25.11.1991

KernkraftStoff zum Gruseln

Eine Bonner Studie stellt fest: Nach westlichen Maßstäben sind alle 33 Sowjetreaktoren ein Sicherheitsrisiko.
Die sowjetischen Reaktorphysiker kannten die Gefahr. Sie wußten seit langem: In einer ganz bestimmten Situation schaukelt sich ein Atommeiler vom Tschernobyl-Typ in Sekundenschnelle hoch und wird durch die schnelle Leistungsabgabe zerstört - wie es in Block 4 zu Tschernobyl im April 1986 geschah.
Die Bedienungsmannschaften damals aber waren arg- und ahnungslos, wurden absichtlich dumm gehalten. Sie gingen ihrem Geschäft gelassen nach, hatten kaum eine Chance, die Gefahr zu erkennen und den Super-GAU doch noch zu verhindern.
Den unterschiedlichen Wissensstand zwischen den Chefs und den Mannschaften enthüllt Bundesumweltminister Klaus Töpfer in einem "Bericht zur Sicherheit der Kernkraftwerke und zu Umweltfragen der Energieversorgung in den Staaten Mittel- und Osteuropas" für den Umweltausschuß des Bundestages. Das 50-Seiten-Werk bietet Stoff zum Gruseln.
Beispiel: Die sowjetischen Atomstromer betrieben und betreiben ihre Risikoreaktoren, als seien sie für die Ewigkeit gebaut. Völlig verblüfft erfuhr Töpfers Sicherheitsfachmann Adolf Birkhofer vor Ort in der Ukraine: Es gibt kein "technisches Abfahrprogramm" für die Stillegung der Tschernobyl-Typen. Woher die beim "Abfahren" auf längere Sicht benötigten 50 Tonnen Dampf pro Stunde kommen sollen, weiß niemand zu sagen.
Töpfer und seine Leute sind nun wider Willen zu Experten für die russischen Risikoreaktoren geworden. Die deutsche Einheit bescherte den Bonnern die Verantwortung für die Atomblöcke in Greifswald und Stendal. Seit die dortigen, von Sowjets gebauten Meiler untersucht und stillgelegt wurden, wuchs selbst bei deutschen Nuklear-Cowboys die Angst vor den 58 Sowjetreaktoren im ehemaligen Ostblock.
16 der Kraftwerke etikettierte Birkhofer inzwischen als mit "erheblichen Sicherheitsdefiziten behaftet", 24 jüngere haben "noch deutliche Sicherheitsdefizite" und die restlichen 18, die modernsten, ebenfalls "immer noch Sicherheitsdefizite". Westliches Sicherheitsniveau, lautet das Urteil in Töpfers Bericht, sei "mit sinnvollem Aufwand" nicht zu erreichen.
Zahl und Schwere der Mängelrügen bei allen Typen lassen schaudern. Die systembedingten Schwächen werden verschärft durch Abweichungen von den vorgeschriebenen, ohnehin niedrigen Standards; dazu kommen unzureichende Instandhaltung, "Mängel in der Organisation, der Qualifikation und der Motivation des Personals". Seit Jahren beschlossene Nachrüstungen blieben aus.
Die Zukunft sieht noch schlimmer aus. Inflation und Zahlungsbilanzprobleme verringern den Spielraum für Investitionen, der Ausfall von maroden Kohle- oder Ölkraftwerken verstärkt den Druck, die Reaktorbomben am Netz zu halten. Die zentralen Reaktorsicherheitsbehörden der ehemaligen Sowjetunion haben ihre Funktion verloren, neue Kontrollinstanzen in den Republiken gibt es noch nicht.
Nach deutschem Recht, so das Resümee Töpfers, müßten diese gefährlichen Atommeiler sofort abgeschaltet werden. Wenn man die Energiebilanz des Ex-Ostblocks betrachtet, wäre das theoretisch sogar möglich. Würden Kohle, Öl und Gas im Osten so effizient eingesetzt wie im Westen, hätten die dortigen Stromfabriken den gleichen Wirkungsgrad wie die hiesigen, gäbe es keine riesigen Netzverluste.
Doch das ist reine Theorie. Töpfer versucht, die Industriestaaten zu einer gemeinsamen Hilfsaktion zu verlocken. Ziel: die Energiesysteme zu verbessern, neue Gaskraftwerke zu bauen und wenigstens Spielräume für das rasche Abschalten der gefährlichsten Reaktoren zu gewinnen.
Die in der Zwischenzeit weiter stromproduzierenden Atommeiler sollen gleichzeitig mit West-Technik für eine gewisse Frist sicherer gemacht werden - trotz der Erkenntnis, daß ein akzeptables Sicherheitsniveau unerreichbar ist.
Das ist für Töpfer doppelt problematisch. Passiert eine Katastrophe, haftet er mit, auch wenn er immer wieder versichert, die technische Hilfe bedeute keine Billigung des Weiterbetriebs.
Seine Strategie erfordert zudem viel Geld. Schon die Sicherheitsnachrüstung verschlingt pro Block mindestens 200 Millionen Mark. Da sind, bei 33 Reaktoren mit zum Teil mehreren Blöcken, rasch Milliarden zusammen, nicht gerechnet den ebenso großen Aufwand für die Optimierung der nichtatomaren Energieträger. Das kann die Bundesrepublik nicht allein finanzieren, das soll international geschehen.
Franzosen, Briten, die anderen Europäer, die Japaner und die Amerikaner verteilen zwar bereitwillig Resolutionen. Geldzusagen aber fehlen bisher.
Der Grund für die Zurückhaltung ist Töpfer nicht verborgen geblieben: Die anderen vertrauen auf die Atomangst der Deutschen, lassen sich Zeit und hoffen, daß Wählerfurcht Bonn schon zu Vorleistungen zwingen wird.

DER SPIEGEL 48/1991
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