23.09.1991

RußlandZurück zum Mütterchen

Nach 10 Jahren Gulag und 17 Jahren Exil: Kehrt Solschenizyn nach Rußland zurück?
Nikolai Trubin, Generalstaatsanwalt der UdSSR, öffnete ein Dossier, das ihm Amt und Würden retten konnte. Die Akte aus dem Archiv enthielt ein Dutzend Untersuchungsberichte, aber kein einziges Verhörprotokoll: der Fall Solschenizyn.
Alexander Issajewitsch Solschenizyn, 1945 wegen eines Stalin-kritischen Briefwechsels verurteilt und nach sieben Jahren Gulag sowie drei Jahren Verbannung 1957 rehabilitiert, hatte einen Bericht über das Lagerleben verfaßt, den Sowjetreformer Nikita Chruschtschow 1962 veröffentlichen ließ: "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch".
Die Generalkritik am sowjetischen Strafvollzug richtete sich letzten Endes auch gegen Trubin, damals ein Rädchen im Terrorapparat. Unter Stalin, zur selben Zeit wie Gorbatschow, hatte er Jura studiert. Gleich nach Stalins Tod, mit 22, wurde Trubin beruflich Verfolger dessen, was in der UdSSR strafbar war: 37 Jahre lang diente der Kommunist als Staatsanwalt.
Er brachte es zum Assistenten des berüchtigten Anklägers Roman Rudenko und im Mai 1990 zum obersten Staatsanwalt von Rußland. Er erlebte, wie Chruschtschow-Nachfolger Breschnew dem Autor Solschenizyn weitere schriftstellerische Tätigkeit untersagte.
Solschenizyn verfaßte im Untergrund - der Cellist Mstislaw Rostropowitsch bot ihm Obdach - drei Bände "Archipel GULag" in meisterlichem Stil (deutsche Auflage: zwei Millionen), wuchs zur moralischen Autorität Rußlands heran und erhielt 1970 den Nobelpreis.
In Empfang nehmen durfte er ihn nicht. Am 13. Februar 1974 beschloß das Präsidium des Obersten Sowjet der UdSSR, dem "Landesverräter" Solschenizyn die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Acht Geheimpolizisten eskortierten ihn per Flugzeug nach Frankfurt, Nobel-Kollege Heinrich Böll gab ihm Unterschlupf. Am nächsten Tag wurde die Moskauer Staatsanwaltsakte Solschenizyn geschlossen, 1976 auch Ehefrau Natalja ausgebürgert.
Die Freiheit des Westens behagte dem entwurzelten Russen wenig, er verkroch sich in die Wälder des US-Staats Vermont, wo er sich in zwei Holzhäusern hinter videoüberwachten Schutzzäunen ein eigenes Lager schuf - und Zehntausende Notizzettel für sein letztes großes Werk beschrieb: "Das rote Rad", die nach vier Bänden abgebrochene Vorgeschichte des Zusammenbruchs 1917.
1987, im dritten Jahr der Ära Gorbatschow, fragte ihn Rudolf Augstein im SPIEGEL-Gespräch, ob Hoffnung bestehe, "daß Sie nach Rußland zurückkehren werden?" Der Eremit: "Erst müssen die Bücher zurückkehren, dann ich."
Solschenizyns Werke werden längst an Rußlands Kiosken gehandelt, "GULag" erschien als Serie 1989 in der Literaturzeitschrift Nowy mir. Voriges Jahr lud Gorbatschow - dem Solschenizyn als einem Westler mißtraut - den Schriftsteller erfolglos zur Heimkehr ein: Erst müßten der Vorwurf des Vaterlandsverrats zurückgenommen, Partei und KGB entmachtet sein, verlangte Solschenizyn.
Er verfaßte ein Pamphlet: "Wie sollen wir Rußland aufbauen?"
Antwort: Rußland solle sich vom Baltikum und Kaukasus sowie dem "mittelasiatischen Hängebauch" trennen (schon geschehen), den Norden Kasachstans behalten (wie Boris Jelzin schon anregte), dazu natürlich die slawischen Brüder in Belorußland und die der Ukraine, die er nach chauvinistischer Art "Kleinrussen" nannte.
Eine Demokratie - nur mit starkem Präsidenten - mochte er hinnehmen, obwohl das allgemeine Wahlrecht den "Triumph der inhaltslosen Quantität über die inhaltsreiche Qualität" bedeute.
Den Bauern stellte Solschenizyn begrenzten Landkauf in Aussicht, Ausländern wollte er den Erwerb russischen Waldes versagen. Die Jugend warnte er vor "barbarischer Nachahmung verlockender Auslandseinflüsse", dieser "Jauche der zuchtlosen, verderbten Pop-Massenkultur". Die eigenen Kinder besuchen westliche Hochschulen.
Für solch ein Fanal der Rückkehr zum Mütterchen Rußland hatten sowjetische Staatsdruckereien voriges Jahr noch immer kein Papier; Jelzins Premier Silajew brachte einen Sonderdruck des Solschenizyn-Programms unters Volk, als Beilage zur Komsomolskaja prawda.
Da ließ am Jahresende Unionspräsident Gorbatschow unter dem Druck der Reaktion die Führungsspitzen wechseln - und Trubin wurde Generalstaatsanwalt der UdSSR, ein Nachfolger im Amt des blutigen Andrej Wyschinski, den Weisungen der Partei unterworfen.
Gleich darauf hatte er den Putschversuch in Vilnius zu untersuchen. Resultat: Die litauischen Opfer seien nicht von Sowjetsoldaten, _(* In Langenbroich bei Düren. ) sondern von Landsleuten ermordet oder von Autos überfahren worden. Die Schuld trage Landsbergis.
Nach dem Moskauer Putschversuch im August bemühte sich Trubin eilfertig um die Strafverfolgung der Putschisten, doch sein Amtsnachfolger in Rußland, Jelzins Staatsanwalt Walentin Stepankow, übernahm das Verfahren gegen die 14 Inhaftierten. Trubin bot seinen Rücktritt an, wegen der zweideutigen Rolle seiner Behörde. Vorletzten Samstag nahm er mit Stepankow am Verhör des Putsch-Zeugen Gorbatschow teil.
Vorigen Dienstag telegrafierte er Solschenizyn, die Anklage wegen Verrats lasse er fallen, die Ausbürgerung durch den Obersten Sowjet sei "unbegründet". Dafür ist Trubin strenggenommen nicht zuständig.
Auf Trubins freies Ermessen reagierte Solschenizyn (der auch die Übermacht der Juristen in den Parlamenten, die westliche "Jurokratie", gerügt hatte) "begeistert": Nun stehe er vor der Erfüllung des Traums von der Rückkehr nach Rußland, wo er den Rest seines Lebens verbringen und die Sorgen seiner Landsleute teilen wolle.
Aber nicht gleich. "Bevor ich dies tue", erhob der 72jährige im amerikanischen Wald seinen letzten Vorbehalt, "muß ich hier noch meine Schriften vollenden, die ich begonnen habe."
In der Heimat erwarten ihn allerhöchste Ehren und Pflichten. Sein Freund Rostropowitsch hatte der Menge beim Sturz des Dserschinski-Denkmals zugerufen: "Laßt den Sockel stehen, der kann Solschenizyns Statue aufnehmen." o
* In Langenbroich bei Düren.

DER SPIEGEL 39/1991
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