23.09.1991

JapanAbstieg vom Himmel

Eine Welle von Skandalen hat den Finanzplatz Tokio in Verruf gebracht. Der Regierung ist mehr am Vertuschen als am Aufklären gelegen.
Finanzminister Ryutaro Hashimoto, 54, wünschte sich einen "schönen Abgang" nach Samurai-Art. Seit Monaten wird er von immer neuen Enthüllungen über skandalöse Machenschaften in Nippons Finanzwelt überrascht, für die er als oberster Banken- und Börsen-Aufseher die Verantwortung trägt. Vor Parteifreunden sinnierte der Minister, "am saubersten" sei es, ihn zu "köpfen".
Doch die symbolische Hinrichtung blieb aus. Die Bosse der Liberaldemokratischen Regierungspartei LDP, allen voran der um sein Saubermann-Image besorgte Ministerpräsident Toshiki Kaifu, forderten Hashimoto auf, vorerst durchzuhalten.
Vor Kollegen bekannte der Finanzminister, er komme sich vor wie ein Fakir "auf einem Nagelbrett" und fühle sich "einfach elend".
Selbst für das an Politaffären und Korruptionsskandalen nicht gerade arme, für diskrete Hinterzimmer-Mauscheleien und illegale Geschäfte berüchtigte Japan ist außergewöhnlich, was diesen Sommer aus den feinen Vorstandsetagen von Banken und Börsenmaklerfirmen gedrungen ist: *___Wertpapierhäuser, die größten und angesehensten des ____Landes darunter, bedachten Hunderte von Vorzugskunden ____mit ungesetzlichen Ausgleichszahlungen für Kursverluste ____in Milliarden-Höhe. *___Das größte Brokerhaus der Welt, Nomura Securities in ____Tokio, machte jahrelang mit dem polizeibekannten Chef ____eines Gangster-Syndikats Geschäfte, räumte ihm Hunderte ____von Millionen Dollar an Kredit ein, ließ sich womöglich ____gar von der Unterwelt zu Kursmanipulationen einspannen. *___Ausgebuffte Finanzmagnaten erwiesen sich als so ____inkompetent oder leichtgläubig oder korrupt, daß etwa ____eine Gastwirtin aus Osaka sich mit plump gefälschten ____Einlagezertifikaten Kredite von mehr als vier ____Milliarden Mark erschwindeln konnte.
Banker, Broker und Banditen bringen die Japan AG in Verruf - nicht zum erstenmal, aber offener und dreister als je zuvor. "Es heißt allgemein, Japan habe eine erstklassige Wirtschaft, aber eine drittklassige Politik", urteilt Minoru Tada, Politologe an der Tokioter Chuo-Universität, "aber heute darf man feststellen, daß auch unsere Wirtschaftswelt nur drittklassig ist."
Seit Anfang August bemüht sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß, in den Affären-Abgrund hineinzuleuchten - bislang und, gemessen an der Arbeit früherer Ausschüsse, wohl auch künftig mit mäßigem Erfolg. Die Zeugen wissen auch unter Eid kaum mehr, als ohnehin schon herausgekommen ist. Die Nation kann den Gedächtnisschwund live im Fernsehen miterleben.
Unumstritten ist, daß Japans vier größte Brokerhäuser - Nomura, Nikko, Daiwa und Yamaichi - zwischen Herbst 1987 und März 1990 Kompensationen in Höhe von insgesamt 128 Milliarden Yen (1,6 Milliarden Mark) an ausgesuchte Großkunden zahlten, deren Wohlwollen sich die Börsenhändler auch künftig sichern wollten.
Zu den Begünstigten zählen fast alle namhaften Firmen der japanischen Industrie, der Elektro-Gigant Hitachi etwa oder der Autobauer Toyota, aber auch eine buddhistische Sekte und der Pensionsfonds des Sozialministeriums.
Auch einige kleinere Aktienhäuser beteiligten sich an der selektiven Kundenbesänftigung durch Cash - mit mehr als einer halben Milliarde Mark. Die einzige Sanktion, zu der sich die Börse bisher aufraffen konnte, sind Geldbußen für vier kleine Broker, zu je 21 700 Dollar.
