23.09.1991

„Geschichte ist ein Muttermal“

Umbruch im Gebiet Kaliningrad: Im westlichsten Zipfel der Sowjetunion, durch Polen und Litauen von Rußland getrennt, soll ein „Hongkong an der Ostsee“ entstehen. Von Stalin vertriebene Wolgadeutsche können im nördlichen Ostpreußen wieder eine neue Heimat finden, deren Hauptstadt den alten Namen tragen soll - Königsberg.
Auf seinem Sockel am Siegesplatz in Kaliningrad, der zu Königsberger Zeiten Adolf-Hitler-Platz, zuvor Hansaplatz geheißen hat, lächelt Lenin noch.
Doch unter seinem ungebrochen in die Zukunft weisenden Arm tut sich Unerhörtes: eine kleine Demonstration, so klein wie am 19. August, als in Moskau der Putsch begann, aber immerhin. Die Veranstalter fordern auf Flugblättern den Rücktritt der politischen Führung. Dem ersten Redner jedoch liegt dies vorrangig am Herzen: "Die Schrebergärten müssen privatisiert werden, wir brauchen Obst und Gemüse."
Dem Demonstranten Wladimir Kowaljow, einem schnauzbärtigen Hünen, ist die Forderung nicht radikal genug: "Wir brauchen keine Schrebergärten, wir brauchen eine neue Regierung." Und überhaupt, was soll der Unfug mit den Schrebergärten, "wo wir doch bald an Deutschland gegeben werden".
Wladimir Kowaljow hätte nichts dagegen, derart einverleibt zu werden. Zwar "ist hier mein Rußland, meine Heimat", aber "dieses Gebiet hat einmal Deutschland ernährt. Und was haben wir aus der Landwirtschaft gemacht? Die Kühe fallen nur deshalb nicht um, weil sie bis zum Bauch im Dreck stehen".
Aufsässige Worte, für die der wackere Wladimir vor Jahresfrist wohl noch schwer gebüßt hätte. Doch der Sturm des Umbruchs, der seit dem mißglückten Staatsstreich durch die Sowjetunion braust, hat nun auch den westlichsten Winkel des bröckelnden Imperiums erreicht, das Gebiet ("Oblast") Kaliningrad.
Die Region von der Größe Schleswig-Holsteins, die sieben Jahrhunderte überwiegend von Deutschen besiedelt war und seit 46 Jahren zu über 70 Prozent von Russen, Belorussen und Ukrainern bevölkert ist, fand sich jählings ausgegrenzt: eine Exklave, nach Litauens Unabhängigkeit umklammert von Polen im Süden und dem baltischen Staat im Norden; heim ins russische Reich führen nur vertraglich abgesicherte Zugangswege durch Litauen.
Seit Kriegsende war das nördliche Drittel des einstigen Ostpreußen mit der Hauptstadt Kaliningrad für seine 930 000 Einwohner so etwas wie eine Zitadelle - ein militärischer Sperrbezirk, aus dem und in den nur Sondergenehmigungen führten.
Für ausländische Touristen war das Gebiet bis zum Januar dieses Jahres wohl der letzte weiße Fleck in Europa, für die von dort vertriebenen 1,2 Millionen Ostpreußen und deren Nachwuchs ein Ort, allenfalls mit der Seele zu suchen. In dem dreiviertel Jahr nach der Öffnung sind an die 20 000 Heimweh-Touristen eingefallen, haben nach dem ersten Schock über das mit sozialistischem Plattenbau verwüstete Zentrum Königsbergs einmal tief durchgeatmet und sich schnurstracks aufgemacht zu ihren Häusern und Dörfern, haben sie gefunden oder auch nicht, haben sich von den neuen Bewohnern mit Birnen und Äpfeln von den Bäumen der Kindheit überschütten lassen und sind wieder abgereist, mit Blumensaat, einem Säckchen Heimaterde, einem Stein aus der Mauer vom Elternhaus.
Aber seither sind auch an die 5000 Nachkommen der von Stalin 1941 nach Mittelasien verschleppten Wolgadeutschen in die Stadt und aufs Land gezogen, als Kleinunternehmer, Landarbeiter, Pächter.
