicht.
Bei so hochgespannten Sicherheitsansprüchen können nur wenige Länder erwarten, von Hoechst mit der Pille beliefert zu werden - arme Länder der Dritten Welt schon gar nicht, denen es überdeutlich an der von Hoechst geforderten "entwickelten medizinischen Infrastruktur" fehlt. Doch gerade den Entwicklungsländern, in denen jede Operation zum Lebensrisiko werden könne, so fordert Baulieu, müsse das Präparat rasch zugänglich gemacht werden.
Daß es in den Elendsregionen Afrikas, Asiens und Südamerikas "Mißbrauch und Zwischenfälle mit RU 486" geben dürfte, damit rechnet auch Baulieu. Aber, so glaubt er, "im Vergleich zur gegenwärtigen tragischen Situation mit jährlich weltweit 150 000 Abtreibungstoten und ungezählten Infektionen" nach verpfuschten Eingriffen könne eine nichtchirurgische Methode nur ein Fortschritt sein bei der Lösung eines riesigen Gesundheitsproblems.
In Frankreich ist dieses Problem schon so gut wie gelöst. Dort ist die Zahl der Frauen, die an den Folgen einer Abtreibung sterben, in den letzten Jahren fast auf Null gesunken. Noch um 1970 waren in eine einzige Pariser Klinik, ein großes Reanimationszentrum, alljährlich 110 Frauen nach heimlichen Abtreibungen mit schweren Verletzungen eingeliefert worden; rund 30 Todesfälle pro Jahr waren die Regel. Inzwischen, so berichten die Ärzte, kommen illegale Abtreibungen kaum noch vor.
Mit seiner Werbung für die Pillen-Freigabe, die er in Interviews, Vorträgen und Artikeln unermüdlich verbreitet, setzte Baulieu die Hoechst AG und ihre französische Tochterfirma immer wieder unter Druck. Anfangs hatte Hoechst, offenbar inspiriert vom deutschen Einigungsprozeß, einen "Runden Tisch" geplant, an dem "gesellschaftlich relevante Gruppen" das heikle Thema friedlich diskutieren sollten.
Dann aber hatte die Firma die Veranstalterrolle einer ominösen "Gesellschaft für Ethik, Bildung und Management" (GEM) in Hildesheim (jetzt Goslar) übertragen. Die lud Philosophen, Moraltheologen und Organisationen wie "Pro Familia" zur Debatte ein.
Das Ergebnis faßte die Ethik-Gesellschaft in einer Denkschrift zusammen, die Hoechst ebenso strikt unter Verschluß hält wie die umstrittene Abtreibungspille.
Was in dem GEM-Werk, einem dicken Wälzer, zusammengefaßt wird, hat die Hoechst-Chefs tief verstört und zu der Überzeugung gebracht, eine Zulassung von RU 486 in Deutschland sei "im Augenblick völlig indiskutabel". Vor allem der kompromißlose Widerstand kirchlicher Pillenfeinde scheint die Konzernherren eingeschüchtert zu haben.
Dabei hatte die katholische Kirche einst, in den alten Zeiten wahllos pfuschender Engelmacher, die Sündenlast einer Abtreibung keineswegs sonderlich hoch bewertet. Schutzwürdig, so das Urteil der Kirchenlehrer, sei ein Embryo erst, wenn er "beseelt" werde - was einem männlichen Fötus 40 Tage, einem weiblichen 80 Tage nach der Empfängnis widerfahre.
Erst als im 19. Jahrhundert dank medizinischer Fortschritte das Abtreibungsrisiko für die Frauen zu sinken begann, erklärte die Kirche das keimende Leben vom Moment der Zeugung an für sakrosankt. Diesen Radikalstandpunkt, den Papst Pius IX. 1869 zur offiziellen Glaubensrichtlinie erhob, verteidigten die Kirchenmänner seither mit wachsendem Eifer.
Daß sich die römischen Religionswächter kampflos mit der Abtreibungspille abfinden werden, kann Hoechst nicht hoffen. Speziell in Deutschland und Italien führt die Geistlichkeit einen exorzistischen Feldzug gegen das Präparat: "Noch raffinierter als bei der bisherigen Abtreibung", so wettert ein "Kreis katholischer Priester" in Abtsteinach gegen die "Tötungspille", werde künftig der "Mutterschoß zum Friedhof der eigenen Kinder" gemacht.