Unklar bleibt bisher, wieviel die Beamten im Tokioter Finanzministerium von den großzügigen Zuwendungen wußten. Unter Eid dürfen sie im Parlament nichts sagen, Dienstherr Hashimoto gestattet es nicht.
Nomura-Präsident Yoshihisa Tabuchi, erstes prominentes Opfer des Skandals, behauptete nach seinem Rücktritt Ende Juni, seine Firma habe das Finanzministerium über die Zahlungen vorab informiert, manchmal auch erst nachträglich, auf jeden Fall aber habe das Ministerium "den Plan gebilligt". Hashimoto reagierte mit einem Wutanfall: "Uns hat Herr Tabuchi privat etwas anderes erzählt. Ich frage mich, ob er weiß, wie ernst die Angelegenheit ist."
Bei der traditionell engen Verzahnung zwischen Privatwirtschaft und Regierungsbürokratie scheint kaum denkbar, daß die Aufsichtsbehörde ahnungslos war. "Amakudari", der "Abstieg vom Himmel", schafft die Grundlage für die Kungelei: In den vergangenen Jahren sind mehr als 600 hohe Beamte aus dem Finanzministerium, die grundsätzlich mit 55 Jahren pensioniert werden, nach dem Abschied aus dem Staatsdienst als Berater in die Vorstände von Banken und Wertpapierhäusern gewechselt.
Hashimotos Empörung diene denn auch einem anderen Zweck, meint Robert Zielinski, Analytiker des Brokerhauses Jardine Fleming in Tokio: "Das Finanzministerium zieht jetzt öffentlich gegen die Broker zu Felde, um sie zu retten, nicht um sie zu bestrafen." Durch kontrollierte Enthüllungen in den Medien sollen künftige Anleger entmutigt werden, die Aktienhäuser bei Verlusten ebenfalls um Kompensation anzugehen.
Die Abschreckung ist nötig. Denn seit 18 Monaten darbt die Tokioter Börse. Allein aus Vermögensverwaltungskonten institutioneller Kunden, so Zielinski, schlagen bei den vier größten Händlern Verluste von knapp 100 Milliarden Mark zu Buche. Entschädigungen in dieser Höhe würden die Broker ruinieren und der Börse den Rest geben.
"Wir müssen erkennen, daß unsere Laster lange im Verborgenen lagen", sagt Takao Akabane, ein Berater im Wirtschaftsplanungsamt der Regierung, "solange es immer nur aufwärts ging, schien alles in Ordnung. Wir sollten von dem, was jetzt geschieht, nicht schockiert sein. Es war unvermeidlich."
Unumgänglich war wohl auch die Erkenntnis, daß Japans organisierte Gangster, die Yakuza, im Börsenspiel kräftig mitmischten. Schockierend jedoch wirkte auf viele Japaner, daß ausgerechnet die bislang hochangesehene Firma Nomura, deren nunmehr gleichfalls zurückgetretener Aufsichtsratsvorsitzender Setsuya Tabuchi als Doyen der fernöstlichen Broker galt, sich mit Yakuza gemeinmachte und deren kriminelle Geschäfte aktiv förderte.
Nach polizeilicher Zählung leben in Japan 88 300 Yakuza-Gangster, die in zwei großen und mehreren kleinen Syndikaten organisiert sind. Mit Schmuggel, Rauschgift, Prostitution und Erpressung erwirtschaften die Banden einen jährlichen Gewinn von mindestens zwölf Milliarden Mark. Das Geld wollen sie gewinnbringend anlegen - und an der Börse zugleich Geldwäsche in großem Stil betreiben, wie Japans Polizei glaubt.
Besonders gut auf Aktienspekulation verstand sich Susumu Ishii, Chef der Inagawakai, eines rund 8000 Mitglieder zählenden Syndikats - Kunde bei Nomura und dem Brokerhaus Nikko.
Nomuras Setsuya Tabuchi bestritt vor dem Parlament jegliche Gangster-Connection. Er habe nicht gewußt, daß Ishii ein Yakuza-Boß sei, habe ihn auch nie getroffen. Überdies sei Ishii als honoriger Kunde durch einen Mittelsmann bei Nomura eingeführt worden.