Wladimir Schwarz, 34, ist einer von ihnen. Vor drei Wochen traf er ein, und schon betreibt er auf dem Königsberger Markt eine picobello Pepsi-Bude. Auch er glaubt: "Dies wird deutsch-autonomes Gebiet, die Geschichte entwickelt sich immer im Kreis."
Ob im Kreis oder nur in eine andere Richtung: Die Wende für Königsberg jedenfalls bahnte sich an in diesem Sommer, als der russische Präsident Boris Jelzin dem Antrag zustimmte, das von der russischen Republik verwaltete Gebiet Kaliningrad zur Freihandelszone "Jantar" (Bernstein) umzuwandeln.
Den Jantar-Pionieren schwebt ein Hongkong an der Ostsee vor, frei für westliches Kapital und Know-how, mit eigenen Zoll-, Steuer- und Außenhandelsrechten - der Kaliningrader Hafen ein Drehpunkt des Handels, die ganze Region ein Begegnungsort für Menschen aus Ost und West.
Von Jelzins Wirtschaftsvision weit entfernt, ist Königsberg - so soll es bald wieder heißen - in wenigen Monaten immerhin zu einem deutsch-russischen Markt neuer Freundschaften geworden. Und das nicht erst, seit Justus Frantz in der vorigen Woche von Schleswig-Holstein nach Kaliningrad expandierte, wo er auf dem "1. Königsberg Musik Festival" zum Auftakt gleich zwei Mozart-Klavierkonzerte zum besten gab.
Derlei Kontakte haben aber auch, vor allem bei der Jugend, einen Hunger nach Geschichte freigelegt. Die Jungen machen sich buchstäblich daran, die Stadt umzugraben nach Zeugen der Vergangenheit. Auch der Lehrer Gennadij Semjonow hat so eine kleine Privatsammlung. Ein Hirschgeweih aus deutscher Zeit gehört dazu, Trakehner Pferde aus Messing, eine Fotosammlung mit 80 verschiedenen Gullydeckel-Typen.
Aber vorrangig hat sich Semjonow einen Namen gemacht als Mitbegründer des Vereins "Gedenkstätten Königsbergs", dessen Ziel es ist, alte Denkmäler zu finden und wieder aufzustellen. Die kopflose Königin Luise aus Marmor von Christian Daniel Rauch beispielsweise hat er im Boden vor ihrem alten Standplatz im Park an der Hufenallee ausgegraben.
Für den Russen Semjonow ist seine private Archäologie eine "mystische, fast mythische" Tätigkeit. Endgültig sei mißlungen, die Geschichte Kaliningrads als sowjetischer Stadt im Jahre 1945 erst beginnen zu lassen: "Der Geist der Stadt, er war in den Dachböden."
Immer mehr Schüler und Studenten lernen Deutsch. "Königsberg war eine schöne alte Stadt", sagt etwa die Germanistik-Studentin Lena Gordewa, "wir wollen alles über sie wissen. Wir sagen kurz und knapp, wir sind aus ,König'."
Anfang September war eine Kultur-Delegation nach Deutschland eingeladen, mit dabei Jurij Iwanow, 63, Vorsitzender des "Sowjetischen Kulturfonds" von Kaliningrad, der in seiner Jugend in Königsberg mit Eifer deutschen Skulpturen die Köpfe abgeschlagen hat. Jetzt sammelt er jeden Stein und prophezeit die Zukunft der Region als "vierte baltische Republik, in der alle, Ukrainer, Russen, Balten, Deutsche, miteinander leben können".
Das ist revolutionär, eine Provokation für die Betonköpfe unter den alten, unumschränkten Herrschern des Oblast: KP, KGB sowie Militär, das vermutlich ein Viertel der Bevölkerung stellt.
Eine neuerliche Schlacht um Königsberg war ausgebrochen, leise hinter den Kulissen. Fast sah es so aus, als würden die alten Kräfte die Oberhand behalten. "Politisches Abenteurertum" warf Gebietsparteichef Jurij Semjonow, 53, Boris Jelzin mit seinen Jantar-Plänen vor.
