25.11.1991

Reif für die Ehe

Als Liz Taylor dem Ex-Maurer, Ex-Trinker, Ex-Junkie und Ex-Häftling Larry Fortensky das Ja-Wort gab, kreisten 15 Hubschrauber über dem Paar, aber nur Herb Ritts durfte das Hochzeitsbild schießen.
Der achte Auftritt als Braut war für die Schauspielerin die beste Rolle seit Cleopatra.
Als Irmgard Schwaetzer dem Ex-Playboy-Redakteur, Ex-Bild-Reporter und Ex-Lobbyisten Udo Philipp das Ja-Wort gab, scharrten 20 Fotografen vor dem Standesamt, aber nur Peter Boenisch durfte das Hochzeitsbild schießen.
Die zweite Eheschließung der Ministerin war ihr schlechtester Auftritt seit dem Wiesbadener Parteitag.
Liz trug ein gelbes Seidenkleid mit Chiffonärmeln, Irmgard ein blaues Wollgeorgette-Kleid mit Seidensatinpaspeln. Larry schmückten neue Zähne und ein weißer Smoking, Udo rosa Nadelstreifen und eine grüne Krawatte.
Sie über ihn: "Wenn ich seine Stimme nur höre, habe ich schon einen Orgasmus." Sie über ihn: "Er hält zu mir." Er über sie: "Es ist ein Traum." Er über sie: "Sie sieht so jung aus."
Die Hochzeit der Taylor war eine Las-Vegas-Show, die Hochzeit der Schwaetzer eine Ko-Produktion von Bundesbauministerium und Sat 1.
Im Fernsehstudio in Berlin lächelte das Brautpaar, im Studio in Bonn hoben die Beamten die Gläser und murmelten: "Herzlichen Glückwunsch." Das Büfett habe der Party-Service des KaDeWe geliefert, dankte der Bräutigam, und den Beaujolais das Weinhaus Nöthling.
Die Fernsehzuschauer von Sat 1, die der Feier beiwohnen durften, mußten das Hochzeitsgeschenk der Redaktion mitansehen - eine Auswahl der unzähligen Versprecher, die Philipp, für erbrochenes Deutsch berühmt, in seinen Sendungen aneinanderreiht. "Herzlichen Dank", sagte der Bräutigam nach der Hinrichtung. Er finde es richtig, lobte ihn sein Programmchef, "wie Sie versuchen, die Einschaltquoten zu heben, indem Sie sich so verehelichen".
Der Tausch der Ringe ist vorläufiger Höhepunkt der Philipp-Schwaetzer-Kampagne, die seit einem Jahr läuft und läuft und läuft, bis daß der Tod die Liebenden scheidet.
Als habe ein begabter Medienreferent namens Pfeiffer einen neuen Job gefunden und der Ministerin eine seiner berühmten "Listen mit PR-Aktionen" geschrieben, so lesen sich die Schlagzeilen, die den Weg der Händchenhaltenden pflastern.
Am 12. Dezember 1990, dem Tag der Scheidung von seiner Frau, läßt der Liebhaber seine Ex-Kollegen von Bild verkünden: "Frau Adam-Schwaetzer liebt TV-Star." Früher pflegte Udo Philipp neues Glück durch das Versenden von auf Bütten gedrucktem Geschnörkelten ("Wir haben uns verliebt") der Welt mitzuteilen. Wegen der Prominenz seiner neuen Flamme kann er in diesem Liebesfall das Geld sparen.
"Erste Scheidung im neuen Kabinett - Adam-Schwaetzer frei für Reporter Udo", meldet das Affären-Blatt im Februar und zeigt sich erfreut darüber, daß die Ministerin nun "ihr Leben auf einen neuen Mittelpunkt ausrichten" könne. Im April gibt Reporter Udo bekannt, daß sie im Schlaf nicht rede und "in Sachen Mode auf mich hört"; im Juli macht er ihr per Schlagzeile den Heiratsantrag: "Unsere Liebe ist reif für die Ehe."
Im August informiert das Paar die Öffentlichkeit darüber, daß es "vorgezogene Flitterwochen" hinter sich habe, sie ihm zur Hochzeit eine Uhr schenken wolle und er ihr "ein Glas Nutella".
Er offenbart seine Anbahnungsstrategie (auflauern, spazierengehen, trinken, essen, bekochen). Sie öffnet ihre Küchentür, "ich rühre keinen Topf mehr an". Beide öffnen ihr Herz - er sei so "einfühlsam", ihm gefalle "ihre Frische".
Im September muß die Ministerin, 49, zum Schwangerschaftstest, begleitet von Bild und Udos Empörung. Das Ehegesetz schreibt den Test vor, wenn die Geschiedene mit der Heirat nicht zehn Monate warten will. Diese Vorschrift gehöre abgeschafft, erklärt die Ministerin mutig. Er: "Auch als Vorsitzende der Liberalen Frauen fühlt sie sich gefordert." Der Gynäkologe und der Justizminister werden eingeschaltet.
