23.09.1991

UnternehmenIm Kielwasser gesegelt

Konkurrenz belebt das Geschäft: Die Boss-Miteigentümer Jochen und Uwe Holy haben eine Textilfirma in der Schweiz aufgebaut.
Lieber heute als morgen, so beteuern die Brüder Jochen und Uwe Holy, würden sie in den Ruhestand gehen. Sie sind zwar beide erst um die 50, "aber nach über 20 Jahren harter Arbeit", so Jochen Holy, "will ich noch etwas vom Leben haben".
Das ist vielleicht nur verträumt-kokett, mit Sicherheit aber unrealistisch. Die Alteigentümer der Metzinger Bekleidungsfirma Boss werden sich auch weiterhin um ihre Firma kümmern müssen.
Die Holys sind nur noch Geschäftsführer sowie Minderheitsaktionäre bei Boss. Aber Sorgen haben sie reichlich.
Seit bekannt wurde, daß der Boss-Hauptaktionär Akira Akagi in Tokio verhaftet wurde, ist das einstige Vorzeigeunternehmen des deutschen Bekleidungsgewerbes wieder in den Schlagzeilen. Der gebürtige Koreaner soll mittels gefälschter Dokumente bei japanischen Banken Milliardenkredite erschwindelt haben. Mit einem Teil des Geldes kaufte er vor fast zwei Jahren den Holys knapp 63 Prozent der Boss-Aktien ab.
Die "privaten Probleme von Herrn Akira Akagi", so ließ die Firma Boss mitteilen, hätten "keinerlei Einfluß" auf die Geschäftspolitik der Firma. Aber die war in jüngster Zeit offenbar auch nicht allzu erfolgreich.
Bereits im vergangenen Jahr schrumpfte bei dem Bekleidungshersteller erstmals seit langem der Gewinn. Die Holys hatten sich beim Versuch, in den USA Fuß zu fassen, verkalkuliert.
Auch in der Führungsetage steht offenbar nicht alles zum besten. Seit die Boss-Brüder die Aktienmehrheit an ihrem Unternehmen ohne Wissen der übrigen Vorstandsmitglieder an Akagi verkauften, ist Bewegung ins Management gekommen. Innerhalb zweier Jahre ging nahezu die komplette Führungsmannschaft - mit Ausnahme der Holys.
Kunden, Lieferanten und viele Boss-Mitarbeiter sähen es am liebsten, wenn die Holys ihre Anteile von Akagi zurückkaufen würden. Doch Jochen Holy, stellvertretender Vorstandschef, will davon nichts wissen.
Die Zurückhaltung der Boss-Brüder ist verständlich. Die geschäftstüchtigen Schwaben haben ihr Geld längst anderweitig gewinnbringend angelegt.
In aller Stille haben die Holys in den vergangenen Jahren im schweizerischen Kreuzlingen bei Konstanz ein Konkurrenzunternehmen zu Boss aufgebaut - die Konfektionsfirma Strellson. Das Textilunternehmen (100 Millionen Mark Umsatz, 450 Beschäftigte) fertigt wie die Firma Boss Anzüge, Mäntel und Sakkos ausschließlich für Männer.
Auch die Großabnehmer sind häufig dieselben. Allerdings produziert Strellson im Gegensatz zu Boss auch unter fremdem Namen.
Offiziell haben die Firmen wenig miteinander zu tun. Strellson gehört den Holys. Bei Boss hingegen müssen sie zahlreichen Aktionären Rechenschaft ablegen.
Doch in Wirklichkeit profitiert die Kreuzlinger Firma erheblich vom Know-how der Metzinger. Mit Hilfe der Schwaben erschlossen die Schweizer, die früher fast nur einheimische Modeläden belieferten, ausländische Exportmärkte. "Wir sind sozusagen im Kielwasser von Boss gesegelt", berichtet Strellson-Geschäftsführer Hans Eggenberger.
Das tun die Schweizer, wie es scheint, auch heute noch. In Frankreich vertreibt Boss die Konkurrenzmarke gleich mit. In Griechenland produzieren die Partner sogar in ein und demselben Fertigungsbetrieb.
Bis vor kurzem halfen die Metzinger selbst beim Design. Die Strellson-Sackos und Hosen gleichen Boss-Blousons und Beinkleidern mitunter zum Verwechseln. An vielen Jacken und Hosen der beiden Herrenschneider hängen ähnliche Auszeichnungsetiketten.
Bei Boutiquen und Bekleidungshäusern sind die Anzüge und Mäntel aus Kreuzlingen ebenso gefragt wie die Stücke aus Metzingen. "Wir können gar nicht alle Kunden aufnehmen, die von uns beliefert werden wollen", sagt Eggenberger.
Das starke Interesse an den Nachahmerprodukten hat gute Gründe. Da die Schweizer Firma im Gegensatz zu Boss auf teure Werbung verzichtet, kann sie ihre Ware billiger anbieten. Der Handel erhält eine höhere Gewinnspanne.
Die Boss-Brüder dürften daher wenig Interesse haben, Teile ihres Vermögens wieder in ihre alte Firma zu stecken. Neben Strellson besitzen sie ohnehin noch ein anderes Modeunternehmen - den exklusiven Damen- und Herrenkonfektionär Windsor. Die Holys hatten das Unternehmen (rund 90 Millionen Mark Umsatz) 1982 vom Oetker-Konzern erworben. Seither wächst auch der Bielefelder Holy-Ableger schneller als vergleichbare Konkurrenzfirmen.
Branchenkenner vermuten daher, daß die Brüder nach Auslaufen ihrer Vorstandsverträge bei Boss im Sommer allenfalls zu einem bereit sein werden: Sollte die Firma bis dahin noch immer nicht zur Ruhe gekommen sein, könnten die beiden erfahrenen Manager ihre Verträge um ein bis zwei Jahre verlängern.
Die Brüder selbst nähren solche Spekulationen. "Schließlich sind auch wir daran interessiert", sagt Jochen Holy, "unseren Laden sauber zu hinterlassen."

DER SPIEGEL 39/1991
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