23.09.1991

FriedensbewegungVon den Beinen

Der Bürgerkrieg in Jugoslawien verwirrt die Friedensbewegung: Es gibt kein klares Feindbild.
Die Uhrzeit ist symbolträchtig, der Platz gut gewählt. Trotzdem erscheinen, immer montags fünf vor zwölf, höchstens 15 Aktivisten zur Mahnwache vor der jugoslawischen Botschaft in Bonn-Mehlem, zu der die "Initiative für Internationalen Ausgleich und Sicherheit" (Ifias) aufgerufen hat.
Mehr Leute kommen auch nicht, wenn die kirchliche Friedensgruppe "Ohne Rüstung Leben" zu Mahnaktionen vor das Stuttgarter Schloß bittet. Selbst bei den "Frauen für den Frieden", die sich sonnabends an der Berliner Gedächtniskirche treffen, um "Frieden für alle Nationalitäten in Jugoslawien" zu fordern, hält sich der Auflauf sehr in Grenzen. Gerade mal zehn Friedenskämpferinnen sammeln dann Unterschriften.
In den meisten deutschen Städten läuft noch weniger. Während im Südosten Europas der Krieg der Balkan-Völker schon weit mehr als tausend Tote gekostet hat, ist die deutsche Friedensbewegung, einst die größte in Europa, stumm.
"Da ist ganz wenig", gibt Manfred Stenner zu, Funktionär beim "Netzwerk Friedenskooperative", der Nachfolgeorganisation des vormals mächtigen "Koordinationsausschusses der Friedensbewegung" in Bonn. Eine "ausgesprochene Schlappheit" der Friedensszene beklagt auch Ifias-Sprecher Gerd Greune. Größere Demonstrationen wie noch im Juni, als beispielsweise in Stuttgart Tausende Kroaten, Mazedonier, Slowenen und Deutsche gemeinsam für den Frieden auf die Straße gingen, gibt es seit Monaten nicht mehr.
An Erklärungen, woher die Baisse in der Bewegung kommt, mangelt es nicht. Nun stelle sich heraus, meint Friedrich Bohl, noch Geschäftsführer der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion und demnächst Chef im Kanzleramt, daß die Demonstranten gegen den Golfkrieg nur "benutzt wurden", um in Wahrheit gegen die USA und die "Verteidigung von Freiheit" zu agitieren. Ginge es auf dem Balkan "gegen den Weltpolizisten USA", höhnte auch die rechte Frankfurter Allgemeine, "da wäre man sogleich auf der Straße".
Selbst Linke aus der guten alten Apo-Zeit machen sich über das Schweigen der Friedensbewegung lustig. Christian Semler, 52, einst SDS-Stratege und militanter Vietnamkriegsgegner, verspottete in der alternativen Tageszeitung "die empfindsamen Seelen" der Pazifisten, "deren menschliche Betroffenheit sich an- und abschaltet wie ein Thermostat".
Die Veteranen der Friedensbewegung machen die allgemeine Verwirrung für ihre lasche Haltung verantwortlich. Eine "absolut neue Situation" in einer Welt, die sich neu ordnet, sagt Klaus Vack, 56, vom "Komitee für Grundrechte und Demokratie", habe die traditionelle Friedensbewegung "völlig von den Beinen gehauen".
Vor allem die von Nationalchauvinismus durchsetzten Bestrebungen um Unabhängigkeit im Osten - nicht nur in Jugoslawien, sondern auch in der Sowjetunion - bringen die Welt der Pazis durcheinander. Wohl herrscht in der Szene Einigkeit darüber, daß der Krieg kein Mittel der Politik sein darf. Doch die moralische Erkenntnis allein setzt noch keine Protestmassen in Marsch. "Uns fehlt der Adressat", weiß Friedensfunktionär Stenner.
Der Bewegung sind die liebgewonnenen Feindbilder abhanden gekommen. Es sei, so Stenner, "nicht leicht, Partei zu ergreifen", selbst das offenbar malträtierte Kroatien sei "unter friedenspolitischen Gesichtspunkten nicht astrein". Bei ihm in Bonn riefen ratlose Friedensgruppen an, um zu fragen: "Was sollen wir denn machen?"
"Am liebsten verdrängen" würde Hildegard von Meier von den Berliner "Frauen für den Frieden" den Krieg im Südosten, auf den sie "kaum reagieren" könne, "uns tobt der Golfkrieg noch im Körper". Außerdem hätten die Berlinerinnen genug mit den "deutschen Trümmern" der Einheit zu tun, von den undurchschaubaren Konflikten in der Sowjetunion ganz zu schweigen.
Doch ganz tatenlos sehen die deutschen Pazifisten nicht zu. Vacks Komitee unterstützt Antikriegsgruppen in Jugoslawien, die, laut Vack, "sich in zunehmendem Maße einmischen". Die Friedensfrauen sammeln Geld für "Frauenfriedensfaxe" - zur Verbesserung der Telekommunikation zwischen den seit Wochen demonstrierenden "Müttern von Sarajevo" und anderen Friedensinitiativen.
Und der Mindener "Bund für Soziale Verteidigung" stellt dem slowenischen "Zentrum für die Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit" aus den eigenen Reihen "Friedenstrainer" zur Verfügung, die Journalisten und Politikern die Grundbegriffe "gewaltfreier Friedensfähigkeit" beibringen sollen.
Anfang dieser Woche startet, mit deutscher Beteiligung, eine europäische "Friedenskarawane" zu einer Tour durch Jugoslawien, um vor Ort "Solidarität mit den Menschen der Völker Jugoslawiens" zu üben. Veranstalter ist die Helsinki-Bürgerversammlung, eine Art KSZE von unten, zu deren Gründern der tschechoslowakische Staatspräsident Vaclav Havel gehört.
"Überwältigend" sei in der Bundesrepublik das Echo auf Spendenaufrufe für diese Karawane gewesen, rühmt Klaus Vack: "Wir fahren mit einem dicken Koffer Geld runter." _(* 1988 bei einer Protestdemonstration ) _(gegen Tiefflüge. )
Friedensfunktionär Vack*: "Absolut neue Situation"
Friedensfunktionär Stenner "Uns fehlt der Adressat"
* 1988 bei einer Protestdemonstration gegen Tiefflüge.

DER SPIEGEL 39/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Friedensbewegung:
Von den Beinen

  • Lieblingsfloskeln von Biden und Trump: "Come on " gegen "very special"
  • Hochwasser in Venedig: Feuerwehrvideos zeigen Ausmaß der Katastrophe
  • Vergeltung gegen Israel: Rakete aus Gaza schlägt neben Autobahn ein
  • Buschfeuer in Australien: Das Schlimmste steht noch bevor