23.09.1991

„Neue Freiheit für die Frauen“

SPIEGEL: Herr Professor Baulieu, hat sich die Hormonpille RU 486 nach fast vier Jahren Anwendung bewährt?
BAULIEU: Ja. Die Ergebnisse in Frankreich sind für Ärzte wie Patienten sehr zufriedenstellend.
SPIEGEL: Wie fühlen Sie sich, als Erfinder von RU 486, angesichts der grimmigen Attacken gegen die von Gegnern so genannte "Todespille"?
BAULIEU: Ich bin Wissenschaftler und arbeite an vielen anderen Dingen, ich mache Grundlagenforschung, etwa über das Gehirn, über die Funktionsmechanismen der Hormone, und diese Pille ist im Grunde nur ein Nebenprodukt. Die Kämpfe um RU 486 haben mich nicht sehr erschüttert, weil bewiesen ist, daß diese Methode sehr gut funktioniert und sicher ist; außerdem habe ich die Wissenschaftler und Mediziner auf meiner Seite. Die Kritiker waren und sind meist Fanatiker, die bei den Leuten Emotionen schüren.
SPIEGEL: Wäre es nicht sinnvoller, statt einer Abtreibungspille noch zuverlässigere Verhütungstechniken zu entwickeln?
BAULIEU: Niemand mag die Abtreibung, aber unglücklicherweise kann die Kontrazeption niemals vollkommene Lösungen bieten. Es wird also immer zu einer gewissen Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen kommen. Wichtig ist, daß man die Schwangerschaft sehr früh abbrechen kann, das ist für die Frauen körperlich wie seelisch viel weniger belastend. Die Pille RU 486 wird aber auch Tausende von Todesfällen verhüten helfen, wie sie in den Entwicklungsländern nach mißglückten Abtreibungen an der Tagesordnung sind.
SPIEGEL: Warum wurde die umstrittene Pille ausgerechnet in Frankreich, einem katholischen Land, zuerst zugelassen?
BAULIEU: Wir haben ein Abtreibungsgesetz, das sehr gut ist, weil es zugleich streng und dabei doch sehr offen ist. Streng, weil die Abtreibung in Frankreich nach der 12. Woche verboten ist, eine Frau muß sich also frühzeitig entscheiden, je früher desto besser. Das Gesetz ist offen, weil immer die Frau die Wahl hat, es ist nicht der Arzt, der entscheidet. Wenn in Frankreich der Arzt nicht zustimmen will, was sein Recht ist, ist er verpflichtet, der Frau eine andere Adresse für ihren Schwangerschaftsabbruch zu nennen.
SPIEGEL: Bleibt aber der Druck, den etwa die Kirche ausübt.
BAULIEU: Es gibt in Frankreich inzwischen keinen Druck von seiten der Kirche mehr. Die Frauen haben nicht nur die freie Entscheidung, ob sie abbrechen wollen oder nicht, sie können jetzt auch zwischen der medikamentösen oder der chirurgischen Methode wählen.
SPIEGEL: In Deutschland und Italien hat die Kirche noch nicht resigniert.
BAULIEU: In Italien ist bei etwa gleichen gesetzlichen Voraussetzungen der Druck der Kirche äußerst stark. Der Vatikan wütet geradezu gegen die Pille, es gibt Beispiele dafür, wie kirchliche Kreise sogar die Zulassung völlig anderer Medikamente des RU-486-Herstellers Roussel-Uclaf hintertreiben, etwa im Falle eines neuen Antibiotikums. Im katholischen Spanien dagegen hat der Gesundheitsminister bereits offiziell bei Roussel wegen RU 486 angefragt.
SPIEGEL: Ist die wissenschaftliche Entwicklung der Abtreibungspille abgeschlossen?
BAULIEU: An der RU 486 haben wir noch viel zu arbeiten, was die molekulare oder auch die intrazelluläre Wirkweise betrifft. Das Medikament bietet nicht nur eine Behandlungsmöglichkeit bei ungewollter Schwangerschaft, es ist auch ein Instrument für die allgemeine Hormonforschung. Wir erkunden auch andere Anwendungsbereiche, etwa zur Einleitung schwieriger Geburten, aber auch bei der Endometriose, krankhaften Schleimhautwucherungen der Gebärmutter. Weitere Anwendungsmöglichkeiten deuten sich auf dem Gebiet der Hautverbrennungen an.
SPIEGEL: Kann es sein, daß die medikamentöse Abtreibung die chirurgische Methode künftig vollständig ersetzen wird?
BAULIEU: Ärzte wie Patienten sollten immer zwischen mehreren Möglichkeiten wählen können. Was die Abtreibung betrifft, so ist sie mit RU 486 für die allermeisten Frauen wesentlich einfacher und angenehmer als die chirurgische Methode. Es gibt aber auch Frauen, die lieber die Augen zumachen und nicht wissen wollen, was da geschieht. Ich glaube, das Verhältnis ist etwa zwei zu eins.
SPIEGEL: Gibt es Studien über die seelischen Auswirkungen der Abtreibung mit RU 486?
BAULIEU: Es gibt noch keine systematischen Untersuchungen, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Aber man kann sagen, daß 90 Prozent der Frauen, die RU 486 genommen haben und die Anwendung mit einem chirurgischen Abbruch vergleichen können, in der gleichen Situation sich wiederum für die Abtreibungspille entscheiden würden.
SPIEGEL: Wie beurteilen Sie die Haltung der deutschen Hoechst AG, RU 486 im eigenen Land nicht auf den Markt zu bringen?
BAULIEU: Ich bin mit der Position von Hoechst überhaupt nicht einverstanden, es wäre die Pflicht des Konzerns, ein von Ärzten gefordertes Medikament auch zur Verfügung zu stellen. Für die Ablehnung gibt es zweierlei Gründe, geschäftliche und historische: Vor einem Boykott, der ihr angedroht wird, braucht die Firma sicher keine Angst zu haben. In Deutschland allerdings befürchtet Hoechst, als Nachfolgerin von I.G. Farben mit der üblen Nazi-Vergangenheit in Zusammenhang gebracht zu werden, etwa mit der Herstellung von KZ-Vernichtungsgas.
SPIEGEL: Haben Frauen in den beteiligten Firmen bei den Entscheidungen mitgewirkt?
BAULIEU: Gräßlich ist bei den Amerikanern wie den Deutschen, daß alle Leute in den Vorständen der Firmen Männer sind, die ja selber das Dilemma ungewollter Schwangerschaften nicht erleiden können; dabei handelt es sich bei RU 486 um ein Produkt für Frauen, und die Frauen müßten mitentscheiden. Nach der Wiedervereinigung der beiden Deutschlands stellt sich für mich die Frage, ob die neugewonnene Freiheit sich für die Frauen auch auf diesem Gebiet durchsetzen wird oder ob es einen Rückschritt geben wird; das wäre wirklich ein historischer Fehler. Die Frauen sollten sich artikulieren und ihre Entscheidungsfreiheit verlangen. Diese Art, ein Medikament zurückzuhalten, ist eine Manifestation von männlichem Chauvinismus.
SPIEGEL: Wie lange, glauben Sie, wird die Firma Hoechst ihren Widerstand noch durchhalten können?
BAULIEU: Man kann die Entwicklung sinnvoller Fortschritte nicht aufhalten, das ist lächerlich. Das erinnert an die Konservativen in Moskau, denen man ihre Haltung nicht verzeihen wird. Hoechst wird es ähnlich gehen.

DER SPIEGEL 39/1991
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