21.10.1991

AutorenKulturnik 7423/91

War der DDR-Literat Sascha Anderson, Held der Prenzlauer-Berg-Szene, ein Stasi-Spitzel? Kollegen belasten ihn.
Wer ist "Sascha Arschloch"? So fragen sich jetzt deutsche Schriftsteller und etliche ihrer passionierten Nicht-Leser.
Die Antwort gibt der Hamburger Liedermacher Wolf Biermann, 54, Ex-DDR-Bürger und gerade erst vom Linksrebellen zum erotomanen Frotzelkönig mit Büchner-Preis-Krone mutiert.
Im Manuskript seiner Darmstädter Dankrede an die für den Preis zuständige "Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung" führte Biermann eine sehr unakademische Attacke auf die "Oppositionsgruppen" der DDR im allgemeinen ("von Stasi-Metastasen zerfressen") und auf den Dichter und Ex-DDR-Bürger Sascha Anderson im besonderen.
Knapp und kotzig wird Anderson da gescholten als "der unbegabte Schwätzer Sascha Arschloch, ein Stasi-Spitzel, der immer noch cool den Musensohn spielt und hofft, daß seine Akten nie auftauchen". Ein schwerer Vorwurf. Vorausgesetzt, er trifft zu, so wäre dies nicht nur das Ende einer literarischen Karriere, sondern auch der Totenschein für einen Mythos.
Anderson, 38, vom Schriftsetzer über den Rock-Musiker zum Lyriker aufgestiegen, mit vier Veröffentlichungen im Berliner Rotbuch-Verlag, repräsentiert eine ganze Künstlerszene: Bis zu seiner Ausreise nach West-Berlin im Jahr 1986 galt er als "Zentralfigur der Subkultur vom Prenzlauer Berg" (Frankfurter Allgemeine) in Ost-Berlin.
Dort betreibt er heute zusammen mit Freunden den Galrev-Verlag und das Szene-Cafe Kiryl - die russisch klingenden Namen sind die rückwärts gelesenen Wörter "Verlag" und "Lyrik".
Der Protest, den die von Anderson organisierten Ausstellungen, Konzerte und Lesungen rund um den Prenzlauer Berg in den achtziger Jahren unter die Leute brachten, war längst nicht so offensiv wie jener der Biermann-Generation zehn Jahre vorher. Es ging nicht um direkte Kritik am Plattenbeton-Staat, eher um trotzige Staatsferne. Da kämpfte eine Spaß-und-Schmutz-Guerilla gegen realsozialistisches Spießbürgertum.
So erschien es auch kaum verwunderlich, wie Anderson 1986 seinen Wechsel von Ost nach West kommentierte: nicht politisch, sondern privat, sozusagen szenisch. Er nannte sich öffentlich einen "Nachzieher", der seinen Künstlerfreunden aus der DDR, etwa Ralf Kerbach und A. R. Penck, in den Westen gefolgt sei, um "durch mein Schreiben die Maler zu begleiten, die ich mag".
Der von Biermann erhobene Stasi-Verdacht gegenüber Anderson beschädigt einen ganzen Künstlerzirkel. Derselbe Anwurf ist in einem "Nachwort" enthalten, das Biermann für die in den nächsten Tagen erscheinende zweite Auflage seines Sammelbandes "Alle Lieder" verfaßt hat*. Fotokopien dieses Textes kursieren seit etwa zwei Wochen auch in Berlin. _(* Wolf Biermann: "Alle Lieder". Verlag ) _(Kiepenheuer & Witsch, Köln; 467 Seiten; ) _(29,80 Mark. )
Das Papier geht weiter als die Büchner-Preis-Rede - es gibt Andersons angebliche Registrier-Nummer als "Archivierter Inoffizieller Mitarbeiter" (AIM) der Staatssicherheit preis: _____" Die Stasi-Spitzel, so tönte der arrivierte Kulturnik " _____" A. in der oppositionellen Szene, lassen wir einfach links " _____" liegen! Kunststück, A. war selbst bei der Firma. Einfach " _____" gaarnich ingjurieren, sagt der Ignorant AIM 7423/91. " _____" Sascha Arschloch, ein traumloser Seiltänzer an der " _____" Stasi-Longe, erklärte den schmutzigen Bodenkampf gegen " _____" die DDR-Obrigkeit für beendet, ausgerechnet als der " _____" Streit endlich ingange kam. "
Biermann hat die Akte mit der Nummer nicht selbst gesehen, wie er zugibt. Er beruft sich auf einen Berliner Autor, der einst in der DDR inhaftiert und später in den Westen abgeschoben wurde. Dieser Autor behauptet, am Rand einer Stasi-Akte über einen anderen Regimegegner sei Anderson als Informant der Staatssicherheit unter jener Nummer vermerkt. Das habe er selbst gesehen.
Einer seiner besten Freunde, Adolf Endler, war, wie Anderson erzählt, der erste, der dem Beschuldigten drei Tage vor der Frankfurter Buchmesse bleich die böse Botschaft überbrachte, er werde als Spitzel verdächtigt.
Danach ist Anderson nicht mehr zur Ruhe gekommen. Er fühlt sich gejagt - fast wie zu alten Stasi-Zeiten. Vor allem die "oberflächliche Behandlung" dieser komplexen Materie, sagt er, "belastet mich ungeheuer".
Kann er hart dementieren? Wird er gegen Biermann gerichtlich vorgehen? Anderson reagiert seltsam: "Ich hatte nie den Drang zu Dementis", auch könnten gegen Biermanns "schlechten Charakter" keine Rechtsmittel helfen.
Und er räumt ein: "Es ist keine Kunst, bei der Stasi auf meinen Namen zu stoßen - sicherlich gibt es da Material über mich."
Auch nach seiner kurzen Inhaftierung im Jahr 1979 sei er ständig überwacht worden. Es gebe von ihm unterzeichnete Protokolle der zahlreichen Verhöre, die er über sich ergehen lassen mußte. "Aber auswertbare Informationen über andere habe ich niemals weitergegeben."
Mitte voriger Woche hat Anderson bei der Gauck-Behörde den Antrag gestellt, seine Stasi-Akten einsehen zu dürfen. Das Ergebnis will er dann "erst einmal unter Freunden diskutieren".
Diese Freunde gehen teilweise schon jetzt auf Distanz. Sarah Kirsch, die zu einem von Anderson produzierten bibliophilen "Wallenstein"-Buch, mit Illustrationen von Penck, einen Text beigesteuert hatte, bekannte vergangenen Donnerstag, diese Zusammenarbeit sei nun "endgültig vorbei", da sei sie mit ihren bespitzelten Freunden "solidarisch". o
* Wolf Biermann: "Alle Lieder". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 467 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 43/1991
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