Doch auch die Gegenseite macht mobil. "Vehement" will "Pro Familia" dafür streiten, "daß die Pille auch hier auf den Markt kommt". Besonders erbost sind "Pro-Familia"-Frauen, "daß die Debatte so scheinheilig geführt wird". Weshalb, fragt eine von ihnen, poche Hoechst in der Pillenfrage so beharrlich auf den "gesellschaftlichen Konsens", um den sich die Firma bei der gleichfalls umstrittenen Gentechnik nie auch nur einen Deut geschert habe?
Allerdings, auf laute Kampagnen haben die Pillen-Befürworter bislang verzichtet. Damit wollen sie warten, bis der gegenwärtig noch tobende Streit um ein neues, gesamtdeutsches Abtreibungsrecht beendet ist; derzeit, glauben sie, würde ein zusätzlicher Krach um RU 486 eher Schaden anrichten.
Unterdessen können die Liberalen Pluspunkte sammeln: Der Kritik an Hoechst haben sich mittlerweile auch viele Mediziner angeschlossen, Forscher vor allem, die das Anti-Progesteron von Roussel für ein vielversprechendes Heilmittel halten.
Bei einer Vielzahl von Leiden, so bei Aids und Krebs oder dem sogenannten Cushing-Syndrom, einer auf Hormonstörungen beruhenden Krankheit, könnten nach Ansicht der Wissenschaftler mit Hilfe des Pillen-Wirkstoffs demnächst Therapiefortschritte erreicht werden. Mit ihrer restriktiven Firmenpolitik, so klagen etwa drei US-Mediziner im Journal of the American Medical Association, bremse die Hoechst AG vielerlei Untersuchungen: "Über den Wert von RU 486", fordern die Autoren, müsse in der "klinischen Arena", nicht aber im ideologischen Streit entschieden werden.
Hoechst, so konstatiert die hessische Gesundheitsministerin Iris Blaul, habe einen "Kniefall vor allen Abtreibungsgegnern" gemacht - doch wahrscheinlich vergebens: "Die Pille", schätzt die Grüne, "läßt sich nicht mehr stoppen, nachdem sie einmal erfunden ist."
Auf längere Sicht verhalte sich das Hoechst-Management geschäftsschädigend: "Ich könnte mir vorstellen", so die Ministerin, "daß bald eine Kopie von RU 486 auf den Markt kommt; angeblich arbeiten bulgarische Firmen schon daran."
Die Wahrheit liegt näher: Auch das Berliner Pharmaunternehmen Schering, führend in der Herstellung und Entwicklung von Hormonstoffen, hat inzwischen ein Anti-Progesteron-Präparat entwickelt, das bereits klinisch erprobt wird. Testen jedoch läßt die Firma nur die Anwendung des Medikaments zur Behandlung von Brustkrebs oder Endometriose, einer Wucherung der Gebärmutterschleimhaut. Für die "Indikation Abort", Abtreibungen also, ist das Mittel laut Schering "zur Zeit" nicht vorgesehen. Anfragen beantwortet die Firma nur mit lakonischen Fax-Botschaften. Firmenintern aber, weiß der Freiburger Gynäkologe Professor Meinert Breckwoldt, werde "auch im Hause Schering die Diskussion kontrovers geführt" - dem Vernehmen nach so heftig, daß sich das Unternehmen von einem seiner wertvollsten wissenschaftlichen Mitarbeiter trennte, dem Hormonforscher Walter Elger.
Dieser Hauskrach wirkt besonders absurd, weil Schering schon vor Jahren ein Medikament auf den Markt brachte, das eine ähnliche Wirkung erzielen soll wie RU 486: "Tetragynon", eine "Pille-danach", soll in den ersten drei Tagen nach der Zeugung eine Schwangerschaft unterbinden können.
Doch das Präparat, das im Erfolgsfall eine Abbruchblutung auslöst, ist äußerst unzuverlässig; seine Versagerquote liegt in der Nähe von 50 Prozent. Obendrein verursacht es bei vielen Frauen Übelkeit bis zum Erbrechen, Mängel, die bei der Anti-Progesteron-Pille nicht beobachtet werden - sie kann, ohne Prostaglandin-Beigabe, gleichfalls als "Pilledanach" eingesetzt werden.
Bis auf weiteres aber mauert Schering so konsequent wie Hoechst. Doch sicher ist, daß beide Firmen dabei den gigantischen Pillenbedarf nicht aus dem Blick verlieren. Schätzungen zufolge liegt die Zahl der Abtreibungen in aller Welt zwischen 40 und 60 Millionen jährlich.
Doch andererseits: Rund 25 Prozent der Weltbevölkerung unterliegen, wie Schering in einem Presse-Info verbreitet, in ihrer Heimat einer restriktiven Gesetzgebung, die Abtreibungen nur bei Lebensgefahr für die Schwangere oder überhaupt nicht erlaubt - so etwa in den katholischen Ländern Südamerikas oder den islamischen Staaten.