Nikolai Chromenko, 56, der als Bürgermeister die Öffnung Kaliningrads durchgesetzt hatte, mußte im März zurücktreten - Marschall Jasow, der jämmerliche August-Putschist, hatte ihn schon im Juli 1990 per Telegramm wegen Ketzerei verwarnt. Und Flughafendirektor Nikolai Kisseljowitsch wurde kurz vor den dramatischen Tagen im August von Vertretern der Moskauer Luftfahrtbehörde zum Rücktritt gezwungen, weil er sich eigenmächtig nach Hamburg aufgemacht hatte, um dort über Direktflüge nach Kaliningrad zu verhandeln.
Am 19. August, als er die Frühnachrichten gehört hatte, ging Ex-Bürgermeister Chromenko in sein Büro, sammelte eilig "wichtige Papiere" zusammen und "verschwand" für zwei Tage: "Ich bin kein Held", gesteht er. Seit diesem Tag auch "bin ich kein Kommunist mehr".
Sehr wenige der Würden- und Litzenträger in der Region hätten den Putsch begrüßt, sehr wenige hätten ihn eindeutig verurteilt, "die große Masse wartete ab". Das Stadtparlament, vorher zu 80 Prozent von Kommunisten beherrscht, gibt es so nicht mehr, es hagelte Austritte aus der Partei, und Semjonow wurde mit den wüstesten Schimpfworten zum Rücktritt aufgefordert. "Am heißesten begrüßt", so Chromenko, wurde der Vorschlag eines Deputierten, alle Militärs auszuweisen, aus Kaliningrad eine "entmilitarisierte Zone" zu machen.
Aber die einstmals Mächtigen weichen nicht. Sie versuchen zu überleben mit einer Methode, die Chromenko als "Hirten-Taktik" bezeichnet: "Wenn viele Pferde aufgeregt vorwärtspreschen, nimmt sich der Hirte das schnellste Pferd, setzt sich an die Spitze und gibt Tempo und Richtung an."
Die Nummer eins, Semjonow, hielt diesem Chromenko-Bild zufolge vor dem 19. August als Reiter an der Spitze Zickzack-Kurs, zog am Tag des Putsches die Zügel kräftig an, um nach seinem Scheitern "in vollem Galopp voranzupreschen" - in die offene Zukunft.
Er ist ein lonesome Cowboy dieser Tage. In seinem Haus des Gebietskomitees der Kommunistischen Partei an der vormals Alten Pillauer Landstraße sind die Türen versiegelt, die Partei hat, befehlsgemäß, die Aktivitäten eingestellt.
Doch Semjonow, daran soll kein Zweifel aufkommen, macht sich an die Aufgaben, die ihm die Freihandelszone Jantar stellt, "konsequent, planmäßig, gründlich", alle "Einzelheiten werden ausgearbeitet". Ein erster Direktflug aus Hamburg mit einer norddeutschen Wirtschaftsdelegation an Bord hat stattgefunden - allerdings nach dem 19. August. "Gegen Ende des Jahres", so Semjonow, werde die direkte Flugverbindung eingerichtet sein. Eine regelmäßige Schiffsverbindung soll um dieselbe Zeit Lübeck mit Kaliningrad verbinden. Zwei Sonderzüge aus Berlin waren schon mit Touristen da. Und die Grenzzollstelle Preußisch-Eylau (Bagrationowsk) sei fertig, die Autofahrer sollen ohne Umweg über Vilnius in die Region kommen können. Der Mann, der die jährliche Truppenparade in Kaliningrad am 9. Mai als "ein heiliges Fest" zu feiern pflegte, wünscht sich nunmehr: "Die Ostsee soll ein Meer des Friedens werden."
Die Führung hat die Fahne gedreht. Zwölf Kilometer vor Baltijsk (Pillau), dem Vorhafen Königsbergs und hermetisch abgeriegeltem, atomar bestückten Sanctum sanctorum der Kriegsflotte, ging für den SPIEGEL der Schlagbaum hoch, wurde - ohne schriftlichen Antrag, ohne Passierschein - der Weg frei zu einem der geheimsten und abgeschlossensten Bezirke im Machtbereich der ehemaligen UdSSR.
