23.09.1991

„Wir werden nicht aufgeben“

Die Siedlung Kosari Butevi liegt dort, wo Zagreb stinkt: am äußersten Rand der kroatischen Hauptstadt, eingeschlossen von einem qualmenden Chemiekombinat, der Autobahn nach Belgrad und einer Fabrik für Autobatterien.
In dieser Fabrik arbeitet Zoran, 37, nun schon seit 20 Jahren, genausolange, wie er in Kroatien lebt. Vor kurzem wurde er zum Vorarbeiter befördert. Zusammen mit seiner Schwester Jovanka und deren Mann hat er in Kosari Butevi ein Zweifamilienhaus gebaut.
Zoran und Jovanka sind Serben, wie die meisten Bewohner von Kosari Butevi. Bisher hat ihre Herkunft niemanden interessiert. "Niemals", beschwört der Arbeiter die Vergangenheit, hätten er oder seine Familie Schwierigkeiten mit ihrer Nationalität gehabt. Ob Serbe, Kroate, Bosnier - "wir waren doch alle Jugoslawen".
Aber nun erschien in Slobodni tjednik, einer der zahlreichen neugegründeten Zagreber Zeitungen, die mit nationalistischen Pamphleten auf Leserfang gehen, erstmals ein Bericht über seine Siedlung. Da stand, Kosari Butevi sei ein "Terroristennest", unter den scheinbar harmlosen Häuslebauern würden sich "5000 Tschetniks" verbergen, die nur darauf lauerten, kroatisches Blut zu vergießen.
Seither ist es vorbei mit der Ruhe in der Siedlung. Die Serbin Jovanka: "Es gibt soviel Haß auf allen Seiten, und es wird täglich mehr." "Höchstens zehn Prozent der 60 000 Zagreber Serben", zitiert die kroatische Tageszeitung Vjesnik den lokalen Serbenführer Milan Djukicin, würden die großserbischen Eroberungspläne der Belgrader Führung unterstützen. Die überwiegende Mehrheit seiner Volksgruppe bekenne sich loyal zum kroatischen Staat, in dem die meisten schon seit ihrer Geburt leben.
Zoran und seine Schwester Jovanka jedenfalls möchten mit Serbiens expansionsversessenen Präsidenten Slobodan Milosevic nichts zu tun haben. Genausowenig allerdings mit dessen kroatischem Amtskollegen Franjo Tudjman: "Wir wollen nur für alle eine ruhige und sichere Zukunft."
Die ist für die Serben in Zagreb gefährdeter denn je. Seit letzter Woche überlegen auch Jovanka und ihr Bruder, ob sie die Stadt nicht verlassen sollen - so wie zahlreiche Freunde, die in den letzten Tagen aus wachsender Angst vor Übergriffen kroatischer Nachbarn weggezogen sind, nach Bosnien etwa, in die Vojvodina oder gar nach Slowenien, wo die Kämpfe am weitesten entfernt sind.
Anfang vergangener Woche hat der Bürgerkrieg im bislang dramatischsten Akt der jugoslawischen Selbstzerstörung die Millionenstadt Zagreb erreicht, buchstäblich über Nacht und ohne echte Vorwarnung. Die Front schien lange beruhigend weit weg, der Krieg fand für die Zagreber im Fernsehen statt, auch wenn die serbischen Tschetnik-Extremisten, unterstützt von der jugoslawischen Bundesarmee, immer tiefer in kroatisches Territorium und damit Richtung Hauptstadt vordrangen.
Schon vorvergangenes Wochenende erschreckten bei prachtvollem Spätsommerwetter heulende Sirenen die Bürger Zagrebs - es war der erste Luftalarm seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch viele Ausflügler ließen sich ihr Picknick auf den Wiesen entlang des Sava-Flusses durch den Heulton nicht verderben; in den Straßencafes der Altstadt tranken die Gäste ungerührt ihren Mokka.
Als vergangenen Montag abend Kampfflugzeuge den Fernsehturm am Stadtrand unter Beschuß nahmen, wurden aber auch die sorglosesten Zagreber aus ihrer Illusion gerissen, daß der Krieg nur ein Medienereignis sei, über den sich aufregend debattieren ließ.