Dort würde, wie Experten auch der WHO befürchten, womöglich ein Schwarzmarkt für die Hormonpräparate entstehen. Dann, schwant den Herstellern, könnte der Pillenstreit gleichsam globale Ausmaße annehmen.
In Europa hat der Siegeszug der Pille schon begonnen. Seit Mitte September steht sie Großbritanniens Frauen zur Verfügung, vorerst in den Kliniken des "British Pregnancy Advisory Service", später auch in den Hospitälern des (kostenlosen) Nationalen Gesundheitsdienstes. Gegen die Zulassung von RU 486 durch die Regierung des Tory-Premiers John Major (zwei Kinder) gab es auch in Großbritannien Proteste, doch nur von Außenseitern. Die anglikanische Staatskirche - Oberhaupt: die Queen - reagierte maßvoll: Die Pille, erklärte Kirchensprecher Steve Jenkins gelassen, sei "nur eine unterschiedliche Art der Abtreibung, sie ändert nichts am moralischen Aspekt".
In der Schweiz ist RU 486 zwar nicht offiziell zugelassen; doch steht es jedem Arzt frei, die Pille privat zu importieren. Wendet er sie an, so verstößt er nicht gegen geltendes Recht. Nach Auskunft des schweizerischen Bundesamtes für Gesundheitswesen ist es so gut wie sicher, daß es "in den grenznahen Gebieten Ärzte gibt, die RU 486 verwenden".
In Schweden schließlich hat das Arzneimittelamt für den Fall, daß ein Antrag gestellt wird, schon im voraus die unverzügliche Zulassung der Abtreibungspille angekündigt - eine bislang einmalige Blanko-Genehmigung.
Mit zunehmender Verbreitung, hofft Vorkämpfer Baulieu, werde die Pille schließlich eine gleichsam "kritische Masse" erreichen und weltweit nicht mehr aufzuhalten sein. Das jedoch hänge von der "Hauptfrage" ab: "Wann und unter welchen Bedingungen wird RU 486 den Weg in die USA finden?"
Dort haben die militanten Anhänger der "Right-to-Life"-Bewegung eine Art "sozialen Bürgerkrieg" (so der US-Publizist Lawrence Lader) gegen Abtreibungskliniken entfesselt. Kampfziel der Aktivisten, die in den letzten Jahren rund 250 Kliniken und Praxen verwüstet haben, ist eine Revision des bislang liberalen Abtreibungsrechts.
Im Juni 1989 genehmigte die US-Arzneimittelbehörde FDA die Einfuhr von RU 486 zu Forschungszwecken. Seither kämpfen die Abtreibungsgegner erbittert gegen Kongreßabgeordnete und Mediziner, die sich für eine Marktzulassung der Roussel-Pille einsetzen. Doch die Befürworter, urteilt die Zeitschrift The American Spectator, seien bislang weniger am Widerstand der "Right-to-Life"-Fanatiker gescheitert als vielmehr am Zögern der Hoechst AG, einen Zulassungsantrag zu stellen - die Firma fürchte einen Boykott der Hoechst-Produkte in den USA.
Und in Deutschland? Am liebsten wäre es Hoechst, wenn hier, wie zuvor in Frankreich, der Staat ein Machtwort sprechen und damit die Verantwortung für die Auslieferung der Pille übernehmen würde.
Geradezu flehentlich verlangt die Firma nach einem "ausdrücklichen Wunsch auf Zulassung" von RU 486 - "beispielsweise in Form von schriftlichen Aufforderungen einer repräsentativen, verantwortlichen Instanz eines Landes, wie sie Regierungs- oder Gesundheitsbehörden darstellen".
Damit ist im Lande Helmut Kohls und seiner Christdemokraten kaum zu rechnen. Auch das Bundesgesundheitsamt in Berlin sieht sich in Sachen RU 486 "nicht unter Handlungszwang".
Professor Baulieu, nimmermüder Propagandist des Roussel-Produkts, gibt Deutschland dennoch nicht verloren. Nach der Freigabe in Frankreich und Großbritannien, meint er, werde es zunehmend "schwierig sein, den deutschen Frauen RU 486 weiterhin vorzuenthalten".
"Mit der Integration Europas nach 1992", prophezeit Baulieu, "dürfte sich die Lage ändern. Dann wird schnell Bewegung in die Sache kommen." o
* Im Hopital Broussais, Paris. * Am Werkstor der Herstellerfirma Roussel-Uclaf.

DER SPIEGEL 39/1991
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