Wie professionelle Reiseführer weisen der Stadtkommandant, Fregattenkapitän Wladimir Ossowski, und der gerade ernannte Presseoffizier, Korvettenkapitän Jurij Golowin, auf die Überreste aus deutscher Zeit: die Zitadelle, die Camstigall-Marinesiedlung, die U-Boot-Schule, den Leuchtturm, Vermessungsturm, die Abwehrbunker und die Hafenanlagen an der westlichen Mole.
Stimmt es, daß ein riesiges Metallnetz, dessen elektronische Fühler bis auf den Boden reichen, die schmale Einfahrt verschließt und Schlepper sie nur öffnen, wenn ein Schiff kommt? Der Kommandant lacht: "Sehen Sie doch mit Ihren eigenen Augen." Ein Schiff passiert, kein Schlepper weit und breit, nur Bojen und schmutzige Wellen.
Die Marineoffiziere sprechen offen von "neuen Strukturen", die "Fachleute" der Partei in den Regimentern seien auf dem Rückzug, "es gibt keine Agitation mehr". Was wird aus den Politkommissaren? Für sie sei "alles in der Schwebe".
Ein Gefühl, das den Herren vom KGB nicht fremd sein dürfte. Auch sie sind bereit zu einem Gespräch, nicht ohne anzufragen, ob für Interviews Geld gezahlt werde. Ein Scherz, versteht sich.
In dem Backsteinbau, das ehemals Polizeipräsidium am Hansaplatz, Ecke Händelstraße war, sitzen die KGB-Offiziere Wladimir Firsow und Wiktor Wassiljew mit gefalteten Händen wie Schuljungen am Tisch. Das im Mai dieses Jahres verabschiedete Gesetz über die Sicherheitsdienste ist "nach diesen Ereignissen" außer Kraft gesetzt. Jetzt warten sie darauf, der russischen Regierung Boris Jelzins unterstellt zu werden.
Der Sturz Felix Dserschinskis von seinem Sockel in Moskau hat bei ihnen "zwiespältige" Gefühle ausgelöst. Fast hatten sie es erwartet, schließlich "hat Perestroika in den letzten Jahren alle erfaßt, auch das KGB". Aber: "Das Denkmal ist unschuldig", und "die Geschichte haftet am Menschen wie ein Muttermal, man kann es nicht auslöschen".
Und die Geschichte des KGB, behaupten sie, sei eben immer auch die des Staates gewesen: "Das KGB war ein genaues Abbild des Staates, es tat nichts anderes, als dessen Befehlen zu gehorchen."
Firsow und Wassiljew haben natürlich nichts dagegen, "daß die Menschen freier sind, auch KGB-Mitarbeiter haben ein Gesicht und möchten besser leben". Man legt Wert auf die Feststellung, die KGB-Mitarbeiter seien "am Anfang alle sehr primitiv mit wenigen Klassen Schulunterricht" ausgerüstet gewesen. Heute seien die Geheimdienstler gut ausgebildet, "international anerkannte Experten" aller möglichen Fachbereiche.
Das kann als Empfehlung an jene verstanden werden, die in der Bernstein-Exklave an der neuen Zeit mit dem besseren Leben arbeiten: Banker, Unternehmer - Pioniere auf dem hoffnungsbeladenen Gebiet der Joint-ventures.
Ein paar Dutzend haben sich schon eingenistet im "Haus der Räte" auf den Grundmauern des 1966 gesprengten Schlosses. Der als Prunkbau für die Partei gedachte und niemals vollendete Horror-Kasten könnte so die neue Trutzburg der Ritter des Handels und der Hanse werden.
Goldgräberstimmung herrscht bei der im vorigen Dezember gegründeten Gut mbH, die sich zunächst dem Recycling von Abfällen und Hausmüll zuwenden wollte. Generaldirektor Wladimir Pirogow verfügte über exquisite Kontakte zum Parteikomitee. Nun, da "alles anders" ist, "müssen wir uns auf die eigenen Kräfte stützen".