"Der Fall Philipp-Schwaetzer" dringt bis in die begehrten Kommentar-Spalten von Deutschlands begehrtester Zeitung vor. Die voraussichtlichen Eheleute ärgern sich öffentlich, weil sie laut Gesetz nicht beide "Philipp-Schwaetzer" heißen dürfen, und lassen über den "namenlosen Unsinn des Gesetzgebers" schimpfen.
Der Kauf der Ringe (2 Millimeter breit, 12 Karat, 550 Mark) in Bad Godesberg wird zum Pressetermin; und weil Illustrierte leider viel eher gedruckt als gekauft werden, posiert das Paar vorauseilend im Hochzeits-Look, um am großen Tag schon vierfarbig am Kiosk hängen zu können.
Schwaetzers Medienreferent Philipp hat seiner Frau neben dem Glas Nutella eine hochkarätige PR-Kampagne zur Hochzeit geschenkt, die internationalen Vergleichen standhält. Italiens Außenminister De Michelis, Argentiniens Präsident Menem, Panamas Boss Endara und Griechenlands Papandreou haben ihr Privatleben ähnlich erfolgreich in Schlagzeilen umgemünzt.
Aus der tüchtigen Politikerin, die sich von Journalisten immer vorhalten lassen mußte, sie sei "langweilig", "naiv" und "farblos", ist der Bonner Darling der Regenbogenpresse geworden, die Liz Taylor der deutschen Politik.
Vorher trug sie Röcke, die aussahen wie aus der Kollektion der Heilsarmee; seit Modereferent Philipp sie anzieht, trägt sie Hüte, die aussehen, als habe die DLRG sie gespendet. Vorher erschien die Ministerin gern großgeblümt wie eine DDR-Tapete; jetzt kommt sie modern daher wie ein Courreges-Modell.
Als FDP-Generalsekretärin trat sie bescheiden zurück. Den Fraktionsvorsitz überließ sie einem Niemand. Den Kampf um die Parteiführung verlor sie gegen einen gräflichen Vorbestraften, von dem alle nur sagten, er sei der bessere Selbstdarsteller - in nächster Zukunft wird sie keiner mehr nicht wählen, weil sie zuwenig aus sich macht.
Er mache zuviel mit ihr, grummelten allerdings Delegierte auf den Toiletten des Suhler FDP-Parteitages. Udo Philipp ist geübt darin, sich zu vergreifen. In Israel, während des Golfkrieges, saß der modebewußte Sat-1-Reporter im Pullover der Bundesluftwaffe vor der Kamera; als 1981 in Bonn Hunderttausende für Abrüstung demonstrierten, ließ er über ihnen ein Flugzeug mit einem Transparent kreisen, Aufschrift: "Wer demonstriert in Moskau?"
Am Tag vor der Hochzeit, offenbar schon in Familienstimmung, fragte Philipp in seiner Sendung den Studiogast, mit dem er über den Krieg in Jugoslawien und ein Buch der Gräfin Razumovsky debattierte: "Wissen Sie, daß die Gräfin die Schwester des FDP-Fraktionsvorsitzenden ist?" Anschließend informierte er die Zuschauer, logisch, über seine bevorstehende Hochzeit.
Im Leben des Bräutigams waren die Dinge nie sauber getrennt. Als Journalist war er auch Rüstungslobbyist, als Pressesprecher von MBB auch Journalist, _(* Im Standesamt Berlin-Charlottenburg am ) _(Donnerstag voriger Woche. ) als MAD-Agent auch Ost-Informant.
Er habe doch nur mitgeholfen, einen KGB-Spion zu enttarnen, verteidigte Philipp seine zahlreichen Treffen mit einem Moskauer Agenten. In der Dissertation des Überläufers und Ex-Verfassungsschützers Hansjoachim Tiedge wird die Mehrzweckwaffe Philipp als Counterman erwähnt. Doch Absolution durch Udos Zentralorgan: "Der Hochzeit mit der Ministerin steht nichts mehr im Wege."
Man darf gespannt sein, welche Schlagzeilen die Vermählung der Gewalten zukünftig gebären wird, diese glückliche Ehe zwischen Politik und Journalismus. "Man muß über alles reden können", hat die Ministerin erklärt, "und sicher sein, daß das, was nicht verwertet werden soll, auch nicht verwertet wird." Seine Frau falle als Interview-Partnerin für ihn aus, sagt der glückliche Gatte, aber einem Kollegen, der sie befragen möchte, dürfe er natürlich Tips geben.
"Er ist weder geistreich noch mächtig, und seine Manieren sind auch nicht die besten", hat nicht Irmgard über Udo verbreitet, sondern Liz über Larry. Und das hören jene neidischen Menschen gern, die das böse Gerücht weitertragen, sie habe ihn nur geheiratet, um ihr neues Parfüm berühmt zu machen. Wir warten auf das Philipp-Schwaetzer-Deodorant. o
* Im Standesamt Berlin-Charlottenburg am Donnerstag voriger Woche.

DER SPIEGEL 48/1991
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