Der bestürzend reale Angriff war der Auftakt einer dramatischen Woche. Nächtliche Flugzeugattacken folgten; im Geschütz- und Raketenfeuer aus Kasernen der Bundesarmee, die von Truppen der Nationalgarde eingeschlossen waren, fielen mehrere Kroaten. Durch die Straßen Zagrebs peitschten vergangene Woche auch tagsüber immer wieder Schüsse, abgegeben von eingesickerten "Tschetniks oder Desperados der Bundesarmee, die das Volk terrorisieren wollen" (so ein Sprecher des kroatischen Innenministeriums) und aus verlassenen Wohnungen serbischer Armee-Offiziere.
Der Installateur Damir Lencic, 27, als Reservist der Nationalgarde auf Streifenposten am Boulevard Proleterskih Brigada, fühlt sich an den Libanon erinnert: "Jetzt ist Beirut in Zagreb."
Die wenigen öffentlichen Schutzräume - der größte, ein feuchtes Tunnelsystem aus dem Zweiten Weltkrieg im Berg unterhalb des Regierungsviertels, bietet Platz für 4000 Menschen - waren selbst in den Bombennächten nie überfüllt. Die Zagreber blieben lieber in ihren Häusern und verschanzten sich in Kellern und Hauseinfahrten.
Bis vorige Woche, beschreibt der Mathematikstudent Stjepan Prpic, 23, die Veränderung seiner Gemütslage, habe er jeden, "der die Serben als Schlächter oder Tiere" beschimpfte, empört zur Rede gestellt. Der Student bezeichnet sich als "liberal, tolerant, keinesfalls ein Nationalist".
Doch die Luftangriffe haben ihn umgestimmt: "Mir war Präsident Tudjman mit seinem ewigen ,Kroatien, Kroatien über alles' total auf die Nerven gegangen. Doch nun habe ich Verständnis dafür. Mir ist jetzt klar, daß die nächsten Tage und Wochen über das Schicksal meines Volkes und meiner Heimat entscheiden werden."
Stjepan Prpic möchte beim Endkampf um Kroatien dabeisein. Vergangenen Donnerstag meldete er sich in einem der Zagreber Rekrutierungsbüros der Nationalgarde als Freiwilliger. Während der Bürgerkrieg Kroatien täglich schrumpfen läßt, die serbische Übermacht immer erdrückender wird, fehlt es der kroatischen Nationalgarde keineswegs an kampfgewillten Soldaten, wohl aber an der nötigen Ausrüstung.
Diesen Mißstand, behaupten Tudjmans zahlreiche Kritiker, habe der Präsident selbst zu verantworten. Denn im Gegensatz zur weitsichtigeren slowenischen Führung hatte der Ex-General im Frühjahr 1990 der Bundesarmee sämtliche schweren Waffen seiner Kroaten-Truppen überlassen - in der naiven Hoffnung auf eine friedliche Regelung.
Gojko, im Zivilberuf Friseur, Branko, der Kellner, und Damir, der Fernsehtechniker, führen vor, wie kläglich es um den Zustand der kroatischen Verteidiger steht. Branko trägt ein schwarzes Stirnband mit aufgenähtem kroatischen Wappen. Er ist mit einem alten Gewehr bewaffnet, das ihm ein Freund seines Vaters geliehen hat.
Damir ist in einen dickgefütterten Parka gehüllt, in dem er erbärmlich schwitzt. Sein Maschinengewehr stammt noch aus deutschen Wehrmachtsbeständen. Lauf und Verschluß hat er sorgfältig mit Silberfarbe nachgepinselt. Sein übermüdetes Gesicht ist mit schwarzer Schuhcreme eingeschmiert. Im Schaft seines rechten Reebok-Basketballschuhs steckt ein Dolch.
Der Auftrag des Reservistenkommandos: die Beobachtung des etwa 200 Meter entfernten Haupteingangs der "Marschall-Tito-Kaserne", in der sich bis Ende vergangener Woche 1500 Bundessoldaten mitsamt Panzern und Raketen verschanzt hatten. Im Ernstfall könnten die Gardisten den Armeesoldaten bei einem Ausbruchversuch wohl kaum Widerstand entgegensetzen.
Mit Essen von den Anwohnern versorgt, harrte die kostümierte Rambo-Truppe die ganze Woche geduldig in ihrer Stellung aus. Die militärische Nutzlosigkeit ihres Auftrags ist den Freiwilligen bewußt. Ihr Beitrag zum kroatischen Freiheitskampf, erklärt der Kellner Branko, gehöre eher zur psychologischen Kriegführung: "Wir wollen denen in der Kaserne, aber auch unseren Landsleuten demonstrieren, daß die Kroaten sich vor dem Tod nicht fürchten. Wir werden nicht aufgeben, selbst wenn wir keine Chance haben."

DER SPIEGEL 39/1991
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