Sein Kompagnon, Aufsichtsratsvorsitzender Jürgen Schröder aus Berlin, ist guter Dinge. Ein Kommissionsladen - "Textilienschau ohne Mannekens" (Schröder) - mit teuren Damenklamotten ist eröffnet worden, Beteiligungen an einer Versicherung und an einer Betonfabrik sind erworben, eine schwimmende Schiffswerkstatt liegt im Hafen vor Anker.
Hansdampf Schröder, der "drei Wochen im Monat" im Oblast zubringt und im nach wie vor idyllischen Seebad Swetlogorsk (Rauschen) residiert, hat dort, in der "lichten Stadt", mit dem Stadtrat ein Joint-venture für neue Ferienheime gegründet. Die Zukunftschancen sind zum Zungeschnalzen, zumal die Japaner, die ganz verrückt waren nach den malerischen Gründerzeit-Villen, abgeblitzt sind. "Wir blicken", sagt Schröder, "mit Optimismus in die Zukunft, Geld brauchen wir nicht, es ist genug hier." Nur: "70 Jahre altes Denken muß noch umgestellt werden."
"Die Probleme der Freihandelszone", warnt hingegen Andrej Kubanow, 1952 im Seebad Selenogradsk (Cranz) geborener Sohn des ersten sowjetischen Kommandanten von Gussew (Gumbinnen), "können mit den derzeitigen Strukturen der Macht überhaupt nicht angepackt werden."
Gerade weil Gebietsparteichef Semjonow noch auf dem Leitpferd sitzt, sieht Kubanow, Präsident der 1989 gegründeten Investbank, schwarz: "Die örtlichen Behörden verstehen nicht, was das ist - Freihandelszone."
Sie wollten nicht zuviel arbeiten, wollten "alles sofort und doppelt", und, vor allem, räumen sie die Plätze nicht, auf die "schnellstens andere drauf müßten", denn: "Die Mannschaft muß sicher sein, wenn ein neues Kommando kommt."
Die Behörden seien von Jelzin beauftragt worden, Beschlüsse zu Zoll- und Finanzfragen auszuarbeiten. Nichts sei geschehen. Kubanow, der stolz einen Schlips der Deutschen Bank trägt, erinnert das an eine orientalische Weisheit über die Süßigkeit Halwa: "Wer Halwa, Halwa sagt, dem wird's nicht süßer im Mund. Wir sagen Jantar, Jantar, aber davon kommt die Zone nicht."
Kubanow und seine Mitstreiter wie etwa Ex-Bürgermeister Chromenko blicken neidvoll nach Nachodka, wo für die Freihandelszone alle Gesetze ausgearbeitet sind, "weil Behörden, Intellektuelle und die Wirtschaft es so wollten".
Und auch St. Petersburgs Oberbürgermeister Anatolij Sobtschak haben sie argwöhnisch als Konkurrenten im Visier: Der plädierte zwar für eine massive Ansiedlung von Sowjetdeutschen im Gebiet Kaliningrad, lockte selber aber auch welche an: 150 000 Hektar stünden zur Verfügung, Häuser, Schulen, Krankenhäuser seien vorhanden, die Deutschen - sie gelten allgemein als furchterregend fleißig - könnten als Bauern dafür sorgen, "daß wir bald keine Probleme mit der Lebensmittelversorgung mehr haben", so Sobtschak.
Wäre Chromenko schon wieder Bürgermeister, würde er "jeden Sowjetdeutschen herzlich einladen, sie sollen zu Tausenden kommen - nur zwei Millionen sind zu viel".
Noch etwas ärgert Chromenko an seinem Ex-Kollegen in St. Petersburg: Wie Zar Peter I. bezeichne er die Stadt als Fenster zu Europa. "Wenn sie das Fenster sind, dann sind wir die Tür. Europa kann entscheiden, ob es lieber zum Fenster oder zur Tür hereinkommen will."
Wenn die Deutschen kommen, hat Veteran Iwan Sergunow, drei Kriege, 74 Jahre alt, nur eine Bitte: "Sie sollen viel Schnaps mitbringen, damit wir ordentlich Brüderschaft trinken können."

DER SPIEGEL 39/1991
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