Wer denn dieser Mittelsmann gewesen sei, wollten die Parlamentarier wissen. Tabuchi unter Eid: "Bis gestern habe ich den Namen noch gewußt, heute ist er mir entfallen."
Im Frühjahr 1989 hatte Ishii, der Anfang September an einem Gehirntumor starb, bei den Brokern Nomura und Nikko über 27 Millionen Aktien des Eisenbahnkonzerns Tokyu gekauft. Finanziert wurde die Transaktion durch einen Kredit der beiden Aktienhäuser in Höhe von 263 Millionen Dollar. Nach Ishiis Einstieg propagierte Nomura bei seinen anderen Großkunden nachdrücklich die Tokyu-Aktie. Innnerhalb von drei Monaten schoß ihr Kurs von 1700 Yen auf über 3000 Yen empor.
Sind schon diese krummen Geschäfte ein schlechtes Aushängeschild für den Weltfinanzplatz Tokio, so gilt der Fall der Nui Onoue aus Osaka als noch unangenehmer - weil er die Banken nicht besonderer Gerissenheit, sondern schlichter Dummheit überführt.
Onoue, 61, kam aus ärmlichen ländlichen Verhältnissen in die Großstadt. Als Serviererin und Barfrau verdingte sie sich, bis sie einen Gönner fand, der es ihr ermöglichte, ein eigenes Restaurant zu eröffnen.
Jedes Wochenende hielt sie bei häuslichen Seancen Zwiesprache mit den Göttern, die ihr eines Tages rieten, wie sie sagt, Aktien zu kaufen. Inzwischen hatte die Spiritistin einen neuen Wohltäter gefunden, angeblich einen der mächtigsten Bosse der Yamaguchi-gumi, Japans mächtigstem Yakuza-Syndikat.
Onoue stieg groß bei der Börse ein. Innerhalb weniger Jahre avancierte sie zur wichtigsten Privataktionärin bei über einem Dutzend Großbanken und Industrieunternehmen. Kredite für neue Aktienkäufe zu erhalten war für sie kein Problem.
Seit Mitte August aber sitzt die Großspekulantin in Untersuchungshaft. Ihr wohl letzter Coup war danebengegangen: Als Sicherheit für weitere Kredite hatte sie bei der Industrial Bank of Japan, die als besonders penibel galt und eigentlich gar keine Privatkunden betreute, Einlagezertifikate einer kleinen Genossenschaftsbank aus der Provinz hinterlegt. Die hatte der dortige Filialleiter gefälscht. Reibach: 4,8 Milliarden Mark.
Nur einen Monat zuvor mußte der Direktor der Fuji-Bank zurücktreten, weil er auf gefälschte Papiere hin Kredite vergeben hatte. Schaden: 260 Milliarden Yen (3,25 Milliarden Mark). Und auch die Manager der Tokai-Bank waren auf den gleichen Trick hereingefallen. Verlust: 63 Milliarden Yen. Flehentlich hat Hashimoto inzwischen die gesamte Finanzbranche des Landes aufgefordert, eine "Selbstreinigung" vorzunehmen.
Fünf Bankchefs haben bislang ihre Posten abgegeben, mehr als ein Dutzend Finanziers wurden verhaftet, bei den Brokern rollen die Köpfe. Doch Rücktritte sind ein Ritual in Japan, das Reformen nicht beschleunigen, sondern sie verhindern soll. Das System selbst wird nicht angetastet.
"Ich bin immer der Meinung gewesen", sagt der Präsident eines Industrieunternehmens in Tokio, "daß diese Skandale der Preis sind, den wir bezahlen müssen, um die Demokratie in unserem Land voranzubringen."
Finanzminister Hashimoto muß sich wohl von seinem Traum, im nächsten Monat das politische Erbe des Ministerpräsidenten Kaifu anzutreten, fürs erste verabschieden. Als zusätzliche Buße hat er sich in einer Art öffentlicher Sühnehandlung sein 10 000-Dollar-Monatsgehalt um zehn Prozent gekürzt - für ein Vierteljahr.

DER SPIEGEL 39/1991
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