25.11.1991

Leerformel Europa

Gehören die serbisch-orthodoxen Serben zu Europa, die 1914 im Verein mit den russisch-orthodoxen Russen in Moskau und den römisch-katholischen Habsburgern in Wien als Kriegsgrund mehr herhalten mußten als wollten? Gehören die Kroaten dazu, von denen Johann Georg Reißmüller in der FAZ beinahe tagtäglich nicht genug zu rühmen weiß, wie katholisch und also schützenswert sie seien?
Die Kroaten waren mal mit den katholischen Ungarn verbündet, mal mit ihnen verfeindet; beide hatten es mit den moslemischen Türken zu tun. Aber auch die Serben betrachteten sich als Bollwerk gegen die Türken; sie strebten zugleich hartnäckig ein Groß-Serbien an, das ihnen 1918 zufiel.
Wie die katholischen Kroaten nach 1941 unter ihrem "Poglavnik" Ante Pavelic und mit deutscher Anleitung unter den serbisch-orthodoxen Serben gewütet haben, ist bis heute in schlimmer Erinnerung.
Was lehrt uns das? Wir Deutschen sollten uns in der Schlange ganz hinten anstellen, wenn es um die Neuordnung dieses künstlich zusammengefügten Staates Jugoslawien geht. Man läßt uns gern vorpreschen, weil man ganz andere Sorgen hat. Es geht um die Deutsche Mark und um die politischen Spielräume, die wir dank ihrer Stabilität seit der Neu-Vereinigung haben.
Sehr wohl könnte uns demnächst beim Gipfel in Maastricht eine "Schicksalsstunde" ereilen, sehr wohl könnte dabei eine neuerliche "Katastrophe" herauskommen - wenn wir uns nämlich von der Deutschen Mark trennen ließen.
Denn dies ist der allerkleinste, der allerdings auch allen gemeinsame Nenner für eine Einigung: Deutschland, kriegerisch nicht mehr zu fürchten, muß kraft seiner großen Einwohnerzahl von 80 und demnächst vielleicht 85 Millionen, muß angesichts seiner Ersatzleitwährung zum "Dispositionsgegenstand" (Herbert Kremp in der Welt) einer übernationalen Gemeinschaft gemacht werden. Der Hund, der weder bellt noch beißt, soll an die Kette, weil er einfach zu groß ist. Und wir, die wir auf den Widerstand der Lady in London nur noch bedingt bauen können, werden "selbst redend" mitmachen.
Man hält uns immer wieder drohend den Bismarckschen Nationalstaat vor: Den wollt ihr doch nicht mehr, oder? Und wie auswendig gelernt murmeln wir: nein, gewiß nicht.
Nun, wie sollten wir ihn auch wollen, mit all seiner Franzosen-, Polen-, Katholiken- und Juden-Feindschaft, mit seiner ostelbischen Junkerei, mit seinen Umsturzspielen und seiner Sozialistenfurcht. Aber einen Vorteil hatte Bismarck gegenüber unseren derzeitigen Politikern: Er handelte so, als werde er ewig im Amt bleiben. Und so sagte er ein Wort, das damals galt und heute noch gilt: "Qui parle Europe a tort" - wer von Europa spricht, hat unrecht.
Es geht nun aber nicht, daß die großen Mächte für sich das Recht des Sacro egoismo geltend machen, dasselbe Recht aber der inzwischen ebenfalls großen Macht Deutschland für immer absprechen. Und allein dazu dient als Vehikel ein derart verschwiemeltes Europa, das wir am wenigsten wollen können, das aber unseren Partnern auf die Dauer auch nicht dienen würde.
Die Römischen Verträge von 1957 hatten den Sinn, Frankreich durch eine unsinnige Subventionierung seiner Agrarproduktion bei Laune zu halten, ohne der deutschen Industrie Schaden zuzufügen. Beides ist gelungen, war somit richtig. Die jetzige Hetzjagd in Richtung auf ein imaginäres Europa, als wollte man in Gretna Green heiraten, ist hingegen falsch, weil Frankreich und Deutschland einander nur symbolisch, per Zeichensprache, verstehen.
Die jetzigen deutschen Politiker werden die Folgen ihres Tuns nicht mehr im Amt erleben; also handeln sie durch die gebetsmühlenartige Wiederholung von Leerformeln so, als müßten sie sich immer noch dafür entschuldigen, daß sie auf der Welt sind.
Es gibt nun aber kein solidarisches Europa. Einig und solidarisch sind die anderen sich nur in der Absicht, das groß gewordene Deutschland in seinem politischen Spielraum einzuengen und dabei, wenn möglich, noch kräftig abzusahnen.
Wer das will, und die Bonner Regierungskoalition hat sich schon ohne jede Übersicht festgelegt, mag das tun. Von der Opposition ist auf währungspolitischem Gebiet kein Widerstand zu erwarten.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 48/1991
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